Uferwald von Ulrich Ritzel

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 bei btb.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Ulm, 1990 - 2009.

  • München: btb, 2006. ISBN: 978-3-442-75144-0. 378 Seiten.
  • München: btb, 2007. ISBN: 978-3-442-73667-6. 378 Seiten.

'Uferwald' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch E-Book

In Kürze:

Ulm, in einer Wohnung der Gemeinnützigen Heimstätten: Charlotte Gossler, Jahrgang 1936, wird tot, fast mumifiziert aufgefunden, nachdem das besorgte Schreiben türkischer Nachbarn an die Hausverwaltung, man habe die Frau seit langem nicht mehr gesehen, offensichtlich monatelang verschlampt wurde. Trotzdem scheint es zunächst ein absoluter, wenn auch trauriger Routinefall zu sein. Das Ableben der alten Dame war ein natürliches, eine Fremdeinwirkung kommt laut Gerichtsmedizin wohl nicht in Frage. Da stößt Kommissar Markus Kuttler beim Sichern des Tatortes auf ein Tagebuch mit aufschlussreichen und teilweise verstörenden Notizen. Es stammt vom Sohn der Toten, einem gewissen Tilman Gossler – er hat es bis kurz vor seinem mysteriösen Unfalltod geführt. War es vielleicht gar kein Unfall, war es vorsätzlicher Mord? Gemeinsam mit seiner Kollegin Tamar Wegenast macht sich Kommissar Kuttler daran, den Fall von damals neu aufzurollen. Sie stechen in ein Wespennest. Denn Tilmans Tagebuch enthält brisante Beschuldigungen, die von ungeahnter Tragweite für laufende Geschäfte sind und bis in die besten Kreise Ulms führen …

Das meint Krimi-Couch.de: »Die Art und Weise lässt zu wünschen übrig« 50°

Krimi-Rezension von Peter Kümmel

In einer Wohnung der Gemeinnützigen Heimstätten in Ulm wird die Leiche der fast 70-jährigen Charlotte Gossler gefunden. Bereits seit Monaten lag die Frau tot in ihrer Wohnung. Das Fenster war offen, die Läden vorgelegt, so daß die Wohnung gut durchlüftet war und die Leiche in einem mumifizierten Zustand vorgefunden wurde. Nachbarn hatten bereits vor Wochen einen Brief an die Gemeinnützigen Heimstätten geschrieben, weil sie sich Sorgen um die alte Frau machten, doch das Schreiben wurde dort verschlampt bzw. aufgrund Arbeitsüberlastung als nicht beachtenswert angesehen.

Die Obduktion ergibt, dass die Frau ohne Fremdeinwirkung eines natürlichen Todes gestorben ist. Eine Routinefall für Kriminalkommissar Markus Kuttler. Er schaut sich die Wohnung der Toten näher an und findet wenig Erwähnenswertes. Das Tagebuch von Tilman Gossler, Sohn der Toten, verstorben vor sechs Jahren, nimmt er ohne Grund an sich und beginnt darin zu lesen – ob Polizisten Langeweile haben?

Der Inhalt des Tagebuches wird dem Leser explizit vorgelegt. Tilman Gossler schildert darin hauptsächlich sein an Höhepunkten armes tägliches Leben und die Treffen mit der Clique, überwiegend belanglose Dinge.

Eine Clique aus merkwürdigen Personen

Sowohl der Inhalt des Tagebuches als auch die kurzen Abschnitte und häufigen Orts- und Perspektivwechsel sorgen beim Leser für gepflegte Langeweile. Prinzipiell sind rasch wechselnde Abschnitte kein ungeeignetes Stilmittel, um Spannung zu erzeugen, jedoch nicht am Anfang eines Buches, wo zunächst einmal Aufbauarbeit zu leisten ist. Diese Langeweile scheint wohl auch Markus Kuttler befallen zu haben, denn er beginnt völlig uninspiriert im Falle des Todes von Tilman Gossler zu ermitteln. Dieser wurde in der Neujahrsnacht 1999, als er mit dem Fahrrad auf dem Weg von seiner Kneipe nach Hause war, von einem Auto angefahren, prallte gegen einen Baum und war sofort tot. Der einzige dünne Anhaltspunkt für Kuttler, dass ein Verbrechen vorliegen könnte, ist eine Bemerkung im Tagebuch, dass Gossler zur Polizei wollte und daß es vermutlich um nicht gezahltes Schmerzensgeld ging, das einem Bewohner eines Obdachlosenheims offenbar vorenthalten wurde. Alles also reichlich dünn als Aufhänger eines Kriminalromans.

Die Besetzung der Handlung ist im Prinzip recht übersichtlich, sofern man sich auf die Hauptakteure konzentriert. Die Zusammenfassung der Personen am Buchende verwirrt nur, da dort auch Charaktere aufgelistet sind, die nur einen kleinen Auftritt haben. Die Ermittlungen konzentrieren sich auf die Mitglieder von Tilmans Clique. Ein wohlbeleibter Bankangesteller, der es sich mit Hilfe von Kundengeldern gutgehen lässt, ein sich anbiedernder angehender Poliker, eine Lehrerin samt Öko-angehauchtem Ehemann, eine Mitarbeiterin der Gemeinnützigen Heimstätten sowie eine alleinerziehende Mutter bilden eine merkwürdige Gruppe, die überaus wenig verbindet. Ein Möchtegern-Künstler und ein Anwalt auf dem absteigenden Ast vervollständigen das für die Handlung relevante Personal. Eigentlich keine schlechte Zusammenstellung, die Potential für vielschichtige Beziehungsgeflechte bieten sollte. Was dabei herauskommt, ist jedoch ziemlich dürftig.

Rekonstruktion des Tathergangs nach Reinecker-Tradition

Die Idee selbst ist nicht schlecht. Ein Ereignis aus der Vergangenheit, das noch einiges nach sich zog, von hinten aufzurollen, ist grundsätzlich lobenswert. Auch Themen wie soziale Vereinsamung und Obdachlosenproblematik in die Handlung einzuarbeiten muß positiv erwähnt werden. Interessant auch die Einführung der wichtigsten Charaktere über das Tagebuch, so daß der Ersteindruck des Lesers auf die Figuren aus der Sicht des toten Tilman Gossler bereits mit einer gewissen Bewertung stattfindet. Die Art und Weise aber lässt stark zu wünschen übrig. Alles an einem so dünnen Ausgangspunkt wie ein paar Tagebucheinträgen, die in der Realität wohl nie gelesen worden wären, festzumachen, wirkt ein wenig naiv.

Erst auf den letzten hundert der fast 400 Seiten kommt ein wenig Spannung auf und schließlich muß eine Rekonstruktion des Tathergangs nach alter Reinecker-TV-Tradition herhalten, um einen Fall zu lösen, von dem lange Zeit nicht mal sicher war, ob es überhaupt einer ist. Der ersten Romanhälfte dagegen hätte es gut getan, ein wenig straffer und nicht so zerrissen geschrieben zu werden.

Was mich noch gestört hat: ein wenig Mühe könnte man sich beim Verlag mit der Gestaltung des Titelbildes schon machen. Ein zumindest geringer Bezug zum Inhalt des Buches sollte da schon vorhanden sein. Einfach wahllos ein Foto aus der Datenbank zu ziehen und auf den Einband zu klatschen zeugt von wenig Kreativität.

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vifu zu »Ulrich Ritzel: Uferwald« 07.08.2013
Kann meinem Vorgänger nur zustimmen. Mir hat die idee dieses Nicht-Berndorf-Romans sehr gut gefallen, auch wenn´s sicherlich die logische Lücke gibt. Ein Polizist der Interesse und Zeit hat ein Tagebuch zulesen. Aber ich fand ihn schön "gestrickt", die Clique ist glaubwürdig, die Zufälle manchmal schön schräg. Gute und spannende Unterhaltung, von mir mit 80° bewertet.
Volker Wörnhör zu »Ulrich Ritzel: Uferwald« 20.01.2009
Ich kann meinen Vorgängern nicht zustimmen. Gut, es war mein erster Ritzel und wenn die andern noch besser sind, dann will ich gerne zugreifen. Die Idee, mit dem Tagebuch eines völlig gelangweilten Menschen, der trotz Überheblichgkeit eine gewisse Moral hat, die ihn leitet, zu beginnen, dies wiederum einen gleichaltrigen Polizisten lesen zu lassen, den die Geschichte, die ja schon 7 Jahre her ist, nicht loslässt, finde ich genial. Die verschiedenen Handlungsstränge, Zeitebenen und Personen vorzustellen und dann zu einem Ganzen zusammenzubringen, gelingt Ritzel ausgezeichnet. Ich war von Anfang an gefesselt und konnte mit dem Lesen gar nicht aufhören. Wenn überhaupt, dann war der Schluss etwas fad, da ging dem Autor ein wenig die Puste aus. Was die Vorrezensten langweilig fanden, finde ich hervorragend gelungen, die Darstellung und Beleuchtung der einzelnen Personen und in welchem Beziehungsgeflecht sie stehen. Nur als Beispiel : der junge Polizist Kuttler, Nachfolger eines charismatischen Vorgängers und deshalb einfach auch unsicher, Fehler machend, aber auch mit Intuition. Eine Reise antretend, macht er im Richtigen das Falsche und löst den Fall dann doch, auch wenn er wegen des Fehlers darüber nicht ganz froh sein kann. Ich freu mich schon darauf weitere Fälle von Ritzel zu lesen.
Jens Roggenbuck zu »Ulrich Ritzel: Uferwald« 10.08.2008
Ich bin ebenfalls der Meinung, dass Uferwald der schwächste Ritzel ist. MeineVor-Kommentattoren haben eigentlich schon alles erwähnt. Die Berndorf-Reihe war insgesamt besser aufgebaut und spannender zu lesen und auch Forellenquintett, das ich vor Uferwald in die Finger bekommen habe, hat mir viel besser gefallen. Aber auch ein Ritzel darf mal ein nicht ganz so gelungenes Werk erstellen, der Nachfolger war ja bereits besser.
Michaela Maier zu »Ulrich Ritzel: Uferwald« 14.10.2007
Uferwald ist bisher das einzige Buch das ich von Ritzel gelesen habe. Es viel mir sehr schwer dran zu bleiben, mir erschien alles sehr verworren und unübersichtlich. Wenn ich nicht jeden Tag zum lesen kam, musste ich zurückblättern um mir Informationen wieder in Erinnerung zu bringen. Eigentlich wollte ich keinen Ritzel mehr lesen, aber nach dem Kommentar oben versuche ich es vielleicht noch einmal, denn seine anderen Bücher scheinen wohl besser zu sein.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Kinsey zu »Ulrich Ritzel: Uferwald« 19.09.2007
Definitiv der schwächste Ritzel, den ich bisher gelesen habe. Nach einem durchaus vielversprechenden Anfang, kam die Geschichte irgendwie nicht so recht in Fahrt. Und auch das Ende fand ich nicht wirklich überzeugend. Da hilft es auch nicht, daß ich über ein paar Abschnitte herzlich gelacht habe, z.B. die absolut treffende Beschreibung des Ulmer Oberbürgermeisters (S. 54 im HC).
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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