Tränenbringer von Veit Etzold

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2017 bei Knaur.
Folge 5 der Clara-Vidalis-Serie.

  • München: Knaur, 2017. ISBN: 978-3-426-52069-7. 416 Seiten.

'Tränenbringer' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Ihr fünfter Fall bringt Clara auch persönlich an ihre Grenzen: Ein Serienkiller entführt 18-jährige Mädchen und lässt den Eltern die Leichenteile zukommen. Während Berlin vor Angst zittert, kommt es gleichzeitig zu bizarren Morden im Prostituierten- Milieu. Was ist das Motiv dieses brutalen und unergründlichen Killers? Oder haben es Clara und ihr Team mit mehreren Mördern zu tun?

Das meint Krimi-Couch.de: Krankhafter Wahnsinn ist mitten unter uns 95°Treffer

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Clara Vidalis und ihre Kollegen vom LKA Berlin werden mit einer brutalen Mordserie konfrontiert. Ein offenbar psychopathischer Killer ermordet junge Mädchen und Prostituierte.

Den Eltern der Mädchen lässt der Mörder durch willkürlich ausgewählte Junkies, die dafür etwas Stoff von ihm bekommen, abgeschnittene Körperteile in einem Karton zukommen. Die toten Prostituierten drapiert er auf ekelhafte Weise, um der Polizei damit eine Botschaft zukommen zu lassen.

Clara Vidalis, Expertin für Forensik und Pathopsychologie beim LKA, ist gemeinsam mit ihren Kollegen zunächst ratlos, die Suche nach dem Killer gestaltet sich als Wettlauf gegen die Zeit. Sie kommt zudem an ihre persönlichen Grenzen, denn sie ist von ihrem Kollegen Dr. Friedrich, von allen nur MacDeath genannt, schwanger – und deshalb derzeit besonders empfindsam.

In einer zweiten Perspektive wird die Kindheit des Killers und sein persönliches Empfinden geschildert. Der Mörder wurde von seiner Mutter seelisch und körperlich missbraucht – bis er anfing, Tiere zu quälen und Mord-Fantasien zu entwickeln. Als Vidalis dem Killer näher kommt und sogar begegnet, wird die ganze Sache mehr als persönlich.

Ein wirklich spannender Thriller mit einem guten Plot

»Der Tränenbringer« ist mittlerweile schon der fünfte Band aus der Clara-Vidalis-Reihe von Veit Etzold. Im Durchschnitt der Bewertungen der Krimi-Couch-Leser haben die Bücher jeweils im oberen 70er-Bereich gelegen – in den Kommentaren allerdings stark polarisiert. Einigen waren die Schilderungen zu brutal oder zu klischeehaft. Andere finden Etzolds Stil einfach spannend und unterhaltsam. 

Beide Seiten haben ein wenig recht, und am Ende ist es eben vor allem Geschmackssache, ob man die tatsächlich obszöne und brutale Sprache in einem Thriller lesen möchte – oder lieber nicht. Etzold wirkt auf mich ein wenig wie der deutsche Chris Carter, und dessen Werke haben ebenfalls ihr Publikum, und polarisieren in gleicher Art und Weise die Leser und die Rezensenten. Ich schaue für meinen Teil bei einem Thriller nur bedingt auf die Glaubwürdigkeit, so lange die Handlung einigermaßen plausibel ist. Den Plot des »Tränenbringers« finde ich jedenfalls überaus gelungen, das Buch ist super-spannend und unterhaltsam.

Realität ist meistens perverser als die Roman-Handlung

Es wird ja gerne der Kopf darüber geschüttelt, was für krankhafte Dinge sich die Autoren von Spannungsliteratur ausdenken. Aus Gesprächen mit etlichen Autoren ist mir bekannt, dass sie sich häufig an tatsächlichen Fällen orientieren. Um es präziser auszudrücken, die Realität ist in aller Regel noch krankhafter und perverser als das, was in den Romanen geschildert wird. Wer weder blutige noch perverse Einzelheiten lesen möchte, und zudem bei der Verwendung von Klischees in Romanen die Nase rümpft, sollte die Finger vom »Tränenbringer« lassen.

Veit Etzold hat in diesem Roman starke und intensive Protagonisten beschrieben. Interessant fand ich dabei, dass Clara Vidalis nicht als von der Vergangenheit belastete und traumatisierte Ermittlerin daher kommt. Solche Protagonisten werden von Kritikern ja gleich abgestempelt und in die Schublade gesteckt. Sie erfährt vielmehr während der laufenden Ermittlung, dass sie von ihrem Freund MacDeath schwanger ist. Aufgrund ihres beruflichen Erfahrungshorizonts gerät sie sofort in Zweifel, ob es verantwortlich ist, ein Kind in diese grausame Welt zu setzen, das man vielleicht nicht schützen kann. Hier kommt dann doch ein Vorfall aus der Vergangenheit zum Vorschein – Clara wirft sich vor, ihre Schwester nicht geschützt zu haben. Dominant ist jedoch die Gegenwart, und vor allem ihre Begegnung mit dem Killer. Starke Passagen des Romans, die ich beeindruckend fand.

Krankhafter Wahnsinn ist in der Mitte der Gesellschaft zu finden

Etzold nutzt das auch, um frappierende Gegensätze in seine Geschichte einzubauen. Da werden die brutalen Folterungen und Tötungen in den so genannten »Red Rooms« geschildert – und auf der nächsten Seite plaudert Vidalis mit ihrer Freundin über die Planung der Hochzeit mit MacDeath. Die Nähe von Wahnsinn und Normalität fand ich bemerkenswert. Brutale Killer werden von Schriftstellern ja gerne auf einsame Gehöfte, in Industriebrachen oder andere abgelegene Locations verbannt. Der »Tränenbringer« agiert mitten in der Stadt, wie sich im Laufe der Ermittlungen zeigt. Der krankhafte Wahnsinn ist in der Mitte der Gesellschaft vorhanden – nur sieht es niemand, vielleicht, weil keiner genau hinsehen möchte.

Die Täterperspektive wird in Romanen sehr unterschiedlich eingesetzt, Etzold nutzt sie auch und vor allem, um die Entwicklung des Killers aufzuzeigen. Es beginnt in der Kindheit mit dem – auch sexuellen – Missbrauch durch seine Mutter. Dann kommen die Klassiker, Tiere quälen und töten, zunehmende Phantasien, bis es an Menschen heran geht. Man mag beklagen, dass es sich hier mal wieder um Klischees handelt. Diese Kritik finde ich unsinnig, es ist nun mal wissenschaftlich erwiesen, dass Mörder sich häufig auf diese Art entwickeln und zu ihren Taten kommen. Fakten als Klischees zu brandmarken ist in meinen Augen keine seriöse Kritik.

Einblicke in die menschliche Psyche – auch bei den Voyeuren im Internet

Neben der Perversion des Killers fand ich – mal wieder – erschreckend, dass sich dergleichen auch noch im Internet vermarkten lässt. Ja, es ist nichts neues mehr, aber ich erlaube mir, immer noch und immer wieder darüber zu erschrecken, was da möglich ist. Ich will mich nicht daran gewöhnen, wie krankhaft auch zahlreiche Nutzer des Internets sind, die dort ihre Anonymität nutzen – und damit üblen Formen krankhafter Kriminalität Vorschub leisten. Auch das mag für manchen Leser und Kritiker schon wieder langweilig sein, aber ich bin auch nach der Lektüre noch so vieler Spannungsromane nicht so abgestumpft, dass ich mich nicht darüber aufrege.

Veit Etzold bewegt sich mit dem »Tränenbringer« ziemlich dicht an der Grenze zum Horror-Roman – und manchmal überschreitet er sie vielleicht sogar. Der Roman bietet viele neue Wendungen, neue Erkenntnisse der Ermittler, weitere Opfer, andere Perspektiven. Der Autor verwendet teilweise eine überaus obszöne Sprache, schildert brutale Einzelheiten, harmlose Dialoge wechseln sich mit heftigen Szenen ab. Es gibt Einblicke in die Tiefen der menschlichen Psyche – nicht nur beim Täter, auch bei den Voyeuren im Internet. Wer so etwas mag, wird hier bestens unterhalten. Wer literarischen Tiefgang sucht, muss sich anderen Autoren zuwenden. Für mich ist »Der Tränenbringer« ein rasanter, spannender Thriller, der von der ersten bis zur letzten Seite fesselt.

Andreas Kurth, Oktober 2017

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Kala zu »Veit Etzold: Tränenbringer« 12.10.2017
Clara Vidalis hat es bisher eigentlich immer in meine Favoriten-Polizisten-Liste geschafft. Dieses mal leider nicht.
In den bisherigen Büchern war sie eine toughe, selbstbewusste, sympatische Kommissarin. Diesmal wirkt sie wie eine fahrige, zickige Tussi. Die sich ums Schminken und ihre persönlichen Pläne sorgt.
Zudem zieht sich der Krimi dadurch, dass bereits beschriebenen Szenen nochmals und nochmals wiederholt werden.
Diesmal hat Clara Vidalis leider nicht überzeugt.
Metaxoula zu »Veit Etzold: Tränenbringer« 02.10.2017
Ich habe das Buch gelesen. Ich komme selbst aus Berlin. Die Hintergründe der Polizei-Arbeit sind gut recherchiert. Auch ist das Buch so geschickt aufgebaut, dass man weiterlesen möchte. Allerdings bleiben alle Figuren schwach und schemenhaft. Es gelingt auch nicht, durch das Hochzeitsmotiv die Kommissarin und ihren Gefährten persönlicher erscheinen zu lassen. Die Entwicklung des Täters wird plausibel dargestellt, nur glaube ich nicht, dass solch ein Mensch (Hausmeister aus Reinickendorf ) antike Philosophen zitieren würde. Bei der Beschreibung der Orte der Handlung bringen die vielen Straßennamen nur ortskundigen Berlinern etwas - Atmosphäre kommt hierdurch nicht auf.
Alles in allem ein lesbares und gut recherchiertes aber ziemlich konstruiertes Buch.
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