Das Moor des Vergessens

  • Argon
  • Erschienen: Januar 2006
  • 35
  • Berlin: Argon, 2006, Seiten: 6, Übersetzt: Bär, Dietmar, Bemerkung: Regie: Frank Bruder
  • New York: St. Martin´s Minotaur, 2007, Originalsprache
  • München: Droemer Knaur, 2008, Seiten: 544, Übersetzt: Doris Styron
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Sabine Reiß
82°1001

Krimi-Couch Rezension vonMai 2006

Wer hat wirklich auf der Bounty gemeutert?

Ein jeder hat von der Meuterei auf der Bounty gehört, doch was damals wirklich der Grund für den Aufstand der Mannschaft war, das wissen nur die Beteiligten. Haben sich Fletcher Christian und die anderen Männer zurecht gegen Kapitän Bligh erhoben? Val McDermid bindet diese tatsächliche Begebenheit in ihren Krimi ein und bringt sie mit William Wordsworth in Verbindung, einem berühmten englischen Dichter, der einige Zeit im Lake District lebte.

Mit einem spektakulären Leichenfund beginnt die Geschichte, doch wo in ihren anderen Büchern ein Toter dem anderen folgt, geht es hier zunächst recht geruhsam zu. Es stellt sich heraus, dass der Mann schon vor ein paar hundert Jahren das Zeitliche gesegnet hat, so dass die Polizei den Fall zu den Akten legen möchte. Umso mehr interessieren sich andere Personen für den sogenannten "Moorpiraten", der seinen Namen aufgrund der zahlreichen Tätowierungen erhielt. Darunter ist auch die forensische Anthropologin Dr. River Wilde, die ihre Chance darin sieht, finanzielle Unterstützung für weitreichende Untersuchungen am Leichnam zu erhalten, indem sie das Fernsehen mit einer Reportage ködert.

Auf der Suche nach dem verlorenen Gedicht

Auch die Literaturwissenschaftlerin Jane Gresham verfolgt die Berichterstattung gebannt. Sie erhofft sich Fortschritte in ihrem Spezialgebiet, dem Werk des Dichters William Wordsworth, der im Lake District, ihrer Heimat, gelebt hatte. Schon seit langem vertritt sie die Theorie, dass der Seemann Fletcher Christian, Anführer der Meuterei auf der Bounty, nicht wie überliefert bei einem Aufstand auf der Insel Pitcairn ums Leben kam, sondern unerkannt nach England zurückkehrte, mit der Absicht, seine Version der Geschichte zu erzählen und sich zu rehabilitieren. Doch Bligh war vor ihm da und der Meuterer war bereits rechtskräftig verurteilt.

Da Christian und Wordsworth sich gut kannten, liegt es ihrer Meinung nach nahe, dass er sich dem Dichter anvertraute, der bestimmt seine Kenntnisse in einem Gedicht verarbeitete, das zu Lebzeiten der beiden natürlich nicht veröffentlicht werden konnte. Sie sucht sich eine Vertretung für ihre Lehrtätigkeiten an der Universität und macht sich nach Fellhead zu ihren Eltern auf, um dort im Wordsworth-Museum nach Hinweisen für die Existenz dieses unbekannten Schatzes zu suchen. Im ersten Schritt kann sie einen Erfolg verbuchen, da in einem Brief der Familie Wordsworth von einem Dokument die Rede ist, das einer Hausangestellten anvertraut wurde. Doch Jane muss sich beeilen, denn irgendjemand ist ihr verdammt nah auf den Fersen und dieser Jemand ist gefährlich.

Hier wird Geschichte lebendig

Val McDermid hat bereits einige Male bewiesen, dass sie sich gut auf unterschiedlichen Krimi-Terrains bewegen kann. Mit ihrer Serie um den Profiler Tony Hill und der Polizistin Carol Jordan trifft sie den Lesergeschmack offenbar recht gut, aber immer wieder wagt sie neue Experimente, die auch einen anderen Leserkreis ansprechen. In Das Moor des Vergessens lässt sie es langsam angehen und wendet viel Zeit auf, die Figuren vorzustellen und die geeignete Atmosphäre heraufzubeschwören. Gerade letzteres beherrscht sie par excellence, wie sie auch schon in Ein Ort für die Ewigkeit und Echo einer Winternacht bewiesen hat. Aber nicht nur den Lake District und das Leben von William Wordsworth bringt sie einem näher, sondern sie setzt sich auch intensiv mit der Meuterei auf der Bounty auseinander, die sie aus Sicht von Fletcher Christian mit vielen Einschüben eingangs jedes Kapitel häppchenweise schildert.

Dass sie bei alledem auch eine Nebengeschichte ersonnen hat, die fast zu inszeniert wirkt, sollte man an dieser Stelle verzeihen können. Der ungeduldige Leser fragt sich zwar, wann denn nun endlich ein "richtiger Mord" passiert, aber auch in diesem Punkt bleibt sich Val McDermid treu: Mit ein paar Toten ist zu rechnen. Insgesamt bleibt die Spannung zu Beginn recht verhalten, steigert sich aber gegen Ende doch auf ein gutes, jedoch keineswegs atemberaubendes Niveau, wie man es ansonsten von ihr gewohnt ist. Das Ende ist schlüssig und bestimmt nicht so genau vorsehbar.

Von der Bewertung her bleibt Das Moor des Vergessens zwar hinter den beiden bereits genannten Krimis etwas zurück, doch führen die beiden in meinen Augen die Rangliste ihrer Bücher an, was also nicht gegen die Lektüre des vorliegenden Buches spricht. Val McDermid macht hier Geschichte lebendig und bietet zudem noch gute Unterhaltung.

Das Moor des Vergessens

Val McDermid, Argon

Das Moor des Vergessens

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