Die Melodie der Geister von Xavier-Marie Bonnot

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 unter dem Titel Le Pays oublié du temps, deutsche Ausgabe erstmals 2015 bei Unionsverlag.
Folge 5 der Michel-de-Palma-Serie.

  • Paris: Actes Sud, 2011 unter dem Titel Le Pays oublié du temps. 350 Seiten.
  • Zürich: Unionsverlag, 2015. Übersetzt von Gerhard Meier. ISBN: 978-3293004849. 350 Seiten.

'Die Melodie der Geister' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Der Marseiller Polizeikommandant Michel de Palma, auch »Baron« genannt, soll Licht in den Fall des Mordes an Dr. Delorme bringen, der tot an seinem Schreibtisch aufgefunden wurde, vor ihm aufgeschlagen Freuds Werk Totem und Tabu. 60 Jahre zuvor hat der Wissenschaftler in Neuguinea den Einheimischen Schädel und Totenmasken abgekauft. Warum fehlt in Delormes Villa einer dieser Schädel? Während die Ermittlungen laufen, kommt es zu weiteren Verbrechen an Ethnologen und Kunsthändlern. Hat Michel de Palma es mit einem manischen Mörder zu tun? Seine Untersuchungen führen den opernbegeisterten, unbeugsamen, unberechenbaren Ermittler in die Tiefen der Marseiller Unterwelt aber auch nach Neuguinea und in die internationale Kunsthandelszene.

Das meint Krimi-Couch.de: »Packende Mischung aus Krimi und Kulturhistorie« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Während Polizeikommandant Michel de Palma seinen nächtlichen Bereitschaftsdienst schiebt erhält er einen anonymen Anruf. Dieser gibt sich als Einbrecher zu erkennen, der bei einem fehlgeschlagenen Beutezug auf eine Leiche gestoßen ist. Bei dem Toten handelt es sich um den 96-jährigen Dr. Fernand Delorme, ein weltweit anerkannter Facharzt, der offensichtlich durch einen gezielten Kopfschuss getötet wurde.

»Dieser Delorme war angeblich mit der halben Stadt befreundet und mit der anderen Hälfte verfeindet.«
»Wir wissen noch gar nicht, ob es überhaupt Delorme ist.«
»Meinetwegen, aber das ist nun mal sein Haus, und der Direktor hat ein Auge auf uns. Und dann hat er noch gemeint, dass wir erfolgsmäßig in letzter Zeit eher Scheiße am Arsch haben. Wortwörtlich hat er das gesagt.«
»Wie elegant!«

Delorme galt als großer Sammler von Totenschädeln primitiver Kulturen, wobei es ihm besonders Neuguinea angetan hatte. Nun fehlt ein solcher Totenkopf und auf Delormes Schreibtisch findet de Palma das Buch »Totem und Tabu« von Sigmund Freud. Die Obduktion bringt eine dicke Überraschung, denn von der vermeintlich tödlichen Kugel, welche den Doktor tötete, fehlt jede Spur ohne dass es ein Ausschussloch gibt. Dafür findet sich ein kleiner Holzsplitter eines offenbar sehr alten Schilfpfeiles.

»Soviel ich weiß, ist die primitive Kunst ein ziemliches Eldorado. Man zahlt drei Erdnüsse für eine kleine Figur oder eine Maske und verhökert sie zu Fantasiepreisen an Gutmenschen, die sich über das Elend in der Welt grämen.«

De Palma entdeckt in der Wohnung des Toten ein altes Logbuch, welches die Forschungsreise der »Marie-Jeanne« in der Mitte der 1930er Jahre beschreibt. Damals reiste der noch sehr junge Delorme zusammen mit einem Freund nach Neuguinea, um dort auf unentdeckte Ur-Völker zu treffen. Von diesen kauften sie Schädel und Totenmasken. Die Spuren führen in die Kunsthändlerszene, in der es schon bald weitere Morde geben wird. Erst als ein guter Bekannter von de Palma ermordet wird, kommen die Ermittlungen langsam voran …

Ein weiterer großartiger Fall aus der preisgekrönten Michel-de-Palma-Reihe.

Xavier-Marie Bonnot liefert mit Die Melodie der Geister einen weiteren vorzüglichen Fall für seinen Serienhelden Michel de Palma, der allerdings womöglich auch sein letzter sein könnte, denn in einem Jahr winkt der wohlverdiente Ruhestand. Den hat sich der Opernliebhaber und »Baron« genannte Topermittler der Marseiller Kripo redlich verdient, doch der vorliegende Fall verlangt ihm noch mal alles ab; schließlich kommen ihm hier sogar Geister in die Quere. Der Roman teilt sich im Wesentlichen in zwei Teile. Zum einen gibt es die aktuellen Mordermittlungen, zum anderen das Tagebuch über die Schiffsreise in den 1930er Jahren. So erfährt man vor allem in diesen (und anderen) Rückblenden sehr viel über das Volk der Papua.

»Was für eine Funktion haben die Flöten?«
»Sie spielen bei den Papua eine große Rolle. Sie werden für allerlei Festlichkeiten benützt, aber auch für Initiationsriten. Manche davon sind die Stimme der Geister.«
»Die Stimme der Geister?«
»Ja, und von Nichteingeweihten dürfen sie nicht gehört werden, sie sollen nämlich den Ursprung der Geisterstimmen nicht kennen.«
»Und wenn sie das doch tun?«
»Müssen sie sterben.«

Das Volk der Papua wird gerne mit Kopfjagd und Kannibalismus in Verbindung gebracht, zumindest bis zu deren mehr oder weniger erfolgreicher Christianisierung. Gekonnt verbindet Bonnot den Krimiplot mit einem informativen kulturhistorischen Hintergrund, der nicht nur Ethnologen begeistern dürfte. So erfährt man beispielsweise wie damals die Totenmasken in »Kunstwerke« verwandelt wurden, die in der westlichen Welt hohe Preise erzielen. Dabei wohnen in diesen Schädeln bekanntlich die Geister jener Menschen, die sie zu Lebzeiten bewohnt hatten. Ein Phänomen, mit dem auch de Palma konfrontiert wird. Zugleich führt hierdurch eine viel versprechende Spur in die Kunsthändlerszene, da offenbar primitive Kunst in Marseille verschoben wird. Damit wären wir dann auch beim Hafen von Marseille, der ebenso wie die ganze Stadt, eine heimliche Hauptrolle übernehmen darf und zugleich anschaulich und atmosphärisch beschrieben wird.

Neben der Entdeckung einer uns fremden Welt, gibt es auch wiederholt Verweise auf die Werke von Sigmund Freud, Claude Lévi-Strauss sowie der amerikanischen Anthropologin Margaret Mead, die einen (mehr oder weniger) wissenschaftlichen Bezug zur vorliegenden Geschichte haben. Nicht zuletzt gibt es zudem Neuigkeiten aus dem Privatleben des sympathischen Protagonisten. Dieser findet zurück zu seiner alten Jugendliebe und paukt für einen Segelführerschein, denn – wie schon erwähnt – der Ruhestand winkt. Für anspruchsvolle Krimileser wäre dieser ein herber Verlust.

Jörg Kijanski, September 2015

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walli007 zu »Xavier-Marie Bonnot: Die Melodie der Geister« 08.05.2016
Geisterflöte

In Marseile wird ein alter Kunstsammler tot aufgefunden. Ihm wurde eines seiner Sammelstücke aufs Gesicht gesetzt. Zunächst wird vermutet, er sei erschossen worden. Polizeikommandant Michel de Palma wird durch einen anonymen Anrufer zum Tatort gerufen. Er folgt den Tönen einer Flöte durchs Haus, doch weder eine Flöte noch ein Flötenspieler ist zu finden. Tief in die Vergangenheit des Opfers muss er eintauchen, um eine Spur zu finden. Der alte Mann war vor langen Jahren Teilnehmer einer Forschungsreise nach Papua Neuguinea. Mit dieser Reise wurde bei den Ureinwohnern nicht nur Gutes bewirkt und auch die Reisenden wurden für ihr weiteres Leben geprägt.

Kommandant de Palma, auch Baron genannt, macht sich auf den Weg, den Spuren zu folgen. Dabei trifft er seine Jugendliebe Eva wieder und er muss hinabsteigen in die Unterwelt Marseiles. Doch auch auf dem Parkett des internationalen Kunsthandels muss er sich zurechtfinden, denn die Artefakte des Toten waren begehrte Sammlerstücke. Intensiv beschäftigt sich der Ermittler mit einer unbekannten Welt der Kopfjäger, der Ureinwohner entrückter Regionen, die den Weg in die Moderne gegangen sind und dabei ihre Identität verloren haben. Ihre alten Riten und Gebräuche sind als barbarisch verunglimpft, die neuen können kein adäquater Ersatz sein.

Es wird Gutes gewollt, doch gute Absichten sind manchmal etwas, das zu gar keinem guten Ergebnis führt. Das muss hier auch der Kommandant erfahren und mit ihm der Leser, der sich in eine doch sehr ferne Welt begibt. Schon die Hafenstadt Marseile scheint sehr weit weg und Papua Neuguinea vor Australien gelegen, ferner geht es kaum. Und so befremdlich sind auch die beschriebenen Sitten, die zwar nicht nachvollziehbar sind, deren Ausrottung doch einem Verlust von Kultur gleichkommt. Die ehemaligen Naturvölker sind nur noch ein Schatten ihrer selbst, zu einem Dasein als Touristenattraktion verdammt. Mischlingen geht es allerdings wie überall auf der Welt, sie gehören nirgends richtig hin, eine Tatsache, die durchaus zu Verzweiflung führen kann. Ein Krimi, der verstört und sehr nachdenklich macht. Ausgesprochen gut dargestellt und recherchiert sind die Hintergründe, die schließlich zur Tat geführt haben, gespickt mit vielen Informationen über nahezu unbekannte Völker und Kulturen, gerät der Fall ein wenig in den Hintergrund. Dennoch ein Krimi, der aus seine Art aus dem Rahmen fällt und gerade durch seine Andersartigkeit fesselt.
Ralf Rosenfeldt zu »Xavier-Marie Bonnot: Die Melodie der Geister« 15.11.2015
Ich frage mich nur, weshalb nicht mehr Romane von Bonnot ins Deutsche ¨bersetzt werden. Sowohl die "Melodie der Geister" als auch den "grossen Jäger" konnte ich nicht mehr aus der Hand legen. Spannung und Bildung in einem Buch so hervorragendvereint, findet man selten - zumal es hier "Bildungsinhalte" sind, mit denen ich mich normalerweise nicht beschäftige. Sehr gekonnt.
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