Der Kameramörder von Thomas Glavinic

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2001 bei Volk und Welt.

  • Berlin: Volk und Welt, 2001. ISBN: 3353011919. 156 Seiten.
  • München: dtv, 2003. ISBN: 3423206187. 156 Seiten.
  • München: dtv, 2006. ISBN: 978-3423135467. 156 Seiten.

'Der Kameramörder' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Seit Menschengedenken hat es kein so sommerheißes Osterfest gegeben wie jenes, an dem der Ich-Erzähler und seine Lebensgefährtin ihre Freunde besuchen. Dass diese Hitze keine Übertreibung ist, wird unaufhörlich durch Fernseh- und Radionachrichten bestätigt, denen die zwei Frauen sich aussetzen, teils süchtig, teils widerwillig. Zwar waren sie zu vergnüglichem Spiel, für gemütliche Abende und gemeinsame Aufenthalte im Freien zusammengetroffen, doch hält stattdessen ein ungeheures Verbrechen die vier, die ganze Gegend, bald Österreich und Deutschland und schließlich die zivilisierte Welt in Atem: Ein Mann, der Kameramörder genannt, hat drei Jungen in seine Gewalt gebracht, zwei von ihnen gezwungen, sich umzubringen, und dies alles mit Video gefilmt. Bei den vier Freunden mischen sich Lust an der Sensation und Abscheu gegenüber dem Verbrechen, und zumindest der Berichterstatter scheint zwischen den Banalitäten einer festlich gemeinten, stupiden Bewegung, den Abgründen einer Untat und dem Taumel der Einschaltquoten in keiner Weise unterscheiden zu können.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein sprachlich und stilistisch eindrucksvolles Psychogramm« 86°Treffer

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Zwei Paare verbringen gemeinsam das Osterwochenende auf dem Hof des einen Paares in der Weststeiermark. Was anfängt wie ein ruhiger, gemütlicher Kurzurlaub beginnt, wird durch die Nachricht über einen beispiellos grausamen Mord an zwei kleinen Kindern getrübt, den der Mörder sogar gefilmt haben soll. Das Verbrechen habe sich sogar ganz in der Nähe der beiden Paare abgespielt. Die Medien bauschen das Entsetzen über das Verbrechen zusätzlich auf, als ein deutscher Privatsender bekannt gibt, ihm sei das Video zugespielt worden und man wolle es ausstrahlen. Bei den Paaren wächst die Angst vor dem noch frei herumlaufenden Mörder und es gibt Anzeichen, dass er sich ihrem Hof nähert.

»Ich wurde gebeten, alles aufzuschreiben.« Mit diesem Satz beginnt der Ich-Erzähler von Thomas Glavinic in dessen Roman »Der Kameramörder« die Erzählung. Er berichtet von der Fahrt zusammen mit der Wagner Sonja, fortan nur noch seine »Lebensgefährtin« genannt, in die Weststeiermark zu Heinrich und Eva, dem befreundeten Pärchen. Die Geschichte entwickelt sich rasant. Glavinic erzählt im Stil einer reinen Nacherzählung, ohne auch nur einmal in wörtliche Rede zu fallen. Mehr als das, die Handlung entwickelt sich in einem fort. Es gibt keine Unterteilung in Kapitel, sogar auf Absätze konnte der Autor verzichten. Beinahe möchte man sagen, der Ich-Erzähler berichte ohne Punkt und Komma, aber davon sind dann doch noch einige im Text zu finden. Die Tatsache, dass der gesamte Text trotzdem sehr gut lesbar ist, kann eigentlich nur als erzählerische Meisterleistung gewertet werden.

Die Sprache ist knallhart, der Erzähler kennt keine Zurückhaltung bei der Schilderung des Verbrechens. Erschreckender als die Tat ist beinahe das Verhalten der Menschen, die sensationslüstern vor dem Fernseher hocken. Hiermit hält Glavinic nämlich seinen Lesern einen Spiegel vor. Seine Schilderung menschlichen Verhaltens könnte sich genau so abspielen, wenn aus seiner Fiktion eines Tages unter Umständen Wirklichkeit werden sollte. Mehrere Phänomene arbeitet Glavinic dabei auf. Warum berühren die Menschen Verbrechen in ihrer näheren Umgebung mehr als Verbrechen in anderen Teilen der Welt? Wie schnell neigt man dazu, Menschen vor zu verurteilen? Wieso findet man die Ausstrahlung eines Videos, in dem ein Mensch umkommt, unmoralisch, kann sich der Übertragung aber trotzdem nicht entziehen? Wo sind die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit in der Medienwelt und wird diese Grenze wohl noch wahrgenommen?

Der Ich-Erzähler ist dabei bemerkenswert passiv. Er berichtet über das Verhalten und die Aussagen anderer, ohne ihr handeln zu werten. Selber tritt der Erzähler eigentlich zu keinem Zeitpunkt in Aktion. Anteilslos nennt er Nebensächlichkeiten, die diesem Roman die gewisse Würze geben. Was läuft im Kopf eines Menschen ab, der sich an so viele Details eines Wochenendes erinnern kann. Die beiden Paare lesen im Teletext über das Verbrechen, sind entsetzt und gehen danach zum Badminton. Es werden die Ergebnisse zu jedem gespielten Satz genannt und auch, was man als Picknick dabei hatte. Dann zurück im Haus wendet man sich wieder dem Verbrechen und den Nachrichten zu. Das Video sieht man nachts im Privatsender, immer wieder von Werbung unterbrochen, isst dabei Chips und trinkt Wein. Besonders unsympathisch wird dabei Heinrich, der immer wieder zu zynischen Späßen aufgelegt ist. Aber auch die Frauen, die immer wieder ihre Abscheu bekunden, können ihre Augen nicht von den Nachrichten wenden. Je weiter man liest, desto mehr ahnt man, dass ein unheilvolles Ende naht.

Ein sprachlich und stilistisch eindrucksvolles Psychogramm, das nach nicht einmal 160 Seiten bereits beendet ist. Diese wenigen Seiten haben es aber in sich. Wer sich mit dem Stil anfreunden kann, wird dieses Buch, dass auf der Criminale 2002 in München mit dem Glauser-Preis ausgezeichnet wurde, lieben.

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Berl Wolfgang zu »Thomas Glavinic: Der Kameramörder« 29.01.2012
Hab das Buch in vorauseilendem Gehorsam zu einem genialen ( ernst gemeint ) Deutschlehrers gelesen. In Mode ist der Glavi ja auch, in Standard der zeitung für Leser, und der bin ich auch. Mich wundert : alle sind bisher dem Medium "Krimi" und dem Glavi aufgesessen. Check it out, schreib ein Zeitprotokoll: "ich" kann es nicht gewesen sein. Wir glauben das Gedruckte und denken nicht selbst. Zumindest DAS ist genial am Glavi, mit dem Rest Eurer Bemerkungen bin ich einig. Das macht es aber noch viel viel schlimmer !! : selbst was grottenschlecht geschrieben ist glauben wir. Ach Du Heute ach Du Österreich ach Du Krone. WB.
A. H. zu »Thomas Glavinic: Der Kameramörder« 16.01.2012
Der Roman ,,Der Kameramörder" ist nach meiner Meinung eigentlich kein Krimi im engeren Sinn, eher ist er eine Satire auf unsere Welt, die von den Medien bestimmt wird und auf die Sensationslüsternheit unserer Gesellschaft. Die Form des Romans, die durch die Kürze und Einfachheit ihrer Sätze eher an einen Unfallbericht erinnert, ist ebenso sehr ungewöhnlich. Trotzdem hat es Thomas Glavinic geschafft, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand geben will, da man wie die Protagonisten selbst, gespannt darauf wartet wie sich die Ereignisse entwickeln.
Flo Polster zu »Thomas Glavinic: Der Kameramörder« 11.01.2012
Durch die Schule bewegt dieses Buch zu lesen, begann ich vor wenigen Tagen zu "konsumieren". Ich stand dem Buch sehr skeptisch gegenüber, da bereits die ersten wenigen Sätze durch ihre Kürze und Einfachheit zum Aufhören animierten.
DOch Thomas Glavinic wäre nicht einer der besten österreichischen Krimiautoren, wenn er den Leser nicht fesseln, gar an das Buch binden könnte. Nicht die Sprache, sondern der Inhalt, die Kritik an der heutigen medialen Welt animieren den Leser das Buch zu beenden, um sich seine eigene kritischen Meinung gegenüber den Medien zu bilden. Mit satirischen Gebilden wird die Sensationslust der Medien angsteinflößend, jedoch wahrheitsgemäß übermittelt.
Ein Buch, das Diskussion auslöst!
Andreas M. zu »Thomas Glavinic: Der Kameramörder« 11.01.2012
Mit seinem Roman "Der Kameramörder" ist dem österreichischen Autor Thomas Glavinic ein echtes Kunststück gelungen. Trotz der einfachen Sprache, der meist kurzen Sätze und der nicht allzu fesselnder Handlung gelingt es ihm die Geschichte am Leben zu erhalten und beim Leser vor allem Spannung zu erzeugen. Ähnliche Kunststücke sind dem Grazer ja auch mit anderen Büchern, wie bei "Die Arbeit der Nacht", gelungen. So produzierte der junge Autor mit dem Kameramörder eine Medienkritik vom Feinsten. Es wird einem die Omnipräsenz der Medien vor Augen geführt und wie stark sie uns oft unbewusst im alltäglichen Leben beeinflussen. Zudem trug sicherlich auch die Einfachheit der Sprache und die daraus resultierende Tatsache, dass sich das Buch einfach und schnell lesen lässt, zum großen Erfolg des Romans bei. Insgesamt kann man den Autor Thomas Glavinic allgemein und im Speziellen den Kameramörder nur jedem weiterempfehlen.
K.N. zu »Thomas Glavinic: Der Kameramörder« 11.01.2012
"Ich sei beschuldigt worden 2 Kinder ermordet zu haben", schreibt der Täter in dem, von der Polizei geforderten, Bericht. Thomas Glavinic verfasste in seinem Meisterwerk " Der Kameramörder" eine ergreifende Geschichte zweier Morde an Kindern in der Steiermark. Im personalen Erzählstil schildert der Mörder die Verfolgung der Medien auf der Suche nach dem skrupellosen Kameramörder, der die grausame Vorgehensweise seiner Taten mit einer Kamera festhielt. Mit dem gewaltigen Medienandrang in dem Kleindorf will Thomas Glavinic vor allem Kritik an den, nach Schlagzeilen ringenden, Berichterstattern ausüben. In weiterer Folge kritisiert er auch die, den Medien gehörschenkenden, Sensationslustigen. Mit den Worten "Ich leugne nicht" schließt der Kindermörder jegliche Vermutungen der Polizei über mögliche Verdächtige aus und gesteht dadurch seine Verbrechen.
Kim O. zu »Thomas Glavinic: Der Kameramörder« 11.01.2012
Sprache, Komplexe Satzgebilde und Stilfiguren stehen bei vielen Autoren, die wir bis jetzt im Deutschunterricht gelesen haben im Vordergrung. Doch nicht bei Thomas Glavinic in seinem Krimi "Der Kameramörder". Er hat es geschafft mich, trotz seiner einfachen Sprache, beim Lesen des Buches so zu fesseln, dass ich gar nicht mehr aus der Hand legen wollte. Er schafft es die Spannung bis zum letzten Satz, der das Buch auflöst, zu halten. Trotz der Grausamkeit und Emotionslosigkeit des Mörders hat mir das Lesen Freude bereitet.
Ein anderes Thema, das er sehr satirisch und kritisch darstellt, sind die Medien und ihre Auswirkungen auf die Menschen, die sich voll und ganz von ihnen beinflussen lassen.
Alles in allem hat mich dieses Buch sehr gefesselt und ich es gehört wohl in jedes Bücherregal für gute Krimis.
Markus zu »Thomas Glavinic: Der Kameramörder« 11.01.2012
Auch wenn ich eigentlich kein Fan von Krimis bin, weder in Buchform, noch als Fernsehsendung, konnte ich mich mit diesem ganz gut anfreunden. Aber nicht wegen des Stils oder wegen des grausamen Verbrechens, sondern eher auf Grund der Kritik an der Gesellschaft, die der Autor perfekt auf den Punkt bringt. Die Sensationslüsternheit der Menschen, die sich am liebsten vorm Fernseher an Verbrechen laben, die sie im nächsten Moment wieder verurteilen, wird hier zusammen mit den Medien selbst an den Pranger gestellt.
Clemens Melvin Auer zu »Thomas Glavinic: Der Kameramörder« 11.01.2012
Der Kameramörder war ein schnell zu lesender und fesselnder Roman. Die Darstellung mit der das Grauen geschildert wurde bereitet einem Gänsehaut!
Dass das Buch, wie man gegen Ende des Buches erfährt, aus der Sicht des Mörders geschrieben wurde war eine neue und sehr interessante Alternative die mir sehr gut gefallen hat.
Die Sprache war zwar nicht gerade auf dem höchsten Level aber dennoch gerade für diesen Roman wie geschaffen.
Auch die Geschichte an sich und die Charaktere sind gut gewählt.
Mir hat das Buch ebenfalls sehr gut gefallen und jeder Mensch der Kriminalromane liebt wird auch diese werk lieben
Simon Schreder zu »Thomas Glavinic: Der Kameramörder« 11.01.2012
"Der Kameramörder" ein Krimi der eigentlich kein Krimi ist! Der Kameramörder ist eigentlich ein äußerst einfach zu lesender Krimi, dessen Geschichte sicherlich nicht die fesselnste ist. Doch wer zwischen den Zeilen liest, erkennt, dass der Roman eine Medienkritik der etwas anderen Art ist und das ist auch genau die Kunst mit der es Thomas Glavinic gelungen ist, den Leser dazu zu bringen den Roman zu Ende zu lesen. Glavinic verwendete die eigentlich Hauptgeschichte des Romans, den Doppelmord, um zu verdeutlichen wie dominant die Medien in unserem Leben sind und wie sehr sie uns manipulieren, also ein äußerst lesenswerter Roman der etwas anderes erzählt was man zu beginn annimmt.
ursula b. zu »Thomas Glavinic: Der Kameramörder« 11.01.2012
„Der Kameramörder“ wird oft v.a. in Schulen Österreichs als Klassenlektüre besprochen. Dieser Roman erzählt über einen Doppelmord, der vom Mörder selbst mit einer Kamera aufgenommen wurde. Wieso „Der Kameramörder“ bei vielen eine solche Leselust hervorruft, liegt wahrscheinlich an der unmittelbaren Nähe zum Tatort. Schon der erste Satz fesselt den Leser und fordert ihn zum Weiterlesen an. Durch das Aussparen von Emotionen und dem gewöhnungsbedürftigen Schreibstil, der einem Bericht ähnelt, wird die Spannung bis zum Schluss gehalten. Auch die Frage, wie sehr uns die Medien in unserem Leben beeinflussen und wie sehr wir uns an diesen festhalten, wird in den Vordergrund gestellt. „Der Kameramörder“-ein außergewöhnlicher Kriminalroman, den man nur empfehlen kann.

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