Die Toten vom Karst von Veit Heinichen

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2002 bei Zsolnay.
Ort & Zeit der Handlung: Triest, 1990 - 2009.
Folge 2 der Proteo-Laurenti-Serie.

  • Wien: Zsolnay, 2002. ISBN: 3-552-05182-1. 364 Seiten.
  • München: dtv, 2003. ISBN: 3423206209. 365 Seiten.

'Die Toten vom Karst' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Ein grausamer Ritualmord auf dem Karst reißt alte Wunden auf. Kommissar Proteo Laurenti muss sich eingestehen, dass Triest nicht mehr die ruhige Hafenstadt ist, die sie einmal war. Über Triest fegt die Bora nera, ein eiskalter Nordostwind, der die Stadt an der Adria unter einer dicken Schneedecke begräbt. Das Wasser passt zur Gemütslage des Kommissars Laurenti, den seine Frau verlassen hat, um in Ruhe über sich selbst nachzudenken. Sagt sie! Laurenti jedenfalls glaubt, dass sie mit einem Versicherungsvertreter durchgebrannt ist. Nur die Arbeit kann ihn ablenken. Und Arbeit gibt es derzeit gerade genug. Immer mehr Rechtsradikale versammeln sich in der Stadt, ein Haus fliegt in die Luft, ein Mord wird gemeldet, Schmuggler treiben ihr Unwesen, alte Rechnungen aus der Nachkriegszeit werden beglichen. Als im Karst ein grausamer Ritualmord passiert, beginnt sich das Puzzle zusammenzufügen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Cliffhanger bester Machart« 81°

Krimi-Rezension von Peter Kümmel

Commissario Proteo Laurenti von der Kriminalpolizei in Triest ist so richtig mies drauf. Seine Frau hat ihn verlassen, um über ihre Beziehung nachzudenken und Laurenti ist sich sicher, dass sie mit einem Versicherungsvertreter durchgebrannt ist. Ein eiskalter Wind und Schnee passen so richtig zu seiner Gemütslage. In einer Kneipe gibt es eine Messerstecherei unter Rechtsradikalen und Laurenti findet heraus, dass auch sein fast erwachsener Sohn Marco währenddessen anwesend war. Und dann fliegt auch noch in einem benachbarten Bergdorf ein ganzes Haus in die Luft.

Eine ganze Familie wurde von einer Bombe vernichtet: der Ladeninhaber Manlio Gubian, seine hochschwangere Frau sowie deren kleine Tochter. Keiner der Dorfbewohner hat irgend etwas beobachtet und es ist absolut kein Motiv zu erkennen. Gubians Vater will die Sache selbst in die Hand nehmen und den Täter eigenhändig zur Strecke bringen.

Kurze Zeit später findet man an einer Foiba, einer Felsspalte, die im Krieg für viele Morde diente, einen alten Mann an ein Kreuz gebunden und mit einer Harpune erschossen. Der Mann wird als der Fischer Ugo Marasi identifiziert. Der Bootseigner hatte am Vortag noch mit der Hafenpolizei Kontakt, weil auf seiner letzten Fahrt ein Mann über Bord ging und seitdem vermisst wird.

Der alte Gubian hatte am Mittag noch vor dem Haus von Marasis Frau gestanden und dieser mitgeteilt, dass er Marasi umbringen wird.

Der aus Süditalien stammende Laurenti hat viel damit zu tun, sich über Kultur und Geschichte von Triest zu informieren und in dem Gemisch von Italienern, Kroaten und Slowenen die Zusammenhänge zwischen Gubian und Marasi in der Gegenwart und in Kriegszeiten herauszufinden. Und dann sorgt auch noch eine kroatische Staatsanwältin dafür, dass sein Gefühlsleben nur noch ein einziges Chaos ist.

Mit Proteo Laurenti hat Veit Heinichen einen Protagonisten geschaffen, der dem Leser nicht unbedingt gleich sympathisch ist. Von seiner Frau verlassen fühlt er sich ungerecht behandelt und lässt seine Launen an allen anderen aus. Selbstkritik zählt wahrlich nicht zu seinen Stärken und mit seinem polternden Auftreten macht er sich nicht überall Freunde. So sehr sein Machogehabe dem Leser sauer aufstösst, so schön kann man sich mit ihm mit freuen, wenn er glücklich über kleine Erfolge ist, z.B. wenn er in einer Mülltonne in Fischabfällen wühlend stinkend herausspringt mit einem Beweisstück in der Hand. Seine Liebe zu gutem Essen teilt er mit anderen bekannten italienischen Serienkrimi-Kommissaren. Vielleicht aber ein noch realistischerer Ermittler als diejenigen, die uns sonst vorgesetzt werden.

Die Darstellung der Charaktere zählt zweifellos zu den Stärken des Autors. Jede der vielschichtigen Figuren ist dem Leser schnell vertraut, weil sie sehr bildlich beschrieben wird. Dabei wirken die schweigsamen norditalienischen Fischer ebenso glaubhaft wie der Kroate Gubian, der seine Trauer in Wut umsetzt. Ein besonderes Highlight ist der alte Gerichtsmediziner Galvano mit seinen trockenen und zynischen Kommentaren. Der Schreibstil des Autors ist sehr angenehm und abwechslungsreich. Kurze humorvolle Dialoge wechseln mit längeren Beschreibungen von historischen Begebenheiten oder aus dem Geschehen des täglichen Lebens.

Heinichen versteht es meisterhaft, die Atmosphäre der Stadt Triest und ihre Kultur mit den Menschen aus vielen Völkern sehr anschaulich und lebendig herüber zu bringen. Die vielen Details versetzen den Leser geradezu mitten ins Geschehen hinein.

Spannender als der Kriminalfall sind die immer wieder gut in das Geschehen eingeflochtenen historischen Geschehnisse. Fünf Jahrhunderte lang unter österreichischer Herrschaft stehend fiel der bedeutende Mittelmeerhafen Triest nach dem 1. Weltkrieg Italien zu. Der »Karst«, das Kalksteingebirge rund um Triest, wurde im 2. Weltkrieg zur Müllhalde für viele unerwünschte Menschen. In den »Foibe« genannten Schluchten entsorgten jugoslawische Partinanen und italienische Faschisten ihre Feinde. Nach dem 2. Weltkrieg entstand ein Freistaat Triest unter UN-Kontrolle mit amerikanisch-britisch-jugoslawischer Besatzung. 1954 wurde dann das strittige Territorium zwischen Italien und Jugoslawien aufgeteilt. So konnte es schon vorkommen, dass alte Einwohner des Gebietes in ihrem Leben bis zu vier mal ihre Nationalität wechselten. Und noch bis in die Gegenwart nimmt das historische Geschehen Einfluß auf die Bewohner. Rechtsradikale Einflüsse nehmen immer mehr zu.

Die Story ist interessant und nicht so abgegriffen wie viele andere und mitunter auch spannend geschrieben. Das einzige, was störend wirkt, sind doch einige kleine Zufälle zuviel. So wirkt es schon eher als Satire, dass Laurenti der Versicherungsvertreter, den er bei seiner Frau vermutet, zufälligerweise in einem Lokal einer kroatischen Kleinstadt über den Weg läuft. Ebenso merkwürdig, dass gleich zwei der Verdächtigen einen alten Mitsubishi fahren. Etwas enttäuschend dann die Auflösung des Falles: Zunächst ein recht kurioser Showdown, wo die Polizei hinterher gleich drei der Verdächtigen nach Art eines Kriminalrätsels bewusstlos auf einem Haufen findet, einer davon mit einem Messer im Rücken. Doch dann bleiben nur noch wenige Seiten Buch übrig, auf denen dann im Schnellverfahren die Lösung präsentiert wird, ohne daß dazu noch großartige Schlüsse der Ermittler nötig gewesen wären.

Absolut gemein der letzte Absatz des Buches: Ein Cliffhanger bester Machart, der offen lässt, wie es in Laurentis Privatleben weiter geht. Man möchte gleich den nächsten noch gar nicht erschienenen Laurenti-Roman beginnen.

Veit Heinichen hat mit seiner Krimiserie um den Commissario Proteo Laurenti aus der italienischen Hafenstadt Triest eine Reihe begonnen, die Geschmack auf mehr macht. Interessante Charaktere, einen angenehmen und abwechslungsreichen Schreibstil, eine tolle Atmosphäre mit immer neuen Details, die man entdecken kann, Einblicke in die Geschichte und einen ansprechenden Plot. Was will man als Leser mehr? Höchstens vielleicht noch eine logische Auflösung des Falles. Aber Heinichen muss ja auch noch die Möglichkeit bleiben, sich für weitere Laurenti-Romane zu steigern.

Das meinen andere:

»Proteo Laurenti ist ein Kommissar, der durch seinen Charakter rührt und durch seine Irrtümer besticht. Aufklärung über die soziale Wirklichkeit, wie in besseren Kriminalromanen inzwischen beinahe üblich, erfolgt hier nebenbei und umso wirksamer, als sie nicht nur spannend, sondern auch manchmal entsetzlich komisch.« (Der SPIEGEL)

Ihre Meinung zu »Veit Heinichen: Die Toten vom Karst«

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ana zu »Veit Heinichen: Die Toten vom Karst« 11.01.2010
Dieses Buch ist sehr spannend. Besonders da man mitdenken muss um auf den Täter zu kommen. Was mir auch gefällt,ist dass Triest beschrieben wird und man vieles über diese Stadt erfährt. Zudem kann man sich in das Geschehen hineinversetzen. Zwar wird der Alltag eines normalen Kriminalpolizisten beschrieben, aber dies macht das Buch auch glaubwürdiger. Ich freue mich die folgenden Bände zu lesen!
Proteo Laurenti zu »Veit Heinichen: Die Toten vom Karst« 23.02.2009
Ich schließe mich der letzten Rezesion an (auch wenn diese scon etwas länger her ist). So ein langweiliges und für mich teilweise verwirrendes Buch habe ich lange nicht mehr gelesen. Der Klappentext sagt es schon richtig ein komisches(=seltsames, nicht lustiges) Buch. Für 370 Seiten drei Wochen zu brauchen ist für mich nicht normal.
Das Schlimmste ist aber das es ein offenes ende gibt und ich mich dort das erste mal gezwungen gefühlt habe gleich den nächsten auch zu lesen(Werd ich aber nicht). Selbst die verfilmung hat den Film nicht psannend darstellen können.
Chris. zu »Veit Heinichen: Die Toten vom Karst« 21.02.2008
Ich muss widersprechen, dieses Buch ist meiner Meinung nach fürchterlich langweilig.
Die Rückblenden machen es auch nicht gerade besser. Immer wieder wird die Geschichte Italiens bzw Triests erzählt, an und für sich nicht gerade uninteressant, jedoch dermaßen schlecht aufbereitet, dass auch sie nichts mehr retten.

"Die Toten vom Karst" bekommt einzig und allein eine 36° Bewertung von mir, da ich mir das nächste auch noch antue, ansonsten liegt es deutlich darunter.
Andreas Gruber zu »Veit Heinichen: Die Toten vom Karst« 19.01.2006
Eine wohltuende Abwechsung in den Italien Krimis!
Ohne moralisierend wie Donna Leon zu wirken, greift der Autor die gängigen Schurkereien auf und beschreibt auch die Ohnmacht der Ordnungshüter.
Der Schauplatz Triest macht neugierig, wir haben im Sommer auf der Urlaubsreise extra eine Abstecher in die Stadt gemacht - mein Appetit wurde durch die Laurenti Krimis geweckt.
Ich freue mmich schon auf den nächsten ...
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
mark zu »Veit Heinichen: Die Toten vom Karst« 25.03.2005
Wie schon sehr richtig in der Krimi-Couch-Kritik angemerkt, es ist die detaillierte Beschreibung der Figuren, die den Roman lesenswert machen, die ihn aus dem Mittelmaß hervorstechen lassen. Es ist selten in der Krimi-Literatur, dass es einem Autor gelingt, ein soziales Milieu wie das der Fischer in Triest, mit so viel Witz und Charme zu beschreiben, ohne dabei in eine Allgemeingültigkeitssosse abzudriften.
Proteo Laurentis Ohnmacht hinsichtlich der Trennung seiner Frau ist ohne eitle Schönfärberei beschrieben. Er hat wie die ganze Region Triest ein Vergangenheitsbewältigungsproblem; Proteo Laurenti mit seiner Frau, Triest mit den politischen Ermordungen im Krieg von 1943-1945. Sehr vereinfacht dargestellt! Aber so wie sich seine Figuren erschreckend nah an der Oberfläche bewegen, wenn sie über Heimat und Ideale philosphieren, so wenig scheint dem Autor daran zu liegen hinter den historischen Informationen relevante Fragen über verfeindete Menschen zu stellen, die zwar wirtschaftlich miteinander arbeiten, aber sich gegenseitig bis in die Wurzel ihres Geschlechts hassen. Wo ist die Ohnmacht angesichts dieser schrecklichen und scheinbar unlösbaren Konflikte? Wo ist eine Gegenhaltung zur politisch rechten Gesinnung, die wie ein Damoklesschwert über Triest zu hängen scheint? Und wenn es nur eine ohnmächtige Haltung wäre wie die in den Wallander-Romanen, (O wie ich es hasse, alle Krimis mit Mankell zu vergleichen.) so wäre dies immerhin eine Stellungnahme des Autors. Hier entsteht der Eindruck, da Heinichen lediglich die Historie beschreibt (selbst die Gegenwart ist für ihn nur plakative Historie, auch wenn er bemüht versucht durch die Probleme zwischen Vater und Sohn in politische Gegenwartsprobleme einzusteigen), er und seine Hauptfigur setzen sich mit Politik nur zum Schein auseinander. Dann soll er sich doch bitte andere Themen suchen als politische.
GIO zu »Veit Heinichen: Die Toten vom Karst« 15.01.2005
w Veit!!! W TRIESTE!!!ieri l'ho ascoltato con molta curiosità ad un incontro a scuola e il suo libro, I morti del Carso, è splendido!!!...Trieste è splendida, Trieste vi aspetta...veniteci!!!vi voglio bene!!
Harald Schüttelhöfer zu »Veit Heinichen: Die Toten vom Karst« 21.04.2004
Meine Vorschreiber haben eigentlich alles gesagt. Ich habe ca. 1000 Kriminalromane / Thriller in meiner Bibliothek und dieser gehört zu den Top 100. Für 9 EUR gibt es einen Roman mit exzellenten Zutaten. Lesen!
Martina Effenberger zu »Veit Heinichen: Die Toten vom Karst« 07.01.2004
Wunderbar! Heinichen macht Lust auf Trieste und die Menschlichkeit des Proteo ist einfach gut!
ich warte allerdings auch mal auf einen "Kroatienkrimi" und Heinichen ist mit Triest meinem geografisch-kriminalistischen "Traumziel" schon recht nahe gekommen. Hoffentlich gibt es noch viele "Laurenti"-Romane!
August Böhmer zu »Veit Heinichen: Die Toten vom Karst« 02.10.2002
Für mich als begeisterten Krimi-Leser war Veit Heinichen bisher ein unbekannter Name. Mit "Die toten vom Karst" hat er sich aber sicherlich in die Reihe ernst zu nehmender Krimiautoren gestellt.
Das Umfeld - Triest - ist ein Ambiente, das meines Wissens bisher in der Kriminalliteratur noch nicht auftauchte. Auch die politischen Hintergründe, die Grundlage für die eigentliche Handlung sind, sind ausgezeichnet recherchiert und topaktuell - auch wegen der Seitenhiebe in Richtung Jörg Haider!
Mit Proteo Laurenti hat Heinichen einen interessanten Serienhelden eingeführt, auf dessen weitere Entwicklung ich schon neugierig bin
Ich freue mich schon auf weitere Romane dieses Autors!!
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