Vor dem Frost

  • Zsolnay
  • Erschienen: Januar 2003
  • 68
  • Stockholm: Leopard, 2002, Titel: 'Innan Frosten', Seiten: 501, Originalsprache
  • Wien: Zsolnay, 2003, Seiten: 560, Übersetzt: Wolfgang Butt
  • München: dtv, 2005, Seiten: 519
  • Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2011, Seiten: 6, Übersetzt: Ulrich Pleitgen, Bemerkung: gekürzt
Vor dem Frost
Vor dem Frost
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Alex Breuer
72°1001

Krimi-Couch Rezension vonSep 2003

Etwas konstruiert, aber ein 'echter' Mankell

Sechs Schwäne waren am Strand, drei Paare. Zwei von ihnen hatten sich niedergelegt. Die übrigen waren dabei ihre Federn zu reinigen oder immer noch mit ihren Schnäbeln nach Brotkrumen zu suchen. Der Augenblick war da. Er erhob sich, nahm eine Sprayflasche in jede Hand und sprühte eine Benzinwolke auf jeden einzelnen Schwan, und noch bevor sie entkommen konnten, hatte er eine Flasche fallen lassen und die andere angezündet.

Das brennende Benzin setzte die Schwingen der Schwäne sofort in Brand. Die brennenden Feuerbälle versuchten ihren Schmerzen zu entkommen indem sie über dem See abhoben, bevor sie mit knisternden und rauchenden Schwingen ins Wasser stürzten und starben. Wie geborstene Trompeten dachte er. Genauso werde ich mich an ihren letzten Schrei erinnern.

Am Abend des 21. August 2001 erhält die Polizei von Ystad einen seltsamen Anruf. Der Anrufer besteht darauf brennende Schwäne über dem Marebosee gesehen zu haben. Kurt Wallander fährt hinaus zum See um zu untersuchen was passiert ist. Er nimmt seine Tochter Linda mit, die einige Wochen später in den Polizeidienst in Ystad eintreten soll.

Sie finden keine Spur. Aber bereits nach einigen Tagen ruft ein entsetzter Bauer an und erzählt, dass jemand einen seiner Jungstiere verbrannt hat. Alles deutet darauf hin, dass ein Sadist dahinter steckt, der Tiere quält.

Ein paar Tage später verschwindet eine Hobbygeologin, die alte Pfade in Skåne kartographiert, und danach eine von Lindas besten Freundinnen. Die Spur führt direkt in den Dschungel Guyanas und zu christlichen Weltuntergangspropheten. Lindas Polizeikarriere scheint beendet noch bevor sie angefangen hat...

Zweierlei finde ich an diesem Buch bemerkenswert. Erstens scheint es Mankells Antwort auf den 11.September zu sein. Eine Gruppe gläubiger Fanatiker, inszeniert im Dschungel Guyanas einen Massenselbstmord. Versprengte dieser Gruppe sammeln sich zum Angriff auf Menschen und Kirchen in Skåne und laufen sich mit Morden und Entführungen warm.

Zweitens bereitet Mankell offensichtlich einen Generationswechsel vom alternden, zu fetten, saufenden, ewig gestressten, Diabetes geplagten und mit allem hadernden Kurt zu seiner unsicheren, aufbrausenden und Selbstmord gefährdeten Tochter Linda hin. In diesem Buch hat Linda ihr Debüt als zukünftige Polizeiaspirantin. Sie sucht über lange Strecken ihre Freundin Anna und hat das unbestimmte Gefühl, dass diese in irgendeiner Form mit den Vorkommnissen in Ystad zu tun hat. Sie fädelt sich zunächst gegen den Wiederstand ihres Vaters, in die Ermittlungen ein. Nachdem Kurt Wallander einige Zusammenhänge besser erkennt lässt er sie an seiner Seite mitarbeiten.

Ehrlich gesagt, Kurt Wallander als Einzelkämpfer hat mir persönlich besser gefallen. Besonders die Passagen in denen Linda ihre Freundin Anna sucht, fallen eher zäh aus. Mankell deutet sehr versteckt eine Parallelbegabung zu ihrem Vater an. Aber bevor Anna mit ihrem Vater gleich ziehen kann, muss Henning Mankell sich noch viel einfallen lassen.

Der Plot insgesamt erscheint mir etwas konstruiert. Warum die Fanatiker in Kurt Wallanders Revier einfallen wollen, ist mir beim Lesen des Buches an keiner Stelle richtig klar geworden. Eine diffuse Abneigung gegen Abtreibungen ist mir zu wenig für einen derartigen Rundumschlag.

Insgesamt jedoch, ein echter Mankell. Seine präzisen Schilderungen psychischer Hintergründe und sozialer Verhältnisse sind unerreicht. Es lohnt sich also, das Buch zu kaufen und wenn auch nur, um zu erfahren, wie es weiter geht, auch nach dem Frost.

Vor dem Frost

Henning Mankell, Zsolnay

Vor dem Frost

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