Der gute Mörder von William Shaw

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2016 unter dem Titel The birdwatcher, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Suhrkamp.
Ort & Zeit der Handlung: , 2010 - heute.
Folge 1 der Alexandra-Cupidi-Serie.

  • London: Quercus, 2016 unter dem Titel The birdwatcher. 336 Seiten.
  • Berlin: Suhrkamp, 2017. Übersetzt von Christiane Burkhardt. 400 Seiten.

'Der gute Mörder' ist erschienen als

In Kürze:

In einem Städtchen an der Küste des Ärmelkanals wird ein Pensionär grausam ermordet. Sein Freund und Nachbar, ein Polizist, wird von seiner neuen Vorgesetzten in die Ermittlungen verwickelt, was gefährlich ist, da der Beamte ein düsteres Geheimnis hütet & – Auf zwei Zeitebenen spielt dieser moderne englische Krimi, der gut gezeichneten Figuren etwas zu dramatische Privatleben aufbürdet, während der Kriminalfall vergleichsweise simpel aufgelöst wird: kein »Anwärter für den Thriller des Jahres«, wie es auf dem Cover dröhnt, sondern solides Lesefutter.

Das meint krimi-couch.de: Raue Landschaft, grobe Morde 80°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Ashford ist ein Städtchen an der südenglischen Küste des Ärmelkanals. Hier versieht Sergeant William South seinen Dienst als Streifenpolizist. Der verläuft vergleichsweise ruhig, obwohl auch Ashford vom Verbrechen keineswegs übersehen wurde. Doch South kennt seine Pappenheimer und ist wegen seiner Umsicht bei Vorgesetzten und Kollegen beliebt. Die Freizeit verbringt South im Freien; er ist ein passionierter Vogelbeobachter, der sich gern mit anderen Hobby-Ornithologen austauscht und auch in diesen Kreisen einen guten Ruf genießt.

Ein ungewöhnlich brutaler Mord sorgt für ein Ende der von South geschätzten Routine. Ausgerechnet sein Nachbar Bob Rayner, ebenfalls ein Vogelfreund, wird tot in seinem Haus gefunden: Man hat ihn totgeschlagen, und das hat Stunden gedauert. Der Täter muss außer sich gewesen sein. Wie konnte ein pensionierter Lehrer, der allein lebte, jemanden so gegen sich aufbringen?

Der Mord fällt mit der Ankunft einer neuen Kollegin zusammen, die den Fall kurzfristig übernehmen muss. Detective Sergeant Alexandra Cupidi hat sich nach der unglücklichen Affäre mit einem Vorgesetzten aus London versetzen lassen. Begleitet von Zöe, der 15-jährigen Tochter, versucht sie in Ashford den Neustart.

Die energische Cupidi will sich Southes Ortskenntnis zunutze machen, weshalb der uniformierte Beamte sie begleitet. Obwohl er zunächst nicht begeistert ist, fängt South Feuer und entdeckt sein eigenes Ermittlertalent. Ihm ist es zu verdanken, dass der Mörder rasch gefunden wird. Allerdings glaubt South nicht an dessen Schuld und beginnt auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen: Der Beobachter will endlich aktiv werden – eine fatale Entscheidung, die South nicht nur große Gefahr bringen, sondern auch sein eigenes, sorgfältig gehütetes Geheimnis aufdecken wird …

Die Katze wird aus dem Sack getrieben

William Shaw ist nicht der erste Schriftsteller, der sich über einen Verlag ärgern muss, der zwar sein Buch veröffentlicht, dabei jedoch wenig subtil vorgeht. In Deutschland gibt es gleich zwei Gründe zur Klage. Der erste ist heutzutage unvermeidbar: Grelle Lobeshymnen »zieren« die Rückseite des Covers. Es sind zwar nur drei an der Zahl, doch sie sorgen dafür, dass die Messlatte so hoch aufgelegt wird, dass Shaw sie als Autor quasi reißen muss.

Der zweite Grund ist ein echter Bockschuss: Shaw begleitet die Primärhandlung durch Rückblenden, die William South als Kind im Unruhe-Herd Nordirland zeigen. Allmählich entwickelt und enthüllt der Verfasser ein Drama, das South zu einem Mann gemacht hat, der vor allem seine Ruhe will. Die deutschen Leser können in dieser Hinsicht die Überraschung vergessen. Während das Werk im Original ebenso ominös wie zutreffend mit »Der Vogelbeobachter« betitelt wurde, machte man hierzulande »Der gute Mörder« daraus, was wahrscheinlich als angemessener betrachtet wurde; schließlich sollen die Käufer sicher sein, dass sie hier tatsächlich einen Krimi kaufen.

Dass der Roman damit um einen Großteil seiner Spannung beraubt wird, störte offenbar niemand. Der Schaden ist jedoch angerichtet, da »Der gute Mörder« keineswegs einen »Anwärter für den Thriller des Jahres« darstellt, wie die britische Zeitung »The Sun« – übrigens nicht unbedingt für ihren Hang zur Unterhaltungsqualität (oder Wahrheit) bekannt – verkündet. Stattdessen lesen wir einen gut geschriebenen Krimi, dessen Plot einige Kratzer aufweist.

Trügerische Ruhe

»Der gute Mörder« punktet primär mit ausgezeichneten Figurenzeichnungen und stimmungsvollen Landschaftsbeschreibungen. Die Kulisse ist kein Zufall, denn Autor Shaw ist es wichtig, seine Hauptfigur William South dorthin zu versetzen, wo die Welt buchstäblich überschaubar bleibt, was für die flache, karge Küstenregion der Grafschaft Kent zutrifft. Hier siedelt seit jeher ein Menschenschlag, der sich an die raue Umgebung anpassen musste. Es wird wenig gesprochen, weshalb jedes Wort zählt. Recht und Gesetz bilden Richtwerte, die man problemlos verschiebt, um das eigene Überleben in schwierigen Zeiten zu gewährleisten.

In diesem Umfeld fühlt sich South wohl. Als einfacher Streifenpolizist bewegt er sich unter den Menschen seiner Umgebung wie ein Fisch im Wasser. South will Ordnung schaffen, aber er will nicht aufsteigen, um die Ordnung zu organisieren, und er lebt in einer durchaus zwanghaft strukturierten Welt. Dazu passt sein »Hobby«, das eigentlich eine Ablenkung darstellt, die South vom selbstreflektierenden Nachdenken abhält: Er beobachtet und zählt Vögel. Die entdeckten Arten und ermittelten Zahlen trägt er in dieselben Notizbücher ein, die er im Dienst benutzt.

Doch die Welt lässt sich nicht auf Dauer ignorieren. In Ashford ist sie u. a. präsent durch ein riesiges Atomkraftwerk, das sich unübersehbar in Strandnähe erhebt. Nachts wird es beleuchtet, es brummt und strahlt eine Bedrohlichkeit aus, an die sich South und die übrigen Bürger gewöhnt haben. Symbole spielen für Shaw eine große Rolle. Shaw lebt nicht nur im Schatten des Atomkraftwerks, sondern wird auch von bösen Kindheitserinnerungen bedrängt, die er nie bewältigen konnte. Faktisch lebt er nicht wirklich in Ashford, sondern versteckt sich dort. Deshalb wehrt er sich, als die Realität sich ihm auf eine Weise nähert, der er schlecht begegnen kann.

Sturm zieht auf

Wahrscheinlich hätte der Mord an Bob Rayner South nicht aus dem Gleichgewicht gebracht, obwohl ein Freund und Nachbar das Opfer ist. Als einfacher Polizist wäre South nur am Rand von der Ermittlung betroffen. Doch seine Deckung wird gleich mehrfach geprüft: Aus London kommt Alexandra Cupidi nach Ashford. Ihrer Energie ist South nicht gewachsen. Ahnungslos zwingt Cupidi ihn ins Boot, und privat bröckelt seine Schutzmauer, als sich Tochter Zöe ausgerechnet ihn als Vertrauten aussucht.

South erwacht und erkennt, dass er ein hohles Scheinleben geführt hat. Er will kein Beobachter mehr sein, sondern am »richtigen« Leben teilnehmen. Deshalb verlässt die Ebene des mechanischen Alltagsdienstes. South erkennt, dass er Erfahrungen gesammelt hat und ein tauglicher Ermittler ist. Erfolge stellen sich ein. South ist »wach« – und wird unvorsichtig. Mit seinem Alleingang stellt er unabsichtlich die Weichen für das eigene Verderben, das freilich auch einen Neubeginn markieren könnte.

»Der gute Mörder« ist der erste Band einer Serie, die sich um DS Alexandra Cupidi ranken wird. Sie steht freilich nicht im Zentrum, sondern dient vor allem als Katalysator für South auf seinem Weg zur inneren Freiheit. Die ungewöhnliche Konstellation funktioniert hervorragend. South und sein Trauma sorgen für Spannung im »privaten« Handlungsstrang, während Cupidi den Lesern aus South-Sicht und im Rahmen der Ermittlungen vorgestellt wird. Es entfallen jene endlosen biografischen Rückblicke, die den modernen Kriminalroman aufblähen und verwässern, und von einer Romanze ist erst recht keine Rede. Wir erfahren wie South nur das Notwendige, und dies als Informationsbrocken. Siehe da: Cupidi nimmt trotzdem Gestalt an!

Krimi mit kleinen Fehlern

Seinen Namen hat sich Autor Shaw mit einer Krimi-Trilogie gemacht, die im »Swinging London« der 1960er Jahre spielt. Die bemerkenswerte Präzision, mit der er diese Vergangenheit beschrieb, konnte schon damals Kritiker, die über den schönen Schein hinausblickten, nicht kollektiv überzeugen. Auch »Der gute Mörder« leidet unter Plot-Schwächen. Der außergewöhnlich brutale Mord, der die Ereignisse auslöst, ist letztlich Teil eines eher simplen Verbrechens, das um der Dramatik willen nicht aufgeklärt wird, sondern in ein Massaker mündet, das sich aus der Vorgeschichte nicht logisch ergibt. Wo bisher typische Polizei- oder Detektivarbeit dominierte, herrscht plötzlich nackte Gewalt. Das mag von Shaw als Doppelung der im Sekundärstrang erzählten Nordirland-Story gemeint sein, bleibt aber vordergründig.

Zum echten Klopfer wird das Auftauchen (und die prompte Ermordung) jenes Mannes, der einst für den Mord an Williams Vater verurteilt wurde. Woher wusste er, wo sich South nun aufhält? Was trieb ihn nach Ashford? Zwar stellt Shaw diese Fragen selbst, aber er beantwortet sie nicht, bzw. macht dafür den Zufall verantwortlich, der damit eindeutig überstrapaziert wird. Ähnlich fragwürdig wird der (außerdem hanebüchen umständliche) Mord an einer Dealerin »erklärt«.

Als Psycho-Studie funktioniert »Der gute Mörder« sicherlich besser denn als Kriminalroman. Pluspunkte sammelt Shaw vor allem mit seinen überzeugenden Figuren. Was den (im Original bereits erschienenen) zweiten Band der Serie betrifft, herrscht angenehme Ungewissheit. Cupidi steht in Ashford wieder am Anfang. Wir dürfen gespannt sein, wie oder ob sie sich einleben wird – und wir sind es!

Michael Drewniok, November 2017

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