Der Brenner und der liebe Gott von Wolf Haas

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 bei Hoffmann und Campe.
Folge 8 der Simon-Brenner-Serie.

  • Hamburg: Hoffmann und Campe, 2009. ISBN: 978-3-455-40189-9. 223 Seiten.
  • München: dtv, 2011. ISBN: 978-3423212823. 221 Seiten.

'Der Brenner und der liebe Gott' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Es ist wieder was passiert, und diesmal ist der Simon Brenner, zumindest teilweise, Schuld daran. Denn der Brenner ist jetzt nicht nur Ex-Polizist und Ex-Detektiv, der Brenner ist jetzt auch Ex-Chauffeur vom Bauunternehmer Kressdorf und seiner Frau. Zuvor hat er als »Herr Simon« in einer Tankstelle gestanden und einen doppelten Espresso getrunken, weil ihm der Kaffee wegen der Tabletten immer wichtiger geworden ist. Und als er dann wieder zurück zu seinem Wagen gekommen ist, war der leer. Drinnen hat aber vorher die Helena in ihrem Kindersitz gesessen. Und durch die Entführung der Helena kommt dann eine fast mythische Geschichte ins Rollen, an deren Ende sieben nicht gerade appetitlich ermordete Leichen liegen. Mit dem Erzähler von Der Brenner und der liebe Gott könnte man fast sagen: Der Trojanische Krieg ist nichts dagegen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Brenner lebt, weil er nie tot war« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Thorsten Sauer

Nach sechs erfolgreichen Bänden ließ Wolf Haas seinen Brenner sterben – dachten und schrieben viele. Ob es daran lag, dass jene, die den Tod des schrulligen Polizisten verkündeten, den sechsten Band nicht aufmerksam zu Ende gelesen haben oder einfach Wolf Haas skurrilen Einfallsreichtum unterstützten, lässt sich abschließend nicht sicher sagen. Wolf Haas persönlich hat aber nie einen Zweifel daran zugelassen: der Brenner war nie tot, der Erzähler musste dran glauben!

Das macht die Eröffnung des siebten Bandes – den es nach Aussage des Autors eigentlich nie geben sollte – wesentlich einfacher. Es ist keine gezwungene Wiederbelebung notwendig, da der Brenner nie weg war, sondern nur den Job gewechselt hat, und der Erzähler plappert im Jenseits genauso munter wie im Diesseits.

»...wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen«

Der Brenner hat es nach dem Ausscheiden aus dem Polizeidienst eigentlich recht gut getroffen: Er wurde Fahrer für den Bauunternehmer Kressdorf. Das heißt, eigentlich nicht direkt für den Kressdorf, sondern für dessen zweijährige Tochter. Der kressdorfsche Firmensitz ist in München und Kressdorfs junge Frau betreibt in Wien als Ärztin eine Abtreibungsklinik. Die Beziehung findet daher, geographisch gesehen, in der Mitte, in Kitzbühl, statt. Nur die Tochter führt das für Fernbeziehungen typische Pendlerleben und verbringt daher mehr Zeit mit dem Herrn Simon, so wird der Brenner im Ruhestand von seinen Arbeitgebern genannt, auf der Autobahn als bei ihren Eltern. Brenner liebt das zweijährige Mädchen und genießt seinen neuen Job, dem er so gewissenhaft wie möglich nachgeht. Bis auf einmal, als er vergisst vor dem Fahrtantritt Richtung Österreich zu tanken. Er steuert gemeinsam mit Helena die Raststätte an und besorgt beim Bezahlen noch schnell Schokolade für die Kleine. Höchsten fünf Minuten lässt er das Mädchen aus den Augen, doch die genügen. Als er zurück zum Wagen kommt, ist Helena verschwunden. Entfürt und Herr Simon trägt die Mitschuld. Untätig mit dem Schicksal hadern geht da natürlich genauso wenig, wie weiter als Chauffeur für die Kressdorfs zu arbeiten. Er wird entlassen und widmet sich – jetzt wieder als Brenner – der Aufklärung des Falls.

»Pass auf, ob du es glaubst oder nicht...«

Häufig ist es so eine Sache mit den Heimat- oder Lokalkrimis. Da wird ein nur mühsam unterdrückter Dialekt schnell zur künstlerischen Ausdrucksform stilisiert, obwohl die Grenzen offensichtlich und der persönlich Stil nicht mutig, sondern hölzern ist. Haas geht da seit jeher nicht nur einen Schritt weiter, sondern er überzeichnet mit offensichtlichen Fehlern die Sprache und trifft doch unverkennbar den Ton der Umgangssprache. Das gelingt ihm auch dadurch, dass er nicht nur sprachlich unverkennbar eigene Wege beschreitet, sondern auch erzählerisch. Er stellt dem allwissenden Erzähler den »besserwissenden« Erzähler entgegen.

Ähnlich wie die »Shopsäufer« der Raststätte, die als einzige Augenzeugen des Verbrechens nichts aber doch alles besser wissen, drängt der Erzähler dem Leser »seine« Sicht der Dinge auf. Haas schafft sich mit diesen Kunstgriffen eine Spielwiese des Erzählens in der er sich nach Herzenslust austobt. Die Krimihandlung tritt dabei zwar ein wenig in den Hintergrund, Wolf Haas vergisst oder vernachlässigt sie aber keineswegs. Er hat nur einfach spürbar Spaß daran, scheinbar unvereinbare Elemente auf einen Haufen zu werfen, mit seiner Phantasie zu vermengen und dann zu erleben, was sich daraus Verwertbares entwickelt. So lernen wir vom Erzähler, dass es einen unabänderlichen zeitlichen Zusammenhang zwischen »dem sexuellen« und dem Entstehen menschlichen Lebens gibt, um postwendend mit Brenner den Gegenbeweis zu erleben. Geburt und Empfängnis in umgekehrter Reihenfolge, das geht tatsächlich, genauso wie die Begegnung mit dem Lieben Gott, während man bis über beide Ohren in der Scheiße steckt. Wer bei Letzterem allerdings glaubt es handele sich um eine derbe Metapher, der irrt und unterschätzt Wolf Haas Ideenreichtum gewaltig. Sprache, Humor und die spezielle Interpretation des Krimigenres sind nicht jedermanns Sache, doch völlig unzweifelhaft hat sich Wolf Haas mit Brenner und der Liebe Gott endgültig an die Spitze der deutschsprachigen Krimiautoren geschrieben. Man muss den Brenner und Haas nicht unbedingt lieben aber man muss sie gelesen haben und man wird es nicht bereuen.

Thorsten Sauer, November 2009

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Jossele zu »Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott« 11.10.2017
Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott

Haas leibt man oder man hasst ihn, dazwischen gibt es, glaube ich nichts. Ich liebe ihn, aber ich kann nachvollziehen, dass es einem reinen Krimifan schwerfällt mit der Ausdrucksweise und Erzählweise des Autors klarzukommen. Denn auf die muss man sich in der Tat einlassen (wollen). Dann aber erwartet den Leser ein Feuerwerk an oft schwarzen Pointen, ein Sammelsurium kurioser Weisheiten und eine schöne Geschichte, die – gemessen an der Realität – skurril ist, aber in sich schon sehr logisch bis zum Ende. Sehr lesenswert. 90°
uknig zu »Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott« 15.12.2014
Es war mein „erster Wolf Haas“ und manchmal empfand ich den Sprachstil des Autors schon ein wenig anstrengend. Weil dieser abschweifende Stil einige Male die Lektüre ein wenig erschwert.
Aber das Positive überwiegt und dazu zählt eben auch die humorige Art des Autors. Diesen Schmäh mag ich ja bei vielen Österreichern. Die Story ist schön abgründig, voller schwarzem Humor und interessanter Charakteren. Hinzu kommen ein paar netten Wendungen. Das war definitiv nicht mein letzter Wolf Haas.
vifu zu »Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott« 04.05.2014
Oh, wie schade, jetzt hab ich ihn ausgelesen! Das war wieder ein hochgradiges Lesevergnügen, zum laut los lachen und gleichzeitig die Satzgebilde vom Haas genießen.
Wie der sich durch diese Story schraubt/schreibt, daß ist schon atemberaubend!Dieses Buch zu verschenken geht eigentlich gar nicht! Behalten und nochmal lesen und sich die Details auf der Zunge zergehen lassen :-))
Hab ich noch nie vergeben, das sind brillante 95°!
Krimifux zu »Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott« 15.03.2012
Kennen Sie eine Südtirolerin? Dann schenken Sie ihr dieses Buch. Dasselbe sollte für alle Ex-Polizisten und Chauffeure, Abtreibungsgegner und Abtreibungsärzte, Austrophilen und Österreicher, Baulöwen und Almhüttenbesitzer in Ihrem Bekanntenkreis gelten. Und wenn Sie niemanden kennen, dem Sie den neuesten Brenner-Roman von Wolf Haas schenken können, dann lesen Sie ihn selbst: Brenner rockt!
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Jacqueline zu »Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott« 05.09.2011
300 Zeichen sind zuviel für dieses Buch - Wer Freude an der deutschen Sprache hat; ihre Unter und -Abarten via Brenner neu durchfahren will, soll "Der Brenner und der liebe Gott" lesen, weil als Nebeneffekt geistreiche Unterhaltung praktisch gratis dazu. Haas schafft es in diesem Buch auch mit viel weniger. Weniger ist mehr-> Eine fantatische, lustige und einmalige Geschichte, die mich zum Lachen und Weinen gebracht hat - göttlich.
Susanne1410 zu »Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott« 22.03.2010
Unglaublich, aber Haas schafft es als einer der wenigen, abzuschweifen und dabei auf den Punkt zu kommen. Man kann "Der Brenner und der liebe Gott" eigentlich nicht beschreiben, man muss es lesen, und dabei trotz einiger Grauslichkeiten einfach schallend lachen. Das Buch ist, vor allem für gelernte Österreicher, ein Hammer, ich zumindest hatte zu absolut jeder Figur (und insbesondere zum Bankdirektor) ein Pendant aus Wirtschaft, Politik oder Seitenblicke-Gesellschaft vor Augen (was beim Bankdirektor so weit ging, dass ich schon die Namen vertauschte, wer das Buch gelesen hat, wird verstehen was ich meine).
Ich kann nur sagen: Ein Haas, wie man ihn sich wünscht. Ab in die Buchhandlung, kaufen und dann: eintauchen ;o)
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Johanna zu »Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott« 03.02.2010
"Der Brenner und der Liebe Gott" ist der zweite Brenner Krimi den ich lese. Der erste war der ganz erste Brenner Roman "Auferstehung der Toten". Auch der hat mir schon gut gefallen- sonst hätt ich mir ja nicht ein weiteres Buch zugelegt. Aber "Der Brenner und der Liebe Gott" gefällt mir nochmal um ein Eckchen besser. Vielleicht liegts aber auch daran, dass ich mich auch erst ein bischen in die Brenner Krimis einlesen musste. Bei spannenden Büchern werd ich ja oft zum schlampigen Leser und fliege sehr schnell über die Zeilen um endlich rauszufinden wer denn nun der Mörder ist. Diese Strategie geht bei den Brenner Büchern nicht so recht auf. Da muss ich dann oft Straflesen, nochmal ein paar Seiten zurückblättern. Auch gedankliche Abschweife beim Lesen wird bei den Brenner Romanen bestraft- dann kommt man schnell nimmer mit. Schuld daran ist natürlich der Erzähler. Ein richtiges "Gscheitloch". Der kommt ja auch immer vom Hundertsten ins Tausendste, da muss man schon sehr konzentriert sein damit man nicht auch abschweift und den roten Faden behält. Aber das ist ja grad der Witz. Also seit ich meine Lesestrategie angepasst hab, bin ich so mitten drin in den Brenner Büchern, mit dem Erzähler auf du und du, gefesselt von seinen Gedankensprüngen und Assoziationen... Also mein Tipp langsam lesen und auf der Zunge zergehen lassen!!!
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Angelo zu »Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott« 13.12.2009
Man muss Wolf Haas lesen! Der neueste Roman ist einfach genial entwickelt und geschrieben, nicht bloss so genannte "Kult-Schreibe", was immer das heissen mag.
Und es stimmt: Die Handlung tritt manchmal in den Hintergrund, aber die verworrenen, überraschenden Gedankenverwicklungen des Brenner entwickeln einen lustvollen Sog, der einen genauso fesselt.
Frische, witzige, sprachspielerische Unterhaltung, nicht ohne Tiefgang, und und und ... - Was will man mehr?!
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mase zu »Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott« 28.09.2009
Der Expolizist und Exdetektiv Brenner arbeitet heute als Chauffeur für ein reiches Paar. Während einer Tankpause wird deren kleine Tochter aus dem Fahrzeug entführt. Auf eigene Faust nimmt der Brenner die Ermittlung auf und ist bald selbst im Fokus einiger mächtiger Männer, die allesamt Dreck am Stecken haben.

Einige Jahre sind seit dem letzten Brenner vergangen und das erste, das mir während des Lesens wieder bewusst wird – man muss anfänglich alle Sinne beieinander haben, um dem ungewöhnlichen Schreibstil folgen und verarbeiten zu können, bis man sich darauf eingestellt hat.

Man muss ihn schön mögen, den Brenner, oder besser gesagt die Schreibe von Haas. Wenn ich gefragt werde, was mir an seinem Stil gefällt, komme ich ins stocken. Er ist aussergewöhnlich. Nicht besser als andere, nicht lustiger, nicht spannender – einfach nur anders und völlig schräg. Und je mehr Seiten eines Buches gelesen sind, desto besser gefällt es, wenn der Autor einfach mal die Verben weglässt und der Erzähler alles besser weiss und den Leser mit „du“ anspricht, als sässe man mit ihm am Stammtisch.

Als Leser neigt man auch dazu, den Plot zu unterschätzen, weil der Haas ablenkt, oder er wird einfach wegen dem Satzbau überlesen. Nicht umsonst sind bereits zwei seiner Brenner-Romane verfilmt worden. Auch der „Brenner und der liebe Gott“ ist wieder ein klasse Detektivroman und gehört mit zu den besseren von Haas.
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