Zu Besuch bei Arimasa Osawa

»Alles, was stillschweigend als normal und unvermeidbar akzeptiert wird, missbillige ich schärfstens«

Für die Krimi-Couch sprach Peter Münder mit dem japanischen Bestseller-Autor Arimasa Osawa. Dabei schaute sich unser Redakteur auch an den Schauplätzen Osawas Krimis um – und sprach mit dem Autor über den »Hai von Shinjuku« und Fan-Post aus dem Knast.

Bücher pflastern seinen Weg: Seinen ersten Roman hatte er schon 1979 geschrieben, doch erst mit seiner 1990 gestarteten neunbändigen Romanreihe »Der Hai von Shinjuku« ist Arimasa Osawa, 52, in Japan der literarische Durchbruch gelungen. Mit den bisher verkauften über fünf Millionen Exemplaren gibt der sympathische Vielschreiber trotzdem nicht zufrieden. Auch die Verfilmung mit dem japanischen Star Hiroyuki Sanada und diverse TV-Adaptionen  reichen ihm nicht aus. »Ich veröffentliche jedes Jahr zwei oder drei Romane, es sind inzwischen achtzig Bücher, die ich geschrieben habe, darunter auch Science Fiction, Romance-Titel und komische Love-Stories. Ich habe zwar immer nur als Autor gearbeitet«, erklärt Osawa stolz, »Aber ich warte immer noch auf den großen internationalen Durchbruch«.

 Als 23-jähriger »Western Studies«-Student  an der privaten Tokioter Meio- Elite-Uni, die Premierminister, Top-Politiker, hochkarätige Wissenschaftler und Nobelpreisträger hervorbrachte, bekam er 1979 den begehrten Eiji-Preis Preis für den besten Debütroman (Titel: Die sentimentale Straßenecke), was ihn prompt zur Aufgabe des Studiums veranlasste. Fortan wollte der Drop-Out nur noch schreiben – und das tut er tatsächlich immer noch mit einer unerhörten Energie und Experimentierfreude. Vielleicht inspirierte ihn ja das Motto seiner ehemaligen alma mater: »Die Feder ist mächtiger als das Schwert«? Inzwischen erhielt Osawa noch andere große Auszeichnungen wie den Naoki-Preis und den Preis des japanischen  Mystery-Writers-Verbandes.

Wir befinden uns in seinem an der U-Bahnstation Nogizaka gelegenen Tokioter Büro, das er sich mit zwei befreundeten Autoren teilt. Vor der Tür haben wir die Schuhe ausgezogen und sind in Pantoffel geschlüpft. Der Meister schenkt uns grünen Tee ein, der flüchtige Blick auf die vollgestellten Bücherregale offenbart, dass die vielen Bände das Werk des unermüdlichen Vielschreibers Arimasa Osawa sind. An der Wand hängt ein Kinoplakat mit dem berühmten Schauspieler Hiroyuki Sanada  als Samejima, daneben einige seiner Auszeichnungen. Er schreibt immer noch mit der Hand und schwärmt für Raymond Chandlers einsamen Privatdetektiv Philip Marlowe, der ihn zu seiner Figur des Außenseiter-Cops Samejima inspirierte. Der Roman Teilzeit-Ermittler ist stark von Chandlers legendärer Gestalt Marlowe beeinflusst.

Der Hai schlägt zwei Schlachten gleichzeitig

Unverkennbar ist aber auch sein sozialkritischer Impetus: Menschenhandel hat er in Führung in die Finsternis  thematisiert und darin auch das japanische Korea-Trauma angesprochen inklusive einer zum nordkoreanischen Diktator führenden spannenden Action-Schiene bedient. Da er die Fixierung der Japaner auf rigide Hierarchien und die ritualisierten Verhaltensmuster für große gesellschaftliche Schwachstellen hält, die er immer wieder ins Visier nimmt, hat er seinen Helden Samejima zwischen zwei straff organisierte Gruppierungen gestellt: Den Polizeiapparat und die Yakuza. »Samejima mußte zwei Schlachten gleichzeitig schlagen«, heißt es im Hai von Shinjuku, »eine gegen die Kriminellen und die andere gegen die verkorksten Strukturen innerhalb des Polizeiapparats«

Samejima verabscheut die Kungelei unter Polizeikollegen, das Vertuschen von Skandalen und Übergriffen der Kollegen ebenso wie das dreiste kriminelle Gebaren der Gangster. Er haßt auch das Toleranzgebaren seiner Chefs, die sich aus Bequemlichkeit mit den Yakuza arrangieren möchten. So wird der Hai von Shinjuku von den Gangstern ebenso gehasst wie von einigen Kollegen, die ihn mobben, bei Vorgesetzten anschwärzen und ihm gern die übelsten, dreckigsten und gefährlichen Fälle zuschanzen. Immerhin hat er einen verschrobenen, sympathschen Vorgesetzten auf seiner Seite, der ihn auch darin bestärkt, nicht aufzugeben und den wohl härtesten Job weiter auszuüben, den ein  japanischer Cop überhaupt haben kann: Nämlich den des Ober-Kommissars im turbulenten Shinjuku.

Für Osawa ist Shinjuku ein symbolischer Ort: Im hektischen  Tokioter Getriebe dominieren einerseits  Profitgier, Lust und Vergnügungssucht, andererseits gibt es hier immer noch ruhige, fast romantische Ecken für beschauliche Stunden. Shinjuku, dieser Jahrmarkt quirliger Eitelkeiten, erinnert trotz der Konzentration auf kriminelle Umtriebe also auch an Döblins Berlin Alexanderplatz und an Dos Passos´ Manhattan Transfer. Vielleicht ist diese universale Komponente Osawas Erfolgsgeheimnis, das die Samejima-Romane über den engen Nippon-Horizont hinaus führt und auch für europäische Leser so faszinierend macht.

Auf der Suche nach neuen Themen entsteht ein neues, hochbrisantes Romankonzentrat

Trotzdem ist Osawa immer auf der Suche nach neuen Themen und ungewöhnlichen Figuren und mischt aus traditionellen Genres gern ein neues, hochbrisantes Romankonzentrat. So interessiert ihn etwa die Frage, was passiert, wenn einem kriminellen Yakuza das Gehirn einer Polizistin implantiert wird. In einem seiner ungewöhnlichen, mit komischen Effekten angereicherten Science-Fiction- Romane hat er diese Frage thematisiert. Bisher sind erst zwei Samejima- Bände ins Deutsche und Englische übersetzt worden – zu wenig für den ehrgeizigen Bestseller-Autor, der allerdings hocherfreut registriert, dass er bereits auf der deutschen Krimi-Bestenliste vertreten ist.

Mitten im Rotlichtviertel Kabuchiko ist von finsteren Yakuza allerdings nichts zu spüren. Hier gibt es vor dem Koma-Theater schon morgens lange Warteschlangen mit älteren Herrschaften, die geduldig auf den Einlaß für ein melodramatisch-komisches Rührstück warten – eine Art japanischer Komödienstadl, der äußerst populär ist. Hier geht alles sehr höflich und ohne aggressive Anmache ab, wie man sie etwa vom Hamburger St. Pauli-Kiez kennt. Den Straßenstrich gibt es nicht, finstere Kaschemmen auch nicht und die Gefahr, in einer dunklen Nebengasse überfallen zu werden, ist hier extrem gering, weil das sehr effiziente Koban-System dies verhindert. An mehreren Kreuzungen, auch schon am Ost-Ausgang des Shinjuku-Bahnhofs, sind nämlich kleine Polizeiwachen (koban) mit zwei oder drei Beamten eingerichtet, die regelmäßig Streife gehen, das Treiben in ihrem Viertel genau beobachten, hier fast jeden kennen und mit ihrer Präsenz direkt vor Ort für eine extrem niedrige Kriminalitätsrate sorgen. Die seltenen, diskret vorgebrachten  Anfragen junger Bürschchen im schwarzen Anzug (»Massage, Mister?«), die schmucken Love Hotels namens »Prince« oder »Blanket Inn« auf deren Preisschildern unterschiedliche Tarife für »Rest« (4500 Yen für Sex im Stunden-Zimmer) oder »Stay« (7000 Yen für eine normale Übernachtung) verzeichnet sind, dazu all die  kleinen Bars, Nachtclubs wie »Little Sheep«, Karaoke-Schuppen, Kinos und die unvermeidlichen Pachinko-Hallen, in denen die Spieler wie Roboter vor ihren Stahlkugeln ausspuckenden Automaten hocken und einen unerträglichen Krach in Kauf nehmen – dies alles ist eine völlig harmlose  Amüsierkulisse.

Kriminelle Yakuza-Aktivitäten wie Geldwäsche, Drogenhandel, Waffenschmuggel, Ausbeutung der Prostituierten, Schutzgelderpressung usw. – das alles spielt sich hinter den Kulissen ab und bleibt dem Besucher verborgen. Der Frust und die Wut Sameijimas angesichts eines Stillhalte-Abkommens von Polizei und Yakuza, das diese Aktivitäten  bis zu einem gewissen Punkt als normales Geschäftsgebaren akzeptiert, sind daher verständlich. Nicht umsonst betont er: »Alles, was stillschweigend als normal und unvermeidbar akzeptiert wird, missbillige ich schärfstens«. Da kommt es dann eben schnell zu explosiven Scharmützeln, wenn der »Hai« von jüngeren Yakuza-Punks gezielt provoziert wird, die meinen, sich in einer juristischen Grauzone alles erlauben zu können und den kompromisslosen Einzelgänger einfach ignorieren. Als ein am bunt schillernden Anzug, Sonnenbrille und Habitus leicht erkennbares Yakuza-Duo sein geparktes Auto in einer belebten Zone nicht sofort entfernt, fackelt Samejima nicht lange: »Aussteigen!« befiehlt er dem Fahrer, der sich über den »Hai« mokiert, einfach sitzen bleibt und ihn als inkompetenten Verkehrsbullen beschimpft. Mit seinem Spezialknüppel  zerschlägt Samejima kurzerhand  eine Scheibe, verpasst dem hysterisch reagierenden  Gangster Handschellen und fesselt ihn an die Stoßstange seines Autos- was die Zuschauer amüsiert und begeistert verfolgen. Dieser öffentliche Gesichtsverlust der Gangster ist natürlich absolut demütigend- so hat sich Samejima mal wieder neue Feinde gemacht.

Japanischer Waffenfetischismus

In seinem ersten Samejima-Band hatte Osawa  das Phänomen des japanischen Waffen-Fetischismus ins Visier genommen. Der Waffenkult treibt ja nur deshalb so exotische, gefährliche Blüten, weil in Japan  privater Waffenbesitz verboten ist und auch keine Schützenvereine zugelassen sind. Viele Waffenfreaks kaufen sich daher auf dem Schwarzmarkt zu horrenden Preisen billige Imitate amerikanischer Revolver, besorgen sich nachgemachte FBI-Ausweise und spielen dann den großen Helden  mit einem 37er Magnum-Imitat. Kurios sind auch die All-Inclusive-Gruppenreisen schießfreudiger Japaner zu Schießübungsplätzen und Vereinen in die USA oder nach Russland, wo man dann nach Herzenslust auf Attrappen ballern und sich neueste Waffenmodelle ansehen kann.

Im ersten Band der »Hai von Shinjuku«-Reihe soll Samijima mysteriöse Morde an Polizisten  aufklären, die mit eigenartigen, selbstgebauten Waffen verübt wurden. Die Spur führt zu einem Waffen-Experten, der für die Yakuza alle möglichen Spezialwaffen baut und auf seinem Gebiet ein Genie ist.

Zum Rundgang durch Kabukicho gehört unbedingt ein Abstecher in die »Pinkelgasse«, durch die man früher die Abwässer dieses Viertels leitete. Hier lernt man die idyllische Seite des Viertels kennen. Die über hundert Jahre alten, mit Fähnchen bestückten kleinen Holzhütten mit ihren Bars und Mini-Restaurants sind so winzig, dass meistens nur fünf oder sechs Gäste auf einer Bank direkt an der Theke Platz haben. Wer sich hier seine Jacke ausziehen will, muß dies draußen in der Gasse vor dem Eingang machen- drinnen sitzt man nämlich eng an eine Holzwand gepresst, da  fehlt einfach der Platz für akrobatische Verrenkungen. Beim Biertrinken sollte man übrigens darauf achten, stets seinem Partner das  Glas zu füllen, selbst Einzuschenken gilt als unhöflich. Die leeren, abgenagten Zahnstocher, auf denen das Fleisch aufgespießt  war, werden nach dem Essen für die Kalkulation der Rechnung abgezählt- nicht nur das Ambiente ist äußerst locker und angenehm, auch die Preise sind hier erfreulich günstig.

Osawas gute Kontakte zur Polizei und zu Gangstern

Über die Yakuza- Machenschaften und ihre Organisationsstrukturen könnte  Osawa abendfüllende Vorträge halten. Er hat zwar gute Kontakte zur Polizei und zu einigen Gangstern, doch war er keineswegs nach Wallraff-Manier im Untergrund als verdeckter Ermittler tätig. Die wichtigsten Fakten hat er selbst aus Archiven, Büchern und Gesprächen mit Insidern erfahren. Den offiziellen Behördengang mit Anfragen  bei der Polizei hat er gar nicht  erst in Betracht gezogen: »Da sind die Wege zu lang, die Hierarchien zu rigide, da dringt zu wenig nach außen«. Da die drei großen Yakuza-Clans- der größte ist der Yamaguchi-Clan mit rund 50 000 Mitgliedern- in Japan mit insgesamt 90 000 Mitgliedern  die Zeichen der Zeit längst erkannt haben, setzen sie im Zeitalter der Globalisierung auf Expansion im Ausland. Waren die Yakuza vor einigen Jahrzehnten noch vom Ausland abgeschottet und nur in Hawaii, Thailand und in einigen US-Spielhöllen aktiv,  betreiben sie ihre kriminellen Aktivitäten  nun auch längst in Taiwan, China und auch in ost-europäischen Metropolen.

Schutzgelderpressung, Drogenhandel und Prostitution seien die alten Betätigungsfelder, meint Osawa: »Das betreiben nach wie vor die eher dummen, bequemen und unflexiblen Yakuza. Die cleveren Business-Gangster der IT-Generation  kaprizieren sich viel stärker auf direkte Einflussnahme in großen Konzernen und auf Internet-Kriminalität«, weiß der Autor und beginnt eine Pyramide mit sechs verschiedenen Befehlsebenen zu zeichnen. »Die zweite Ebene der Leute direkt unter den großen Bossen- das sind die cleversten und gefährlichsten Köpfe. Die sind phantasievoll, aggressiv und dynamisch. Sie haben neue Ideen und gehen skrupellos vor, während die großen Bosse an der Spitze nur in ihren Vorstandsetaghen hocken und die Gelder der einzelnen Filialen abkassieren«. Letzten Endes könnte die japanische Polizei zwar regelmäßig beachtliche Etappensiege erzielen, aber trotz aller Bemühungen diesen Krieg gegen die Yakuza nicht gewinnen: »Natürlich sind die Yakuza auch straff organisiert und operieren mit  einem rigiden hierarchischen Apparat. Aber sie sind doch flexibler als die Polizei und verfügen auch über erhebliche technische Ressourcen«. Wie schnell die Yakuza auf ökonomische Veänderungen reagieren könne man sofort am Beispiel Taiwans erkennen: »Früher hatten die Yakuza oft billige Killer aus Taiwan angeheuert und mit ihnen kooperiert, doch das ist jetzt vorbei, weil der Boom auch Taiwan erfasst hat, die Preise in die Höhe trieb und die Killer nun zu teuer sind. Jetzt können sich japanische Gangster diese Taiwan-Killer einfach nicht mehr leisten«.

Seine Anfangsphase als Autor war extrem schwierig, »hier in Japan sind Literaturpreise wichtig für das Renommé, wenn die mal ausbleiben, muss man den langen Atem haben und einfach weiter schreiben«. Osawa hat inzwischen zwar mehr als ein halbes Dutzend renommierte Preise erhalten, aber er weiß noch genau, wie miserabel er sich in einer Phase fühlte, als der Erfolg ausblieb: »Nach dem dreiundzwanzigsten Buch hatte ich mir vorgenommen, endlich den großen Knüller zu landen. Ich nahm mir anderthalb Jahre Zeit für gründliche Recherchen und schrieb dann Eiswald, doch das war keineswegs der große Durchbruch. Und dann las ich The Long Goodbye und andere  Chandler-Krimis, die mich auf die Idee brachten, seinen einsamen ´Tough  Guy´ Philip Marlowe mit meinem ´Hai von Shinjuku´ auf japanische Verhältnisse zu übertragen.«

Der Hai schwimmt seine zehnte Runde

Das war bisher ja ganz erfolgreich, aber seit dem ersten Samejima- Band von 1990 haben sich die Verhältnisse gerade auf dem Sektor der organisierten Kriminalität stark verändert. Die organisierte Kriminalität geht immer raffinierter bei Geldwäsche- und Internet-Aktivitäten vor und ist schwerer zu bekämpfen. Die Zeit der tätowierten Yakuza-Dumpfbacken ist vorbei, obwohl man als Bandenmitglied für grobes Fehlverhalten und für hohe Gewinneinbußen immer noch einige Finger abgehackt bekommt. »Ich muss also in den nächsten Bänden  darauf eingehen und kann mich nicht einfach auf den Samejima-Lorbeeren ausruhen«, meint Osawa.  Den zehnten Samejima- Band will er im nächsten Jahr ins Internet stellen- auf eine Seite, die sein Verlag sponsort und die von einer Million Lesern angeklickt wird. »Dazu erscheint dann eben auch das Buch und das wird hoffentlich besonders erfolgreich- schließlich feiere ich im nächsten Jahr mein 30-jähriges Berufsjubiläum als Autor!«

Samijimas  Freundin Sho, diese ebenso dynamische wie eigenwillige Rocksängerin, die ihre Texte selbst schreibt, wird im zehnten Band übrigens ihre eigenen Wege gehen und sich vom Hai trennen, wie der Autor schon vorab verrät: »Sie ist einfach zu erfolgreich und prominent geworden und ihr zickiges Promi-Verhalten passt nicht mehr zum Außenseiter Samejima«. Trotzdem wird der einsame Hai von Shinjuki weiterhin seine Bahnen ziehen, uns überraschende Einblicke in die japanische Polizei-und Gangster-Hierarchie bieten und vor allem spannenden, unterhaltsamen Lesestoff. Und auf seine lässige, eindrucksvolle Art  wird Arimasa Osawa weiterhin zeigen, wie man als Krimi-Autor die Untiefen einer hochindustrialisierten Gesellschaft sondieren und analysieren kann und viele tiefsinnige soziologische Thesen über die angeblich so konforme japanische Gesellschaft grauer Mäuse mit sensiblem Gespür für den richtigen Verbeugungswinkel ad acta legen kann …

Und nebenbei

»Samejima kommt gleich!«: Beim Spontan-Besuch an Samejiamas Arbeitsplatz im Polizeipräsidium von Shinjuku starrt der im dunklen Anzug und Nickelbrille wie ein emeritierter Professor wirkende, schwer seriöse Empfangschef zwar zuerst ungläubig den deutschen Besucher an, der hier ohne Voranmeldung hereinschneite und gern irgendeinen einen Kollegen von Kommissar Samejima sprechen möchte. Während er Neuankömmlingen Besuchsscheine für das Erledigen von Führerschein-Erneuerungen und Parkdelikten vergibt, konsultiert er telefonisch die höheren Instanzen, die in diesem hierarchischen Apparat alles zu entscheiden haben. Auslöser für diesen Besuch war  Osawas Hinweis auf seine Fans: Sein »Hai von Shinjuku« ist unter Polizisten, aber auch bei den Yakuza sehr beliebt und Osawa erhält viel Fan-Post- sogar Liebesbriefe aus dem Knast. Vielleicht kann man dazu direkt an Sameijimas Arbeitsplatz einen Kollegen befragen?

Nach mehreren Telefonaten und nach Vorlage der deutschen Visitenkarte und des Presseausweises wird der Besucher schließlich mit einem Passierschein ausgerüstet und in den zweiten Stock geschickt. Hier umringen ihn gleich sechs Polizeibeamte, darunter zwei freundliche, adrette Frauen. Ein uniformierter Polizist hat eine lange Liste in der Hand, begutachtet alle darauf verzeichneten Namen und befindet dann: »Einen Samejima haben wir nicht registriert, der arbeitet hier nicht mehr. Was wollen Sie denn von ihm?« Die große Konfusion kann nicht endgültig geklärt werden – ist Kommissar Sameijima wirklich nur eine Fiktion? Das Beamtensextett will es jedenfalls nicht glauben – der Besucher wird in eine Ecke auf die Besucherbank gebeten: »Samejima kommt gleich!« heißt es dann. Erst nach längerer Wartezeit und gründlicher Recherche erfolgt dann der mit großem Bedauern vorgebrachte Bescheid: »So einen Kommissar haben wir hier leider nicht«. Und dann ist der Empfangschef plötzlich wieder neben dem deutschen Sameijima-Fan: »Bitte melden Sie Ihre Interview-Wünsche in Zukunft rechtzeitig an. Dann entscheiden die Pressestelle, der Polizeipräsident und die entsprechenden anderen Stellen darüber, ob man Ihrem Wunsch stattgeben kann. Das kann allerdings einige Wochen dauern.« Ja, es ist eben nicht so einfach, den »Hai von Shinjuku«, der unermüdlich seine Runden zieht und als Yakuza-Jäger immer im Dienst ist, persönlich zu treffen.

Seiten-Funktionen: