Exodus aus Libyen von Tito Topin

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2013 unter dem Titel Libyan Exodus, deutsche Ausgabe erstmals 2015 bei Distel Literaturverlag.

  • Paris: Éditions Payot & Rivages, 2013 unter dem Titel Libyan Exodus. 233 Seiten.
  • Heilbronn: Distel Literaturverlag, 2015. Übersetzt von Katarina Grän. ISBN: 978-3923208906. 233 Seiten.

'Exodus aus Libyen' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Sie sind Acht. Unterschiedlicher Herkunft und Religion, aus unterschiedlichen sozialen Milieus, von verschiedenem Alter und Charakter. Sie alle wollen mitten im libyschen Bürgerkrieg Tripolis verlassen. Gemeinsam in einem Land Cruiser, unter Beschuss, in sengender Hitze. Quer durch die Wüste in Richtung Tunesien.
Wegen einer Reifenpanne müssen sie in einem von den Regierungstruppen zurückeroberten Dorf Rast machen und in der Ruine eines Hotels übernachten, in dem ausgerechnet auch der Kommandant der Besatzungstruppe logiert.
Nun nimmt kein griechisches, so aber ein ganz reales libysches Drama seinen Lauf.

Das meint Krimi-Couch.de: »Flucht aus Tripolis, raus aus dem Bürgerkrieg« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Sechs Männer, zwei Frauen. Unterschiedlicher könnten sie kaum sein. Darunter ein französischer Kampfpilot, ein alkoholkranker kanadischer Arzt, eine gläubige Muslimin, ein Jude. Eine der beiden Frauen ist jung und attraktiv, die andere erwartet ihr erstes Kind. Sie alle haben ihr Päckchen zu tragen, gute Gründe schnellstmöglich Tripolis zu verlassen, ihr Ziel Tunesien zu erreichen und damit endgültig dem Grauen des libyschen Bürgerkrieges zu entfliehen. In Tripolis hingegen warten Gefängnis und Todesstrafe. Doch schon beim Verlassen der Stadt mit einem Land Cruiser gibt es erste Schwierigkeiten. Ein regierungsnaher Söldner, der die Ein- und Ausfahrt der Stadt kontrolliert macht Probleme, woraufhin ihn Chino, der Fahrer, kurzerhand erschießt und das Gaspedal durchdrückt. Ein Wagen nimmt die Verfolgung auf, ein weiterer Mord geschieht. Die Flucht endet vorzeitig in Ar-Rahibat oder besser gesagt in dem, was von dem kleinen Städtchen noch übrig ist. Überall Ruinen, kein Strom und Wasser, dafür patroulierende Soldaten, die den Ort unlängst den Rebellen wieder abgenommen haben. Im einzigen Hotel gibt es nur ein halbwegs bewohnbares Zimmer, doch dort hat sich der Kommandant der Besatzungstruppe eingerichtet. Es bleibt den Flüchtigen nur ein notdürftiges Provisorium. Wie schon auf der Fahrt zeigt sich, dass die Gruppe kein gemeinsames Ziel verfolgt, sondern in sich zerstritten ist und jeder ausschließlich seine eigenen Interessen verfolgt …

Erschreckend aktueller Plot über die Sinnlosigkeit von Kriegen

Bedrückend und sehr realistisch zeigt Autor Tito Topin die Lage während des libyschen Bürgerkrieges auf. In der äußerst inhomogenen Gruppe stoßen alsbald Vorurteile, Egoismus, Resignation und pure Verzweiflung aufeinander. Wunden brechen auf, kulturelle und religiöse Differenzen kommen offen zu Tage, werden intensiv besprochen, und das, obwohl man in der ausweglosen Situation zwingend zusammen halten müsste, denn es bedarf nur eines Befehls des Kommandanten und ihr Schicksal ist besiegelt. Umso mutiger ist die junge Salima, die sich standhaft weigert dem Wunsch des Kommandanten nachzukommen und dessen Einladung auf sein Zimmer zu folgen. Dies wiederum sorgt für hitzige Diskussionen, könnte eine kleine Gefälligkeit immerhin der Schlüssel zur möglichen Weiterreise sein.

»Ich habe die großen Zugvögel immer beneidet. Keine Grenzen, keine Zollbeamten, keine Visa, kein Einchecken in Flughäfen, keine Feinde außer ein paar Zurückgebliebenen, die sie für Enten halten.«
»Im Gegenzug müssen sie Wespen futtern.«
»Sie wissen, dass sie das Richtige tun, sie sind sich bewusst, dass sie nützlich sind.«
»Das sind keine Menschen. Damit sind sie uns gegenüber schon gewaltig im Vorteil.«

Äußerst gekonnt und eindrucksvoll verwebt der Autor die Schicksale seiner Protagonisten. So wird die aktuelle Situation jeweils in zwei, drei Kapiteln erzählt bevor dann in kurzen Einblenden nach und nach die einzelnen acht Figuren als Ich-Erzähler berichten, wie sie in ihre aktuelle Lage geraten und warum sie auf der Flucht sind.

Wann und vor allem von wem wurde eigentlich der letzte Krieg gewonnen?

Schuld an allem ist der »Pourriture« (deutsch »Verderbtheit«), hier ein Synonym für den Staatschef Gaddafi.
Die Geschichte spielt im Jahr 2011, nahezu pausenlos fliegen die Franzosen Luftangriffe und dennoch passt die Geschichte auch heute noch haargenau.

»Sie wissen sehr wohl, dass Kriege schon lange nicht mehr gewonnen werden. Niemand ist als Gewinner aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen. Wer hat den Koreakrieg gewonnen? Der Norden, der Süden? Afghanistan, Irak, Israel-Palästina, die Hutus gegen die Tutsis, die Liste dieser aufreibenden Kriege, die letztendlich immer ohne Sieger oder Besiegte enden, ist lang. Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich lieber auf die Liebe anstoßen, dabei gibt es nur Verlierer, aber wenigstens entspricht das den Spielregeln.«

Der Tenor dieses gewaltigen und gewalttätigen Romans könnte lauten, dass es bei Kriegen keine Gewinner gibt. Ein wichtiger Fingerzeig an alle Staaten dieser Erde, die einen Teil ihres Wohlstandes auf Waffenlieferungen aufbauen. Es zeigt den ganzen Irrsinn von Gewalt, noch dazu gegen das eigene Volk.

»Es ist einfacher, einen Hund zu verjagen als einen Diktator. Ein Stein reicht, damit er den Schwanz einklemmt und abhaut. Für einen Diktator braucht man die Zustimmung aller Nationen, man muss quatschen, warten, bis es Tausende von Toten gibt. Dann, aber erst dann, schmeißt man ihm die Tausenden von Tonnen von Bomben auf die Birne, die so viel Kosten, dass man einen ganzen Kontinent davon ernähren könnte. Woraus folgt, dass es besser ist, von einem Hund regiert zu werden. Man wird ihn leichter los, wenn er anfängt, sich für Gott in Person zu halten.«

Kann es am Ende einer solchen Handlung noch Hoffnung, gar Überlebende geben? So viel sei verraten: Die Zahl der ursprünglich acht Personen wird bis zur letzten Buchseite arg dezimiert. Aber ein Happy-End hat zu diesem Zeitpunkt auch niemand mehr erwartet.

Jörg Kijanski, Mai 2016

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