Engel sterben

  • Fischer
  • Erschienen: Januar 2011
  • 3
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2011, Seiten: 376, Originalsprache
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Andreas Kurth
85°1001

Krimi-Couch Rezension vonMai 2011

Angst und Schrecken auf der Insel der Schönen und Reichen

Ein heißer Sommer auf Deutschlands nördlichster Insel. Ein abgehalfterter früherer Top-Journalist ist an die Flasche gekommen, jagt aber immer noch der vermeintlichen Super-Story hinterher. Eine verschrobene Einheimische sucht regelmäßig eine seit langem verlassene Strandvilla auf, um dort in einer Scheinwelt zu leben. Und eine immens ehrgeizige Maklerin sieht ein vermeintlich schnell zu realisierendes gutes Geschäft – und ist bereit, dafür einiges zu investieren. Diese drei höchst unterschiedlichen Personen kommen eher zufällig einem Entführer nahe, der innerhalb weniger Tage drei kleine Mädchen im Kindergarten-Alter verschwinden lässt. Die Insel der Schönen und Reichen ist in Aufruhr, denn die Polizei hat keine heiße Spur.

Eva Ehley erzählt ihre Geschichte in leichtem Plauderton, aber das dient vor allem dazu, die Leser für ihre höchst unterschiedlichen Charaktere zu interessieren. Das Buch hat keinen herausragenden Protagonisten, denn die auftretenden Ermittler sind nicht die Hauptpersonen des Romans. Zentrale Rollen spielen vielmehr die drei Personen, die dem Entführer der Kinder eher zufällig oder sogar ungewollt auf die Spur kommen. In dieser Form ist der Ansatz für mich eher neu - und durchaus innovativ. Interessant ist vor allem, wie Eva Ehley ihre handelnden Personen beschreibt.
Da ist die ziemlich verschrobene Karoline, eine höchst unscheinbare Person, die ihr Leben eher im Verborgenen lebt, indem sie in der Wattvilla gewissermaßen in eine fremde Identität schlüpft. Die Grenze zur psychischen Krankheit ist bei ihr längst überschritten, auch wenn ihren Mitmenschen das offenbar nicht auffällt. Ein geradezu krasser Gegensatz dazu ist die ehrgeizige Maklerin Mona, die ein völlig anderes Profil zeigt. Sie lebt in und von der Öffentlichkeit, weiß auf ihre Kunden einzugehen, egal wie schrullig diese sind. Sie glaubt, schon nahezu alles erlebt zu haben – und wird auf brutale Weise eines besseren belehrt. Die Wege der zwei Frauen kreuzen sich auf zufällige und dennoch höchst dramatische Weise, mit tragischem Ausgang für eine von beiden.

Und dann ist da noch der Journalist Fred, eine irgendwie sympathische Figur. Er hat wirklich gute Zeiten erlebt, auf geradezu ideale Weise am Leben der Schönen und Reichen teilgenommen, von ihren Macken und Allüren profitiert, indem er sich auf die Seiten der Hochglanz-Magazine gehoben hat. Das ist lange vorbei, aber dennoch hofft er, noch einmal die ultimative Story zu schreiben. Er stolpert im wahrsten Sinne des Wortes in die dramatischen Ereignisse um die entführten Kinder hinein – um am Ende eine wichtige und vom Leser niemals für möglich gehaltene Rolle zu spielen. Er ist irgendwie eine Mischung aus Baby Schimmerlos und Sam Spade – sympathisch, chaotisch und teilweise auch abstoßend.

Diese drei Figuren drängen die Polizisten und ihre Ermittlungsarbeit in den Hintergrund. Und auf diese Weise gelingt es Eva Ehley, die Spannung in ihrem Roman stufenweise aufzubauen und zu steigern. Zudem verschwinden die drei Mädchen im Abstand nur weniger Tage, die fühlbar zunehmende Hysterie auf der Insel überträgt sich auf den Leser. Die Autorin hat zudem zahlreiche falsche Spuren eingebaut, lässt die Ermittler nach Herzenslust im Dunkeln tappen – und den Leser ebenfalls. Durch kleine Nebenhandlungen wird die Geschichte angereichert, ohne den Spannungsbogen zu vernachlässigen.

Der Schreibstil von Eva Ehley ist flüssig, die Dialoge sind lebensnah, könnten allerdings zuweilen etwas einfallsreicher und spritziger sein. Dabei gelingt es ihr allerdings, dem Leser die Insel Sylt vorzustellen, ohne einen Touristenprospekt aus ihrem Buch zu machen. Immerhin nutzt sie die geografischen Eigenheiten der Insel, um ihre Geschichte nicht nur authentischer, sondern zuweilen auch spannender zu machen. Der Roman lebt nicht von atemloser Action, sondern von den eher leisen Tönen, den Empfindungen und Sehnsüchten der Akteure. Viele zufällig wirkende Wendungen sind so geschickt in die Erzählung eingebaut, dass sie nicht konstruiert wirken. Das menschliche Drama, das erst im Finale und dem wirklich gelungenen Epilog enthüllt wird, ist das Sahnehäubchen auf einer außerordentlich spannenden Geschichte.

Engel sterben

Eva Ehley, Fischer

Engel sterben

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