Schakale in Shanghai von Xiaolong Qiu

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2015 unter dem Titel Shanghai Redemption, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei Zsolnay.
Folge 9 der Oberinspektor-Chen-Serie.

  • New York: St. Martin's Press, 2015 unter dem Titel Shanghai Redemption. 320 Seiten.
  • Wien: Zsolnay, 2016. Übersetzt von Susanne Hornfeck. 320 Seiten.
  • München: dtv, 2017. Übersetzt von Susanne Hornfeck. ISBN: 978-3423217064. 320 Seiten.

'Schakale in Shanghai' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Chen Cao ist nicht länger Oberinspektor beim Sonderdezernat, man hat ihn weggelobt. Wer die Gerechtigkeit über die Parteiinteressen stellt, landet schnell auf dem Abstellgleis und wird auch persönlich bedroht. Chens Dienstwagen fliegt samt Fahrer in die Luft; die Wohnung seiner Mutter wird verwüstet. Und seine neue Bekannte wird Opfer eines Mordanschlags. Chen muss sich fragen, wodurch er den Zorn der Mächtigen auf sich gezogen hat. Die kriminellen Verbindungen reichen vom Rotlichtmilieu bis in die Kreise des Ersten Parteisekretärs.

Das meint Krimi-Couch.de: »Intrigen und Korruption im Einparteienstaat« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Chen Cao ist ein ebenso aufrechter wie angesehener Polizist und daher zu Recht stellvertretender Parteisekretär des Shanghaier Polizeipräsidiums. Doch für den Oberinspektor der Sonderkommission läuft es gar nicht gut, denn plötzlich ist er nicht mehr im Polizeidienst, stattdessen wird er zum Direktor des Rechtsreformkomitees ernannt; eine vergiftete Beförderung, denn im Einparteienstaat steht das Wohl der Partei über allem. Ausgerechnet China in einen Rechtsstaat zu verwandeln ist daher ein unerreichbares, da gänzlich unerwünschtes Ziel. Vielmehr dient dieser Posten der Vorbereitung auf den Ruhestand. Chen will die Zeitnutzen, um sich um die Pflege des Grabes seines Vaters in Suzhou zu kümmern, doch plötzlich passieren merkwürdige Dinge.

»Niemand weiß, was aus Chen werden wird. Aber ein Neuanfang kann ihm nur guttun. Er war nicht glücklich auf seinem Posten. Als Parteimitglied und Oberinspektor war er Teil des Systems. Ist unter solchen Umständen verantwortungsvolle Polizeiarbeit überhaupt möglich?«

Chen wird zu einer Abendveranstaltung im Nachtclub Heavenly World eingeladen, wo der neue Gedichtsammelband von T. S. Eliot präsentiert werden soll. Chen, einer der Hauptübersetzer, ist Ehrengast und begibt sich daher erstmals in den riesigen Lusttempel, der sonst den Superreichen vorbehalten ist. Prostitution ist in China streng verboten, aber die Besitzer des Clubs haben beste Verbindung zur Stadtregierung, gelten als unantastbar. So wundert sich Chen nicht schlecht, dass er beinahe in eine Polizeirazzia geraten wäre, bis ihm klar wird, dass nicht dem Club, sondern einer bestimmten Person die Razzia galt: dem ehemaligen Oberinspektor. Chen muss handeln, wobei die Zeit drängt, denn bald tauchen die ersten Leichen auf …

Der achte Fall startet zunächst verhalten

Qiu Xiaolong beginnt seinen achten Fall der Oberinspektor-Chen-Serie recht verhalten. Es dauert lange bis ein erster Todesfall zu beklagen ist. Stattdessen leidet Chen zunehmend unter Verfolgungswahn, wobei ihm schleierhaft ist, wessen Unmut er womit hervorgerufen haben könnte. Ein Skandal um zahlreiche tote Schweine, ein toter Amerikaner und ein verschwundener ranghoher Parteikader bilden den Rahmen für Chens Ermittlungen, die sich schon bald mit weiteren Spuren und Vorkommnissen vermischen. Erneut an seiner Seite ist sein ehemaliger Mitarbeiter Yu, dessen Frau Peiqin, der Alte Jäger, Weiße Wolke und nicht zuletzt der Computerspezialist Melong. So weit so gut, doch wie erwähnt besteht die Crux vornehmlich darin, dass zunächst völlig unklar ist, wo denn der oder die vermeintlichen Gegner zu finden sind.

»Chen war versucht, bei Yu anzurufen, ließ es aber vorsichtshalber bleiben. Seien derzeitige Situation war durchaus mit einer Partie Go vergleichbar. Er befand sich in einer schwierigen Lage und wartete auf den nächsten Schlag, ohne zu wissen, wann, wo und warum er erfolgen würde.
Oder durch wen.«

Xiaolong zeigt das heutige China, in dem sich trotz Einparteienstaat, hinter den Kulissen gewaltige Machtkämpfe abspielen. Rechter gegen linker Parteiflügel, immer öfter dröhnen »rote Lieder«, mit denen zur Mao-Zeit die Kulturrevolution begleitet wurde. Je mehr Anhaltspunkte Chen findet, desto größer wird das Wespennest in das er stößt. Nicht nur parteiinterne Machtkämpfe lähmen das Land, sondern auch eine gewaltige Geldgier und Korruption. Nicht selten ist von »nackten Beamten« die Rede. Gemeint sind Parteikader, die ihr Geld und ihre Familie ins Ausland geschickt haben, um ihren eigenen Abgang vorzubereiten. Auch die Korruption ist ebenso hemmungs- wie grenzenlos. Gegen alle Vertuschungsversuche durch die Partei und deren Zeitungsorgan gibt es inzwischen jedoch eine wirksame Waffe: das Internet.

»Laut einer Quelle im Internet hat die Firma dem Eisenbahnministerium über zehntausend Yuan für einen speziellen Datenspeicher in Rechnung gestellt. Es handelte sich dabei um einen ganz normalen Memory Stick in einer Plastikhülle, wie man ihn für zwanzig Yuan im Supermarkt kaufen kann.«
»Diese Entscheidung wurde vom Eisenbahnministerium in Peking getroffen. Ich bin kein Elektronikfachmann, deshalb kann ich Ihnen dazu nichts sagen.«

Chen droht sich im Wirrwarr der Politik zu verlieren. Nur gut, dass er eine große Leidenschaft zur chinesischen Geschichte und Poesie hat, denn aus den alten Gedichten und Redensarten kann er nicht selten Hinweise auf die Gegenwart ableiten. Der Roman wird immer wieder durch Auszüge aus zum Teil jahrhundertealten Versen oder historischen Anekdoten angereichert, wodurch neben dem Krimispaß auch noch »intellektuelle Appetithäppchen« angeboten werden. Wer die Serie liebt darf unbesehen zugreifen und wer sich für Asien im Allgemeinen, China oder Shanghai im Besonderen interessiert kommt hier ebenfalls auf seine Kosten. Zahlreiche Einblicke in das Stadtleben und die Garküchen Shanghais, wo Leckereien wie Katzenfisch, stinkender Tofu oder Reisfeldaale zu den Delikatessen gehören, runden den stimmigen Plot ab, dessen Spannungskurve bis zum Ende hält.

Jörg Kijanski, Mai 2016

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Friesrich Hoepfner zu »Xiaolong Qiu: Schakale in Shanghai« 06.05.2016
Da wird einem Angst und Bange:
unser wackerer Kommissar ist selbst Gegenstand von Ermittlungen - natürlich geheime Untersuchungen, verbunden mit einer Honigfalle und einem Angriff auf seine greise Mutter.
Da hilft auch die Flucht auf den Friedhof nichts: Seine Verfolger werden nicht nachlassen, und ihm bleibt nur der Angriff als letzte Verteidigung.
Spannend wie immer, ein bisschen beklemmend, und voller Informationen über China.
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