Der Metzger von Thomas Raab

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2016 bei Droemer.
Folge 7 der Willibald-Adrian-Metzger-Serie.

  • München: Droemer, 2016. 336 Seiten.

'Der Metzger' ist erschienen als E-Book

In Kürze:

Willibald Adrian Metzger BERUF Möbel-Restaurator. Respektiert das Vergangene, blickt geduldig unter Staubschichten, geht mit Akribie an seine Arbeit, da liegt sein: HOBBY, das Lösen von Kriminalfällen, also auf der Hand. EIGENARTEN Der Metzger ist ein Genussmensch, bevorzugt Rotwein, folglich vollschlank bis untergroß. Bedenklich spannt sein Jackett um den Bauch. Er schert sich nicht darum, was andere über ihn denken, ist nicht zimperlich mit sich und seiner Umgebung, aber eine treue, gutmütige Seele. BEZIEHUNGSSTATUS Und genau hier beginnen die Fragen: Denn im Grunde ist er schwer an seine Herzdame Danjela Djurkovic vergeben. Nur die läuft ihm davon, aus völlig heiteren Himmel. Im Schlepptau eines fremden Mannes. Ohne Erklärung, ohne ersichtlichen Grund, ohne Wiederkehr. Und das vor aller Augen. Diesmal ist die erste Leiche also der gedemütigte Metzger selbst. UND JETZT? Bleibt es nicht bei dem einen Toten, denn weder weiß der Metzger, wer dieser fremde Lackaffe ist, noch, wer seine Danjela wirklich war. Abgesehen davon, ist da noch die Geschichte mit dem Wahnsinn …

Das meint Krimi-Couch.de: »Anspruchsvolle Krimikost mit viel Sprach- und Wortwitz« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Der Wurstkaiser der Stadt, Heinz Woplatek, ist tot. Erschossen und aufgehängt in seiner eigenen Selchkammer. Verdächtige gibt es mehrere, denn der erfolgreiche Unternehmer hatte viele Widersacher. Kurz vor seinem Tod raste ein LKW seiner Firma in den Wurststand seines Konkurrenten Zawodnik, eine Aktion, bei der beinahe auch der gefürchtete Literaturkritiker Hofer überfahren worden wäre. Übte Zawodnik umgehend Vergeltung? Hat Woplateks ältester Sohn Konrad ein Motiv in Form der vorzeitigen Firmenübernahme? Oder seine aktuelle Ehefrau, die womöglich ihr Erbe retten wollte, bevor eine fünfte Ehefrau ihre Nachfolge antritt?

»Was soll der Blödsinn? Sie glauben doch nicht ernsthaft, irgendein Autor wird so dumm sein, mit etwas antun zu wollen, nur weil ich ihn verrissen habe!«
»Mein Glaube hat mich ermittlungstechnisch noch nie weit gebracht, Herr Hofer, aber vielleicht liegt es schlicht an der Tatsache, dass ich keinen habe: ohne Bekenntnis. Und das Wesen der Dummheit ist es eben, ziemlich unerwartet Dinge zu tun.«

Derweil entdeckt der Restaurator Willibald Adrian Metzger die Literatur, wenn auch eher zufällig. »Egons Schatten« heißt der Rachethriller über den die ganze Stadt redet, Iwan Ketalpow der Autor. So wollte sich einst der jüngste Sohn Woplateks als Schriftsteller nennen, worauf er vom Vater verstoßen wurde. Iwan, russisch für Hans, und den Familiennamen einfach rückwärts. Doch der Metzger ist gleich doppelt überrascht. Zum einen passieren Vorfälle, die eins zu eins dem Bestseller nachempfunden sind, zum anderen tritt bei der Autorenlesung zwar jemand auf, aber keineswegs der Hans. Das wüsste der Metzger wohl. Doch was geschah mit Hans?

Es wird einsam um den Metzger

Immer wieder überrascht Thomas Raab seine Leser, wie er seinen Protagonisten in einen neuen Kriminalfall hineinstolpern lässt. So auch hier. Metzger steht am Würstelstand des Zawodnik als besagter LKW in dessen Rückwand kracht. Dann werden Ereignisse eines Krimis nachgestellt, aber nicht irgendeines Krimis, denn den Hans kennt der Metzger von klein auf. Er war Stammgast in der Metzgerei seines Vaters bis dieser sich mit seinem Sohn überwarf.

»Und auch wenn es heißen mag: «Maria voll der Gnade», daraus wird nichts. Keine Gnade.«

Wer die Metzger-Reihe neu entdeckt wird womöglich einem Trugschluss zum Opfer fallen, denn es handelt sich bei Willibald Adrian Metzger nicht um einen Serientäter, sondern um einen an sich harmlosen Möbelrestaurator, der gelegentlich der Polizei behilflich ist. Ansprechpartnerin dort war bislang Irene Moritz, doch diese eröffnet Metzger, dass sie in wenigen Tagen befördert wird. Vertikal wie horizontal, will heißen, ein Schritt auf der Karriereleiter nach oben, aber an einem anderen Ort. Bleibt ihr Mitarbeiter Josef Krainer, von dessen Intelligenz der Metzger so viel hält wie von eigener körperlicher Ertüchtigung. Dabei muss sich der mehr als gut beleibte Metzger sogar ins städtische Freibad begeben, seiner Lilli wegen. So heißt die Tochter von Nachbarin Trixi, die der Metzger gerne schon mal zum Kindergarten bringt oder von dort abholt. Doch auch hier stehen die Zeichen auf Abschied, denn Lilli berichtet Metzger von einem gewissen Uwe, der neuerdings des Öfteren bei Trixi zu Besuch ist. Wenig später dann die Nachricht: Man werde um- und bei besagtem Uwe einziehen. Bleibt zum Glück noch Danjela, der der Metzger einen Heiratsantrag gemacht hat.

Josef Krainer vergönnt einem Teil der Golatsche ein kurzes Bad in einer Tasse Kaffee, lässt sie in seinem Mund verschwinden und beweist seine Multitasking-Fähigkeit. Kauen, Reden, Spucken, Schlucken, alles zusammen, gar kein Problem.
»Und jetzt muss umgekehrt ich Ihnen recht geben, Moritz, wer ein Buch veröffentlicht, sollte natürlich wissen, was ihn da erwartet, nämlich: Öffentlichkeit. Steckt ja sogar in der Berufsbezeichnung Autor schon drinnen!«
»Versteh ich nicht!«
»Na, outdoor! Da kann ich mich doch dann nicht beschweren, wenn’s mal schüttet wie aus Scheffeln?«, freut sich Josef Krainer über seinen Wortwitz, und bei SCH und und Doppel-F klatscht es nur so die Rosine auf des Hofers in einer der Zeitungen abgedrucktes Konterfei.

Der Metzger ist anspruchsvolle Krimikost, die man langsam, genüsslich und vor allem mit Bedacht konsumieren sollte. Denn nahezu in jedem Satz, wobei ein Satz auch mal gerne verschachtelt und über zehn Zeilen lang ist, steckt eine humorvolle Pointe. Großartiger Wort- und Sprachwitz zeichnen die erfolgreiche Metzger-Reihe aus, wenngleich der Schreibstil mitunter auch ein wenig sperrig daher kommt. Neben einem kniffligen Kriminalfall wird, en passant wie der Schachspieler sagen würde, nahezu alles kritisiert und bewertet. Im vorliegenden Roman natürlich zu vorderst der Literaturbetrieb, der fast noch mörderischer erscheint wie das aktuelle Geschehen. Hier gibt es intensive Einblicke in eine Branche, die ihren eigenen Gesetzen folgt. Aber auch das aktuelle politische Geschehen bleibt nicht unkommentiert.

Bei der Vielzahl der »lustigen« Krimis im Stile eines Kluftinger und Co., die mitunter eher ins alberne oder banale abdriften, bleibt der Metzger eine wohltuende Ausnahme, zumal für jene Leser, die gerne mit der Sprache arbeiten. Diese werden sich auch nicht an der nicht ganz korrekten Aussprache von Danjela aufreiben, die ihren eigenen Unterhaltungswert hat.

Jörg Kijanski, Dezember 2016

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