Wintertod von Thomas Nommensen

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2016 bei Rowohlt.
Folge 2 der Arne-Larsen-Serie.

  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2016. ISBN: 978-3-499-27198-4. 432 Seiten.

'Wintertod' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Auf einem stillgelegten Berliner Friedhof wird eine junge Frau tot aufgefunden, kaum einen halben Meter tief im Boden verscharrt. Zusammen mit seiner türkischen Kollegin Mayla Aslan nimmt Hauptkommissar Arne Larsen, frisch nach Berlin versetzt, die Ermittlungen auf. Die Spuren führen zu einem kleinen Mädchen, das ein Dutzend Mal «Hilfe» in ihr Aufsatzheft kritzelt, und schließlich in die Vergangenheit, zum geheimen Haus Nr. 24 in der Waldsiedlung der DDR. Larsen und Aslan ahnen nicht, dass sie nicht die Einzigen sind, die den verstörenden Ereignissen nachspüren, während ein ungewöhnlich früher Wintereinbruch die Stadt mit eisigem Frost überzieht.

Das meint Krimi-Couch.de: »Der lange Schatten der alten Männer aus Wandlitz« 80°

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Nach einer entwürdigenden Attacke durch gewalttätige Schüler musste Lehrerin Lea Zeisberg eine mehrmonatige Auszeit nehmen. Als sie wieder unterrichtet, fällt ihr das unendlich schwer, dennoch kümmert sich die sensible Pädagogin um merkwürdige Vorfälle in einer auffälligen Familie – und wird schließlich tot in ihrer Küche gefunden. Zeitgleich werden der frisch nach Berlin versetzte Hauptkommissar Arne Larsen und seine Kollegin Mayla Aslan mit einem Leichenfund auf einen verwilderten Friedhof in Berlin-Buch konfrontiert.

Die Ermittlungen gestalten sich schwierig, Larsen muss außerdem mit seiner neuen Kollegin zurecht kommen, was die Arbeit nicht gerade erleichtert. Nach dem Fund einer weitere Leiche verwerfen die Ermittler ihre These von einem vertuschten Suizid – es handelt sich bei den Toten um Mutter und Tochter. Der Weg zur Lösung der Rätsel führt Larsen und Aslan weit in die Vergangenheit, in die Zeit der DDR. In einem geheimen Stasi-Krankenhaus finden sie Spuren in die legendäre Waldsiedlung in Wandlitz – dort lebte die politische Führungselite des untergegangenen Staates.

Anpassungsprobleme mit der neuen Großstadt-Kollegin

Mit seinem neuen Buch hat Thomas Nommensen seinen Protagonisten den gleichen Weg nehmen lassen, den er selbst einst gegangen ist – vermutlich aber aus anderen Gründen. Der erste Fall von Kommissar Arne Larsen spielt noch in Schleswig-Holstein, der Heimat von Nommensen. Nun sind Autor (schon länger) und Protagonist (ganz frisch) in Berlin. Ein dunkler Sommer hat bei den Lesern der Krimi-Couch überdurchschnittlich hohe Wertungen bekommen, für Wintertod deutet sich ähnliches an – und das zu Recht.

Der Wechsel eines Polizisten in eine ganz neue Umgebung ist bei Autoren ein durchaus beliebtes Stilmittel. Man kann dem Protagonisten dann tolle Dinge andichten. Thomas Nommensen verzichtet auf derartigen Quatsch, lässt Arne Larsen ein paar merkwürdige Episoden in seiner Wohngemeinschaft durchleben, aber das war es dann auch schon. Anpassungsprobleme gibt es mit seiner Kollegin Mayla Aslan – und die ist eine spannende Figur.

Eine maulige, aber auch liebenswerte Klugscheißerin

Die Kommissarin hat einen niedrigeren Dienstgrad, wird aber zunächst als Leiterin der Ermittlung eingesetzt, weil Larsen ja noch keine Erfahrung in der Großstadt hat. Der nimmt die Sache weitgehend sportlich, auch wenn Aslan eine gewöhnungsbedürftige Kollegin ist.

Gleich an Larsens erstem Tag müssen sich die beiden mit dem merkwürdigen Fund einer Frauenleiche auf einem stillgelegten Friedhof auseinandersetzen. Und das auch noch in Buch, einem Stadtteil am nördlichen Rand der Metropole. Der Hauptkommissar muss also so einiges verdauen, kommt damit aber gut zurecht, indem er sich auf seine professionellen Tugenden besinnt.

Aslan ist eine maulige Klugscheißerin, irgendwie ein typische Berlinerin, dabei allerdings durchaus liebenswert, was Larsen die Sache eben auch leicht macht. Keineswegs leicht sind die Recherchen in diesem Mordfall, denn zunächst passt nichts zusammen. Thomas Nommensen hat hier einen erstklassigen Plot erdacht, dessen düstere Atmosphäre durch den zweiten Handlungsstrang um die psychisch angeschlagene Lehrerin Lea Zeisberg enorm unterstrichen wird.

Empathische Lehrerin trotzt der eigenen Psyche

Zeisberg ist eine wirklich interessante Figur. An einer überaus problematischen Schule sind ihr schlimme Dinge mit völlig außer Kontrolle geratenen Schülern passiert. Der Direktor hält jedoch alles unter dem Deckel, um den öffentlichen Ruf seiner Penne nicht zu gefährden. Lea hält dennoch nach ihrer Auszeit ihre Augen auf – trotz großer psychischer Probleme. Zeisberg kommt dadurch Vorgängen auf die Spur, die sie in große Gefahr bringen. Ihre Empathie führt schließlich zu Lea Zeisbergs Tod – und lässt den Leser ratlos zurück, weil er in dem geschickt aufgebauten Plot erst viel später die Zusammenhänge erkennen kann.

Die Vorgänge an Berliner Problemschulen sind häufig genug durch verschiedene Medien thematisiert worden. Dabei ist die deutsche Hauptstadt keineswegs einzigartig für solche Verhältnisse, aber in Berlin ist eben alles wie unter einem Brennglas fokussiert. Thomas Nommensen baut das sehr geschickt in seiner Kriminalgeschichte ein. Hier die Schönredner und Ignoranten, da die empathische Lehrerin, die trotz enormer eigener Probleme nicht wegschaut. Der Leser fühlt sofort mit Lea Zeisberg mit, ihr tragisches Ende hebt die Spannung in dem Roman auf eine noch höhere Stufe.

Ermittler und Leser müssen Puzzle-Stücke zusammensetzen

Den Spannungsbogen hat der Autor langsam aufgebaut, aber dann geht es richtig zur Sache. Als klar wird, wie die beiden interessanten Handlungsebenen zusammen gehören, werden die Fragen allerdings keineswegs weniger. Durch die häufigen Rückblicke in die Wandlitzer Waldsiedlung ist zudem klar, dass einige Antworten in der Zeit der DDR oder kurz nach deren Untergang liegen. Aber wie schon erwähnt, der Plot ist gut ausgearbeitet und sehr komplex. Ermittler und Leser müssen die zahlreichen Puzzle-Stücke akribisch zusammen setzen.

Nommensen hat, dank seiner Ortskenntnis, interessante Schauplätze für seine Protagonisten ausgewählt. Da lässt sich eine herrlich düstere Atmosphäre aufbauen, was natürlich auch der Jahreszeit geschuldet ist. Der Roman punktet – neben der Spannung – mit viel Emotionalität und gut recherchierten Hintergrund-Fakten. Spannend und gut lesbar erzählt, authentische Dialoge und interessante Protagonisten – einfach lesenswert.

Andreas Kurth, April 2017

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leseratte1310 zu »Thomas Nommensen: Wintertod« 30.10.2016
Arne Larsen hat sich nach Berlin versetzen lassen. Doch erst noch gar nicht richtig angekommen, als er schon von seiner Kollegin Maya Aslan zu einem neuen Fall gerufen wird. Auf einem ehemaligen Friedhof der DDR ist eine verscharrte Leiche gefunden worden.
Die Lehrerin Lea Zeisberg findet in dem Heft eines Mädchens einen Hilferuf. Lea hat gerade erst nach einem traumatischen Ereignis wieder ihren Dienst angetreten. Irgendetwas läuft schief an der Schule. Eine Kollegin hat Angst vor den Schülern.
Dann gibt es noch einen Rückblick in die Vergangenheit. Der kleine Martin liebt mit seiner Mutter und seinem Stiefvater in der der abgeschotteten Waldsiedlung unter extremen Bedingungen.
Was haben diese unterschiedlichen Handlungsstränge miteinander zu tun?
Der Schreibstil ist spannend und sehr fesselnd. Eine früher Wintereinbruch überzieht Berlin mit Frost. Genauso frostig habe ich mich manches Mal beim Lesen gefühlt. Es ist erschütternd und bedrückend, was in manchen Familien geschieht und niemand bekommt etwas mit oder er sieht weg.
"Wintertod" ist der zweite Fall mit Hauptkommissar Arne Larsen.
Arne hat es nicht leicht. Die WG beschert ihm nicht gerade ein Zuhause und seine Vorgesetze Mayla Aslan ist sehr spröde. Arne ist ein besonnener Ermittler und sich mit Mayla nicht immer einig. Er geht weiter seinen Ermittlungen nach und schon gibt es die nächste Leiche. Mayla trägt Altlasten mit sich herum, welche ist noch nicht klar, was dafür sorgt, dass sie nicht gerade umgänglich ist. Aber mit der Zeit raufen sich die beiden immer mehr zusammen. Die Charaktere sind ausführlich und authentisch beschrieben.
Ich habe lange gebraucht, um Zusammenhänge zu erkennen. Am Ende gibt es dann die Lösung – logisch, erschreckend und grausam.
Der Krimi hat mir sehr gut gefallen und ich freue mich schon auf den nächsten Fall mit Larsen und Aslan.
Sagota zu »Thomas Nommensen: Wintertod« 02.10.2016
"Wintertod" ist nach "Ein dunkler Sommer" der 2. Fall für Hauptkommissar Arne Larsen und erschien (TB) im Oktober 2016 im Rowohlt-Verlag.Das Cover ist stilistisch sehr passend zu Romanverlauf und Jahreszeit, in der er spielt (November): Es gibt zwei Zeitebenen, die im Berlin der Gegenwart und in Berlin-Buch 1979, zu DDR-Zeiten, verortet sind. Stimmung: Düster und eisigkalt.

Inhalt/Buchbeschreibung:

"Eisiger Frost überzieht die Hauptstadt, da wird auf einem verwilderten Friedhof in Berlin-Buch eine Leiche gefunden. Hauptkommissar Arne Larsen nimmt zusammen mit seiner Kollegin Mayla Aslan die Ermittlungen auf, doch die Spuren sind alles andere als eindeutig. War es Mord, oder sollte ein Suizid vertuscht werden? Und wie sind die Hinweise auf ein angeblich geheimes Haus Nr. 24 in der Waldsiedlung der DDR zu werten?
Gleichzeitig spielen sich seltsame Dinge an einer Berliner Schule ab: Ein Mädchen kritzelt mehrfach "Hilfe" in sein Aufsatzheft, und eine Lehrerin fürchtet ihre Schüler. Aber wie hängt das mit der toten Frau zusammen? Gerade als Larsen und Aslan sich auf der richtigen Fährte glauben, machen sie einen weiteren grausigen Fund."(Quelle: Buchrückentext)

Meine Meinung:

Ohne den Vorgänger zu kennen, kam ich durch die sehr kurzen Kapitel und den eingängigen Erzählstil des Autors schnell in die Handlung: Die beiden Erzählstränge wechseln sich perspektivisch ab (Arne Larsen/Lea Zeisberg) und berichten von Gewalt in der Schule (Lea) im sozialen Brennpunkt 'Prenzlauer Berg' und dem allmählichen 'sich-zusammenraufen' im Ermittlerduo Aslan/Larsen, letzterer erst kürzlich in Berlin angekommen, die sich sowohl persönlich als auch kulturell einander annähern...
Während Lea, nach einer beruflichen Auszeit und noch immer mitgenommen, dem ständigen Fehlen der Geschwister Kolja und Merle Grossmann nachzugehen versucht, da sie das Gefühl nicht los wird, dass in dieser Familie etwas 'oberfaul' ist, ermitteln Larsen und Aslan im LKA über die möglichen Hintergründe einer unbekannten Toten auf einem stillgelegten Friedhof.
Wenig später entdeckt Larsen eine zweite Leiche unweit der toten Frau, die noch mehr Rätsel aufgibt. Endlich wird "von oben" grünes Licht für eine SoKo gegeben und Nommensen hat es gut verstanden, das langsame Anlaufen von Verwaltung, Vorgesetzten (sowohl beim LKA als auch in der Schule) und das Herunterspielen von sich anbahnenden Konflikten bzw. Verbrechen plastisch darzustellen, was mir - da realistisch in dieser Gesellschaft - gut gefallen hat.
Die beiden Handlungsstränge werden später ergänzt durch einen dritten: In Rückblenden in die DDR-Zeit 1979 Ost-Berlin erzählt Martin von seinem 'neuen Vater' und den Einflüssen in seiner Kindheit, als sich ein dritter Mord ereignet...

Ab diesem Zeitpunkt nimmt der Krimi sehr an Spannung und Fahrt auf und man rätselt mit, welchem Motiv und welchen menschlichen Störungen die Morde geschuldet sind...
Bei der Beschreibung dieser Wurzeln, die Opfer zu Tätern werden lassen, ihnen keine andere Verhaltensmöglichkeit an die Hand gegeben wurde, geht der Autor sensibel vor; die erschreckenden Zusammenhänge wirken auf mich real und authentisch, auch glaubwürdig, da hier auch psychologische Faktoren menschlichen Verhaltens eine Rolle spielen.

Das letzte Drittel des Kriminalromans verfolgt dann zahlreiche unvorhersehbare Wendungen und der Plot ist insgesamt stimmig. Die kurzen Kapitel und sehr gute Darstellung und Figurenzeichnung der Protagonisten; allen voran Larsen und Aslan, finde ich sehr gelungen: Besonders gut gefielen mir die "winterlyrischen Passagen", die diesem Krimi eine außergewöhnliche atmosphärische Dichte verleihen, so dass man die Kälte fast spüren kann beim Lesen.
Der Stil von Thomas Nommensen ist klar und flüssig zu nennen, was die Handlung unterhaltsam macht: Die mir etwas fehlende anfängliche Spannung (während der ca. ersten 100 Seiten) steigerte sich nach und nach und konnte bis zum Schluss dann gehalten werden: An sozialkritischen Themen wie z.B. der DDR-Vergangenheit (kam ein wenig zu kurz, finde ich), binationale Teams und Zusammenarbeit (Larsen/Aslan); Gewalt an Schulen und Überforderung der Lehrer, Opfer, die zu Tätern werden fehlt es ebenfalls nicht...

Fazit:

Eine eigenwillige, sensible Erzählweise, sich steigernde Spannung, eine Prise 'Lyrik' und ein sympathisches und toughes Ermittlerduo sowie ein interessanter Mordfall lassen mich "Wintertod" Lesern, die Krimis mit psychologischer Spannung und Tiefgang schätzen, gerne weiterempfehlen. Ich vergebe 4 * und 87° auf der 'Krimi-Couch'. Der Vorgänger sowie der Nachfolger, der bereits in Planung ist, befindet sich bereits auf meiner "Merkliste" ;)
Baerbel82 zu »Thomas Nommensen: Wintertod« 26.09.2016
Das Böse in ihm

Um es gleich vorwegzunehmen, „Ein dunkler Sommer“ von Thomas Nommensen hatte ich mit Begeisterung verschlungen und so war ich schon gespannt auf „Wintertod“. Die Inhaltsangabe ließ erneut auf einen spannenden Krimi hoffen und ich wurde nicht enttäuscht. Worum geht es?
Winter in Berlin. Nach einem traumatischen Erlebnis in der Schleswig-Holsteinischen Provinz hat sich Hauptkommissar Arne Larsen in die Hauptstadt versetzen lassen. Als auf einem alten Friedhof eine Leiche gefunden wird, übernimmt Larsen die Ermittlungen zusammen mit seiner neuen Kollegin und Chefin Mayla Aslan.
Mord oder Selbstmord? „Wintertod“ ist der 2. Fall für den jungen, eigensinnigen Arne Larsen. Gleich mehrere Handlungsstränge gilt es zu verfolgen:
- Die Polizei, die im Fall der toten Frau auf dem verlassenen Friedhof ermittelt,
- Lea Zeisberg, eine Lehrerin, die an ihrer Schule eine Beobachtung macht und nachforscht sowie
- Rückblenden in die 70er Jahre der DDR, die vom Schicksal des kleinen Martin erzählen.
Wo ist die Verbindung? Die Polizei tappt im Dunkeln. Sie treffen auf Zeugen, die nichts gesehen und noch weniger gehört haben. Erst eine weitere Leiche führt die beiden Ermittler auf die richtige Spur…
Thomas Nommensen öffnet ein dunkles Kapitel der Deutsch-Deutschen Geschichte. Nach dem Mauerfall wird gemauschelt und vertuscht. Die Wahrheit kommt erst ganz am Ende ans Licht.
Es geht um Gewalt gegen Kinder. Die Geschichte wiederholt sich. Aus Opfern werden Täter. Eine Konfliktsituation, die den Leser emotional einbindet und verführt, seinen Fuß auf die falsche Seite zu stellen. Auch mit Gesellschaftskritik spart der Autor nicht.
Wechselnde Perspektiven sorgen für Dynamik. Die Figurenzeichnung ist glaubhaft und durchdacht. Über das Wiedersehen mit Arne habe ich mich sehr gefreut. Auch die geheimnisvolle Mayla ist mir sofort ans Herz gewachsen. Sie hat türkische Wurzeln und das Verhältnis zu ihrer Familie scheint kompliziert zu sein.
Selbst, wenn der Leser der Polizei immer einen Schritt voraus ist, wird dennoch Spannung aufgebaut. Eine Geschichte mit vielen falschen Fährten, dramatischen Wendungen und einem intensiven Spannungsbogen bis zum überraschenden Ende.
Arne, Mayla und Harald Fricke, eine sympathische Truppe, der ich gerne wieder über die Schultern schauen möchte.

Fazit: Ein Kriminalroman mit Tiefgang. Abgründig und packend zugleich!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
mabuerele zu »Thomas Nommensen: Wintertod« 25.09.2016
„...Ein eiskalter Luftstrom aus Weißrussland vermählt sich über der Hauptstadt mit dem Tiefdruckgebiet, das seit einigen Tagen über dem westlichen Brandenburg festhängt. Eine Hochzeit in reinstem Weiß und doch nur eine Ehe auf Zeit...“

Der Prolog führt mich in eine Schulklasse. Zwei Jungen üben sich im Armdrücken. Dann geschieht etwas Unerwartetes.
Karin ist Sondengängerin. Heute zieht es sie auf einen stillgelegten Friedhof. Der Metalldetektor reagiert auf einen Spaten. Dann steht Karin vor einer Leiche.
Lea Zeisberg hat lange pausiert. Nun wird sie wieder vor einer Klasse stehen.
Hauptkommissar Arne Larsen ist nach Berlin gewechselt. Vorläufig arbeitet er unter Oberkommissarin Mayla Arsen. Die Tote auf dem Friedhof ist ihr Fall.
Drei kurze Kapitel sind der Auftakt für einen fesselnden Krimi. Die Geschichte wird in drei Zeitebenen erzählt. Lea Zeisbergs Part spielt in der jüngeren Vergangenheit, die Ermittlungen in der unmittelbaren Gegenwart. Deshalb sind diese Kapitel auch mit Datum und Uhrzeit versehen. Zur dritten Zeitebene komme ich später.
Die Protagonisten sind gut charakterisiert. Dabei hat der Autor Handelnde kreiert, die jeder ein anderes Päckchen zu tragen haben. Arne Larsen arbeitet das Trauma seines letzten Falles auf. Ab und an kommen die Erinnerungen zurück. Mayla ist Türkin. Die Spannungen mit ihrer Familie werden nur angedeutet. Lea ist Grundschullehrerin. Grundschulen gehen in Berlin bis Klasse 6. Ein Vorfall beim letzten Schulfest hat sie aus der Bahn geworfen. Zurück blieb eine Agoraphobie.
Der Schriftstil des Buches sorgt für den hohen Spannungsbogen. Das geschieht durch kurze Kapitel und schnell wechselnde Handlungsorte. Hinzu kommt ein dritter Handlungsstrang, der im Jahre 1979 beginnt. Martin, ein kleiner Junge, lebt in der Waldsiedlung in Wandlitz, dem abgezäumten Bereich der politischen Elite der DDR. Er bekommt einen neuen Vater. Von dem gemeinsamen Erleben des Jungen mit dem Vater berichtet dieser dritte Handlungsstrang. Adam, der Vater, formt die Seele des Kindes nach seinem obskuren Bild von Rache und Gerechtigkeit.
Die Ermittlungen gestalten sich schwierig. Salzmann, der Chef des Kommissariats, geht von Selbstmord aus. Arne aber ist anderer Ansicht und geht eigene Wege, sehr zum Ärger seines Vorgesetzten. Auch das Verhältnis zwischen Arne und Mayla ist schwierig. Nur langsam gehen sie aufeinander zu. Neben der spannenden Handlung aber gibt es auch poetische Stellen, wie obiges Zitat zeigt. Außerdem hat mich Arnes Leben in der WG ab und an zum Schmunzeln gebracht, während es für ihn weniger angenehm gewesen sein dürfte.
Bedrückend dargestellt werden die Verhältnisse in der Schule. Hier werden gekonnt alle Probleme unter den Teppich gekehrt. Wegsehen statt hinsehen ist angesagt, egal, ob Grundschüler rauchen oder Kinder längere Zeit im Unterricht fehlen. Der Führungsstil des Direktors wäre ernsthaft zu hinterfragen.
Der Autor führt mich als Leser an unterschiedliche Stellen Berlins. Dabei erfahre ich, wie an den einstigen Prunkbauten der Zahn der Zeit nagt. Genaue Beschreibungen der Orte gehören zum Handlungsablauf.
Das Cover mit den vereinzelten Sonnenstrahlen am Himmel und dem Kreuz im Vordergrund wirkt düster.
Das Buch hat mir ausgezeichnet gefallen. Die verschiedenen Handlungsstränge wurden gekonnt zusammengefügt.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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