Kaltes Fieber

  • Page & Turner
  • Erschienen: Januar 2006
  • 5
  • München: Page & Turner, 2006, Seiten: 480, Übersetzt: Manes H. Grünwald
  • München: Goldmann, 2007, Seiten: 475
  • London: Simon & Schuster, 2005, Originalsprache
Kaltes Fieber
Kaltes Fieber
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Michael Drewniok
90°1001

Krimi-Couch Rezension vonSep 2006

Ein Killer wird ´ausgebildet´ und von der Kette gelassen

Ein Serienmörder treibt im Umfeld der Doppelstadt Minneapolis/St. Paul sein Unwesen. Er foltert seine Opfer, bevor er ihnen die Kehlen durchschneidet und sie schließlich zur Schau stellt. Mindestens drei Menschen sind ihm bereits zum Opfer gefallen, als Lucas Davenport, der das "Amt für Regionale Ermittlungen" des US-Staates Minnesota leitet, und sein Kollege und Freund Detective Sloan von der Mordkommission Minneapolis den Fall übernehmen.

Als an einem der Tatorte Hautfetzen des Täters gefunden werden und dessen DNA in einer Datenbank für Schwerverbrecher verzeichnet ist, scheint der Fall seiner Lösung nahe, denn identifiziert werden kann Charlie Pope, ein unverbesserlicher Frauenschänder, der bereits diverser Morde verdächtigt wurde. Vor kurzer Zeit erst ist er aus dem Gefängnis entlassen worden, und es sollte einfach werden ihn zu schnappen, denn Pope ist ebenso dumm wie brutal.

Leider stellt sich Charlie beim Untertauchen unerwartet geschickt an. Schlimmer noch: Neue Leichen werden gefunden, nachdem sich der Gesuchte an die Presse wendet und dort mit seinen Untaten prahlt. Als Davenport erfährt, dass Charlie seine letzte Strafe ausgerechnet in einer Anstalt abgebrummt hat, in der drei der gefährlichsten Psychopathen der Gegenwart einsitzen, keimt in ihm die Vermutung auf, dass sie, die nicht mehr damit rechnen dürfen jemals entlassen zu werden, den tumben Charlie einer Gehirnwäsche unterzogen und ihn zum Serienmörder "ausgebildet" haben. Wieder in Freiheit setzt ihr "Schüler" nun sein Wissen ein und läuft Amok.

Im Wettlauf mit der Zeit werden die Ermittlungen fortgesetzt, denn Charlie hat just ein neues Opfer entführt und kündet dessen Ermordung an. Hektik bestimmt die Situation - und Davenport wird misstrauisch: Sollen die Fahnder in die Irre geführt werden? Ist es wirklich Charlie Pope, der sie narrt? Oder gibt es einen bisher Unbekannten, der Charlie anleitet? Dass die Wahrheit noch wesentlich bizarrer aussieht, erkennt Davenport indes erst, als es zu spät ist und er in einem apokalyptischen Todesspiel um sein Leben kämpft ...

Ein Thriller schnurrt wie ein Uhrwerk

Wenn eine eingeführte Serie weiterhin so prächtig wie die Thriller um den ebenso genialen wie rabiaten Ermittler Lucas Davenport - mit "Kaltes Fieber" löst er bereits seinen 16. Fall - lauft, wird der Verlag, der sie auf den Buchmarkt bringt, auf neue Bände solchen vorab prima kalkulierbaren Lesefutters drängen. Den Verfasser zwingt dies unter Umständen zum Festhalten an einer Figur, die ihm längst Routine oder gar lästig geworden ist, was der Leser durchaus registriert, das Geschäft aber nicht zwangsläufig schmälern muss.

John Sandford, ein "professional writer" durch und durch, kann gewisse Ermüdungserscheinungen nicht verhehlen; im Gedächtnis haftet z. B. noch "Kalter Schlaf" (2004), ein Davenport-Thriller zum Abgewöhnen. Aber Sandford überrascht seine treuen Fans: "Kaltes Fieber" ist wieder ein richtig guter Reißer, den man bis zur letzten Seite nicht aus der Hand legen mag.

Da liegt zum einen am Plot, den Ihr Rezensent mit dem von ihm so geliebten Adjektiv "aberwitzig" charakterisieren möchte. Schon in der Inhaltsskizze liest sich bizarr, was Sandford beeindruckend logisch in Szene setzt: Drei gefangene Killer-Mabuses "erschaffen" einen Killer, der sich in der Welt frei bewegen kann und dort nicht nur teuflisch metzelt, sondern seinerseits "Stellvertreter" kreiert, mit denen er die Polizei in die Irre führt. Diese Story kann beim besten Willen nicht als "Whodunit?" durchgehen, denn kein Leser hat die geringste Chance, dem Verfasser beim Entwirren dieses Falls auf die Spur zu kommen. Man kann sich nur zurücklehnen und die Handlung genießen; vor allem das ebenso spektakuläre wie glorreich absurde Finale lässt einen mit offenem Mund zurück!

Die Realität unterwirft sich den Gesetzen der Unterhaltung

Die Story ist wie in jedem Davenport-Thriller reich an Action und Gewalt. Gleichzeitig hat der Autor die moderne Ermittlungsarbeit der Polizei gut recherchiert und lässt sie geschickt ins Geschehen einfließen (wobei er nicht mit ironischen Seitenhieben gegen die Wunder wirkenden "CSI"-Spürnasen der TV-Konkurrenz spart). Auch im 21. Jahrhundert bleibt eine Fahndung vor allem Kopf- und Fußarbeit, die außerhalb von Hightech-Labors stattfindet und reich an frustrierenden Sackgassen ist. Wie üblich spielen auch Rivalitäten zwischen diversen Ermittlergruppen eine große Rolle; gern nutzt Sandford den dramaturgischen Kniff, eigentlich schon überführte Schurken wegen juristischer Formfehler oder zwischenbehördlicher Kommunikationsprobleme entkommen zu lassen. Nie fehlt darüber hinaus die sarkastische Vorführung von Politikern und Massenmedien, deren Publicitysucht bzw. skrupellose Gier nach Schlagzeilen sorgfältig konstruierte Polizeipläne zum Scheitern bringen.

Die spannende Geschichte wird in einem entspannten Stil erzählt, die den Profi verrät. Sandford schreibt ökonomisch, schielt nicht nach literaturkritischem Lob, sondern nennt die Dinge beim Namen. Er präsentiert manche rüde Szene, die er jedoch nie genüsslich ausmalt, sondern nüchtern schildert. Actionszenen gelingen ihm so meisterhaft, dass sie hinter des Lesers Auge quasi Gestalt annehmen. Zwischendurch geht Sandford vom Gas, nimmt sich die Zeit uns Neues über seine Hauptfigur mitzuteilen, denn die Davenport-Serie ist längst auch zur Lebensgeschichte ihres Helden geworden.

Mit recht schwarzem Humor knausert Sandford nie; er nimmt zwar seine Story Ernst, ohne dies verbissen zu sehen. Schön zynische Cop-Sprüche haben die Übersetzung überlebt. Sogar völlig der Handlung enthobene Running Gags bilden keine Brüche: Dieses Mal brütet Davenport über einer Liste der 100 besten Rocksongs aller Zeiten. Wir werden kontinuierlich über seine Suche informiert, in die sich Freunde, Kollegen und sogar Verbrecher einmischen. Als der Roman endet, finden wir als Anhang die endlich fertiggestellte Liste.

Ein Ermittler auf seiner ewig währenden Mission

Nach 15 turbulenten, mit brenzligen Momenten gespickten Abenteuern ist ziemlich klar, dass Lucas Davenport zwar wieder ordentlich durchgeschüttelt aber nicht umgebracht werden wird. Er begann seine Laufbahn als mental ziemlich instabiler Mensch mit ausgeprägtem Hang zur Selbstjustiz. Inzwischen ist Davenport in seinen mittleren Jahren und privat zur Ruhe gekommen. Er hat geheiratet und ist Vater geworden. Dieser Aspekt seines Lebens gehört nicht zu den wirklich gelungenen Einfällen des Verfassers. Man gönnt Davenport seinen sicheren Hafen, doch die schöne Weather bremst seinen Einsatzeifer nachhaltig. Dieses Mal weilt sie samt Kind im fernen London, ist nur telefonisch präsent - und sofort dreht Lucas wieder auf. Er ist kein Familienmensch, sondern ein leidenschaftlicher Spürhund; diesen Gedanken verdrängt er gern, denn er könnte ihm Ungemach bescheren: Seine Freunde und Mitarbeiter aber auch Weather wissen, dass er süchtig nach dem Adrenalin ist, das ihm seine Arbeit so unkonventionell, wie er sie ausführt, zuverlässig beschert.

Vom Mann an seiner Seite zu seinem Spiegelbild entwickelt sich Davenports alter Kumpel Sloan. Viele Jahre haben sie gemeinsam Gangster gejagt und sich zu einem dieser gern bespöttelten "Buddy"-Paare entwickelt, die sich wie alte Eheleute aufführen. Bei Sloan findet Davenport jenen Rückhalt, den ihm Weather nicht geben kann und will. Deshalb ist er aufrichtig entsetzt, dass Sloan seinen Job an den Nagel hängen will. Davenport versteht die Beweggründe des Freundes nicht, der genug Gewalt und Grauen gesehen hat und sich nach Ruhe und Frieden sehnt, denn er wird stets auf Neue dem Bösen hinterher jagen.

Wo die Bösen noch schön scheußlich sind

Die Darstellung dieses Bösen ist unter medizinischen und kriminalistischen Aspekten wohl kaum korrekt, sondern zielt auf den Effekt. Sandfords Schurken sind freilich keine charismatischen Gestalten vom Schlage eines Hannibal Lecter, sondern durchaus krankhafte, sogar schäumende Irre. Oberflächlich verhalten sie sich so, wie uns emsig schriftstellernde FBI-Profiler sowie das Fernsehen Serienkiller vorgestellt haben, doch nur damit könnten sie nicht den von Sandford beabsichtigten Rollen füllen. Er stattet sie deshalb mit einer planerischen Intelligenz aus, die eines Fu-Manchu würdig wäre - und genauso "realistisch" wirkt.

Muss noch erwähnt werden, dass auch Sandfords Nebenfiguren sich harmonisch ins erfreuliche Gesamtbild fügen? Wenn "Kaltes Fieber" ärgert, so höchstens durch den nichtssagenden deutschen Titel (der im Original leider auch nicht besser klingt). Nachdem die Davenport-Romane lange als Taschenbücher erschienen, kommt "Kaltes Fieber" schön gebunden daher - ein Gewand, dass dieser Roman, der so manches unter enormem Werbeaufwand auf die Bestsellerlisten gehypte Machwerk alt aussehen lässt, verdient hat!

Kaltes Fieber

John Sandford, Page & Turner

Kaltes Fieber

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