Die Lieferantin von Zoë Beck

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2017 bei Suhrkamp.

  • Berlin: Suhrkamp, 2017. 350 Seiten.

'Die Lieferantin' ist erschienen als E-Book

In Kürze:

London, in einer nicht wirklich fernen Zukunft: Die Kugel, die in der Nacht einen Mann im Hafen tötete, war eigentlich für sie gedacht: Elliot Johnson. Sie leitet das heißeste Start-up Londons und zugleich das illegalste: Über ihre App bestellt man Drogen in höchster Qualität, und sie werden von Drohnen geliefert. Anonym, sicher, perfekt organisiert. Die Sache hat nur einen Haken die gesamte Londoner Unterwelt fühlt sich von ihrem Geschäftsmodell bedroht und will Elliot tot sehen. Ein Kopfgeld wird auf sie ausgesetzt. Elliot beschließt zu kämpfen ihre Gegner sind mächtig, und sie sitzen überall. Bei Scotland Yard, in den Gerichtssälen, im Parlament, in der Zentrale des Geheimdienstes. Und sie lauern an jeder Straßenecke.

Das meint Krimi-Couch.de: der Brexit ist Alltag 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Der Brexit ist Alltag. Die Kluft zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander, die Straßen gehören den »Rotweißblauen«, jenen wirrköpfigen und gewaltbereiten Nationalisten, die von der aktuellen Lage profitieren wollen und Jagd machen auf alles, was die falsche Hautfarbe und/oder Gesinnung hat. Dabei handelt es sich nicht nur tumbe Toren aus dem Prekariat, die Rotweißblauen setzen sich aus allen Bevölkerungsschichten zusammen, viele der begeisterten Jubelnazis stammt aus dem universitären Umfeld, das die dunkelhäutige Moraya Humphries, kurz Mo genannt, aus ihrer Studienzeit zur Genüge kennt.

Phrasendrescher garnieren ihre Worte gerne mit Gewalt

Ihre Bildung und elaborierte Sprache sind auf der Straße nichts mehr wert. Mo gehört zu denjenigen, »die sich dahin verpissen sollen, woher sie gekommen sind«. Wäre in Mos Fall Edinburgh, doch so meinen es die Phrasendrescher nicht, die ihre Worte gerne mit Gewaltakten garnieren. Mo, die Frau mit dem besten Jahresabschluss ihrer ehemaligen Schule, die erfolgreich Geoinformatik studierte und einen hochdotierten, wen auch geheimnisumwitterten Job hat, flüchtet. Doch nicht weg aus Brixton, sondern nach Innen. Reisemittel: Heroin, das sie allerdings raucht und nicht spritzt. Das Geld dafür verdient Mo locker.

Weniger gut betucht ist der Barbesitzer Leigh. Obwohl sein Laden sehr gut läuft, hat er finanzielle Sorgen. Was an dem Geldeintreiber Gonzo liegt, der Schutzgeld für die Gangstersippe Boyd kassiert. Erst in einem Rahmen, der Leigh genügend Spielraum zum Leben lässt, dann steigern sich seine Forderungen ins Unrentable. Was den eigentlich friedfertigen Leigh explodieren und Gonzo einzementiert im Kneipenboden enden lässt.

Später macht sich Leigh schwere Vorwürfe. Doch nicht nur wegen des Totschlags im Affekt, sondern weil ein Gangsterkrieg ausbricht, der auch Leighs Freunde und Bekannte in Mitleidenschaft zieht.

Suche nach dem Geldeintreiber endet mit einer Leiche

Der Boyd-Clan sucht nach dem verschwundenen Gonzo. Und geht dabei über Leichen. Vater Walter zieht die Strippen, Sohn Mick, der eigentliche Erbe, ist nur noch beratend tätig, also wird sein jüngerer Bruder Declan, Akademiker mit anfänglichen Ressentiments, auserkoren, die Dynastie weiterzuführen. Die Vermisstensuche mit all ihren Konsequenzen soll eine Art Einführung sein. Endet mit einem Toten, was große Probleme für Ellie Johnson, die titelgebende »Lieferantin«, mit sich bringt.

Denn der aus dem Leben geschiedene Jimmy Macfarlane war Ellies Zulieferer, die via Darknet Drogenbestellungen aufnimmt und mittels hochentwickelter Drohnen ausliefern lässt. Eine Technologie, die natürlich auch die Boyds interessiert. So treibt es die Beteiligten unweigerlich aufeinander zu, während England in Auflösung begriffen ist und auf der Straße Kämpfe toben. Keiner der Konflikte wird sich friedlich lösen lassen.

Der Brexit spaltet Großbritannien in unvereinbare Teile

»Die Lieferantin« ist eine beklemmende, spannende Mixtur aus Dystopie und Kriminalroman. Wobei die Dystopie an die Gegenwart andockt und diese konsequent weiter interpretiert. Der Brexit hat nicht nur die Briten auf sich selbst zurückgeworfen, er spaltet das Land in unvereinbare Teile. Sozialprogramme werden gekürzt, abgeschafft oder stumpf vergessen. Rassismus und Nationalismus prägen den Alltag. Können, Bildung und Kreativität spielen kaum eine Rolle mehr, wenn die Herkunft und Hautfarbe nicht stimmen. Die Regierung setzt weiterhin auf eine harte Linie und propagiert den »Druxit«, der den Drogenbesitz und -gebrauch nicht nur hart bestraft, sondern die Abhängigen auch selbst überlässt, indem ihnen jegliche Form der Unterstützung entzogen wird. Was auch die medizinische Versorgung betrifft.

Es fällt leicht, sich aktuell aktive Politiker*innen als Propagandisten dieser Maßnahme vorzustellen. Natürlich gibt es eine Gegenbewegung, die bei ihren Protesten gerne, und ohne großen Widerstand auflaufender Polizeikräfte, von den »Rotweißblauen« niedergeknüppelt wird. Todesfälle eingeschlossen. In solchen Momenten wird der Roman zur finsteren Satire, die realen Verhältnissen und Begebenheiten ihre Schärfe verdankt. Zoë Beck hat genau hingeschaut und bringt das passgenau in den Text ein, ohne es mit der Krimihandlung allzu hart kollidieren zu lassen.

Die auf einen Kampf zwischen dem Vertreter eines klassischen, patriarchalischen Gangsterclans und der modern und letztlich aus lauteren Motiven agierenden Lieferantin Ellie Johnson hinausläuft. Deren Beweggründe, neben einer florierenden Firma zur Hard- und Softwareentwicklung, eine Drogen-Drohnenflotte zu betreiben, man schlucken muss. Ist doch der Drogentod ihres Bruders, für den sich Ellie mitverantwortlich macht, Hauptauslöser unter die Rauschgifthändler zu gehen. Als Protest gegen die Versorgung mit gepanschtem und in seiner Wirkung kaum zu berechnendem Stoff.

Es fällt nicht ganz leicht, dieser Argumentationskette ohne Stirnrunzeln zu folgen. Dass Ellie ihren kleinen Drohnenverkehr aber mit weiteren und ganz anderen Hintergedanken vollzieht, ist glaubwürdig. Denn sie wendet die Möglichkeit zur grenzenlosen Überwachung konsequent gegen deren Befürworter an. Dieser Erzählpart um die Verwendung hochentwickelter, kaum vogelgroßer Drohnen führt zu einer scharfen Kritik des gerade von neoliberalen Polithasardeuren so gerne wie gehaltlos verkündeten: »Digital first, Bedenken second.«

Wütende Gesellschaftskritik und düsterer Gangsterthriller als stimmiges Mix

Zoë Beck gelingt es fast mühelos, die unterschiedlichen Themen in ihrem effizient geschriebenen Roman zu vereinen, ohne dass die Handlung von instruktivem Gebaren überlagert wird. Lediglich an wenigen Stellen neigt sie zum Dozieren. Wie in jenem ausführlichen Dialog, in dem sich Großdealer und Kundin über die Rauschmittel-Historie Edinburghs ausmähren. Wobei das vermittelte Wissen in diesen Passagen erhellend bleibt und dank Becks geschliffenem Stil nicht zur reinen Fußnote wird.

»Die Lieferantin« zeichnet sich per se durch gestalterische Ökonomie aus. Die Charaktere werden knapp und nachvollziehbar entwickelt, ausschweifende, seitenstreckende biographische Abschweifungen bleiben aus. Die verzweigte und verzwickte Handlung zerfasert nicht, sondern bewegt sich konsequent von unterschiedlichen Ausgangslagen zu ihren Kulminationspunkten. Wütende Gesellschaftskritik, düsterer Gangsterthriller und ein nicht zu unterschätzendes Maß an Komik (explizit der Part um den sorgenvollen Kneipier Leigh) ergeben ein stimmiges Ganzes, bei dem sich auch scheinbar widerstrebende Teile prächtig ergänzen.

Jochen König, August 2017

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goat zu »Zoë Beck: Die Lieferantin« 02.09.2017
London in der Zukunft. Der Brexit ist bereits vollzogen. Ellie Johnson hat ihren Bruder durch illegale, nicht saubere Drogen verloren. Sie wählt einen etwas ungewöhnlichen Weg, um andere junge Leute davor zu schützen: Sie verkauft selber Drogen über das Darknet, allerdings nur saubere Ware und diese wird durch Drohnen ausgeliefert. Mit dieser neuen Art des Drogenverkaufs macht sie sich unter den alten Hasen keine Freunde und es dauert nicht allzu lange, bis auf sie ein Kopfgeld ausgesetzt ist …

Zoe Beck hat zugegebenermaßen einen sehr gewöhnungsbedürftigen Schreibstil. Die ganzen unterschiedlichen Figuren haben mich zunächst noch etwas verwirrt. Zumal sie augenscheinlich alle nichts miteinander zu tun haben. Es hat etwas gedauert, bis ich alles durchblickt habe. Doch nach und nach konnte ich immer weiter in die Geschichte eintauchen. Drogen, Macht und Korruption. Die Autorin versteht zu fesseln. Besonders interessant fand ich die detaillierte Beschreibung der Drohnentechnik und dass es sich hier um Drohnen handelt, die eigentlich für den Krieg konzipiert sind. Ich bin mir nicht sicher, wie viel von dem, was Zoe Beck zu ihrem Thema gemacht hat, tatsächlich schon so eingetreten ist. Weit davon entfernt sind wir in der heutigen Zeit mit Sicherheit nicht und das finde ich schon sehr beängstigend.

„Die Lieferantin“ ist spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Dies war zwar mein erstes aber sicherlich nicht mein letztes Buch von Zoe Beck. Von mir gibt es vier Sterne.
maren78 zu »Zoë Beck: Die Lieferantin« 01.09.2017
Ich fand das Buch plätscherte über weite Strecken leider nur so dahin. Mir fehlte die gewisse Spannung zu einem Thriller.
Die Geschichte wird aus Sicht verschiedener Personen erzählt, was die Sache nicht gerade einfacher machte.
Es geht um Schutzgelderpressung, Drogen, Bandenkrieg und Rassismus.Elli, die ihren Bruder durch Drogen verloren hat, baut ein Netzwerkhandel mit Drohnen auf.
Was auf den ersten Blick als komplex und gut durchdacht erscheint, wird später ein heilloses Durcheinander und das nicht erst als die erste Leiche auftaucht.
Ich weiß nicht ob es am Thema lag, was ja durchaus aktuell ist oder einfach an der Art und Weise des Buches.
Bisher haben mich die Bücher von Zoe Beck immer überzeugen können, das kann ich in diesem Fall leider nicht behaupten.
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