Der Gott von Bombay von Vikram Chandra

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 unter dem Titel Sacred Games, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Aufbau.

  • London: Faber & Faber, 2006 unter dem Titel Sacred Games. 796 Seiten.
  • New Delhi: Penguin, Viking, 2006. 900 Seiten.
  • Berlin: Aufbau, 2006. Übersetzt von Barbara Heller und Kathrin Razum. 1. Teil. ISBN: 978-3-351-03091-9. 796 Seiten.

'Der Gott von Bombay' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Inspektor Sartaj Singh, Melancholiker und Frauenheld wider Willen, wird jäh aus seinem Alltag gerissen: Ein anonymer Anrufer setzt ihn auf die Spur Ganesh Gaitondes, des meistgesuchten Gangsters Indiens. Die Ermittlungen führen Sartaj vom Markt der Diebe in die Studios von Film City, von Table-Dance-Bars aufs Parkett der internationalen Spionage. Immer tiefer dringt er in die Welt des gefürchteten Gaitonde vor und gerät schließlich in Gewissens- und Loyalitätskonflikte. Dem Land droht eine ungeheure Gefahr, Sartaj muß eine folgenschwere Entscheidung treffen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Indische Farben« 93°Treffer

Krimi-Rezension von Frank A. Dudley

Im Oktober 2006 veröffentlichte die Nachrichtenagentur Reuters die Meldung, dass die Behörden der indischen Stadt Aurangabad beschlossen haben, alle Gebäude der Stadt rosa zu streichen. Ziel der Aktion sei es, durch die beruhigende Wirkung des zarten Farbtons eine positive Stimmung unter den rund 150.000 Bewohnern zu schaffen und dadurch die von Kastenkämpfen und Korruption, Erpressung und Entführungen geplagte Stadt zu befrieden.

Was in einer Stadt von der Größe Aurangabads mit Hilfe von Farbpsychologie vielleicht gerade noch machbar ist, wird unmöglich in einem pulsierenden Moloch wie Bombay, wo nach ungefähren Schätzungen 15 Millionen Menschen leben. Unter ihnen Sartaj Singh, eine Hauptfigur aus Vikram Chandras epischem Kriminalroman über die Anatomie des modernen Indien.

Singh, jenseits der 40 und geschieden, ist Sikh und Polizei-Inspektor wie sein Vater, jedoch weniger selbstsicher als dieser. Selbstzweifel und Melancholie nagen an ihm, er weiß, dass seine Karriere ihren Höhepunkt bereits überschritten hat. Anders als seine aufstrebenden Kollegen hat der moralisch geradlinige Singh bislang nie die systemüblichen Bestechungsgelder kassiert, nach der Scheidung von seiner wohlhabenden Frau ist er jedoch darauf angewiesen. Auch bei Verhören von Verdächtigen passt sich Singh dem System an, Gewalt, ob angedroht oder ausgeübt, setzt er wie seine Kollegen als wirksames Mittel zum Zweck ein.

Eine Chance, seiner Laufbahn neues Leben einzuhauchen, sieht Singh, als er einen unbezahlbaren Tipp bekommt: der legendäre Gangsterboss Gainesh Gaitonde ist in der Stadt und hat sich in einem bunkerartigen Haus verschanzt. Um die Betonburg zu knacken, bedarf es schweren Geräts, und bis es eintrifft, bewacht Singh den Ausgang. Über die Gegensprechanlage unterhält er sich mit Gaitonde, zuerst über Religion, dann rollt der berühmt-berüchtigte Pate von Bombay seine gesamte Lebensgeschichte auf. Als die Bulldozer anrücken, erschießt er sich und die Frau, die bei ihm ist. Singh erhält vom indischen Geheimdienst den Auftrag, die Hintergründe für Gaitondes seltsames Verhalten herauszufinden.

Indische Flüche

Chandra, das klingt fast wie Chandler. Und so wie die Werke des amerikanischen Krimi-Autors mit der Farbe Schwarz assoziiert werden, so düster nehmen sich Chandras Hauptfiguren Singh und Gaitonde aus: Beide sind desillusioniert bis verbittert, sie ähneln sich in ihrem aussichtslosen Streben nach Glück und Integrität. Dieser opulente Roman aus Indien bietet aber mehr als Bombay Noir, er ist gleichzeitig ein elaboriertes reportagehaftes Sittenbild der von Religion und Korruption bestimmten indischen Gesellschaft.

Vikram Chandra verschachtelt die Rahmenhandlung, in der Singh ermittelt, mit der vor Vitalität nur so summenden Lebensbeichte von Gangsterboss Gaitonde und spannt dabei einen zeitlichen Bogen von der noch jungen indischen Republik, als Gaitonde seine kriminelle Laufbahn einschlug, bis in die 1990er Jahre. Die notwendigen Schnitte in der Szenenfolge sind oft abrupt, aber jederzeit nachvollziehbar, denn Chandra hat seine Handlung im Griff. Die faszinierende Geschichte von Singh und Gaitonde wird übrigens fortgesetzt in Bombay Paradise.

Wer schon immer auf Hindi fluchen wollte, dem wird das umfangreiche Glossar des Romans eine Fundgrube sein. Spätestens beim Nachschlagen von Wörtern wie »bhenchod« und »maderchod« wird dem Leser klar, dass es nicht reicht, Häuser rosa anzustreichen, um die Verbrechensrate zu senken. Nicht in Indien und auch nicht anderswo.

Frank A. Dudley, Dezember 2006

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cebu zu »Vikram Chandra: Der Gott von Bombay« 27.10.2010
Bitte nicht die Fehler des Verlages dem Buch vorwerfen! Im Original ist das ganz großes "filmi"-Kino.
Die eingestreuten Hindi/Urdu-Wörter und Sätze haben mich bei der Lektüre der Originalfassung gar nicht gestört.
Erst nach etwa 650 Seiten entdeckte ich das Glossar des Autors und habe bisher noch keine Übersetzung (ins Englische) vermisst.
--> http://www.vikramchandra.com/Default.aspx?tabid=157
Die Adresse von Guru-jii geht übrigens auch ;-)

Gruß vom
cebu
Oliver Schmitz zu »Vikram Chandra: Der Gott von Bombay« 01.02.2009
Bei diesem Buch handelt es sich um die erste Hälfte des Romans "Sacred Games". Hier hat der deutsche Verlag die unglückliche Entscheidung getroffen, das im Original etwa 1000 Seiten umfassende Buch im Deutschen willkürlich zu teilen. Entweder man hält deutsche Leser nicht für fähig so einen Wälzer in einem Stück zu lesen oder man will zweimal abkassieren. Zum Buch: Es handelt sich bei diesem Buch nicht primär um einen Krimi, sondern eher um einen breit angelegten Gesellschaftsroman, der den Leser in die Lebensverhältnisse von Mumbai einführt. Der Autor hat die Kriminalgeschichte eingebaut, um sein überbordend pralles Bild der indischen Lebenswirklichkeiten in einen (vergleichsweise) straffen Rahmen einzubetten. Deshalb kann ich die Bedenken aller Leser, die auf einen spannenden Krimi aus sind gut nachvollziehen. Wer aber vertraut ist mit Literatur von Salman Rushdie, Rafik Shami oder auch Gabriel Garcia Marquez und generell diese kunstvoll verschachtelten Gesellschaftsromane mag, der wird an diesem Buch viel Freude haben. Ich habe "Sacred Games" vor einiger Zeit im Original gelesen, daher weiß ich nichts über die Qualitäten der Übersetzung oder auch wann der Text in der deutschen Ausgabe abreißt. Mein einziger Kritikpunkt damals war tatsächlich das Fehlen eines Glossars: ich musste mich sehr häufig sehr durch Passagen qüälen, um wenigstens halbwegs aus dem Zusammenhang zu erahnen, um was es in diesen nichtenglischen Dialogpassagen ging. Also: Lieber ein lückenhaftes Glossar als gar keins! Was hat mich bei der Stange gehalten? Zum einen die Darstellung der Hauptfiguren, die allesamt lebendig und menschlich rüberkommen - ja, sogar der Schwerstkriminelle, zum Anderen die unendlich differenzierte und facettenreiche Darstellung der Lebenswirklichkeiten Indiens, mit Armut, Stolz, Chaos, Korruption, Religiösität, Spiritualität inklusive.
Fazit: Grossartiges Buch für alle, die gern über eine straffe Krimihandlung hinaus in fremde und exotische Lebenswelten eintauchen möchten. Dann aber unbedingt beide Bücher der deutschen Ausgabe lesen!
helmsclam zu »Vikram Chandra: Der Gott von Bombay« 02.02.2007
Kann meinem Vorschreiber nur zustimmen... nach der Ankündigung absolut enttäuschend!!! Sprachlich schwach, langatmig, merkwürdig nervig.... musste mich lange nicht mehr so durch ein Buch quälen... das Register ist in dieser Form eine Frechheit... wie soll man lesen, wenn man im Prinzip auf jeder Seite Begriffe zum Nachschlagen am Ende des Buches findet?
Fazit : Ärgerlich!
2 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Michael Kuhrs zu »Vikram Chandra: Der Gott von Bombay« 29.01.2007
Na ja, nach der Ankündigung war ich doch etwas enttäuscht, und das aus folgenden Gründen:
a) Der Text macht den Eindruck, nicht Korrektur gelesen zu sein. Das ist bei einem Buch für 25,- € nicht mehr tolerierbar. Ich kann zur Qualität der Übersetzunmg nichts sagen, weil ich das Original nicht kenne, aber es wirkt irgendwie "zusammen gezimmert".
b) Glossar und Personenregister ist ja eine super Idee (auch wenn die Nutzung indisch-englischer Begriffe schon etwas anstregend sein kann). Nur: Warum sind einige Begriffe enthalten und andere nicht?
c) Und dann der Schluß: Die Geschichte "wird übrigens fortgesetzt". Das ist schon ein Hammer, wenn zumindest zwei Handlungsstränge überhaupt nicht aufgeklärt werden. Ich war enttäuscht von dem Ende.
Ich kann nur hoffen, dass der Verlag einen guten Batzen Geld für das Betreiben dieser Seite zur Verfügung stellt, der vom Umsatz dieses sowie des nächsten Buches stammt. Als Wiedergutmachung sozusagen...
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