Neuntöter von Ule Hansen

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2016 bei Heyne.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland, Berlin, 2010 - heute.

  • München: Heyne, 2016. ISBN: 978-3-453-43804-0. 496 Seiten.
  • [Hörbuch] Köln: Random House Audio, 2016. Gesprochen von Friederike Kempter . gekürzte Ausgabe. ISBN: 3837133419. 2 CDs.

'Neuntöter' ist erschienen als TaschenbuchHörbuchE-Book

In Kürze:

Vor Menschen hat sie Angst. Serienmörder versteht sie.

Berlin, Potsdamer Platz. Beim Klettern auf einem Baugerüst macht ein Junge eine grausame Entdeckung: Drei Leichen, einbandagiert in Panzertape, hängen in schwindelerregender Höhe an den Gerüststangen. Sie sehen aus wie Mumien und scheinen in dieselbe Richtung zu blicken, als würden sie auf etwas warten. Als die menschenscheue Fallanalystin Emma Carow auf den Fall angesetzt wird, ist ihr schnell klar, dass er für ihre Karriere entscheidend ist. Doch je fester sie sich verbeißt, desto mehr droht ein altes Trauma sie in den Abgrund zu ziehen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Cocooning in der tödlichen Variante« 75°

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Ein spektakulärer Leichenfund versetzt die Berliner Polizei in helle Aufregung. Im Herzen der Stadt, am Potsdamer Platz, hängen drei Tote in einem Baugerüst – in so genanntes Panzertape eingewickelt wie in einen Kokon. Schnell wird deutlich, dass der Fundort nicht der Tatort ist. Die Abteilung für »Operative Fallanalyse« – im Volksmund als Profiler bekannt – soll die Ermittler des Landeskriminalamtes bei der Aufklärung unterstützen. Emma Carow, eine eher eigenbrötlerische und nur in beruflichen Zusammenhängen kommunikative Fall-Analystin, entwickelt zum gesuchten Mörder schnell andere Theorien als ihre Kollegen.

Da sich ihre Chefin demnächst in eine Kinderpause zurück ziehen wird, entwickelt sich der Fall für Emma zu einer ungeahnten Weichenstellung im Hinblick auf ihre weitere Karriere bei der Polizei. Es werden noch mehr eingewickelte Leichen in der Stadt gefunden, und Emmas Überlegungen zum Täter und seinem Motiv verfestigen sich. Parallel dazu muss sie gegen schlimme Dämonen aus ihrer eigenen Vergangenheit ankämpfen, und ein Konkurrent in den eigenen Reihen versucht ihr daraus auch noch einen Strick zu drehen. Doch die ungewöhnliche junge Frau bleibt ihren Überzeugungen treu, riskiert mehrfach gefährliche Alleingänge – und bringt sich selbst dadurch in tödliche Gefahr, je näher sie der Lösung kommt.

Emma Carow ist eine höchst ungewöhnliche Protagonistin

Astrid Ule und Eric T. Hansen haben unter ihrem gemeinsamen Pseudonym ihren ersten Thriller vorgelegt. Das Duo zeigt sich dabei als gutes, aber auch eigenwilliges Erzählerpaar. Die beiden haben nämlich mit Emma Carow eine ziemlich ungewöhnliche Protagonistin geschaffen. Es geht in dem Roman in sehr langen Passagen um Emmas Vergangenheit und um ihre Psyche. Manchem Leser mag das zu viel sein, auch ich habe zuweilen die Stirn beim Lesen gerunzelt.

Aber im Laufe der Lektüre wird deutlich, dass die spezielle Art zu denken, die Emma bei ihren Fallanalysen an den Tag legt, untrennbar mit ihrer Vergangenheit verbunden ist. Sie wurde vor vielen Jahren vergewaltigt, und hat das im Grunde noch nicht verarbeitet. Ihr ehrgeiziger Kollege Felix Schreiner versucht sie mit dem Wissen um die Vergewaltigung beruflich zu diskreditieren, aber Emma Carow wehrt sich mit aller Kraft.

Dem Leser wird ihre Art zu denken, sich in die Köpfe der Mörder hinein zu versetzen, umfassend geschildert. Damit vermochte sie bisher auch stets ihre Kollegen und Vorgesetzten zu überzeugen, trotz aller Alleingänge und Eigenwilligkeiten. Bei den von der Presse »Mumien-Fall« genannten Ermittlungen muss Carow mehrfach an ihre psychischen Grenzen gehen – und darüber hinaus. Die Autoren zeigen hier eindrucksvoll, wie schwierig der Job der Fall-Analytiker im Grunde ist, wie sehr ihr eigenes Wohlbefinden bei der Suche nach einem Mörder schwer geschädigt werden kann.

Spannung wird durch viele Rätsel kontinuierlich gesteigert

Man muss sich als Leser auf die Geschichte, und vor allem auf diese ungewöhnliche Protagonistin einlassen – dann wird man sehr kurzweilig unterhalten. Die Spannung wird durch die vielen Rätsel von Beginn an kontinuierlich gesteigert. Die Schilderung der Tötungsakte ist ziemlich harter Stoff – definitiv nichts für eine Lektüre vor dem Einschlafen. Speziell sind aber auch Emmas Analysen zu diesem Thema. So geht sie beispielsweise davon aus, dass die Inszenierung für die oder den Täter wichtiger ist als der eigentliche Tötungsakt. Dadurch wird deutlich, dass der Tot der Opfer für den Mörder nur ein Mittel zum Zweck ist – was sie ihren Kollegen nur schwer zu vermitteln vermag.

Ein nettes Nebenthema sind die so genannten Urban Explorer, mit denen Emma und ihre Kollegen während der Ermittlungen in Kontakt kommen. Das ist mehr als passend für einen Schauplatz wie Berlin.

Die Rivalität mit Felix Schreiner wegen der Schwangerchaftsvertretung für Emmas Chefin ist zwar ein ebenfalls passende Nebengeschichte, hätte aber etwas weniger ausführlich geschildert werden dürfen. Angesichts der ansonsten rundum stimmigen Geschichte kann man das aber durchaus verschmerzen.

Das Gesamtszenario ist zwar beängstigend, aber der gesamte Plot und das in meinen Augen ziemlich krasse Finale sorgen bei diesem bemerkenswerten Thriller-Debüt für ausgezeichnete Unterhaltung. Insgesamt also ein lesenswertes Buch mit höchst authentisch wirkenden Protagonisten.

Andreas Kurth, März 2016

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Anne K. zu »Ule Hansen: Neuntöter« 27.05.2016
Zeitweilig recht langatmig, weshalb ich das Buch doch einige Male aus der Hand gelegt habe, obwohl ich sehr gespannt darauf war. Ich selbst habe mehrere Jahrzehnte lang in einem Job gearbeitet, der dem der Protagonistin sehr ähnlich war, schon deswegen habe ich mich über die Kenntnis bezüglich des Berufsbildes und die Benutzung von Fachbezeichnungen gefreut. Und der Schreibstil hat mir auch von Anfang an gut gefallen, obwohl - nein, besser weil - er konzentriertes Lesen erfordert.
Insbesondere haben mir das Mitdenken und Eintauchen in die Gedankenwelt der geschilderten Personen gefallen und ich gestehe, dass ich nur selten ein Buch gelesen habe, das spannender war und mich weniger beeindruckt hat!
Wolfgang G. Peters zu »Ule Hansen: Neuntöter« 22.04.2016
"Neuntöter" fasziniert, verstört und verärgert. Zentrale Figur ist die Profilerin Emma Carow und ihre Einsamkeit, ihre Besessenheit im Job, ihre Panik-Anfälle und ihre Vergeblichkeit im Finden der stimmenden Verbindungen zwischen den mörderischen Entsetzlichkeiten und den Verdächtigen sind bis zum dramatischen Finale die entscheidenden Handlungspfade. Spannung und Verstörung beim Leser entstehen vor allem durch das Leben und die innere Gebrochenheit dieser Emma. Aber "Neuntöter" wird nicht gelesen, sondern Verschlungen. Allerdings baut sich zum Ende hin doch Verärgerung auf: Das stilistische Mittel der Autoren, Emma in scheinbaren Phasen der Entschlossenheit die richtigen Dinge tun zu lassen, werden plötzlich durch den lapidaren Satz "Nein, das tat sie nicht" widerrufen, und der Leser fühlt sich gefoppt. Und das mehrmals. Ärgerlich. Zudem läuft die ganze Sache so, wie es der Leser kennt. Emma kommt der Lösung dann doch nahe, mäandert zwischen Männern, da ist natürlich der Primärtäter dabei, sie gerät selbst in die Fänge der Täter, droht zu sterben, wird gerettet und kann schon vom Krankenbett aus die Fahndung und Findung organisieren und dann - prima - selbst in die Hand nehmen, da zerplatzen folgerichtig die passenden Köpfe und Leiber, ja, wie erwartet in blutige Dünste. Unter dem Strich gute Spannung, ein düsteres Berlin und eine Handlung wie erwartet.
Wolfgang G. Peters (wp)
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