Kalte Stille von Wulf Dorn

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2010 bei Heyne.

  • München: Heyne, 2010. ISBN: 978-3-453-26686-5. 448 Seiten.
  • München: Heyne, 2012. ISBN: 978-3-453-43403-5. 448 Seiten.
  • [Hörbuch] Köln: Bastei Lübbe, 2010. Gesprochen von David Nathan. ISBN: 3-7857-4439-0. 6 CDs.

'Kalte Stille' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuchE-Book

In Kürze:

Wenn die Stille zum Alptraum wird …Eine Tonbandaufzeichnung, die in abrupter Stille endet – unerträglicher Stille. Mehr ist Jan Forstner von seinem kleinen Bruder nicht geblieben. Vor dreiundzwanzig Jahren ist Sven spurlos verschwunden. In derselben Nacht verunglückte auch sein Vater unter rätselhaften Umständen. Beide Fälle konnten nie aufgeklärt werden. Als Jan gezwungen ist, an den Ort seiner Kindheit zurückzukehren, holt ihn die Vergangenheit wieder ein. Der Psychiater Jan Forstner leidet seit dreiundzwanzig Jahren unter dem mysteriösen Verschwinden seines damals sechsjährigen Bruders Sven. Nur ein Diktiergerät, das die beiden Jungen in jener Nacht bei sich hatten, ist Jan geblieben. Darauf ist Svens Stimme zu hören, die in abrupter Stille endet. Seither kann Jan keine Stille mehr ertragen und wird von Alpträumen geplagt. Ein weiteres Rätsel gibt der Unfall von Jans Vater auf, der in derselben Nacht verunglückte, nachdem er wegen eines Anrufs mit unbekanntem Ziel aufgebrochen war. Nach einer schweren Krise erhält Jan die Chance für einen beruflichen Neuanfang in der Klinik seines ehemaligen Heimatortes. Dort wird Jan mit einem mysteriösen Selbstmordfall konfrontiert. Gemeinsam mit der Journalistin Carla Weller kommt er einem Geheimnis auf die Spur, das sich seit vielen Jahren hinter den Klinikmauern verbirgt. Ein Geheimnis, das Jan zurück in seine Vergangenheit und auf die Spur des Täters führt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Abgründe der menschlichen Seele« 100°Treffer

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Steigerung beim zweiten Roman

Man sagt Psychologen und vor allem Psychiatern gerne nach, sie hätten diese Fächer nur studiert, weil sie selbst psychische Probleme haben. Ob das stimmt, kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall scheint es hilfreich zu sein, als Insider Einblick in den Klinikalltag zu bekommen, wenn man einen Psychothriller über die krude Gedankenwelt von Geisteskranken und die Verhältnisse in geschlossenen Abteilungen schreiben will. Wulf Dorn erfüllt als langjähriger Mitarbeiter einer psychiatrischen Klinik diese Voraussetzung, und nachdem sein Debüt-Roman Trigger schon ein echter Treffer war, gelingt ihm mit Kalte Stille noch mal eine Steigerung.

Nächtliche Alpträume

Der Psychiater Jan Forstner leidet seit 23 Jahren unter dem mysteriösen Verschwinden seines damals 6-jährigen Bruders Sven. Jan war mittenin der Nacht in den Stadtpark gegangen, um dort die Geisterstimme eines verstorbenen Mädchens aufzunehmen – er hatte in einem Buch davon gelesen. Um zu urinieren, geht er kurz ins Dickicht, und bei seiner Rückkehr ist sein kleiner Bruder verschwunden. Nur das Diktiergerät, das die beiden Jungen bei sich hatten, steht noch auf der Bank. Darauf ist Svens Stimme zu hören, die in plötzlicher Stille endet. Seither kann Jan keine Stille mehr ertragen, und wird von nächtlichen Alpträumen geplagt.

Menschliche Abgründe

Ein weiteres Rätsel ist der tödliche Verkehrsunfall seines Vaters, der in jener Nacht wegen eines Telefonanrufs mit unbekanntem Ziel aufgebrochen war. Nach einer schweren Krise – er hatte bei einem Therapiegespräch einen Sexualstraftäter angegriffen – erhält Jan die Chance für einen beruflichen Neuanfang in der Klinik seines Heimatortes. Der Chefarzt war mit seinem Vater befreundet, und will dem jungen Arzt eine zweite Chance geben. Kurz nach seiner Rückkehr in die Heimat wird Jan mit einem mysteriösen Selbstmord konfrontiert, eine junge Frau stirbt in seinen Armen. Gemeinsam mit der Journalistin Carla Weller und dem Freund der Toten kommt er einem Geheimnis auf die Spur, das sich offenbar seit vielen Jahren hinter den Mauern des örtlichen Irrenhauses verbirgt. Ein Geheimnis, das Jan ungewollt zurück in seine persönliche Vergangenheit und auf die Spur des skrupellosen Täters führt. In einem furiosen und höchst überraschenden Finale werden viele lose Fäden zusammengeführt. Bis dahin wird der Leser bei sich steigernder Spannung durch zahlreiche menschliche Abgründe geführt und lernt am Rande die gnadenlose Soziographie einer Kleinstadt kennen.

Leiden schafft Faszination

Kann das Verschwinden eines Bruders und der ungeklärte Tod des Vaters den weiteren Lebensweg eines Menschen so vollständig prägen? Offenbar schon. Zumindest klingt die Schilderung bei Wulf Dorn absolut glaubwürdig. Mit Jan Forstner präsentiert der Autor eine Hauptfigur, die den Leser in ihr Innerstes blicken lässt. Und es ist nicht immer angenehm, was es da zu sehen gibt. Die Figur des jungen Psychiaters mit seiner geradezu krankhaften Suche nach Erklärungen für die schrecklichen Ereignisse der Vergangenheit wirkt absolut glaubwürdig – geradezu erschreckend authentisch. Der Leser leidet mit, wenn er sich denn von den Schilderungen berühren lässt. Und er hofft mit Jan irgendwie auf positive Erkenntnisse und Lösungen. Mitleid und Mitgefühl kommen da auf, aber nicht nur mit Jan Forstner. Auch andere Figuren müssen herbe Schicksalsschläge einstecken, die Geschichte strotzt geradezu davon. Das macht aber auch einen Grossteil der Faszination des Buches aus.

Starker Tobak sorgt für Spannung

Wenn ein Roman-Autor seine Protagonisten leiden lässt, ist das immer ein schwieriges Unterfangen. Denn es gilt einen schmalen Grad zwischen Übertreibung und Glaubwürdigkeit nicht zu überschreiten. Zuweilen ist man geneigt, etwas die Stirn zu runzeln, aber Wulf Dorn schafft es immer wieder, die Kurve zu einer nachvollziehbaren Fortsetzung zu bekommen. Die vorgeführten Morde und Suizide sind starker Tobak, aber dadurch wird die Spannungskurve fast schon unerträglich hoch gehalten. Und der Leser ist vor allem nie vor neuen Wendungen und Überraschungen sicher. Neben den interessanten Charakteren sind die subtil eingestreuten falschen Spuren eine der großen Stärken des Autors. Wer zur Mitte des Buches glaubt, den Bösewicht zu kennen, erlebt später eine absolute Überraschung. Ich habe immer geglaubt, 100 Grad kann man für ein Buch eigentlich nicht vergeben. Wulf Dorn hat mich eines Besseren belehrt – und ich freue mich jetzt schon auf seinen nächsten Thriller.

Andreas Kurth, Oktober 2010

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ottiliekern zu »Wulf Dorn: Kalte Stille« 02.04.2012
Der Untertitel könnte sein: Leichen pflastern seinen (Lebens-)Weg. Der Autor kann sicherlich schreiben; aber wirklich glaubwürdig ist die Story nicht; die Figurenführung mutet etwas altmodisch an.
Bei mir ist das Buch auf dem Stapel der Bücher gelandet, die ausgemustert werden, um Platz zu erhalten für echt Lesenswertes - im Sinne "lohnt sich, wieder gelesen zu werden".
detno zu »Wulf Dorn: Kalte Stille« 07.10.2011
100° des Rezenten erscheinen mir etwas viel, da das Werk einige Ungereimtheiten aufweist und dem Leser/dem Hörer einige offene Fragen nicht beantwortet.

Spannend und unterhaltsam ist dieser Thriller aber allemal, zumal das Hörbuch (6 CDs) von einem exellenten Sprecher vorgetragen wird: David Nathan. Mit seiner ruhigen Stimme könnte er auch eine Hörbuchversion des Telefonbuchs zum Erfolg führen.

431 Minuten lang feinstes Hörbuch-Kino.
Rybark zu »Wulf Dorn: Kalte Stille« 18.02.2011
Auch das zweite Werk von Dorn, war wieder ein echter Volltreffer.
Eine Geschichte die packend geschrieben und von der ersten bis zur letzten Seite pure Spannung bietet.
Ein Buch, daß den Namen Thriller zurechtträgt und nichts für schwache Nerven ist.
Wer Thriller liebt,kommt an Dorn nicht vorbei.
Warte schon gespannt auf das nächste Buch.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
PageTurner zu »Wulf Dorn: Kalte Stille« 15.02.2011
Also ich kann mich dem Rez. gar nicht anschließen. Ich hatte bereits auf CD 1 der Hörbuchversion den Verdacht, der sich als richtig erwiesen hat. Insgesamt finde ich die Geschichte grauenhaft konstruiert. Faszination will bei mir da nicht aufkommen. Allerdings hat es im Mittelteil auch eine spannende Phase - die just einsetzte, als ich nahe dran war, aufzuhören...
HeJe zu »Wulf Dorn: Kalte Stille« 31.12.2010
Eigentlich hatte ich mir mehr erwartet, da für dieses Buch geworben wird, dass es besser sei, als Trigger.

Nun, besser war es meiner Meinung nach nicht. Die erste Hälfte des Buches ist lahm, langatmig und anstrengend zu lesen. Doch ab der zweiten Hälfte wird es zunehmend besser, ich würde sogar sagen, spannend. Wie auch bei Trigger versteht es Wulf Dorn, genügend Verwirrung und Rätselreichtum zu stiften, sodass der Leser immer wieder darüber nachdenkt, wer der Täter sein könnte. Das macht das Lesen zum Ende des Buches wirklich spannend. Die Auflösung ist raffiniert, wenn auch etwas abstrus. Manchmal ist weniger mehr, lieber Herr Dorn.

75 Grad
Holger zu »Wulf Dorn: Kalte Stille« 21.12.2010
Auf dem Weg zum dritten Arbeitstag in seiner neuen Klinik in seiner alten Heimatstadt in der er seinen Bruder (Entführung), seinen Vater (Autounfall) und seine Mutter (Selbstmord) innerhalb von kurzer Zeit verloren hat, wird ein junger Doktor quasi Zeuge eines Selbstmordes. Opfer ist eine Patientin gerade dieser Klinik, in der auch sein Vater gearbeitet hat. In den 23 Jahren dazwischen ist nichts passiert und der Selbstmord hat auch nichts mit seiner Rückkehr zu tun(!), aber innerhalb von einer Woche ist alles gelöst! Dazwischen noch ein unterirdischer immer noch bestückter(!) Munitionsbunker aus dem zweiten Weltkrieg, den man bei der Suche nach dem vermissten Sohn und in der Zwischenzeit natürlich nicht entdeckt hat. Unser Held findet ihn nach zwanzig Minuten. Was glauben Sie, welches Ende der Bunker nimmt? Ich könnte noch lange weitermachen...Wieder ein Buch der Sorte, die nur darauf aus ist, Bilder im Leser(Hörer) anzudeuten, die dieser schon aus amerikanischen Spielfilmen kennt. Aber das ist noch nicht einmal das Problem. Hier hat es darüber hinaus noch den Anschein, als ob sich der Autor eines Baukastens dieser Elemente bedient und diese dann wild und fast zusammenhanglos aneinandergereiht hätte. Wie man auch viel absurder erscheinende Handlungsstränge am Ende nachvollziehbar und logisch auflöst, sollte der Autor z.B. einmal bei Harlan Coben nachlesen.
Chrisu zu »Wulf Dorn: Kalte Stille« 10.12.2010
Jan Forstner kommt nach 23 Jahren wieder zurück nach Fahlenberg zurück, um dort eine Stelle in der psychiatr. Klinik anzutreten. Er bekam aber nur die Stelle unter der Bedingung, sich einer Therapie zu unterziehen, um die Ereignisse in seiner Kindheit abzuschließen und die Vergangenheit ruhen zu lassen. Aber so einfach kann man das Geschehen von Damals nicht wegschließen und durch einige Vorfäller kommt alles wieder zum Ausbruch und Jan schlittert in einen Sog der Vergangenheit, der aber auch die Wahrheit ans Licht bringt. Ein Thriller, der die Bilder der Vergangenheit nicht ruhen läßt. Manche Ereignisse werden sehr verworren dargestellt und man verliert dadurch den Bezug zu den Personen. Und auch das Ende ist ziemlich verworren und man fragt sich, warum die Polizei nicht eher in diese Richtung ermittelt hat. Das Buch ist interessant, aber es läßt viele Fragen offen.
Torsten zu »Wulf Dorn: Kalte Stille« 06.11.2010
Ohne Zweifel ein hervorragendes Buch, weil es erfüllt was man von einem guten Buch erwartet: Von Anfang an will man wissen was damals (und aktuell) passiert ist und liest daher beständig und gespannt weiter.
Zwar finde ich die von Andreas Kurth erwähnten eingestreuten falschen Spuren nicht gerade subtil sondern zuweilen zu aufgesetzt und der geübte Krimileser hat nach dem ebenfalls erwähnten ersten und falschen Verdacht doch sicher auch schnell einen richtigeren Verdacht, aber das tut der Spannung keinen Abbruch. Es werden viele lose Fäden gespannt und am Ende auch sehr schön wieder zusammengeführt; ein sehr schön durchdachtes und hochspannendes Buch.
Gerade deswegen allerdings hat mich eine Unstimmigkeit doch gestört die aus der ansonsten gut durchkonstruierten Logik abfällt: Jan erinnert sich, dass die Tankstelle samt Spielwarenladen nach Svens Verschwinden geschlossen wurde - und einige Seiten später erzählt Rudi ausführlich, dass beides bereits zwei Jahre früher nach einem anderen Vorfall geschlossen hätte. Das hat zwar für die hauptsächlichen Fragen keinerlei Bedeutung, störte mich aber.
Marius zu »Wulf Dorn: Kalte Stille« 12.08.2010
Wenn Stille zu laut wird ...

„Kalte Stille“ – hinter diesem synästhetischen Titel verbirgt sich der zweite Psychothriller aus der Feder Wulf Dorns, seines Zeichens Psychiaters und angehender Beststellerautors.
Jan Forstner hat es in seinem Leben bisher nicht leicht gehabt. Verschwand sein kleiner Bruder Sven eines Nachts spurlos aus einem verschneiten Tag, ereilte seinen Vater am nächsten Tag der Tod, als er mit seinem Auto auf der Landstraße verunglückt. Beide Taten konnten nicht aufgeklärt werden und so lebt Jan schon jahrzehntelang mit der Ungewissheit über den Verbleib seines Bruders. Nur eine Kassette mit aufgezeichneter Stille ist ihm geblieben, auf der sein Bruder kurz zu vernehmen ist.
Er hat ebenso wie sein Vater den Beruf eines Psychiaters ergriffen und setzt sich mit pädophilen Straftätern auseinander. Da er bei seinem letzten Fall handgreiflich geworden ist, verlor er seinen Posten und findet nur noch in seiner Heimatstadt, mit der das Schicksal seiner Familie eng verknüpft ist, in der Klinik seines verstorbenen Vaters Anstellung. Schon bald merkt er, dass in der Klinik merkwürdige Dinge vor sich gehen müssen, da Akten verschwinden und Patienten Selbstmord begehen …
Ich hatte bisher noch nichts von Wulf Dorn gelesen und war äußerst positiv überrascht, als ich mit der Lektüre begann. Statt, wie vorwiegend bei amerikanischen Thrillern, auf Tempo und Action zu setzten, lässt sich Wulf Dorn Zeit und erzählt langsam und in Rückblenden von der Vergangenheit Jan Forstners und der seiner Familie. Andreas Eschbach, selber ein von mir hoch geschätzter Schrifsteller, bemerkt auf dem Klappentext, dass Wulf Dorn der „geborene Erzähler“ ist. Dem kann ich nur vorbehaltlos zustimmen! Ruhig erzählt er vom kleinen Städtchen Fahlenberg und dessen Bewohnern. Bei manchen Episoden, die Dorn ganz nüchtern schildert, musste ich schon schlucken, z.B. als er aufzeigt, wie ein erfolgreichen Tankstellenbesitzer nur durch Rufmord der ehrenwerten Bürger ein abgezehrter Alkoholiker wird. Gekonnt dröselt er seinen Plot langsam auf, legte falsche Spuren und hat den Leser immer in der Hand und spielt mit seinen Empfindungen.
Was mir an diesem Thriller besonders an die Nerven ging war der latente Bezug zur Pädophilie, der eingedenk Jans Beruf immer mitschwingt und der aktuell wie nie ist, wenn man die Schlagzeilen rund um die katholische Kirche in den letzten Monaten verfolgte.
Sollte man einen vom Schreibstil vergleichbaren Autoren suchen, wäre dies unzweifelhaft der Autor Sebastian Fitzek, der seine Protagonisten ebenso wie Wulf durch ein Komplott voller Wendungen und falscher Fährten hetzt.
Fazit: Ein hochspannender und berührender Thriller, der mich zu keiner Zeit kalt gelassen hat.
5 von 5 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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