Die blaue Stunde von William Boyd

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1993 unter dem Titel The Blue Afternoon, deutsche Ausgabe erstmals 1995 bei Rowohlt.
Ort & Zeit der Handlung: Portugal, 1930 - 1949.

  • London: Sinclair-Stevenson, 1993 unter dem Titel The Blue Afternoon. ISBN: 1856193667. 323 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1995. Übersetzt von Matthias Müller. 344 Seiten.
  • Berlin: Berlin Taschenbuch Verlag, 2009. Übersetzt von Matthias Müller. ISBN: 978-3833305641. 398 Seiten.

'Die blaue Stunde' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Los Angeles, 1936. »Bitte setzen Sie sich mit mir in Verbindung. Es gibt soviel zu erzählen«, steht in dem Brief, den die junge Architektin Kay eines Tages an ihrer Türschwelle findet. Geschrieben hat ihn ein gewisser Dr. Carriscant, der behauptet, ihr Vater zu sein, und ihr eine ganz und gar unglaubliche Geschichte erzählt, die sich 1902 in Manila zugetragen haben soll. Hat er tatsächlich sechzehn Jahre in philippinischen Gefängnissen verbracht für einen Mord, den er nicht begangen hat? Um die Wahrheit herauszufinden, reist Kay mit Carriscant nach Portugal, um seine frühere Geliebte zu treffen …

Das meint Krimi-Couch.de: »Eine Geschichte auf drei Kontinenten« 75°

Krimi-Rezension von Dieter Paul Rudolph

Ein ungewöhnlicher Krimi. Er besteht aus drei Teilen, die an drei weit voneinander entfernten Orten spielen: Los Angeles – Manila – Lissabon. Zeit der Handlung ist 1936 im ersten und abschließenden Teil sowie 1902 im Mittelstück, das ca. 260 der insgesamt 400 Seiten einnimmt. Die Teile eins und drei werden aus der Ich-Perspektive der Protagonistin erzählt, während Teil 2 die Geschichte ihres (vorgeblichen) Vaters entfaltet. Bei einer solchen Konstruktion sind dramaturgische Brüche quasi vorprogrammiert. Was nicht unbedingt negativ gesehen werden muss …

Los Angeles, 1936. Die junge Architektin Kay Fischer ist von ihrem Kompagnon schmählich aus dem gemeinsamen Büro gemobbt worden und steht beruflich vor dem Neuanfang. Zudem nervt sie ein aufdringlicher älterer Mann, der vorgibt, ihr Vater zu sein. Als auch das neue Projekt hintertrieben wird und scheitert, gerät Kay immer mehr in den Bann jenes Mannes, der sich Salvador Carriscant nennt. Ist er wirklich ihr Vater? Welches Geheimnis lastet auf ihm? Es muss ein schreckliches sein, das steht fest. Carriscant überredet Kay, mit ihm nach Lissabon zu reisen, wo sich der Schlüssel zu allem befinden soll. Auf der langen Schiffsreise will er ihr erzählen, welches böse Schicksal ihn heimsuchte. Und er hält Wort. Im zweiten Teil des Romans erfahren wir also die Geschichte Carriscants.

Manila, 1902. Dr. Salvador Carriscant arbeitet als angesehener Chirurg in der philippinischen Hauptstadt. Der amerikanisch- philippinische Krieg ist gerade vorbei, die Truppen aus den USA stehen im Land, es brodelt unter der Oberfläche. Carriscant indes hat andere Sorgen. Seine fortschrittlichen Operationsmethoden stoßen auf offene Ablehnung der Kollegen, zudem wird er in eine mysteriöse Mordserie verwickelt, deren Urheber über medizinische Kenntnisse verfügen muss. Als Carriscant, dessen Ehe zerrüttet ist, die mit einem amerikanischen Offizier verheiratete Delphine Sieverance kennenlernt, spitzen sich die Dinge zu. Ein Drama ohne Happyend, ein gewagter Plan misslingt – und Carriscant landet für lange Jahre im Gefängnis.

Lissabon, 1936. Endlich in Europa eingetroffen, klären Carriscant und seine Tochter (Kay zweifelt inzwischen nicht mehr daran) die Vorfälle von Manila.

Wer sich nun über die knappe Beschreibung dieses letzten und auch kürzesten Teils von Boyds Roman wundert, sollte wissen, dass ihn tatsächlich kein actionreicher, nervenkitzelnder Showdown erwartet. Die »Auflösung« geschieht völlig unaufgeregt. Schon der erste Teil ist bei allen angedeuteten Mysterien eher getragen, Kay breitet ihre Architekturtheorien aus und berichtet – Jahre nach den Ereignissen – von ihrem Zusammentreffen mit Carriscant. Das pralle und exotische Leben erwartet uns im langen Mittelstück. Boyd entwickelt es als buntes Genrebild, verarbeitet die politische und historische Situation, den medizinischen Fortschritt auf dem Gebiet der Chirurgie und Hygiene, führt uns in die Slums und Vergnügungsviertel Manilas, die herrschaftlichen Villen und die Denkweisen des Kolonialismus, ja, er macht uns sogar mit den absonderlichen Aktivitäten eines Flugpioniers bekannt. Alles zusammengehalten von einer Liebesgeschichte, die nur in der Katastrophe enden kann.

So hängt zwar alles zusammen, die Teile jedoch könnten unterschiedlicher kaum sein. Die Entscheidung, Carriscants Geschichte völlig losgelöst von der Jetztzeit als Binnenerzählung zu konzipieren, macht es unmöglich, Kays langsame Annäherung an ihren »Vater« zu schildern. Denn über weite Strecken ist Kay im Text ja schlicht nicht vorhanden. Dass sie am Ende Carriscant als ihren Vater anerkennt, wird somit nicht plausibel hergeleitet, sondern muss vom Leser als Tatsache hingenommen werden.

Das völlig undramatische Ende wurde bereits erwähnt. Es ist hoch sentimental, was durchaus seinen Reiz hat und den Verzicht auf alles Spektakuläre hinreichend legitimiert. Boyds Augenmerk liegt auf den Details, dem Pittoresken und manchmal Grotesken – ein Pfund, mit dem er besonders im Mittelteil wuchert. Souverän erzählen kann er sowieso. Und mag Die Blaue Stunde auch weder als auf »Suspense« angelegter Krimi noch sensible Vater-Tochter-Geschichte überzeugen, so wartet auf den Leser doch trotz der Unterschiedlichkeit der Einzelteile und ihrer erzählerischen Umsetzung eine spannende und atmosphärisch gut komponierte Story. Wer gerne in fremde und längst untergegangene Welten eintaucht, kommt hier auf seine Kosten.

Dieter Paul Rudolph, September 2009

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Doris zu »William Boyd: Die blaue Stunde« 27.04.2011
Der Kommentar hat mich mehr als neugierig darauf gemacht, dieses Buch bzw die Bücher des Schriftstellers, auf den ich ganz zufällig gestoßen bin, zu lesen.
Ich lese gern Krimis, aber auch geheimnisvolle Geschichten, in denen ein Geheimnis aus der Vergangenheit aufgeklärt wird bzw sich allmählich entfaltet.
Deshalb glaube ich, dass "Die blaue Stunde" ganz gut meinen Nerv trifft.
Stefan83 zu »William Boyd: Die blaue Stunde« 09.01.2011
Das manche Autoren eines zweiten Anlaufs bedürfen, um auf dem deutschen Buchmarkt Fuß zu fassen, hat man zuletzt anhand des Beispiels Don Winslow sehen können. Und auch William Boyd, von dem einige seiner Titel, darunter auch das vorliegende Buch „Die blaue Stunde“, bereits Mitte der 90er Jahre auf Deutsch erschienen sind, brauchte ein knappes Jahrzehnt für seinen endgültigen Durchbruch. Spätestens seit „Ruhelos“ ist Boyd jetzt aus dem Genre der anspruchsvollen Unterhaltungsliteratur nicht mehr wegzudenken, fallen die einheitlich gestalteten Cover der stöbernden Leseratte in so ziemlich jeder gut sortierten Buchhandlung ins Auge. Noch mehr als die äußere Aufmachung beeindruckt letztlich aber der Inhalt zwischen den Buchdeckeln, denn nach bereits drei von mir gelesenen Boyds („Brazzaville Beach“, „Ruhelos“ und „Eines Menschen Herz“), vermag auch „Die blaue Stunde“ wieder aufs Beste zu unterhalten.

Dennoch sei vorneweg gesagt: Ein „Krimi“ im eigentlichen Sinne ist dieses Buch (wie schon die anderen Werke) eigentlich nicht, wenngleich sich Boyd wieder einmal Elementen des Spannungsromans bedient, um die Atmosphäre in seiner Handlung, welche in zwei Stränge aufgeteilt wurde, mit jeder Seite mehr zu verdichten.

Den Anfang nimmt das Buch im Los Angeles des Jahres 1936. Kay Fischer, eine junge, kinderlose und unglücklich verheiratete Architektin steht am Scheidepunkt ihrer gerade erst begonnenen beruflichen Karriere. Ihr bisheriger Kompagnon hat sie aus dem gemeinsamen Unternehmen geworfen und dabei gleich ihrer besten Ideen beraubt. Kay muss nun komplett neu anfangen, ohne dabei ihre künstlerischen Ambitionen gänzlich über Bord zu werfen. In all dem Stress und der Anspannung kann sie dabei die Belästigung eines alten Mannes, der sie zu verfolgen scheint, erst recht nicht gebrauchen. Der gibt beharrlich vor, ihr leiblicher Vater zu sein und lässt partout nicht locker. Kay zeigt sich stur und unnachgiebig, bis ihr neuestes Bauprojekt auf perfide Art in die Hände des verhassten, ehemaligen Kompagnons fällt und abgerissen wird. Plötzlich ist jeder Widerstand erlahmt und Kay beginnt sich Gedanken zu machen. Könnte es sich bei diesem Mann namens Salvador Carriscant wirklich um ihren Vater handeln? Was hat es mit dessen geheimnisvoller Verschwiegenheit auf sich? Mehr und mehr fällt sie unter den Bann von Carriscant, der sie schließlich zu einer Reise nach Lissabon überreden kann, um alle ihre Fragen zu beantworten. Auf dem Schiff beginnt er seine Lebensgeschichte zu erzählen …

Manila, Hauptstadt der Philippinen, 1902. Der amerikanisch-philippinische Krieg ist erst seit kurzem vorbei, fast eine Million Zivilisten sind aufgrund der Kampfhandlungen während des brutalen Konflikts ums Leben gekommen. Die Moros im Süden der Insel leisten weiterhin zähen Widerstand. Weder die alte spanische Kolonialbevölkerung noch die Einheimischen sind über die dauernde Präsenz der US-amerikanischen Truppen erfreut. Die Gefahr eines weiteren Aufstands schwelt weiterhin. Inmitten dieser angespannten Atmosphäre arbeitet Dr. Salvador Carriscant als Chirurg im San Jeronimo Krankenhaus in Manila. Dank seiner fortschrittlichen Operationsmethoden und weitreichender Kenntnisse hat er einen ausgezeichneten Ruf, allerdings auch eine ganze Reihe von Feinden. Einige der Kollegen schneiden ihn. Der Leiter des Hospitals, Dr. Cruz, ein entschiedener Gegner der modernen Antisepsis, begegnet ihm gar mit offenem Hass. Allein sein Assistent, der Anästhesist und begeisterte Flugpionier Pantaleon Quiroga, hält zu ihm.

Als eine Reihe von mysteriösen Morden an amerikanischen Soldaten die Stimmung in der Bevölkerung zum Kochen bringt, wird Carriscant vom Leiter der amerikanischen Militärpolizei, Paton Bobby, für die Untersuchungen herangezogen. Jedem der Opfer wurde das Herz entfernt. Verfügt der Mörder vielleicht über medizinische Kenntnisse? Während Carriscant dem verzweifelten Bobby bei seinen Ermittlungen hilft, verändert die Zufallsbegegnung mit Delphine Sieverance, der Frau eines amerikanischen Offiziers, sein Leben. Von seiner eigenen zerrütteten Ehe genervt, beginnt er eine Affäre mit seiner großen Liebe. Er plant mit ihr die Flucht nach Europa, baut sich Luftschlösser, bis diese eines Tages plötzlich einstürzen – Carriscant wird verhaftet, wegen Mordes...

Wie macht dieser William Boyd das nur? Egal, wie unspektakulär seine ersten Worte sind oder wie trivial er den ersten Akt in Szene setzt: Ich bin ihm von Beginn an verfallen, hänge an seinen unsichtbaren Lippen und kann mich bei seiner herrlich ziselierten Spannung wunderbar treiben lassen. Mit „Die blaue Stunde“ tritt Boyd einmal mehr den Beweis an, das er den Vergleich mit Größen wie Graham Greene nicht scheuen muss und man für einen packenden Plot nicht unbedingt seitenweise Leichen oder Blut bedarf. Hier ist es lediglich eine geheimnisvolle Figur und ihre Geschichte, die ausreicht, um uns in den Bann zu ziehen und dabei gleichzeitig längst Vergangenes und Vergessenes im Geiste neu zum Leben zu erwecken. So sympathisch Kay Fischers Auftritt am Anfang da bereits ist, steht außer Zweifel, dass „Die blaue Stunde“ natürlich in erster Linie von Carriscants Erlebnissen auf den Philippinen des frühen 20. Jahrhunderts lebt.

Mit dem Rückblick in die Vergangenheit sieht sich auch der Leser Eindrücken ausgesetzt, denen er sich nicht entziehen kann. Schwüle, tropische Hitze, eine von Intrigen, Missgunst, Neid und kolonialem Denken geprägte Bevölkerung, unterschwelliger Hass und menschliche Abgründe. Boyds Worte dringen durch unsere Poren, nehmen gefangen und lassen einfach nicht mehr los. Auf einmal beginnt man selbst zu schwitzen, glaubt man gewisse Gerüche selbst wahrzunehmen. Wenn Carriscant sein Skalpell ansetzt, um eine Operation auszuführen, meint man jeden selbst noch so kleinen Schweißtropfen auf dessen Stirn sehen zu können. Ein Buch aus der Feder William Boyds zu lesen, bedeutet eine besondere Erfahrung. Nicht zuletzt deshalb, weil der britische Schriftsteller stets sonderbare, exotische Orte für seine Handlung wählt und seine auf den ersten Blick so offensichtlichen, konstruierten Geschichten immer einen Verlauf nehmen, der an den unwahrscheinlichsten Stellen für Überraschungen gut ist. Der Trivialität dieses Besondere, diesen Glanz abzugewinnen, darin liegt Boyds Stärke.

Jedermann Sache wird das nicht sein. Und gerade diejenigen Leser, die einen Krimi mit Haken und Ösen erwartet haben, werden sich gänzlich enttäuscht sehen, denn so mysteriös und spannend die Morde zwar sind, stehen sie doch im Schatten anderer Ereignisse und dienen lediglich als stringenter Faden für die Auflösung des Buchs. Dessen Faszination liegt an anderer Stelle. William Boyd verarbeitet in „Die blaue Stunde“ Motive des Abenteuer- und des historischen Romans, erklärt durch die Handlungen seiner Figuren einen gewaltreichen Konflikt, von dem Carriscant sagt: „Es war ein hässlicher kleiner Krieg … in gewisser Weise ist es ganz gut, dass die Welt ihn vergessen hat.“ Boyd wirkt mit seiner Geschichte nicht nur diesem Vergessen entgegen, sondern zeigt auch die Tragik in den geschichtlichen Ereignissen. Während in der Heimat der „Way of Life“ zelebriert wurde, die Freiheitsstatue den „Müden, Armen und geknechteten Massen“ ein Licht wies, beging selbige Nation Völkermord an tausenden Filipinos, darunter Kindern von gerade mal zehn Jahren. Hier wird von Menschen berichtet, die es in die Ferne treibt, nur um dort wieder das aufzubauen, was sie hinter sich lassen wollten.

Im Kleinen betrifft dies auch Carriscant, der einerseits das veraltete Denken verflucht und medizinischen Fortschritt propagiert, andererseits aber gerade die westlichen Einflüsse verdammt, die dem vollkommenen Glück im Wege stehen und ihn dazu zwingen, eine Affäre im Geheimen zu führen. Das seine Liebe zu Delphine kein gutes Ende nehmen kann und wird, ahnt man zwar schnell. Der Faszination für die Figur Carriscant tut das jedoch keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Mit dem Doktor ist Boyd ein fehlbarer Held gelungen, dessen Leid und Glück man nur allzu gern teilt und der die Geschichte, im Verbund mit ebenso ausgeprägten Charakteren wie Delphine, Bobby oder Pantaleon, mit einer großen Bandbreite von Gefühlen versieht. Das wird dem ein oder anderen vielleicht zu sentimental sein. Mich persönlich hat dies, insbesondere auf den letzten siebzig Seiten, sehr berührt und nachhaltig beeindruckt.

Insgesamt erweist sich William Boyd mit seinem sechsten Roman „Die blaue Stunde“ wieder mal als ein großer Romancier unserer Zeit. Eine herausragende, souverän und melancholisch erzählte Geschichte, die durch exotische Vielfalt und mit Liebe zum Detail besticht. Auch wenn er hier nicht ganz das Niveau von „Ruhelos“ oder „Eines Menschen Herz“ erreicht – ein unbedingt lesens- und empfehlenswertes Buch.
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