Berliner Aufklärung von Thea Dorn

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1994 bei Rotbuch.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Berlin, 1990 - 2009.

  • Hamburg: Rotbuch, 1994. ISBN: 3-88022-350-5. 156 Seiten.
  • Hamburg: Rotbuch, 2000. ISBN: 3-434-53074-6. 156 Seiten.
  • München: Goldmann, 2002. ISBN: 3-442-45315-1. 198 Seiten.

'Berliner Aufklärung' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch E-Book

Marlowe-Preis 1995 der Raymond-Chandler Gesellschaft

In Kürze:

Alles beginnt mit einem Mord am philosophischen Institut der Universität Berlin: Der allseits unbeliebte Professor Rudolf Schreiner liegt sauber portioniert in den Postfächern seiner Kollegen. Als Rebecca Lux, die scharfzüngige Direktorin des Instituts, unter Mordverdacht gerät, ruft sie ihre ehemalige Studentin Anja Abakowitz zu Hilfe. Doch die will mit der Angelegenheit nichts zu tun haben. Erst als weiteres Denkerblut fliesst, sieht sie sich gezwungen einzugreifen …

Das meint Krimi-Couch.de: »Also sprach Zarathustra.« 40°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

»Es war kein schöner Mord. Aber ein echter. Die Möglichkeit, dass sich Professor Doktor Rudolf Schreiner selbst in vierundfünfzig Teile zerlegt, in Gefrierbeutel verpackt und gleichmäßig auf die vierundfünfzig Postfächer des Philosophischen Instituts an der Universität Berlin verteilt hat, konnte ausgeschlossen werden. Auch ereigneten sich Unfälle dieser Art eher selten.«

So beginnt Thea Dorns Roman Berliner Aufklärung, der vor rund zwanzig Jahren geschrieben wurde. »Kein schöner Mord. Aber ein echter.« Tja, so kann es gehen, wenn die Philosophen ihre Hand im Spiel haben. Dabei wäre durchaus interessant zu erfahren, wie ein unechter Mord aussieht. Eines Morgens wird also in den Postfächern des Kollegiums die Leiche von Rudolf Schreiner gefunden. Er war ein treuer Anhänger von Nietzsche und damit nicht bei allen Kollegen beliebt, bei den Kolleginnen schon gar nicht. So gibt es denn auch mehrere Lehrkräfte die als mögliche Täter in Frage kommen, denn ein Selbstmord scheidet natürlich aus. Allen voran erscheint Petra Uhse, eine Vorreiterin der Feministischen Theorie, alles andere als tief betrübt über den makabren Abgang ihres Kollegen. Und selbst der ehemalige Wegbegleiter Schreiners, Maier-Abendroth, trauert auffällig verhalten bis gar nicht. Nur Rebecca Lux, die Direktorin des Instituts, scheint zumindest irritiert von dem Vorfall und bittet ihre ehemalige Studentin Anja Abakowitz um Hilfe. Diese hat jedoch mit ihrer »Philosophischen Praxis«, in der es um die »diskursive Verflüssigung von Lebensformen« geht, mehr als genug zu tun. Genauer gesagt, weniger als gar nichts, denn ihre letzte Kundin läuft ihr gerade davon. Als Rebecca als dringend Tatverdächtige verhaftet wird, sieht sich Anja in der Pflicht ihr zu helfen. Doch kaum ist Rebecca auf Kaution wieder frei, schlägt der Mörder erneut zu. Unterdessen erfährt Anja von ihrem schrulligen und gleichgeschlechtig orientierten Mitbewohner Ulf, dass Schreiner ein oft gesehener Gast in einer bekannten homosexuellen Szene-Bar war …

Ob es heute noch »politisch korrekt« ist, wie die Autorin ihre homosexuellen Figuren in der Geschichte darstellt, sei dahingestellt. Vor rund zwanzig Jahren gab es derartige Befindlichkeiten womöglich noch nicht (vermutlich aber eben doch) und unabhängig davon kann man diese völlig überdrehte, mitunter grotesk anmutende Geschichte ohnehin nicht ernst nehmen. Da philosophieren die Damen und Herren des Instituts was das Zeug hält (als philosophischer Novize ist man geneigt mitunter von sinnentleerten Dialogen zu sprechen) und auch die Figuren sind derart schräg, dass sie (fast) schon wieder interessant sind.

»Ja, ganz gewiss denke ich, dass ein Denker mit seinem Leben für das einstehen muss, was er denkt. Andernfalls könnte und dürfte er es gar nicht denken.«

So passt es ins Bild, dass die Protagonistin in den beiden Mordfällen auf eigene Faust ermittelt (warum auch immer?) und sich dabei Hektors Hilfe sicher sein kann. Nein, Hektor ist nicht der vergiftete Hund, sondern ihr  geliebter Mercedes. Mensch, is´ doch klar!

Für Fans von Autoren wie Heinrich Steinfest oder Jörg Juretzka mag (eine sehr, sehr gewagte These) dieser frühe Roman von Thea Dorn einen Versuch wert sein. Für Krimi-Puristen, die einen »klassischen Plot« erwarten, ist dieses dünne Büchlein mit nicht einmal 160 Seiten kaum zu empfehlen. Die Story ist schlicht zu dünn (ein wenig hölzern möchte man hinzufügen) und in philosophischer Hinsicht ist selbst der Titel eine Mogelpackung.

Jörg Kijanski, April 2012

Ihre Meinung zu »Thea Dorn: Berliner Aufklärung«

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Hans Biester zu »Thea Dorn: Berliner Aufklärung« 14.09.2011
Herr Quak hat pointiert den Nagel auf den Kopf getroffen! Wenn der Herr wirklich so heißt, dann war, was er von sich gab, sicherlich kein Froschgequake aus Quakenbrück. Wer, wie ich, einen so tierischen Namen, dem sei es verstattet - nomen est omen - sich über die Namen anderer gelegentlich zu belustigen. Was Madame oderDorn anbelangt, so habe ich zwischenzeitlich auch in andere Bücher von ihr gelesen und sie auch um Philos.Quartett "bewundern" dürfen. Sie ist äußerlich und innerlich, auch geistig, gereift und in der Tat eine "tüchtige Aufklärerin" geworden. Sie schlägt sich wacker, und es ist von ihr noch viel angenehmes zu erwarten. Genießen wir noch das Leben und die Freuden des Weines, solange wir's noch können. In Anlehnung an Anakreon (aus dem Gedächtnis) stand am Ende -leider kenne ich das Gedicht nur in Englisch- von: "Away away you men of rules. What have I to do with schools, they would make me learn they would teach to think, but would they make me love and drink? etc. pp. ... "Soon to soon my jolly slave, You join your masters earthly grave, For there's an end, For ah you know: They definitely drink no wine below."
Udo Quak zu »Thea Dorn: Berliner Aufklärung« 14.06.2011
Das Etikett "Berliner Aufklärung" lässt einen süffigen Wein, nämlich fundierte Sachinformationen über Berlin und das Denken in der Zeit zwischen 1750 und 1800 erwarten. Die Flasche enthält aber nur fade Kriminal-Limonade. Der Titel des Buches ist also echter Etikettenschwindel, und es ist fraglich, ob damit die Freunde der "Limonade" erreicht werden. Stattdessen wird so mancher an der wirklichen Berliner Aufklärung Interessierte, der den entsprechenden "Wein" erwartet, mehr als nur enttäuscht werden.
Hans W. L. Biester zu »Thea Dorn: Berliner Aufklärung« 18.09.2006
Was Ich schon lange einmal schreiben wollte:

Sie ist eine talentierte Klugschwätzerin und sollte sich nicht an Romane verschwenden.
Ihre Ansichten über "Gott und die Welt" sind klug und nachvollziehbar. Wenn sie allerdings ihren Mitlesern sagt, dass sie wisse wie man Bücher schreibt und mit spitzer Zunge und zugekniffenen Lippen Prof. Dr. Baring spöttelnd immitiert, dann muss sie noch den Beweis dafür noch mit einem Sachbuch antreten. Die junge Frau, deren Künstlername an Teddy A. erinnern soll, ist voll der Lobeshymnen über Philosophie. Ein verbaler Aushängeschild, damit ihre Druckerzeugnisse gut abgehen? Auf die "Berliner Aufklärung" kommend, so mag mancher Käufer aufgrund des anspruchvollen und zugkräftigen Titels sich in der Tat vergriffen und sich getäuscht gefühlt haben, wie ich. Nicht an Thea selbst, ihr ansich hübsches Gesicht mit den grauenhaften roten Haaren, oder an ihren Körper habe ich mich ver-griffen, o God forbid. Nein, am Titel, denn es gab historisch eine "Berliner Aufklärung", die in diesem Lande nötig war und immer noch ist. Die Sache selbst wollte ich be-greifen, nicht sie! Mon dieu! Der Leser wollte evt. nicht nur kriminalistisch etwas über die Berliner Aufklärung und dessen plot erfahren, nein, er vermutete auch über die eigentlichen Berliner Aufklärer, Jesuitenaustreiber, Obskurantisten, Schwärmer und Lärmer etwas zu erfahren. Von dem Dreigestirn am Ende des 18ten Jhdts., von Friedrich Nicolai, Friedrich Gedike und wenn Zeit bleibt auch beiläufig verstreut über den Bibliothekarius und Berliner Monatsschriftler Johann Erich Biester. Dies alles, auch den Plot in einem Sachbuch - Krimi hineingewoben, wäre für Frau Dorn einige Nummern zu groß, das wäre eher etwas für den grandiosen Dan Brown und erfordert unfangreiche, d.h. zeitaufwendige Recherchen. Ob dann noch Zeit bleibt für talk-shows und andere Profilierungssüchte wäre die Frage.
3 von 5 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
larvira zu »Thea Dorn: Berliner Aufklärung« 05.11.2005
Forsch kommt sie dahei in ihrem Mercedes "Hektor", die Heldin aus Thea Dorns Krimi "Berliner Aufklärung". Deren Schlagfertigkeit (zunehmend im Buch auch wortwörtlich) ist denn auch der einzig legitime Grund, dieses Buch zu lesen und zu verlegen. Sieht man Frau Dorns in politischen Talkrunden, zeigen sich Parallelen zwischen Autorin und Heldin. Ihr jeweils eher mittelschlaues Köpfchen sagt brav auf, was man dank Elternsponsoring in Gesangs- und Philosophiestudium so mitnimmt. Dementsprechend gibt es den ein oder anderen philosophischen Versatz in der "Aufklärung", Spannung oder Tiefe vermisst man dagegen völlig. Die Auflösung ist nicht zwingend, das Geständnis des Schuldigen unmotiviert. Frau Dorn ist wie ihr Roman, der wie ihr neoliberales Credo ist: oberflächlich einleuchtend, augenzwinkernd flach, und inhaltlich nicht zuende gedacht.
0 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Hartmut zu »Thea Dorn: Berliner Aufklärung« 19.09.2005
Genau gesehen,,,,

Danke,


Zeiten wie diese
In Zeiten wie diesen, wünsche ich mich
in ein Land weit ab von diesem

So wandere ich über die Hügel der Sorgen,
hinunter ins Tal der Traurigkeit,
über den See der Vergesslichkeit,
in den Wald der tausend Träume.

Ich ruhe im Baum des Friedens,
bewacht vom Mond der Erkenntnis,
und die Sonne der Hoffnung führt mich
über den Berg der Freiheit
in den Garten der ewigen Liebe.

So lege ich mich in die Wiese des Duftes,
wo der Vogel der Nacht von Geborgenheit singt,
die Sterne des Himmels in Herrlichkeit erstrahlen
und ich endlich versinke in den Schlaf der Glückseligkeit.

Hs
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Harald Drobe zu »Thea Dorn: Berliner Aufklärung« 07.04.2005
Thea Dorn ist eine sehr kluge und ausserordentliche schoene Frau. Erklaerte Athesitin - Mein Gott ! Frankfurter Schule sollte aber durch "alte Geister" wie z.B. Nietsche bis Wittgenstein wieder auf den Boden (den tiefen selbstkritischen) zurückkehren - um eine Erweiterung der Sicht (und der "Unsicht") zu bewirken. Harri
Kate zu »Thea Dorn: Berliner Aufklärung« 07.10.2004
Stellenweise gutes Sprachgefühl, das aber leider durch einen oberflächlichen Frauenmagazin-Jargon und unglaubwürdige Szenen verdeckt wird - schade eigentlich, denn Thea Dorn besitzt ein gutes Gefühl für Inszenierung und unaufdringliche Schilderung . Leider fehlt es an Spannung - ein unverzeilicher Mangel. Oberflächlich und gefühllos, aber durchaus geeignet für Strassenbahn-Leser ...
Klaus zu »Thea Dorn: Berliner Aufklärung« 22.01.2004
Ich muß Hermine recht geben. Das Buch ist nichts für anspruchsvolle Leser. Und die Adorno-Referenz ist doch sehr hochgegriffen.
Hermine zu »Thea Dorn: Berliner Aufklärung« 21.01.2004
Das Buch ist verhältnismäßig albern. Schlecht sogar. Die Verwandlung der Philosophin zur wütenden Rachelesbe ist nicht nur dumm, sondern auch wenig spannend. Die Kapitelüberschriften versprechen etwas, was sie nicht halten können.
renate und wolfgang reuter zu »Thea Dorn: Berliner Aufklärung« 16.02.2003
ein wunderbarer spannender Krimi bis zum Schluss.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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