Ein amerikanischer Albtraum

  • Ullstein
  • Erschienen: Januar 2001
  • 12
  • München: Ullstein, 2001, Seiten: 846, Übersetzt: Stephen Tree
  • München: Ullstein, 2003, Seiten: 846
  • Daun: TechniSat Digital, Radioropa Hörbuch, 2006, Seiten: 21, Übersetzt: Jesko Döring
  • Berlin: Ullstein, 2010, Seiten: 846
Ein amerikanischer Albtraum
Ein amerikanischer Albtraum
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Michael Drewniok
45°1001

Krimi-Couch Rezension vonMai 2003

Lässt erstaunlich kalt

Am 22. November 1963 stirbt in Dallas, Texas, US-Präsident John F. Kennedy. In den Geschichtsbüchern lesen wir, dass ein Einzeltäter - Lee Harvey Oswald mit Namen - das Attentat beging. Doch tatsächlich fiel Kennedy einem Komplott des organisierten Verbrechens zum Opfer. Die Mafia, die einst geholfen hatte, ihn in den Sattel zu heben, war später von ihm "verraten" und im Bund mit seinem Bruder, dem Justizminister Robert "Bobby" Kennedy, erbarmungslos verfolgt worden. Der Mord von Dallas soll auch diesen zweiten Kennedy warnen: Siehe, das geschieht, wenn man uns zu nahe rückt!

Organisiert wurde das Attentat von Pete Bondurant. Die Mafia hat ihn in der Hand, seit er ihr Rauschgift stahl und dabei ertappt wurde. Aber auch das FBI ist in den Kennedy-Mord entwickelt: J. Edgar Hoover, der selbstherrliche, paranoide und erzreaktionäre Direktor, hasst Jack und Bobby gleichermaßen, deren liberale Politik er besonders in der Rassenfrage heftig ablehnt. Hoover wusste von dem geplanten Anschlag und billigte ihn; nun schickt er einen ehemaligen Mitarbeiter nach Dallas. Ward J. Littell soll dort im Geheimen dafür sorgen, dass jede Spur, die auf ein Komplott hinweisen können, aus den Ermittlungen getilgt wird.

Littell ist auch Winkeladvokat und vertritt drei mächtige Männer, die wie Hoover ihre Macht und ihr Vermögen missbrauchen, um hinter den Kulissen die Fäden der US-Politik zu ziehen: Howard Hughes, der mächtige, aber halb verrückte und drogensüchtige Multimilliardär, Jimmy Hoffa, durch und durch korrupter Vorsitzender der einflussreichen Transportarbeitergewerkschaft "International Brotherhood of Teamsters", und Carlos Marcello, Mafiaboss aus New Orleans und Drahtzieher des Kennedy-Attentats. Die Beteiligten dieses schmutzigen Spiels wissen voneinander. Über Littell als Mittelsmann arbeiten sie sogar mehrfach zusammen.

Nachdem das Komplott von Dallas durch Mord, Erpressung und Fälschung vertuscht werden konnte, wenden sich die Beteiligten neuen Zielen zu. Las Vegas und der Vietnamkrieg rücken ins Mittelpunkt ihres Interesses. Die Glücksspielstätten der Wüstenstadt sind eine riesige Geldwaschmaschine der Mafia. In dieses Geschäft drängt sich Howard Hughes, der unter Missachtung des Gesetzes die Übernahme aller Casinos plant. Ein brutaler Kampf um die Neuverteilung der Macht hebt an, in dem das durch und durch bestechliche Police Department von Las Vegas seine Rolle spielt. Nur ein Mann verweigert zunächst seine Gefolgschaft: Wayne Tedrow Jr. Wo andere Quertreiber längst aus dem Weg geräumt worden wären, kann sich Tedrow paradoxerweise halten, weil er der Sohn eines lokalen Erzgauners ist: Der ältere Wayne Tedrow leitet eine Gewerkschaft der Küchenarbeiter ganz im Stile Jimmy Hoffas und ist mit der Mafia, dem FBI und Howard Hughes gleichermaßen verbandelt.

Mit beispiellosem Terror richtet das organisierte Verbrechen im Bündnis mit dem Kapital und dem "Gesetz" ab 1964 hinter dem offiziellen Staat ein Schattenregime ein. In großem Stil werden Drogen aus Vietnam in die USA geschmuggelt und mit Riesenprofiten verkauft. J. Edgar Hoover duldet es, so lange ihm die Beteiligten zu Diensten sind bei seinem wahnwitzigen Ein-Mann-Feldzug für ein rein weißes Amerika. Schon bald wird wieder offen zur Jagd auf Polit-Prominenz geblasen: Die erstarkende Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King erregt den abgrundtiefen Hass der reaktionären Rechten. Dieser richtet sich auch gegen Robert Kennedy, der als linksliberal eingestellter Senator des Staates New York sehr erfolgreich einen Feldzug gegen die Rassentrennung in den USA führt. Auch gegen den Vietnam-Krieg wendet er sich und gewinnt besonders die Herzen - und Wählerstimmen - der amerikanischen Jugend. Als King der Friedensnobelpreis verliehen wird und sich abzuzeichnen beginnt, dass Kennedy das höchste Amt im Staate anstrebt und als aussichtsreicher Kandidat gelten muss, ist für Hoover das Maß voll. Er weiß, dass sein Schreckensregiment unter einem Präsidenten Robert Kennedy ein Ende fände. Für die Mafia gilt dasselbe. Warum also nicht einen Plan wieder aufleben lassen, der schon 1963 funktioniert hatte - und wieso ihn nicht so verfeinern, dass gleich zwei verhasste Feinde ihr Ende finden ...?

Der Albtraum geht weiter. Mit Höchsttempo arbeitet James Ellroy an seiner ganz speziellen Chronik der USA nach 1939. Nach dem "L. A.-Quartett" ("The Black Dahlia", 1987, dt. "Die Schwarze Dahlie"; "The Big Nowhere", 1988, dt. "Blutschatten"; "L. A. Confidential", 1990, dt. "Stadt der Teufel"; "White Jazz", 1992, dt. "White Jazz") folgt nun nach "American Tabloid" (1995, dt. "Ein amerikanischer Thriller") der zweite Schlüsselroman um schmutzige Politik und das organisierte Verbrechen und wie es in den 50er bis 70er Jahren des 20. Jahrhunderts im Schulterschluss mit der amerikanischen Rechten die Macht in den und über die Vereinigten Staaten zu übernehmen drohte. In dem Versuch, die Uhr in eine scheinbar glorreiche, weil weiße Vergangenheit zurückzustellen, schalten die Mafia, das FBI (="" J. Edgar Hoover) und diverse rechtsradikale Verschwörergruppen nach Präsident John F. Kennedy dieses Mal gleich zwei bedrohliche Garanten für eine rassenvereinigte, vietnamkriegslose Zukunft aus: Robert Kennedy und Martin Luther King.

Wie dies in einem fünfjährigen Marathon des Hasses und der Verschwörung vorbereitet und schließlich umgesetzt wird, gehört zu den Pluspunkten von "Ein amerikanischer Albtraum". Das ist nur gut so, denn allzu viele gibt es davon leider nicht. So kunstvoll, wie Ellroy historische Realität und Spekulation zu einem überzeugenden Gesamtbild verleimt, so schmählich versagt er als Geschichtenerzähler. Bis endlich der Countdown zum Doppel- Attentat beginnt, irritiert und verärgert er mit den ebenso abschweifenden wie sinnlosen Abenteuern dreier Handlanger, die in den USA, in Mittelamerika und Südostasien für ihre skrupellosen Auftraggeber allerlei imperialistische Drecksarbeit erledigen und sich dabei gern die eigenen Taschen füllen. Das ist trotz permanenter Action und plakativer Gewalt rasch nur noch langweilig: Ellroy schwätzt, und in seinen endlosen Litaneien versinkt wie in kaltem Haferbrei spurlos alles, was er meint anklagen zu müssen.

Wenn man denn überhaupt so lange durchhält. "Ein amerikanischer Albtraum" ist nicht nur ein vom Umfang her völlig außer Kontrolle geratenes Werk, sondern auch erzählerisch eine Zumutung. Schon länger probt Ellroy einen ganz eigenen, fast experimentellen Stil. Er löst sich vom prosatypischen Text, der sich aus fortlaufenden Sätzen zusammensetzt. Statt dessen sprengt er den Textfluss, löst Sätze in Wortfetzen auf, die er verwirbelt, mit Assoziationen vermengt und unter bewusster Missachtung sämtlicher grammatikalischer Regeln neu zusammensetzt. Entstehen soll nach seinem Willen ein atemloses, delirierendes, sperriges Stück Literatur, das weniger eine Geschichte erzählt als eine bestimmte Stimmung oder Atmosphäre entstehen lässt: Amerika im Strudel des Eigennutzes und der Gewalt, im Würgegriff skrupelloser Machtmenschen, durch Krisen und Kriege gelenkt wie ein Leierkastenaffe an seiner Leine - für den durchschnittlichen US- Bürger, der sich im Land der Freien und Unabhängigen wähnt, eine schauerliche Vorstellung, die den skeptischen (oder erwachsenen?) Europäer indes nicht so leicht entsetzen oder in ihren Bann ziehen kann, da dieser ohnehin davon überzeugt ist, dass die Geschicke der Welt von hilflosen und korrupten Politikern sowie seelenlosen Großkonzernen bestimmt werden.

Wohl nicht nur deshalb geht Ellroys Rechnung nicht auf. Geschwätz geht immer wieder nahtlos in sinnloses Gestammel über. Hofft er, auf diese Weise den Leerlauf in seiner Geschichte zu verdecken? Und warum diese ständigen Gewaltexzesse? Sie lassen eher grinsen als gruseln, weil sie so offensichtlich provozieren sollen und reichlich kindisch wirken. Über weite Strecken halten den Leser nur die immer wieder eingeschobenen fiktiven Überwachungs- und Gesprächsprotokolle und Zeitungsartikel bei der Stange. Die sind dem Verfasser in der Tat vorzüglich gelungen. Besonders J. Edgar Hoover, diese sinistere Gestalt der jüngeren US-Geschichte, nimmt Gestalt an und lässt erschauern, wenn unter der dünnen Tünche des ehrenwerten und seinem Land treu dienenden FBI-Direktors immer wieder der bösartige und mörderische Tyrann durchscheint. Hier gelingt Ellroy, wo er sonst des Guten viel zu viel tut.

Ansonsten gehen Ellroys Anti-Helden wie immer nicht zimperlich vor - der Bodycount besonders unter den unglücklichen Einheimischen, die offensichtlich nichts als Sandsäcke und Zielscheiben für die mit Wonne und Wumme über sie kommenden US-Boys sind, ist entsprechend hoch. Oft wird Ellroy von der Kritik vorgeworfen, er übertreibe es in seinen Romanen mit der zerrbildhaften Darstellung der Schwarzen, Hispanier, Asiaten, Homosexuellen, Juden u. a. von der US-Gesellschaft gern ausgegrenzter "Minderheiten". (Eine seltsame Bezeichnung für Gruppen, deren Mitglieder nach Millionen zählen.) Das ist richtig - und auch wieder nicht, da Ellroy generell niemanden schont. Die selbst ernannte Oberschicht und Machtelite bekommt ihr Fett ebenso weg wie der rechtsradikale Pöbel der Südstaaten. In des Verfassers albtraumhafter Welt gibt es keine "guten" Menschen. Die Kennedys oder Martin Luther King sind Menschen mit der Vision eines besseren Amerika, doch gleichzeitig stellt Ellroy sie als Lügner, Heuchler & Hurenböcke bloß: Auch Helden sind halt niemals vollkommen.

Wenn´s gewalttätig wird, unterscheidet Ellroy allerdings doch zwischen dem "weißen" Amerika, das die Macht ausübt, und seinen farbigen oder sonstwie nonkonformen Untertanen: Das sind nämlich stets jene, die tüchtig zusammengeschlagen und/oder in Stücke geschossen werden (Ellroy liebt Kugelregen & fliegende Zähne), ohne sich jemals wirklich zu wehren. Diese Opferlamm-Mentalität unterscheidet sich definitiv von der Realität, die dem Verfasser als Chronisten einer alternativen und "wahren" US-Geschichte doch sonst so wichtig ist. Spätestens in den 60er Jahren ließen sich aber die schwarzen Amerikaner längst nicht mehr so herumschubsen wie Ellroy uns dies glauben machen will. Er weiß das auch, aber er projiziert den Mut und den Willen der Bürgerrechtsbewegung einzig auf die Person des Martin Luther King - und der tritt nie persönlich auf. Ansonsten sind Ellroys "Neger" nichts als Freiwild, das sein Schicksal womöglich sogar verdient.

Ein zwiespältiges Vergnügen also, dieser "Amerikanische Albtraum" (der im Originaltitel deutlich weniger anmaßend auf jene 6000 Dollar Blutgeld anspielt, mit denen die Geschichte gestartet wird). Ellroys Talent als Schriftsteller - er schreibt etwa so wie Oliver Stone filmt - scheint immer wieder durch, aber insgesamt lässt sein Werk dieses Mal erschreckend kalt.

Ein amerikanischer Albtraum

James Ellroy, Ullstein

Ein amerikanischer Albtraum

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