Dreckskind von Uta-Maria Heim

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

deutsche Ausgabe erstmals 2006 .
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland, 1990 - 2009.

  • Meßkirch: Gmeiner, 2006. ISBN: 978-3899776614. 373 Seiten.

'Dreckskind' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Eine heile Welt gerät aus den Fugen: Vor einem halben Jahr wurde die siebenjährige Aranca brutal ermordet. Noch immer fehlt vom Täter jede Spur. Jetzt ist der sechsjährige Emil verschwunden. Bei der Stuttgarter SOKO liegen die Nerven blank – hat derselbe Psychopath wieder zugeschlagen? Als ein Kinderskelett gefunden wird, stehen die Ermittler vor neuen Rätseln …

Das meint Krimi-Couch.de: »Gratulation dem Gmeiner-Verlag« 70°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Vor einem halben Jahr wurde die kleine Aranca Burlic entführt und brutal ermordet. Die umgehend eingerichtete Stuttgarter Soko unter der Leitung von Anita Wolkenstein und Timo Fehrle ermittelte zwar nach Kräften, konnte aber bis heute keinerlei verwertbare Erkenntnisse gewinnen. Als ein zweites Kind, der sechsjährige Emil Walz, im 30 Kilometer entfernten Gräufelden verschwindet, liegen plötzlich die Nerven der Polizeibeamten blank. Wie schon im Fall »Aranca« stoßen die Ermittler auch hier auf eine große Mauer des Schweigens und so können sie insbesondere nicht ermitteln, ob es zwischen den beiden Fällen einen Zusammenhang gibt, außer dass sich die Kinder äußerlich und die Umstände ihres Verschwindens ähnelten. Gibt es zudem eine Verbindung zwischen den Familien Burlic und Walz?

Was die Polizisten nicht wissen, wird dem Leser recht bald klar: An Verdächtigen besteht kein Mangel. Arancas Mutter Svetlana verlor vor Jahren bei dem Massaker im bosnischen Srebrenica ihre gesamte Familie, von ihrer Mutter und ihrem Bruder Stanco abgesehen. Sie folgte ihrem Bruder nach Deutschland, der in einigen Stuttgarter Vororten zum lokalen Drogenboss aufgestiegen ist, und da sich Svetlana beharrlich weigert, in sein Geschäft einzusteigen, könnte ihr Bruder den Mord an Aranca als Drohung durchaus angeordnet haben. Ebenso könnte eine konkurrierende Bande oder einer seiner Helfer die Hand im Spiel haben.

Die Großmutter des kleinen Emil verdächtigt hingegen eine ganz andere Person des Mordes an Aranca: Ihre unter Schizophrenie leidende Enkelin Sybille. Emil kam nämlich kurz nach der Tat mit einem Anhänger vorbei, den die kleine Aranca auf dem Fahndungsplakat trug. Diesen hatte er zuhause gefunden. Aber hat Sybille auch etwas mit der Entführung von Emil zu tun? Zum Zeitpunkt von Emils Verschwinden saß sie in einer psychiatrischen Anstalt. Doch die Großmutter denkt gar nicht daran der Polizei zu helfen, schließlich lasten Jahrzehnte lang zurück liegende Geschehnisse über der Familie, die im Verborgenen bleiben müssen. Wenig später führt ausgerechnet ein drogenabhängiges Mädchen die Ermittler auf eine erste wichtige Spur...

Bevor auf »Dreckskind« näher eingegangen wird, muss man dem Gmeiner-Verlag gratulieren mit Uta-Maria Heim eine hierzulande renommierte Krimiautorin unter Vertrag genommen zu haben. Eine Autorin, die u. a. den Deutschen Krimi-Preis und den Glauser gewinnen konnte, würde man ja eher bei einem der »großen« Verlage erwarten, wenngleich sie mit ihrem aktuellen Roman, der vor Lokalkolorit nur so sprüht, beim Gmeiner-Verlag (zumindest) inhaltlich bestens aufgehoben ist.

Eine Landkarte von Stuttgart und Umgebung ist jedenfalls überflüssig, so großartig oder detailverliebt schreibt die Autorin ihre Geschichte. Ja, es ist mehr eine über Generationen reichende Familien-Chronik denn ein Kriminalroman und so kommen die ermittelnden Beamten nur stellenweise vor. Dann konzentriert sich die Handlung allerdings mehr auf das angespannte Verhältnis der Kollegen untereinander sowie deren privater Probleme anstatt auf die Suche nach dem vermissten Kind. Konsequenterweise kommt die Polizei keinen Schritt voran, erst eine drogenabhängige Frau hilft den Beamten weiter. Gegen Ende des Buches dann die Überraschung, es wird zumindest phasenweise recherchiert, wobei die Ergebnisse beim täglichen Brainstorming vorgetragen werden. Woher diese im Einzelfall kommen bleibt aber mitunter unklar, im Zweifel aus dem Internet.

Ebenso gelungen wie die Landschaftsdarstellungen sind die Beschreibungen der einzelnen Charaktere. Viel Platz wird in diesem langsam dahin schleichenden Plot für die Figurenzeichnung verwendet, immer wieder werden in wechselnden Szenen die Burlics, Emils Schwester nebst Freundeskreis, Vater Gerd, die Groß- und die Urgroßmutter sowie Emil selber in ihrem Alltag begleitet. Wer ein Faible für atmosphärisch dichte Romane hat, ist mit »Dreckskind« bestens bedient, wobei der eigentliche (Krimi-)Plot ebenfalls zu überzeugen weis, wenngleich einiges sehr konstruiert wirkt (z. B. Stancos »Eindringen« in das Polizeipräsidium und sein Ableben).

Akzeptiert man jedoch die Story respektive die Lösung (was hier keineswegs selbstverständlich ist), wird man für einige Stunden gut unterhalten. Der Stuttgarter Polizei hingegen dürfte das Buch weniger gefallen, denn sollten die Beamten dort tatsächlich genauso arbeiten...aber lassen wir das. Fraglich ist zudem, ob die Autorin sich und ihren Lesern einen Gefallen damit getan hat, an Besprechungen den KHK, KOK und PHK teilnehmen zu lassen. Manch’ Leser wird sich fragen, was die Kürzel der Dienstbezeichnungen zu bedeuten haben, wenngleich diese natürlich völlig unerheblich sind.

Ein weiteres »Manko« ist gelegentlich die Sprache, denn wie schon ein böser Spruch über die Schwaben besagt, können diese alles, nur kein Hochdeutsch. Die Formulierung »das Mensch« wirkt dauerhaft genauso verstörend wie der Umstand, dass mal wieder ein »reingeschmeckter Seicher« daherkam. Zudem verschwindet Emil nach einer Hocketse und wer jetzt völlig ratlos drein schaut, kann ja den Verlag oder die Autorin fragen, was das denn bitte schön sein soll. Um es abzukürzen, ein Glossar am Ende des Buches (»Schwäbisch-Deutsch«) wäre durchaus wünschenswert gewesen. Vielleicht muss man aber auch einfach nur mal an einer Hocketse teilnehmen …

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hapesu zu »Uta-Maria Heim: Dreckskind« 06.10.2008
Also, vielleicht bin ich einfach zu doof dafür, aber ich war am Ende schon etwas verärgert über die vielen offen gelassenen Fragen. Ich hätte schon gerne gewusst, ob der kleine Emil mit dem Leben davon kommt. Auch über das Schicksal der angeschossenen Kripo-Beamten hätte ich gern etwas mehr erfahren.
Aber abgesehen davon stellt dieses Buch eine hervorragend gelungene Milieuschilderung eines schwäbischen Dorfes von der Zeit vor dem Krieg bis heute dar.
Carmen zu »Uta-Maria Heim: Dreckskind« 16.10.2006
Für einen Schwaben ein sehr gelungenes Buch das sowohl die Landschaft, die Charaktere der Schwaben als auch den Dialekt sehr gut beschreibt. Für einen dem Schwäbischen nicht Mächtigen dürften so manche Ausdrücke und Redewendungen schon fast "spanisch" vorkommen.
Das Buch ist insgesamt sehr unterhaltsam und spannend geschrieben. Durchaus empfehlenswert.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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