Sterbenskalt von Tana French

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2010 unter dem Titel Faithful Place, deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei Scherz.

  • New York: Viking, 2010 unter dem Titel Faithful Place. 416 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Scherz, 2010. Übersetzt von Ulrike Wasel & Klaus Timmermann. ISBN: 978-3-502-10216-8. 560 Seiten.
  • [Hörbuch] Berlin: Argon, 2010. Gesprochen von Dietmar Wunder. ISBN: 3839810361. 6 CDs.

'Sterbenskalt' ist erschienen als Hardcover Hörbuch

In Kürze:

»Ich stand dort im Schatten, während die Glocken drei und vier und fünf schlugen. Die Nacht verblasste, und ich wartete noch immer auf Rosie Daly.« Frank Mackey, Undercover-Ermittler, hat seine Familie seit 22 Jahren nicht gesehen. Er wollte der Perspektivlosigkeit seines Viertels für immer entfliehen zusammen mit seiner ersten großen Liebe Rosie. Doch die hatte ihn versetzt und war allein nach England aufgebrochen, so hat Frank es jedenfalls immer gedacht. Bis in einem Abbruchhaus Rosies Koffer gefunden wird. Was ist damals wirklich geschehen? Frank muss zurück nach Faithful Place und feststellen, dass er diesen dunklen Ort immer in sich getragen hat …

Das meint Krimi-Couch.de: »Mit der Zeit« 92°Treffer

Krimi-Rezension von Wolfgang Franßen

In den Vermisstenlisten weltweit besteht einer der überzeugendsten Gründe für das überraschende Verlorengehen eines Menschen darin, dass jemand sein altes Leben verlassen wollte, um sich ein neues aufzubauen. Nicht selten binden sich da zwei Schicksale aneinander, die vor allem einem zu entfliehen suchen: der eigenen Familie. Viele von denen kommen nie in diesem neuen Leben an. Tana Frenchs neuer Kriminalroman Sterbenskalt handelt wie bereits Grabesgrün von Menschen, die einem nahe stehen und die einfach verschwinden und nie wiederkehren.

Die Zurückgebliebenen fragen sich, was ist aus ihnen geworden ist? Sind sie jetzt glücklicher?

So auch Frank Mackey, der es zwar geschafft, seiner eigenen Familie mit einem gewalttätigen, saufenden Vater und einer äußerst ruppigen Mutter, samt weiterer Geschwister zu entfliehen, aber leider nicht mit seiner großen Liebe Rosie, die am Tag der Tage zur verabredeten Zeit nicht erschien. Sie wollten nach England, sich Bands anschauen, er sich als Roadie verdingen, ihre Träume leben.

Als Rosies Koffer mitsamt der heimlich angesparten Fährtickets auftaucht, kurz darauf ihre Leiche gefunden wird, bricht in Frank Mackey wieder all sein Hass auf das Viertel auf, in dem er groß geworden ist. Seine Abscheu vor einer Familie, deren Nähe er seit zweiundzwanzig Jahre zu meiden verstanden hat. Zwischen ihm und Rosie war alles geplant gewesen. Nur Rosie kam nicht. Frank hat die Jahre danach im Glauben verbracht, dass sie ohne ihn losgezogen ist.

Wieso wurde ihm sein Glück verwehrt?

Tana French versteht es, wie Val McDermid einen Plot langsam zu stricken, und ist ebenso episch breit und literarisch wie PD James. Sie sorgt dafür, dass man ein atmosphärisches genaues Bild der Personen erlangt, die sich scheinbar harmlos, zufällig im Netz eines Verbrechens verfangen. Vor allem versteht sie sich auf Familien. Und seien es nur zusammen gewürfelte Schicksalsgemeinschaften wie in Totengleich, die vor allem eines beabsichtigen, sich ihrer Vergangenheit zu entziehen, sich nur noch um das Jetzt und nicht länger um das Damals zu kümmern.

Auch Frank Mackey, ein Undercover-Ermittler, gehört zu diesen Versprengten. Wenn wir seine Mutter kennen lernen, wissen wir warum. Da bleibt einem Jungen nur die Flucht. Wenn Tana French das Leben in dieser Familie, die Nachbarschaft beschreibt, fühlt man sich an Frank McCourts Die Asche meiner Mutter erinnert. Nur dass es bei French gnadenloser zugeht. In dieser Familie verzeiht man nicht.

Was die Autorin subtil beschreibt, ist das weiter geben von Schuld. Bis auf den Vater, der am Ende ans Bett gefesselt ist und seinem Ende entgegen dämmert – nicht ohne die Familie weiter an sich zu binden, indem sie ihn pflegen muss – haben alle ein Schicksal erlitten, dass zum Heulen ist. Selbst über Frank wird am Ende Gericht gehalten werden, wenn er seinen Mörder gefunden hat. Der Urteilsspruch wird ihm nicht gefallen.

Für den Leser weit schlimmer Tana French lässt uns daran teilhaben, wie Frank sich selbst schuldig macht, indem er seine unschuldige Tochter Holly in die Wahrheitsfindung hineinzerrt und ihre Seele beschädigt, um einen Mörder zu überführen, gegen den es keine Beweise gibt.

Holly ist nach einer gescheiterten Ehe sein Ein und alles. Dass er selbst sie nicht schützt, sie gar dazu verleitet, Geheimnisse, Menschen preis zu geben, die sie lieben gelernt hat, macht die Geschichte erschütternd. Der höllische Kreislauf, in den die Menschen in Faithful Place sich ergeben, läuft unaufhaltsam auf die Katastrophe zu.

Obwohl sich Franck Erlösung von der Aufklärung verspricht, wird ihn Einsamkeit umgeben. So erzählt Tana French vom Fieberwahn der Wahrheitsfindung. Die Menschheit befindet sich halt nicht mehr im Paradies, selbst wenn sie die Augen vor sich verschließt.

Das Drama das Tana French beschreibt handelt vom Überleben, von den dunklen Orten, die man jahrelang in sich pflegt, um sich immer wieder sagen zu dürfen, wenn das nicht eingetreten wäre, wäre ich glücklich geworden.

Nur dem ist nicht so.

Wolfgang Franßen, Februar 2011

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antje zu »Tana French: Sterbenskalt« 07.02.2012
Komisch - nach den guten Kritiken habe ich das Gefühl, ein ganz anderes Buch als die anderen gelesen zu haben... Also "Sterbenskalt" ist nicht mein Ding - wirklich eher eine Sozialstudie als ein Krimi, und der Protagonist ist auch alles andere als ein Sympathieträger - auch wenn alle auf ihn zu fliegen scheinen, ihm einfach so an den Vorgesetzten vorbei Zugang zu internen Infos geben (Obwohl er ja auch Verdächtiger ist) usw. usw. Ich konnte mit dem Buch nichts anfangen - Schade.
K. Baum zu »Tana French: Sterbenskalt« 30.05.2011
Für mich ihr bisher bestes Buch - und das obwohl die beiden Vorgänger durchaus (sehr) stark waren.
Alle 3 Bücher sind Actionarm und haben mindestens 600 Seiten. Warum liest man weiter?Ich denke, das liegt an Tana Frenchs unglaublichem Sprach-/Schreib-vermögen und -- das ist ganz wichtig -- an einer gelungenen Deutschen Übersetzung.
Ein Muster: Sidekick Buch 1 = Hauptperson Buch 2, Sidekick Buch 2 (ein arrogantes, gefühlloses A.. = Hauptperson in diesem Buch. That`s T. French -- hope you like it
Novalis zu »Tana French: Sterbenskalt« 19.01.2011
Hm, handelt es sich hierbei tatsächlich um ein Krimi ?
Mir kam beim lesen eher das Gefühl auf eine Sozialstudie in der Hand zu halten. Nur wenige Ausbrüche sind spannend und haben thrillermäßig was drauf.
Insgesamt gesehen ist das Buch schon ein nettes Werk jedoch gehört es nicht allzusehr in die Reihe von Krimis.
Vielmehr erhärtet sich mir der Verdacht das nachdem Mankell und andere nicht mehr die Zugpferde der Verlage sind, man hier mit Tana French ein neues Pferd sucht. Plötzlich ist sie mit gleich 3 Werken in den Medien vertreten, man findet sie in Buchlisten und das obwohl es sich ja bereits um das dritte Buch handeln. Waren die ersten den so schlecht oder liest man plötzlich rückwärts eben weil das Buch in der Hitliste aufgeführt wird.
Spannend allemal - aber weder Fisch noch Fleisch !
Thomas Gramen zu »Tana French: Sterbenskalt« 13.01.2011
Ein wirklich herausragender Krimi, gleichzeitig eine Sozialstudie des Dubliner Arbeiterviertels "The Liberties" in den 80er Jahren und heute. Tana Frech setzt diesmal nicht auf blutrünstige Serienkiller, das hat sie ja eigentlich noch nie getan, sondern auf eine differenzierte Beschreibung einer Familie und ihrer Nachbarn, welche in einen 20 Jahre zurückliegenden Mordfall verwickelt werden. Der verlorene Sohn der Familie, jetzt Undercoveragent, muss sich seiner Vergangenheit und damit seinen Wurzeln stellen, um den Mord an seiner großen Jugendliebe aufzuklären. Es ist wohltuend, nicht den magenkranken, alkoholabhängigen Ermittler erleben zu müssen, sondern teilhaben zu dürfen an einer psychologisch differenzierten Schichtaufnahme einer irischen Arbeiterfamilie, die sich ihren eigenen Schatten stellen muss. Man kann es direkt riechen, schmecken und fühlen, was es bedeutet, am "Faithful Place", so der Originaltitel des Buches, der wesentlich treffender ist als der unsägliche deutsche Titel, zu leben und zu leiden.
Eine unbedingte Empfehlung für Krimifans und Liebhaber der irischen Hauptstadt.
Ailis zu »Tana French: Sterbenskalt« 17.12.2010
Nach "Grabesgrün" und "Totengleich" legt Tana French mit "Sterbenskalt" ihren nun dritten Kriminalroman vor, und das in gewohnter Qualität.
Wir begegnen in diesem Roman einem alten Bekannten wieder, nämlich dem Polizisten Frank Mackey, der in "Totengleich" die Undercover-Aktion mit Cassie Maddox leitete. Frank, geschieden und Vater der neunjährigen Holly, hat seine Eltern und seine Geschwister seit über 22 Jahren nicht mehr gesehen. Einzig mit seiner jüngsten Schwester Jackie steht er in Kontakt und sie ist es dann auch, die den verhängnisvollen Anruf tätigt, der Frank zurück in sein altes Viertel und zu seiner Familie holt. Denn in einem abbruchreifen Haus wurde ein Koffer gefunden, der alles andere als nur irgendein Koffer ist. Es ist der Koffer Rosie Dalys, Franks Jugendliebe, die an dem Abend, an dem die beiden ihre gemeinsame Flucht geplant hatten, spurlos verschwand. Alles, was damals von ihr blieb, war ein Abschiedsbrief ohne Adressat, so dass Frank nicht wusste, ob er ihm oder ihrer Familie galt. Frank verließ in dieser schicksalhaften Nacht vor 22 Jahren seine Familie und kehrte nie wieder zurück - bis jetzt. Bis jetzt hatte er geglaubt, Rosie habe ihn und ihre Familie verlassen und es gehe ihr gut, doch nun muss er sich fragen, wo sie ohne ihren Koffer hingegangen ist und warum sie 22 Jahre lang nicht das kleinste Lebenszeichen von sich gegeben hat. Frank spürt, dass er seinem alten Leben wohl nie ganz den Rücken gekehrt hat und nun zurück muss, um herauszufinden, was damals geschah...

Tana French ist wieder da und das in alter Stärke. Gewohnt routiniert und raffiniert lässt sie ihren Protagonisten vor den Augen der Leser entstehen und wagt erfolgreich den Versuch, mit Frank Mackey einen Helden zu erschaffen, der es einem nicht immer leicht macht, ihn zu mögen. Im Job und im Umgang mit seiner Familie ist er skrupellos und wirkt oft sehr kalt und hart, doch wer ihn mit seiner Tochter erlebt, sieht einen liebevollen Vater, der sein Leben für dieses Kind geben würde. Und so ist man immer hin- und hergerissen, weiß nicht, ob man Frank mögen oder verabscheuen soll - und so muss es auch sein! Denn Frank war in "Totengleich" bereits so ichbezogen und skrupellos, es war nur konsequent, dies auch beizubehalten und diese Wesenszüge nicht zu opfern. Tana French hat diesen Charakter sehr geschickt entworfen und beweist damit mehr als deutlich, dass sie ihr Handwerk versteht.
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