Das zerstörte Leben des Wes Trench von Tom Cooper

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2015 unter dem Titel The Marauders, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei Ullstein.
Ort & Zeit der Handlung: USA, Louisiana, 2010 - heute.

  • New York: Crown Publisher, 2015 unter dem Titel The Marauders. 384 Seiten.
  • Berlin: Ullstein, 2016. Übersetzt von Peter Torberg. ISBN: 978-3-550-08096-8. 384 Seiten.
  • [Hörbuch] Hamburg: HörbuchHamburg, 2016. Gesprochen von Johannes Steck. ungekürzte Ausgabe. ISBN: 3957130301. 8 CDs.

'Das zerstörte Leben des Wes Trench' ist erschienen als Hardcover HörbuchE-Book

In Kürze:

Als Hurrikan Katrina mit den Südstaaten der USA fertig ist, hat Wes Trench alles verloren. Er ist kaum erwachsen, und doch erscheint es ihm, als sei sein Leben schon vorbei. Weil er es zu Hause nicht länger aushält, heuert Wes beim Shrimper Lindqvist an. Der alte Fischer ist noch übler dran: Was er fängt, reicht kaum zum Leben, ein Ölteppich bedroht die Küste, und zu allem Unglück ist ihm auch noch die Armprothese gestohlen worden. Besessen von der Idee, in den Sümpfen der Küste einen Schatz zu finden, fährt er immer wieder mit seinem Boot raus. Auch die gefährlich durchgeknallten Toup-Brüder, deren Grasplantagen er zu nahe kommt, können ihn nicht davon abhalten. Wes genießt die Freiheit an Lindqvists Seite und fasst allmählich neuen Mut, bis ihn ein weiterer Schicksalsschlag zu einer Entscheidung zwingt. Ein großer Roman, der packend und mit viel Liebe zu seinen störrischen, gebeutelten Figuren von Verlust erzählt und davon, was es heißt, allen Widrigkeiten zum Trotz immer wieder aufzustehen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Piratengold, Alligatoren und jede Menge gutes Dope« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Viktor und Reginald Toup sind Waisen – ihr Vater hat zunächst ihre Mutter und dann sich selbst erschossen. Nun betreiben die beiden – bei ihren Mitbürgern als Ganoven bekannt und berüchtigt – auf einer Insel in der Barataria Bay im US-Bundesstaat Lousiana eine Marihuana-Plantage. Den Sheriff schmieren sie kräftig, damit er wegschaut, und wenn ihrer Insel mal jemand zu nahe kommt, endet er unter Umständen als Alligator-Futter. Der Shrimp-Fischer Lindquist ist einer, der ihnen ziemlich nahe kommt und von den Brüdern bedroht wird. Nate Cosgrove und John Henry Hanson sind zwei Kleinkriminelle, die ebenfalls in der Gegend gelandet sind und auf eine gute Gelegeneit für den großen Coup warten. Brady Grimes versucht im Auftrag von BP, den arglosen Bürgern ihre Schadenersatz-Ansprüche nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexico für eine lächerliche Summe abzukaufen. Wes Trench ist hier im Bayou, wie es die Einheimischen nennen, aufgewachsen. Er träumt davon, wie sein Vater Shrimp-Fischer zu werden. Ihre Schicksale führen die Protagonisten zusammen – und nicht alle überleben diese Begegnungen.

Doppeltes Drama für völlig verzweifelte Menschen

Tom Cooper ist Hochschullehrer in Thibodeaux, als sich die Katastrophe auf der Ölplattform Deepwater Horizon abspielt. Er hat mit eigenen Augen und Ohren aufgenommen, wie sich das Leben der Menschen an der Golfküste – nur fünf Jahre nach dem verheerenden Wirbelsturm Katrina – nochmals dramatisch verschlechtert hat. Das ist in seiner überaus spannenden und lesenswerten Geschichte auch zu spüren. Er fängt das Lebensgefühl und die Verzweiflung der Menschen nahezu perfekt ein – düstere Stimmung, merkwürdige Protagonisten, authentische und witzige Dialoge.

Der Roman lebt vor allem von den skurrilen Figuren, aber auch von den zahlreichen kriminellen Machenschaften, die in dem Buch geschildert werden. Drogen-Anbau und -Handel, Mord, Betrug im großen Stil, Einbruch und Diebstahl – es ist schon eine breite Palette, die hier von Cooper aufgefahren wird. Man fragt sich als Leser, was schlimmer ist. Sind es die kleinen Diebstählen, oder der groß angelegte Betrug durch den Öl-Multi? Und man ist geneigt, den kleinen Ganoven vieles zu verzeihen – bei Mord hört der Spaß dann allerdings auf.

Verschlagene Galgenvögel und eher harmlose Ganoven

Die Toup-Zwillinge sind überaus verschlagene Galgenvögel, die ihre Marihuana-Plantage auf der einsamen Insel in der Barataria Bay sorgsam bewachen. Sie spielen Lindquist zunächst einen teuren Streich, indem sie ihm die 30.000-Dollar-Armprothese klauen und im Meer versenken. Dann wird es heftiger, weil er ihrer Insel immer näher kommt – und der Alligator im Schlafzimmer lässt den Leser zwischen Schrecken und Lachen pendeln.

Lindquist wiederum ist ein mehr als komischer Vogel. Er hat bei einem Unfall auf See einen Arm verloren, ist seither von Schmerz-Tabletten abhängig – und stets auf der Suche nach dem Schatz des legendären Piraten Jean Lafitte. Er gilt als harmloser Spinner – einzig die Toup-Brüder empfinden sein Herumstöbern auf den Inseln der Barataria Bay als bedrohlich.

Nate Cosgrove und John Henry Hanson sind eher harmlose Ganoven. Gefährlich wird es für die beiden, als sie der Marihuana-Plantage der Toups auf die Spur kommen. Die Nummer wird für die zwei tölpeligen Galgenvögel schnell zu groß.

BP-Agent Brady Grimes ist innerlich zerrissen zwischen Zweifeln an seiner verbrecherischen Arbeit – und dem Wunsch, erfolgreich und anerkannt zu sein. Die Aufgabe, den von der Ölkatastrophe geschädigten Bürgern ihre Ansprüche auf Schadenersatz für lächerliche 10.000 Dollar abzuschwatzen, überfordert ihn dann allerdings immer mehr.

Wirtschaftlicher Ruin statt bescheidenem Wohlstand

Wes Trench ist ein 17-jähriger Sonny-Boy, der in Jeannette, etwas westlich von New Orleans gelegen, aufgewachsen ist. Zwischen all den verkrachten Existenzen ist er so etwa wie die andere Seite der Medaille. Während dort kriminelle Energie und kaum zu bändigende Gier vorherrschen, hat Wes eher bescheidene Träume, die allerdings nur schwierig zu erfüllen sind.

Wie sein Vater und Großvater vor ihm, will er sich ein eigenes Boot bauen, hat schon innovative Vermarktungskonzepte für die Shrimps im Kopf – und muss sich doch den Realitäten an der Küste stellen. Denn nach der Explosion auf Deepwater Horizon sind etliche Millionen Barrel Öl in den Golf von Mexico und damit vor die Küste von Louisiana geflossen. Der einst große Markt für Shrimps aus der Barataria Bay ist in den ganzen USA faktisch zusammen gebrochen. Statt sich bescheidenen Wohlstand erarbeiten zu können, droht den Fischern der wirtschaftliche – und damit schließlich auch der kulturelle – Ruin.

Ein bemerkenswerter Roman zum Genießen in aller Ruhe

Tom Cooper versteht es, mit seiner bildhaften Erzählweise den Leser die Atmosphäre an der feucht-heißen Golfküste spüren zu lassen. Er beschreibt die sterbende Kultur der Shrimp-Fischer mit all ihren Eigenheiten in Sprache, Musik und Tanz. Seine Protagonisten werden in ihren unterschiedlichen Facetten beschrieben, wirken überaus authentisch, man sieht sie beim Lesen förmlich vor sich.

Mit Wes Trench hat der Autor zudem eine Titelfigur geschaffen, die mit ihrer Naivität und durchweg positiven Energie ein weinig Hoffnung verbreitet. Inmitten von Verzweiflung, Gier und Kriminalität versucht der Junge, sein Leben so normal zu gestalten, wie er es sich vorstellt. Ob seine Pläne umsetzbar sind, wird sich erst noch zeigen müssen – das Schicksal der Galgenvögel ist dagegen absehbar. Diesen bemerkenswerten Roman sollte man ganz in Ruhe genießen, wie guten Wein oder Whisky. Im Gegensatz zu den Getränken besteht hier jedoch keinesfalls die Gefahr einer Überdosis – Suchtpotenzial ist dagegen vorhanden.

Andreas Kurth, Mai 2016

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Falcon zu »Tom Cooper: Das zerstörte Leben des Wes Trench« 14.05.2017
Lange her, dass ich einem Buch 100% verliehen habe. Dieses verdient die Höchstnote ohne Zweifel.
Ganz grossartige Bilderwelt, schräge Figuren, knochentrockene harte Realität, und eine spannende Geschichte, obwohl eher am Rande eines Krimiromans.
Nichtsdesto Trotz eine wirkliche grossartige Story und absolut lesenswert.
Heike Strate zu »Tom Cooper: Das zerstörte Leben des Wes Trench« 02.08.2016
Südstaaten-Romantik und brutale Wirklichkeit zu vermischen, ohne dass es irgendwie belehrend und bemüht rüberkommt? Gar nicht so einfach, aber hier hervorragend gelungen. Ein Hauch von Tom Sawyer und Huckleberry Finn, viel Melancholie, großartig gezeichnete Charaktere mit ihren individuellen Geschichten und eine ungeheure Umweltkatastrophe, die heute fast schon wieder vergessen ist. Aber eben nur fast! Dank dieses sprachgewaltigen Romans mit hinreißenden Dialogen, die die Protagonisten so lebendig und trennscharf werden lassen, dass der Leser sie förmlich vor sich sieht und der unwiderstehlich poetischen Schilderung einer von Zerstörung gezeichneten Natur. Ganz großes Kino für’n Kopf!
subechto zu »Tom Cooper: Das zerstörte Leben des Wes Trench« 19.05.2016
Tiefer Süden

New Orleans zehn Jahre nach Hurrikan Katrina und kurz nach dem Unfall auf der Bohrinsel Deepwater Horizon. Ein Ölteppich droht die Küste zu zerstören. Der 17-jährige Wes Trench hat alles verloren: seine Mutter an den Sturm und seinen Vater an die unermessliche Trauer. Deshalb heuert er bei dem alten Shrimper Lindquist an. Der hat nur noch einen Arm - die Prothese wurde ihm gestohlen - und ist besessen von der Idee, in den Sümpfen einen Piratenschatz zu finden. Lindquist und Wes gehen nicht nur gemeinsam Fischen, sondern auch auf Schatzsuche und treffen dabei auf die durchgeknallten Toup-Zwillinge Reginald und Victor, die auf einer Insel im Sumpf das beste Marihuana Louisianas anbauen. Aber auch Cosgrove und Hanson, zwei Loser, sind nachts in den Sümpfen unterwegs. Wer wird überleben?
Kaum zu glauben, dass es sich um einen Debütroman handelt. Wenn „die Rumtreiber“ (so der Originaltitel) durch die Sümpfe irren, dann ist das Gänsehaut pur. All die Alligatoren, Schlangen und Insekten, dazu die tropische Hitze. Tom Cooper schreibt schnell, stark und mitreißend. Man möchte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen, fiebert und leidet mit den Figuren mit. Das Buch ist in viele Kapitel gegliedert, was das Lesen angenehm macht und dem Werk Struktur verleiht. Vor allem, wenn die Handlungsstränge ineinander greifen. Ein großer Roman, der packend und mit viel Liebe zu seinen störrischen, gebeutelten Figuren von Verlust erzählt und davon, was es heißt, allen Widrigkeiten zum Trotz immer weiterzumachen. Zitat Victor: „Träume sind doch nie interessant, nur für einen selbst.“

Fazit: Ein großartiger Abenteuerroman. Unglaublich spannend!
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