Trotzkis Narr von Ulrich Ritzel

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2013 bei btb.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Berlin, 2010 - heute.
Folge 7 der Berndorf-Serie.

  • München: btb, 2013. ISBN: 978-3-442-75298-0. 448 Seiten.

'Trotzkis Narr' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Vorwahlkampf in Berlin. Eine energische und populäre, weil hart durchgreifende Staatsanwältin soll als Kandidatin für das Amt des Regierenden Bürgermeisters aufgebaut werden. Noch mehr wird sie ins Rampenlicht gerückt, als sie die Ermittlungen in zwei Mordfällen übernimmt: Innerhalb von 24 Stunden waren ein Senatsangestellter und ein Polizeihauptkommissar erschossen worden, und zwar mit ein- und derselben Waffe. Zuerst mit Verwunderung, dann mit Verdruss stellen Staatsanwältin und die Beamten der Mordkommission fest, dass sich ein privater Ermittler in den Fall einzumischen beginnt. Es ist ein Ex-Kommissar aus Ulm. Sein Name: Hans Berndorf. Eigentlich recherchiert er in einer ganz anderen Sache. Eine junge Journalistin hat ihn gebeten herauszufinden, wer sie beschatten lässt. Sie hat ihren Mann in Verdacht. Dieser ist Leitender Mitarbeiter in einem großen, mit Berlin verbundenen Konzern. Berndorf wird schnell klar, dass es hier nicht nur um private Motive geht – er stößt auf informelle Netzwerke zwischen Senatsverwaltung und den großen Firmen der Stadt, in denen sich erhebliche kriminelle Energien verbergen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Berliner (Sauna-) Runde« 84°

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

Freunde des realpolitischen Kriminalromans sollten Ulrich Ritzel unbedingt auf ihre Merkliste setzen und gegebenenfalls mit Band 1 der Hans-Berndorf-Reihe beginnen, wie es der Rezensent im Nachhinein auch tun wird. Schon für Der Schatten des Schwans gab es viel Lob und Anerkennung sowohl von den Lesern als auch von den Kritikern. Der Folgeroman Schwemmholz wurde mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet und für den renommierten »Glauser« nominiert. Der Rezensent wurde erst 2009 auf den Autor aufmerksam, als Beifang ebenfalls mit dem Deutschen Krimipreis geehrt wurde. Aber wie es manchmal so ist, ging das Vorhaben, sich mit Ulrich Ritzel zu beschäftigen, in der Flut der Neuerscheinungen unter. Als für Oktober diesen Jahres Trotzkis Narr, der 7. Band der Reihe, angekündigt wurde, wurde die Absicht in die Tat umgesetzt. Zur Einstimmung in die Reihe gab es zuvor Schlangenkopf (Band 6).

Die Wahl von Schlangenkopf als Späteinstieg erwies sich als glücklich, da der Handlungsort innerhalb der Reihe von Ulm nach Berlin wechselt. Serienheld Berndorf ist aus dem Polizeidienst ausgeschieden und hat sich in Berlin niedergelassen, um seiner Lebensgefährtin nahe zu sein. Ruhestand heißt für Berndorf nun nicht Untätigkeit. Er versucht sich als privater Ermittler. In Schlangenkopf deckt er dubiose Waffenverkäufe in Krisengebiete auf. Im vorliegenden Trotzkis Narr geht es um die allgegenwärtige Korruption.

Im Saunaraum eines Berliner Hallenbads trifft sich einmal wöchentlich ein handverlesener Kreis Kommunalpolitiker, Verwaltungsangestellter und Investoren. Das gemeinsame Ziel dieser Runde ist es, sicherzustellen, dass lukrative Bauvorhaben der Stadt auch in die »richtigen« Hände gelangen. Als die Herren sich nach einer wieder einmal schweißtreibend verlaufenen Sitzung auf dem Parkplatz des Hallenbades verabschieden, nähert sich ein  Unbekannter dem ahnungslosen Giselher Marcks, einem leitenden Mitarbeiter des Baudezernates. Der Mann zieht eine Waffe, schießt Marcks zweimal ins Gesicht und verschwindet auf einem Fahrrad. Was außer den Lesern nur Eingeweihte wissen: der Auftragskiller sollte den Verwaltungsmenschen gar nicht töten, sondern ihm nur ins Knie schießen – als Warnung, wie die Mafia in solchen Fällen halt vorzugehen pflegt. Das Fehlverhalten des »Killers« zieht weitreichende Konsequenzen nach sich, für ihn und eine Reihe weiterer Personen.

Zur gleichen Zeit ist Privatschnüffler Hans Berndorf mit einer eher simplen Aufgabe befasst. Die Journalistin Karen Andermatt hat sich an ihn gewandt, weil sie sich verfolgt und beobachtet fühlt. Berndorf delegiert das Problem an seine freie Mitarbeiterin Tamar Wegenast. Die taffe Ermittlerin findet schnell heraus, dass nicht, wie zuerst vermutet, Andermatts Ehemann Stefan hinter der Beschattung steckt, sondern dessen international agierender Baukonzern. Wie es der Zufall will (oder auch nicht), war Stefan Andermatt Teilnehmer der »Berliner Sauna-Runde« und am besagten Abend einer der Zeugen des ungeplanten Mordes. So wird Berndorf über einen kleinen Umweg auch über diesen Fall und dessen Hintergründe informiert und seine grauen Zellen arbeiten mal wieder auf Hochtouren.

Wir kennen die bayrischen »Amigos«, den »Kölner Klüngel« oder andere Formen lokaler und regionaler Verfilzung. Vorteilsnahme und Vorteilsgewährung, Bestechung schlechthin,  sind so alltäglich geworden, dass sie nur noch in prominenten Fällen eine überregionale Meldung wert sind. Man könnte von einer »Schattenwirtschaft« sprechen, deren volkswirtschaftlicher Schaden sich für Deutschland jährlich im dreistelligen Milliardenbereich ansiedelt. Otto-Normalbürger sieht und hört nur selten davon. Kleine und mittlere Baufirmen und Handwerksbetriebe wundern sich schon lange nicht mehr darüber, dass sie bei Ausschreibungen stets den Kürzeren ziehen. Dass einer von ihnen aufbegehrt und sich wehrt, ist die Ausnahme. Doch genau davon erzählt Ritzels Roman.

Es ist selten, aber es passiert, dass die Abbildung auf dem Frontcover eines Romans mit dem Inhalt korrespondiert. Die geflochtene Kordel, die sich in kleine und kleinste Stränge verästelt, steht sowohl für den Anfang als auch für das Ende von Trotzkis Narr. Für den Anfang, weil der Autor verschiedenste Personen und Ereignisse vorstellt, die augenscheinlich nichts miteinander zu tun haben. Was verbindet eine ambitionierte Staatsanwältin, die gerne das Rote Rathaus erobern möchte, mit einem der wohl letzten Trotzkisten Deutschlands? Welche Rolle spielt die ehemalige, 2002 aufgelöste »Freiwillige Polizeireserve« Berlins, deren Mitglieder teilweise strafrechtlich auffällig waren oder dem rechtsextremen Spektrum nahestanden?

Ulrich Ritzel hat eine dichte Kordel von Beziehungen und Abhängigkeiten geflochten, und am Ende bleiben, wie im realen Leben, einige lose Fäden übrig. Getreu dem Motto: »Die Kleinen werden gehängt, die Großen lässt man laufen«.

Hans Berndorf, Ritzels Serienheld, hat viel gemein mit den klassischen Detektiv-Figuren. Wie sie hört auch er genau zu, hakt nach und lässt dann seine grauen Zellen Funken sprühen. Obwohl beim ihm als zentraler Figur letztendlich alle Fäden zusammenlaufen, dominiert er nicht das Handlungsgeschehen. Da bleibt viel Raum für interessante Nebendarsteller, denen sich der Autor mit Liebe und Akribie widmet. Im Fokus stehen nicht die Großkopferten, die alle Fäden in der Hand zu haben scheinen, sondern der »kleine Mann auf der Straße« oder Randexistenzen, die manchmal entgegen ihrer (politischen) Überzeugung das korrupte System stützen. (Von irgendetwas muss man ja doch leben.)

In seinen Ermittlungen eher ein Einzelgänger, führt Berndorf ein harmonisches Privatleben mit seiner Lebensgefährtin Barbara Stein, einer Uni-Professorin, die sich gern mal an den Ermittlungen beteiligt. Hier in Trotzkis Narr weilt sie jedoch zu einem Gastaufenthalt in den USA.

Es ist sehr angenehm, einen abgeklärten klugen Ermittler zu begleiten, der die Welt auch ohne Betäubungsmittel ertragen kann, der gelernt hat, hinter die Kulissen zu schauen und die Wahrheit hinter dem Augenscheinlichen zu erkennen. Man kann sicher sein, dass Held und Autor eins sind.

Obwohl Molotow-Cocktails fliegen, manch eine Waffe sich entlädt, lebt Trotzkis Narr nicht von vordergründiger Spannung oder dramatischen Inszenierungen. Es ist der raffinierte, an der Realität orientierte Plot, der überzeugt. Und die Vielfalt und Vielschichtigkeit der Charaktere runden das facettenreiche Gesamtbild ab. Wer z.B. Friedrich Ani mit seinem Tabor Süden mag, wird auch an Ulrich Ritzels Berndorf Gefallen finden.

Jürgen Priester, November 2013

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Darix zu »Ulrich Ritzel: Trotzkis Narr« 17.03.2014
Manchmal stelle ich mir die Frage, was einen guten Kriminalroman ausmacht? Schreibstil, Plot, Spannung, Unterhaltung, einen Inhalt der etwas transportieren bzw. mitteilen möchte. Täter, Schuldige und die charakterstarken Ermittler. Dann liegt man bei Ritzel und seinem “Narren“ richtig.
Ritzel verfügt über einen guten Schreibstil, ausgestattet mit einer sorgfältigen und ausgezeichnete Wortwahl. Das gelingt ihm schon mit den ersten Seiten und dieses Niveau hält er auf über 400 Seiten bei.
Wie schreibt der Rezensent Jürgen Priester so treffend: „Es ist sehr angenehm, einen abgeklärten klugen Ermittler zu begleiten, der die Welt auch ohne Betäubungsmittel ertragen kann…“, dem ist nichts hinzuzufügen.
Gute Unterhaltung kann auch halbzerstörte Ermittler auskommen. Kleiner Mangel: Manchmal trägt Ritzel seine Belesenheit und seine humanistischen Literatur Kenntnisse etwas dick auf, aber wer kann der kann. Ein beachtlicher Krimi , mit ordentlichen Spannungselementen, einem grübelnden Berndorf und einen zufriedenen Leser.
3 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Ginger zu »Ulrich Ritzel: Trotzkis Narr« 24.02.2014
Bin ja eigentlich ein Ritzel Fan, aber "Trotzkis Narr" war mir dann doch eine Spur zu sehr an den Haaren herbei gezogen!
Die Handlung wirkte auf mich gewollt politisch.So blieb der Trotzkist - obwohl eine der Hauptfiguren -in seinem Wirken nebulös.
Und die Neonazis, als Vollstrecker, waren letztlich doch nur die "Killer".
Hans Berndorf selbst zauberte mir dann auch viel zu oft ein Wissen aus dem Hut, und ich mich dauernd gefragt habe woher es denn kam.
Nein, mich hat dies Buch enttäuscht!
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Fritz Philipp Mathes zu »Ulrich Ritzel: Trotzkis Narr« 14.10.2013
Ich bin ja erst in der Mitte, finde aber die Geschichte sehr spannend. Nun kenne ich schon alle anderen Krimis von U.R. und bin voreingenommen, geht ja aber gar nicht anders. Ich kann den Neuen Ulrich Ritzel nur empfehlen.
Er wollte wiedereinmal in seiner Geburtsstadt lesen, was ihm zu meinem Leidwesen wieder nicht gelungen ist. Die Pforzheimer sind halt ein wenig, na ja. Der Prophet im eigenen Land...
3 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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