Nacht unter Tag von Val McDermid

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2008 unter dem Titel A darker domain , deutsche Ausgabe erstmals 2009 bei Droemer.

  • London: Harper Collins, 2008 unter dem Titel A darker domain . 371 Seiten.
  • München: Droemer, 2009. Übersetzt von Doris Styron. ISBN: 978-3-426-19844-5. 539 Seiten.
  • [Hörbuch] Berlin: Argon, 2009. Gesprochen von Andrea Sawatzki. ISBN: 3866106378. 539 CDs.

'Nacht unter Tag' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Ungelöste Fälle sind ihre Spezialität, doch dieser führt DI Karen Pirie an ihre Grenzen: Ein Mann wird als vermisst gemeldet – nach über zwanzig Jahren. Karens Ermittlungen im schottischen Glenrothes stoßen auf eine Mauer des Schweigens. Ähnlich ergeht es einer Journalistin, die ehrgeizig über eine fast vergessene Entführung recherchiert. Bald landet auch dieser alte Fall auf Karens Schreibtisch – zusammen mit einem neuen Mord …

Das meint Krimi-Couch.de: »Der beste McDermid-Roman seit Jahren« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Juni 2007, Glenrothes. Detective Inspector Karen Pirie arbeitet für die Polizei der Grafschaft Fife im Team für ungelöste Fälle. Als Michelle Gibson ihren Vater Mick Prentice auf die Vermisstenliste setzen will, staunt DI Pirie nicht schlecht, denn Michelles Vater verschwand bereits am 14. Dezember 1984. Damals, auf der Spitze des großen Bergarbeiterstreiks, verließ Mick offenbar seine Familie, um sich einer kleinen Gruppe von Streikbrechern auf deren Weg nach Nottingham anzuschließen. Seitdem war Mick für die Familie gestorben, denn in dem kleinen Ort Newton of Wemyss galten andere Gesetze, nämlich die der Gewerkschaft. Micks Familie musste in den Folgejahren leiden und so hatte niemand das Bedürfnis, den vermeintlichen »Verräter« zu suchen. Doch jetzt ist Michelles kleiner Sohn unheilbar erkrankt und benötigt einen geeigneten Spender für eine Knochenmarktransplantation. DI Pirie und ihr Kollege Phil Parhatka stürzen sich in die Ermittlungen, stoßen jedoch zunächst auf eine Mauer des Schweigens und auf kaum brauchbare Hinweise.

Nur kurze Zeit später bekommen Pirie und Parhatka einen neuen Fall übertragen. Die Journalistin Annabel Richmond hat während ihres Urlaubs in der Toskana eine viel versprechende Spur gefunden, die den Entführungsfall von Cat Grant in neuem Licht erscheinen lässt. Catriona »Cat« Grant, die Tochter des Großindustriellen Sir Broderick Maclennan Grant, wurde im Januar 1985 mit ihrem gerade erst geborenen Sohn Adam entführt und bei einer misslungenen Lösegeldübergabe erschossen. Seitdem fehlt von Adam jede Spur. Sir Grant schaltet die Polizei ein, doch Pirie ist nur halbherzig bei der Sache, da sie der Fall des verschwundenen Bergarbeiters fasziniert. Richmond, die die Story ihres Lebens wittert, reist derweil erneut in die Toskana, um dort weitere Recherchen anzustellen. Nach und nach stellt Pirie währenddessen fest, dass vor nunmehr über zweiundzwanzig Jahren alles ganz anders abgelaufen sein muss, als man ihr einzureden versucht …

Für alle Fans von »Ein Ort für die Ewigkeit« absolute Pflichtlektüre.

Bei einem Debütroman einer unbekannten Autorin würde man sicher zunächst kritisch fragen, warum DI Pirie in einem Fall ermittelt, für den sie streng genommen gar nicht zuständig ist oder warum Sir Grant sie bei der Suche nach seinem Enkel unbedingt dabei haben will, nur um sie später immer wieder auszubremsen. Bei einem »Schwergewicht« wie der schottischen Autorin Val McDermid ist man da schon nachsichtiger und akzeptiert, dass Pirie ein sturer Querkopf ist, der es seinem unfähigen Chef zeigen will und daher häufig unkonventionell vorgeht. McDermid wird schon wissen was sie tut und tatsächlich ist Nacht unter Tag ihr vielleicht bester Roman seit zehn Jahren. Damals erschien Ein Ort für die Ewigkeit.

DI Pirie und DS Parhatka stürzen sich also in die Suche nach Mick Prentice, der angeblich 1984 als Streikbrecher nach Nottingham gegangen sein soll. Ausgerechnet Mick, dem die Gewerkschaft über alles ging, ja sogar mitunter noch vor der Familie stand. Schon bald ergeben erste Befragungen, dass Mick nie nach Nottingham unterwegs war.

»Aber hier erst mal die sensationelle Nachricht: Daniel Porteous ist tot.«
»Das weiß ich.«
»Was du nicht weißt, ist, dass er 1959 starb, im Alter von vier Jahren.«
»O Scheiße.«
»Besser hätte ich es selbst nicht ausdrücken können. Aber jetzt kommt der Knaller. Im November 1984 hat Daniel Porteous die Geburt seines Sohnes eintragen lassen.«

Wenige Tage nach seinem Verschwinden gab es einen merkwürdig anmutenden Einsturz in den Höhlen von Wemyss. Sollte Mick dort begraben sein, weil er einen Funktionär dabei beobachtete, wie dieser Geld aus der Gewerkschaftskasse nahm? Hatte Tom Campbell etwas mit der Sache zu tun, der nur wenige Wochen später bei Micks Frau Jenny einzog? Oder ging Mick gar mit seinem besten Kumpel Andy nach Polen, wo die Solidarnosc von Lech Walesa einen neuen Arbeitersozialismus einführen wollte? Apropos Andy, auch seine Spur verliert sich wenige Tage nach Micks Verschwinden.

Die Geschehnisse um die Entführung von Catriona Grant und ihrem Sohn Adam sind genauso merkwürdig und was Pirie von dem damals die Ermittlung leitenden Polizisten Lawson erfährt, scheint dem Ganzen die Krone aufzusetzen. Offenkundig wurden die Ermittlungsakten durch den massiven Einfluss von Sir Grant manipuliert. Doch warum lässt er dann auf seine Kosten Richmond im fernen Italien ermitteln?

Zwei Schritte vor und drei zurück. Großes Kino

Es ist wie schon angedeutet so ähnlich wie bei Ein Ort für die Ewigkeit. Es geht zwei Schritte vor und drei zurück, dazwischen liegen zumeist das Schweigen der Befragten und der Frust der Ermittler. Das zahlreiche Zeugen von damals schon längst verstorben sind, behindert die Polizeiarbeit zusätzlich. McDermid verzichtet erneut auf Action jedweder Art, vielmehr steht die »Atmosphäre« im Fokus. 1984 ist der Bergarbeiterstreik auf seinem Höhepunkt. Die Familien leiden, haben kaum zu essen, selbst die Lichter und Heizungen zuhause bleiben aus, da das nötige Geld fehlt. Dazu gibt es ausführliche Beschreibungen der Landschaft, für die gute englische Crime Novels bekannt sind. Jim Kerry lässt grüßen.

Die meisten Charaktere sind leider ein wenig klischeehaft geraten. Doch geschenkt, denn Nacht unter Tag ist einer der besten Romane außerhalb der Hill-Jordan-Reihe, die die Ausnahme-Autorin bislang verfasst hat. Wenn Pirie einen Zeugen befragt und das Gespräch auf die Vergangenheit bzw. die Ereignisse der Jahre 1984 (Mick) und 1985 (Cat) kommt, folgt meist eine Rückblende. Die Geschichte springt also oft in den Zeitebenen und außerdem wechseln die Szenarios ständig nach wenigen Seiten zwischen Pirie, Richmond und anderen Personen. Am Ende ist es wie bei Ein Ort für die Ewigkeit, die Ereignisse schlagen Kapriolen der besonderen Art. Und dennoch: Nacht unter Tag ist großes Kino!

Jörg Kijanski, April 2009

Ihre Meinung zu »Val McDermid: Nacht unter Tag«

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queenodt zu »Val McDermid: Nacht unter Tag« 19.11.2009
Das Buch habe ich sehr gerne und zügig gelesen, es ist durchweg spannend, auch wenn man zum Ende hin die Verwicklungen und Verbindungen zwischen den Protagonisten ahnt. Leider war das Ende dann für mich auch zu aprupt, so als ob die Autorin, möglichst schnell fertig werden musste und dann kurz und knapp eine "Lösung" für den ursprünglichen Anfang der Geschichte herbeizaubert.
Silke zu »Val McDermid: Nacht unter Tag« 02.09.2009
Ich kann der Rezension auch nur zustimmen: Der beste Mc Dermid seit "Ein Ort für die Ewigkeit" (und den Vergleich habe ich auch sofort hergestellt:))

Einige Ungereimtheiten gibt es zwar, aber insgesamt ist das Buch wirklich durchgehend super spannend - ich habe es verschlungen...
Auch wenn mir die Auflösung dann schon einige Seiten zuvor klar war, tut das meinem guten Gesamteindruck keinen Abbruch. Absolut empfehlenswert!

Wann kommt der nächste Val MC Dermid? :)
Marlies zu »Val McDermid: Nacht unter Tag« 16.08.2009
Hallo Bernd,
ich habe das Buch gerade fertig gelesen, und denke helfen zu können. Wobei ich bei der ersten SEite nur vermuten kann, dass es eine Unterhaltung der beiden "Entführer" ist. Das Datum entspricht dem der Lösegeldübergabe.
Die letzte Seite ist dagegen eindeutig, da Namen zur Verfügung stehen. Es ist ein Gespräch zwischen Misha und ihrer Mutter, aus dem hervorgeht, dass ein womögl. passender Spender für Luke durch eine entfernte Verwandte von Mishas Mann gefunden wurde.
Bernd zu »Val McDermid: Nacht unter Tag« 11.08.2009
Hallo,

kann mir mal jemand helfen. Ich verstehen leider die erste und letzte Seite des Romanes nicht. Wer spricht hier mit wem und welche tiefere Aussage versteckt sich dahinter?
Ich würde mich sehr freuen, eine kurze Erklärung zu bekommen. Mir scheint ich habe etwas Wichtiges überlesen und kann es aber dennoch nicht finden.

Danke an euch.

Gruß
bERND
Vince-Garron zu »Val McDermid: Nacht unter Tag« 09.08.2009
Ein wirklich toller Roman den Val MC Dermind da für uns Lesern geschrieben hat.Eine tolle Verknüpfung aus Vergangenheit und der Gegenwart.Man erlebt hautnahe den Streik der Bergarbeiter von 1994 mit.Man erlebt wie hart das Leben für die Bergleute und Ihre Familie war dann verschwindet der Bergmann Mick Prentice...Der Roman bleibt bis zum Schluß sehr spanned.War wirklich toll zu lesen!
clare1512 zu »Val McDermid: Nacht unter Tag« 10.07.2009
Super, total gelungen.

Spannung von der ersten bis zur letzten Seite.

Nachdem die Hill/Jordan Reihe abgeflaut war, hat es Frau McDermid wieder einmal geschafft.

Super Story, Zeitsprünge mit Bravur gemeistert; was will man mehr?

Auch die Person um Pirie finde ich mehr als gelungen.
Hoffe noch mehr von der Dame zu lesen.
Thomas Schäfer zu »Val McDermid: Nacht unter Tag« 05.05.2009
Ich kann der Rezension nur zustimmen; dieses ist der seit langem beste Krimi, den ich gelesen habe: gut geschrieben, die Story in sich schlüssig und jederzeit interessant und das Ganze eingebettet z.T. in die Zeit des letzten Streiks der Bergarbeiter in UK, der mir auch noch gegenwärtig ist.
Gekonnt springt die Autorin immer wieder zwischen einzelnen Erzählepochen hin und her, ohne dass der rote Faden verloren geht.
Volle Punktzahl
snoozer zu »Val McDermid: Nacht unter Tag« 23.04.2009
Ich wundere mich ja sehr über die schlechte Leserbewertung bisher ( aktuell 67% bei 20 Stimmen), obwohl hier nur äusserst positive Kommentare stehen. Da stimmt doch was nicht??

Ich kann dazu leider noch nichts sagen, da ich es noch nicht gelesen habe. Das werde ich aber so oder so tun, da V.McDermid eine meiner Lieblingsautorinnen ist.
mimikrimi zu »Val McDermid: Nacht unter Tag« 21.04.2009
Ich finde die Autorin hat keinen ausgesprochenenThriller geschrieben,sondern einen hervorragend guten Krimi.Die Handlung kommt ganz ohne Schocker und brutal-blutige Szenen aus. Im Gegenteil politische Vergangenheit(Grubensterben in Schottland)wird hier perfekt in ein Verbrechen eingebunden.Die verschiedenen Zeitebenen und die damit verbundenen Rückblenden bereiten dem Leser ein Lesevergnügen und lassen ihn Schritt für Schritt an den Ermittlungen teilhaben.Für mich am Besten war natürlich die Verknüpfung der einzelnen Erzählstränge und wie sie verflochten wurden.
Silke Schröder, hallo-buch.de zu »Val McDermid: Nacht unter Tag« 09.04.2009
Der Schottin Val McDermid gelingt mit „Nacht unter Tag“ ein ganz besonderer Thriller. Sie baut ihre Geschichte fast wie eine Biografie auf und springt nicht nur gewand zwischen den beiden Parallelhandlungen hin und her, sondern nutzt auch jede Menge Rückblenden, um den Fall noch packender zu gestalten. Ihre Technik erinnert damit an die erfolgreiche TV-Serie „Cold Case“, die filmisch ganz ähnliche Mittel einsetzt. Besonders gut stellt McDermid den verzweifelten Kampf der schottischen Bergarbeiterfamilien gegen die damaligen Zechenschließungen dar - vielleicht auch, weil sie durch ihre eigene Familie einen ganz persönlichen Bezug zu diesem Thema hat. Dabei kritisiert sie noch heute den harten Umgang der Polizei und der „Iron Lady“ Margret Thatcher mit den Streikenden.

Eingebettet in wunderschöne Landschaftsbeschreibungen, wie wir sie schon aus ihrem Roman „Das Moor des Vergessens “ kennen, wird „Nacht unter Tag“ durch die spannende und ungewöhnliche Inszenierung der Story, durch viele Informationen über die größte Streikbewegung der englischen Nachkriegsgeschichte, durch starke Frauenfiguren und sympathische Ermittler zu einem echten Pageturner.

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