Smonk von Tom Franklin

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 unter dem Titel Smonk or Widow town, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Pulp Master.

  • New York: William Morrow, 2006 unter dem Titel Smonk or Widow town. 254 Seiten.
  • Berlin: Pulp Master, 2017. Übersetzt von Nikolaus Stingl. ISBN: 978-3927734814. 307 Seiten.

'Smonk' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

Das meint Krimi-Couch.de: Unzweifelhaft: Pleased to meet you, Hope you guess my name* 91°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Tom Franklins dritter Roman »Crooked Letter, Crooked Letter« aus dem Jahr 2010 ist mittlerweile in Deutschland zur Schullektüre auserkoren und wird ab 2019 in Baden Württemberg Abitur-relevant sein. Ein Schicksal, das seinem Vorgänger »Smonk Or Widow Town«, (»Smonk oder Stadt der Witwen«) mit Sicherheit nicht widerfahren wird. Zu wild, zu brutal, zu viele Körperflüssigkeiten, die geschluckt, ausgetauscht, respektive vergossen werden – nicht umsonst zieht sich das Thema Tollwut durch den ganzen Roman. Vermutlich zu viel von allem für die Klassenzimmer im beschaulichen Baden Württemberg und drum herum. Wobei die Vorstellung sehr reizvoll ist, mit einer Lektüre, die auf Cormac McCarthy, Charles Portis, Sam Peckinpah, Italo-Western (bereits im ersten Satz liegt »Mundharmonika-Musik« in der Luft) und eine orgiastische Reise durch die inneren Kreise der Hölle verweist, Klassenzimmer zum Lesen und Diskutieren zu bringen.

Der wildeste Süden und die Macht der Bibel

Vielleicht sogar im Religions- und nicht im Englischunterricht, denn ein wichtiger Impulsgeber und sprachlicher Anknüpfungspunkt für »Smonk« ist die King-James-Bibel. Jene Übersetzung, die im englischen Sprachraum seit dem frühen 17. Jahrhundert (ab 1611) dem profanen Volk das Beten, Glauben, Hoffen und Fürchten nahebringen sollte. Vor allem das Fürchten. Vor irdischen und göttlichen Hoheiten. In ihrer schlichten, allgemeinverständlichen Übertragung sprachgewaltig und vor Derbheiten nicht zurückschreckend. Oder, wie Tom Franklin es in einem Interview mit dem Front Porch Journal ausdrückt: »What’s always fascinated me about the Bible – one of many things – is how earthy it is. How violent. How gothic.«Erdverbunden, gewalttätig, (southern) gothic – das trifft ziemlich genau auf »Smonk« zu, wenn man es noch um grotesk und verdammt witzig ergänzt. Ein entfesselter Höllenreigen – E.O. Smonk wird mehr als einmal mit dem Antichristen verglichen oder gleichgesetzt – von barocker Kraft, gerade so, als hätte man Hieronymus Boschs »Garten der Lüste« verkleidet als Spätwestern zu Papier gebracht.

Was ist ein Smonk? Falsch – WER ist?

Eugene Oregon Smonk, kaum einen Meter sechzig groß, einäugig, terrorisiert den kleinen Ort namens Old Texas in Alabama. Er schändet Frauen jeden Alters, prügelt, tötet und verbreitet durch seine bloße Existenz Angst und Schrecken. Der Roman beginnt mit einer Gerichtsverhandlung, und der Ankündigung von Smonks nahem Tod. Doch der kleingewachsene Berserker sieht sich keiner Jury gegenüber, sondern einem Lynchmob. Glücklicherweise hat er Unterstützung mitgebracht. Nicht nur Django kann ein Maschinengewehr bedienen. In einem epischen Gemetzel – schöne Grüße vom »Wild Bunch«-Finale – wird fast die gesamte männliche Bevölkerung des Kaffs niedergemäht, Smonk gelingt die Flucht.

Die tobenden Witwen des Ortes schicken den verwundeten Gerichtsdiener McKissick auf die Jagd nach dem Geflüchteten. Gemeinsam mit dem Schmied Gates nimmt McKissick die Verfolgung auf. Wobei er eine ganz eigene Rechnung mit E. O. Smonk zu begleichen hat. In die sein mutmaßlich von Smonk entführter Sohn involviert ist.

Eine Hure mit einem Herz aus Gold und dem Finger am Abzug

In Louisiana kämpft derweil die knabenhafte fünfzehnjährige Evavangeline ums tägliche Überleben. Sie verkauft sich für einen Dollar an den Nächstbesten und tötet jeden, der ihr Übles will. Ihr auf den Fersen ist der puritanische Gesetzeshüter Walton samt seinen »christlichen« Deputies. Walton, der sie zunächst für einen Jungen hält, fühlt sich von Evavangeline so angezogen wie abgestoßen. Damit befindet er sich in einem christlichen Ur-Dilemma: Was ist einem das Wasser wert, wenn man viel lieber den Wein möchte? Die Folgen sind klar: Selbstkasteiung bei körperlichen Gelüsten und flammende Predigten gegenüber den begleitenden Hilfssheriffs. Die sich Walton aus unterschiedlichen Gründen angeschlossen haben. Keiner davon ist religiöser Natur. Das Machtgefüge innerhalb der Gruppe ist brüchig. Phail Walton, von dem seine Ex-Verlobte meinte, er solle seinen Vornamen lieber in »Fail« umbenennen, ist ein Feigling mit großen Gesten, dem von seinem schwarzen Begleiter Ambrose in jeder Hinsicht der Rang abgelaufen wird. Ambrose ist ein Killer, Walton ein Schwätzer. Mit dem Glück eines Trottels, der sich genau in dem Moment bückt, wenn eine Kugel auf ihn abgefeuert wird.

Unzweifelhaft, dass es die Protagonisten, durch Wirrnisse, Gewalt und Verderben, aufeinander zutreibt, bis sie sich in Old Texas wiederbegegnen. Was für manchen tödlich endet. Beziehungsgeflechte werden gesponnen und sauber entwirrt, der junge McKissick reift in jeder Hinsicht zum Mann und »die Stadt der Witwen« entpuppt sich als Heimstätte eines so infamen wie apokalyptischen Kultes. In Franklins archaischer (und damit lebensnaher) Welt werden Himmel und Erlösung nur behauptet, erschaffen wird die Hölle. »Lazarus der Erlöser« ist der beißfreudige Cerberus und damit Einlassverwalter, eine Gruppe scheinbar fürsorglicher Witwen seine fanatischsten Dienerinnen. 

Unsere Kleinen, da draußen, verbrennen die Erde**

In Tom Franklins Roman steht nicht nur das Dach in Flammen, hier brennt das ganze Gebäude lichterloh. E. O. Smonk ist auf einem Rachefeldzug gegen die ganze Welt, und wenn man dessen Grundlagen betrachtet, kann man seinen Hass durchaus nachvollziehen. Er wütet durch einen Süden, in dem Niedertracht zelebriert wird, Menschen ihrer Triebbefriedigung ohne Rücksicht auf das Wohl anderer folgen, Mitmenschlichkeit nur praktiziert wird, wenn sie dem eigenen Nutzen dient. Gilt ebenso für Gerechtigkeit und Solidarität. Religion ist kaum mehr als ein verzerrter Glaube daran, dass man Seligkeit erreicht, wenn das geopfert wird, was man vorgeblich liebt.

Identifikationsfiguren sind nicht auszumachen, am sympathischsten erscheinen noch Ike, Smonks Beschützer und Bewahrer seiner Geschichte, der dauererregte, nicht mal zwölfjährige, McKissick Junior und die getriebene juvenile Hure Evavangeline, deren radikale Fick- und/oder Stirb-Mentalität daraus resultiert, kein Opfer sein zu wollen. Sie ist eine finstere Wiedergängerin von Charles Portis» Mattie Ross, die allerdings keinen Rooster Cogburn an ihrer Seite braucht, um zu überleben und zu ihrem Ziel zu kommen (wobei Phail Walton ein Zerrbild des Gesetzeshüters darstellt). Hilfe braucht sie dennoch dann und wann. Aber das kann auch ein Junge sein, dem sie als Lohn gelegentlich einen runterholt.

Die Grundlagen unseres gegenwärtigen Systems als Spross eines destruktiven Alptraums***

Ein Roman der filigranen Feingeistigkeit scheint «Smonk» wahrlich nicht zu sein. Doch wie so oft steckt nicht nur der Teufel, sondern auch große Kunst im Detail. Tom Franklin arbeitet mit den Mitteln der Überzeichnung, gibt dem Grotesken und Bizarren viel Raum und schafft es dabei, sein Personal in all seiner Lächerlichkeit nie dieser preiszugeben. Alle Perversionen dieser Welt als Teil ihrer Alltäglichkeit. Genau das lässt «Smonk» trotz seiner exzessiv zur Schau gestellten, expliziten Darstellungen von Gewalt, Entsetzen und Wahnsinn in weiten Teilen sogar brüllend komisch werden. Das Lachen allerdings beißt, denn wie bei dem zynischen Motto «Tötest du einen Menschen bist du ein Mörder, killst du Tausend(e), ein Kriegsheld» bleibt immer evident, dass «Smonk» eine komprimierte Paraphrase auf das Geschehen in der realen Welt ist. Auch und gerade der aktuellen.

Das Fazit ist einfach: Lest Tom Franklin

Dass dies nicht in die Hose geht, ist Franklins Vermögen als Autor zu verdanken. Er trifft immer den richtigen Ton, ist bei jeder Übertreibung scharfsinnig und -sichtig und behandelt jeder seiner Figuren mit Respekt. So schändlich sie sich auch benehmen oder derbe leiden müssen. Seine Sprache ist kraftvoll, pointiert und voller Passagen, die das Innehalten fast zum Pflichtprogramm werden lassen. Von Nikolaus Stingl gekonnt ins Deutsche über(ge)setzt. 

* «Sympathy For The Devil», The Rolling Stones
** «Die gottverdammte Pleite», Ludwig Hirsch
*** Dem lesenswerten Vorwort des Verlegers Frank Nowatzki entliehen, in dessen Pulp Master-Verlag auch die deutsche Übersetzung von «Crooked Letter, Crooked Letter" 2018 erscheinen wird.

Jochen König, Januar 2018

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