Donald E. Westlake (Richard Stark)

Donald Edwin Westlake wird am 12. Juli 1933 in Brooklyn, New York, als Sohn irischstämmiger Eltern geboren. 1939 zieht die Familie nach Albany. Elf Jahre später besucht Westlake das Champlain College in Plattburgh, New York. 1954 bis 1956 dient er in der U.S. Air Force. Anschließend setzt er seine Studien am Harpur College – der späteren State University of New York – fort.

Zu diesem Zeitpunkt denkt er bereits an eine berufliche Laufbahn als Schriftsteller. Erste Kurzgeschichten hat er 1953 an Science-Fiction- und Mystery-Magazine verkauft. 1958 zieht Westlake nach New York City. Er macht sich im Verlagsgeschäft einen Namen. Gleichzeitig schreibt er 46 Storys in einem Jahr, von denen die Hälfte veröffentlicht wird. Besonders erfolgreich sind die Geschichten um den Polizisten Abe Levine, welche Westlake als kompetenten Handwerker à la Ed McBain zeigen. Einige Storys werden vom Fernsehen erworben und verfilmt – Westlake hat den Fuß in der Tür.

Nachdem Westlake in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren unter diversen Pseudonymen – u. a. Edwin West – verschiedene Softsex-Romane verfasst hat, erscheint 1960 sein erster »richtiger« Roman The Mercenaries (dt. Das Gangstersyndikat). Er lässt Westlakes Talent für harte, schnelle Thriller deutlich erkennen. Bereits 1962 betritt Parker, ein eisenharter, nervenstarker, revangelustiger Berufskrimineller, die Bildfläche. The Hunter (dt. Jetzt sind wir quitt/Payback) verfasst Westlake als Richard Stark. »Richard« borgt sich der Autor vom Schauspieler Richard Widmark, »Stark« suggeriert – völlig zu Recht – die schnörkellose, gewaltreiche Machart dieses Romans.

Bis in die 1970er Jahre veröffentlicht Richard Stark immer neue Parker-Romane. 1967 wird The Hunter von Meisterregisseur John Boorman als Point Blank verfilmt. Lee Marvin – der allerdings den Rollennamen Walker trägt – und die fabelhafte Angie Dickinson spielen in einem Thriller, der zu den modernen Klassikern des Thrillergenres zählt. 1999 versucht sich Brian Helgeland an einem Remake. Mel Gibson gibt den Porter in Payback – ein Misserfolg an der Kinokasse trotz oder wegen des enormen Gewaltpotenzials.

Westlake war ein entschlossener Unterhaltungs-Schriftsteller. Er war gut – und er war schnell: Jährlich warf er mehrere Romane auf den Buchmarkt. So fleißig und flexibel war er, dass er sich außer Richard Stark noch andere Pseudonyme zulegt. Westlake versuchte sich in allen Genres. Er schrieb Science-Fiction (Anarchaos, 1966), Phantastisches, Western (Gangway, 1973), ein Kinderbuch (Philip, 1967) und sogar eine Biografie der Schauspielerin Elizabeth Taylor.

1966 beginnt Westlake als Tucker Coe mit Kinds of Love, Kinds of Death (dt. Auf totem Gleis) eine neue Reihe um den desillusionierten Ex-Cop Mitch Tobin aus New York. Ab 1967 folgt eine Reihe von Thrillern um Parkers Teilzeit-Komplizen Alan Grofield: Immer wieder lotet Westlake den Markt aus, um maßgeschneiderte Unterhaltung in Serie zu produzieren. Bleibt der Erfolg aus, probiert er etwas anderes. Tobin und Grofield ist deshalb kein allzu langes literarisches Leben vergönnt. Andererseits hat Westlake kein Problem damit, Bewährtes wieder zu beleben: 1998 erscheint nach 23-jähriger Pause ein neuer Parker-Roman von Richard Stark. Seither mischt der abgebrühte Veteran die moderne Gangsterszene wieder regelmäßig auf.

Wichtiges ereignet sich 1965: Westlake versucht zum ersten Mal, den Krimi mit knochentrockenem Humor zu kreuzen. The Fugitive Pigeon (dt. Wem die Sekunde schlägt) belegt sein bemerkenswertes Talent auf diesem Gebiet. Schon 1967 erntet Westlake die Früchte seiner unermüdlichen Arbeit. Für God Save the Mark (dt. Geld macht doch glücklich) gewinnt er den Edgar Award für den besten Kriminalroman des Jahres.

Mühelos meistert Westlake den Spagat zwischen knallharter Action und witzigem Slapstick. 1970 gelingt ihm ein neuer Coup: John Archibald Dortmunder ist ein Mann, der in seinem Leben noch keinen Dollar auf ehrliche Weise verdient hat. Das gedenkt er auch fortzusetzen. Dabei legt er eine bemerkenswerte Regsamkeit an den Tag. Seine genialen Pläne pflegen indessen stets an der Tücke des Objekts zu scheitern. Dortmunder und eine Galerie ebenso erfolgloser wie liebenswerter Gaunerkarikaturen geraten stets in absolut groteske Situationen, die jeden ihrer angeblich narrensicheren Streiche in ein Zwerchfell erschütterndes Desaster münden lassen. Auch im 21. Jahrhundert gehen sie unverdrossen weitere Übeltaten an.

Privat blieb Westlake neben seiner umfangreichen schriftstellerischen Tätigkeit die Zeit, drei Ehen zu führen. Seit 1979 war er mit Abigail Adams verheiratet, die ebenfalls schreibt und auch mit ihrem Gatten zwei Romane verfasst hat. Das Ehepaar hat vier Söhne.

Hierzulande wird Donald E. Westlake seit nunmehr einem Vierteljahrhundert nicht mehr veröffentlicht. Im angelsächsischen Sprachraum weiß man ihn und sein Werk hingegen zu schätzen. Schier endlos ist die Zahl seiner Preise, die u. a. drei (!) Edgars einschließen. Die Mystery Writers of America ernannten ihn längst zu ihrem »Grand Master«.

Neben dem Schriftsteller Westlake gibt es auch den Drehbuchautor Westlake. Nicht nur eine ganze Reihe seiner eigenen Werke wurden inzwischen verfilmt. Westlake selbst adaptiert für Hollywood Geschichten anderer Autoren. Für sein Drehbuch zu The Grifters (nach Jim Thompson) wurde er für den Oscar nominiert.

Nach einer mehr als vier Jahrzehnte währenden, höchst produktiven und erfolgreichen Schriftsteller-Karriere dachte Westlake bis zu seinem Tod offensichtlich nicht an den Ruhestand. Er war aktiv wie eh und je und bereicherte das Krimigenre mit immer neuen, immer noch lesenswerten Beiträgen.

Donald E. Westlake verstarb 2008. Er erlitt am Silvesterabend im Urlaub in Mexiko einen Herzinfarkt.

Krimis von Donald E. Westlake:

Parker-Reihe (als Richard Stark):
Jetzt sind wir quitt / Payback
(1962)
The Hunter / Payback / Point Blank
Parkers Rache
(1963)
The Man with the Getaway Face / The Steel Hit
Die Gorillas
(1963)
The Outfit
Ein Job für Parker Rezension
(1963)
The Mourner
Stadt im Würgegriff
(1964)
The Score / Killtown
Parkers Urteil
(1965)
The Jugger
Parker und der Amateur Rezension
(1966)
The Seventh / The Split
Das Kasino vor der Küste
(1966)
The Handle / Run Lethal
Sein Gewicht in Gold
(1967)
The Rare Coin Score
Unternehmen Grüner Schnee
(1967)
The Green Eagle Score
Unternehmen Schwarzes Eis
(1968)
The Black Ice Score
Eine Falle für Parker Rezension
(1969)
The Sour Lemon Score
Ein wunder Punkt kann töten
(1971)
Deadly Edge
Ich bin die dritte Leiche links
(1971)
Slayground
Harte Zeiten, weiche Knie
(1972)
Plunder Squad
Blutiger Mond
(1974)
Butcher’s Moon
Verbrechen ist Vertrauenssache
(1997)
Comeback
Sein letzter Trumpf Rezension
(1998)
Backflash
Irgendwann gibt jeder auf Rezension
(2000)
Flashfire
Der Gewinner geht leer aus Rezension
(2001)
Firebreak
Das große Gold  Rezension
(2002)
Breakout
Keiner rennt für immer Rezension
(2004)
Nobody Runs Forever
Fragen Sie den Papagei Rezension
(2006)
Ask the Parrot
Das Geld war schmutzig Rezension
(2008)
Dirty Money
Alan-Grofield-Reihe (als Richard Stark):
Mädchenraub in Mexiko
(1967)
The Damsel
Kein Rum in Puerto Rico
(1969)
The Dame
Die Singdrossel
(1969)
The Blackbird
Zunder, Zaster und Zitronen
(1971)
Lemons Never Lie
John-Archibald-Dortmunder-Reihe:
Finger weg von heißem Eis
(1970)
The Hot Rock
Fünf gegen eine Bank Rezension
(1972)
Bank Shot
Jimmy the Kid
(1974)
Jimmy the Kid
Jeder hat so seine Fehler
(1977)
Nobody’s Perfect
Why Me?
(1983)
Good Behavior
(1986)
Drowned Hopes
(1990)
Don’t Ask
(1993)
What’s the Worst That Could Happen?
(1996)
Bad News
(2001)
The Road to Ruin
(2004)
Thieves´ Dozen (Stories)
(2004)
Watch Your Back
(2005)
What´s So Funny
(2007)
Mitch-Tobin-Reihe (als Tucker Coe):
Auf totem Gleis
(1966)
Kinds of Love, Kinds of Death
Das hab ich nicht gewollt
(1967)
Murder Among Children
Der Wachsapfel Rezension
(1970)
Wax Apple
Keine Schonzeit für Widder
(1971)
A Jade in Aries
Sag die Wahrheit, Kollege
(1972)
Don’t Lie to Me
Samuel-Holt-Reihe (als Samuel Holt):
I Know a Trick Worth Two of That
(1986)
One of Us Is Wrong
(1986)
What I Tell You Three Times Is False
(1987)
The Fourth Dimension Is Death
(1989)
Das Gangstersyndikat
(1960)
The Mercenaries / The Smashers/ The cutie
Einer von Sieben
(1961)
Killing Time / The Operator
Höllenfahrt / Mafiatod Rezension
(1962)
361
Übung macht den Mörder
(1963)
Killy
Ein Irrer macht Urlaub
(1964)
Pity Him Afterwards
Wem die Sekunde schlägt
(1965)
The Fugitive Pigeon
Heroin und viele Dollars
(1966)
The Busy Body
Held wider Willen
(1966)
The Spy in the Ointment
Geld macht doch glücklich
(1967)
God Save the Mark
Philip
(1967)
Wer stahl Sassi Manoon?
(1968)
Who Stole Sassi Manoon?
Ich will mein Geld
(1969)
Somebody Owes Me Money
Up Your Banners
(1969)
Adios, Scheherazade
(1970)
Ex Officio / Power Play (als Timothy J. Culver)
(1970)
I Gave At the Office
(1971)
Räuber in Uniform
(1972)
Cops And Robbers
Comfort Station (als Morgan J. Cunningham)
(1973)
Hilfe – man hält mich gefangen!
(1974)
Help, I’m Being Held Prisoner
Brothers Keepers
(1975)
Two much / Zwei sind zuviel
(1975)
Two Much
Dancing Aztecs / A New York Dance
(1976)
Einmal reicht noch lange nicht
(1977)
Enough
Ein Luftschloss wird gejagt
(1980)
Castle in the Air
Kahawa
(1982)
Kahawa
A Likely Story
(1984)
High Adventure
(1985)
Transylvania Station (mit Abby Westlake)
(1987)
High Jinx (mit Abby Westlake)
(1987)
The Hood House Heist
(1987)
Trust Me on This
(1988)
Double Crossing
(1988)
The Maltese Herring
(1988)
Way Out West
(1988)
Sacred Monster
(1989)
Humans
(1992)
Baby, Would I Lie?
(1994)
Smoke
(1995)
Der Freisteller
(1997)
The Ax
The Hook
(2000)
Put a Lid on It
(2002)
Money for Nothing
(2003)

Mehr über Donald E. Westlake:

  1. Albrecht, Richard: »Profi(t)gangster Parker: Eine Karriere: Eine US-amerikanische Krimiserie im bundesdeutschen Markt«. In: Die Horen: Zeitschrift fur Literatur, Kunst und Kritik, Nr. 154 (1989), S. 25-47.
  2. Band, Owen Jonathan: »Donald Westlake«. In: Mystery Scene, Nr. 75 (2002), S. 53-55.
  3. DeAndrea, William L.: »The Many Faces of Donald E. Westlake«. In: Armchair Detective: A Quarterly Journal Devoted to the Appreciation of Mystery, Detective, and Suspense Fiction, Nr. 21 (1988), S. 340-360.
  4. Jones, Malcolm: »Lives of Crime: Novelists John Banville and Donald Westlake Compare Notes on the Seedy Worlds That Inspire Their Fiction«. In: Newsweek, Nr. 149 (23.04.2007), S.56.
  5. Nevins, Francis M.,Jr.: »Walls of Guilt: Donald E. Westlake as Tucker Coe«. In: Armchair Detective: A Quarterly Journal Devoted to the Appreciation of Mystery, Detective, and Suspense Fiction, Nr. 7 (1974), S. 163-164.
  6. Penzler, Otto: »Collecting Mystery Fiction: Donald Westlake«. In: Armchair Detective: A Quarterly Journal Devoted to the Appreciation of Mystery, Detective, and Suspense Fiction, Nr. 20 (1987), S. 380-384.
  7. Silet, Charles L. P.: »What’s the Worst That Could Happen: An Interview with Donald Westlake«. In: Armchair Detective: A Quarterly Journal Devoted to the Appreciation of Mystery, Detective, and Suspense Fiction, Nr. 29 (1996), S. 394-401.
  8. Stein: »Richard Stark, der böse Parker und ein Papagei«. In: DIE WELT, 27.07.2008.
  9. Taylor, Charles: »Talking with Donald E. Westlake, Grandmaster of Crime«. In: Newsday, 18.03.2001, S. B11.

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