Schattenstill von Tana French

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 unter dem Titel Broken Harbour, deutsche Ausgabe erstmals 2012 bei Scherz.

  • London: Hodder & Stoughton, 2011 unter dem Titel Broken Harbour. 496 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Scherz, 2012. Übersetzt von Ulrike Wasel & Klaus Timmermann. ISBN: 978-3-502-10223-6. 500 Seiten.
  • [Hörbuch] Berlin: Argon, 2012. Gesprochen von Uve Teschner. ISBN: 3839811376. 500 CDs.

'Schattenstill' ist erschienen als Hardcover Hörbuch

In Kürze:

Broken Harbour, eine windgepeitschte Geisterstadt voller Bauruinen nördlich von Dublin: In einem der wenigen bewohnten Häuser wird eine junge Familie aufgefunden – die Eltern brutal niedergestochen, die beiden kleinen Kinder erstickt. In den Wänden ihres hübsch eingerichteten Häuschens klaffen rätselhafte Löcher. Detective Mike Kennedy ist überzeugt, dass er den Fall lösen wird, schließlich arbeitet niemand in der Mordkommission so effektiv wie er. Doch Broken Harbour entpuppt sich als erbarmungsloser Abgrund, der auch ihn zu verschlingen droht.

Das meint Krimi-Couch.de: »Psychologischer Krimi mit philosophischem Tiefgang« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Brigitte Grahl

Tana French beweist mit ihrem vierten Krimi Schattenstill einmal mehr, dass sie zu den Besten des Genres gehört. Auf sprachlich hohem Niveau schreibt sie erstklassige psychologische Dramen und spannende Kriminalfälle. Dabei sind ihre Plots immer logisch, glaubhaft und spannend konstruiert. Die Bücher drehen sich nicht nur um die Ermittlung des Täters und die Person des Ermittlers, sondern streifen immer auch philosophische Themen. In Grabesgrün ging es um Freundschaft und Erinnerung, in Totengleich um Identität, in Sterbenskalt um Familienbande. In Schattenstill steht hinter dem Mordfall auch die Frage nach der Grenze zwischen Gut und Böse, Ordnung und Chaos.

 Der Fall: Familiendrama oder Opfer von Kriminellen?

Mike »Rocky« Kennedy ist ein erfahrener Ermittler des Dubliner Morddezernats. Er bildet sich viel auf seinen Erfolg ein, seine Kollegen halten ihn für arrogant, seine wechselnden Assistenten belehrt er gerne. Sein neuester Fall ist publicityträchtig und ganz nach seinem Geschmack: Ein Vater und zwei Kinder sind ermordet worden. Nur die Ehefrau überlebt schwer verletzt und kann sich an nichts erinnern. Der Fall gibt Kennedy und seinem neuen Assistenten Richie Rätsel auf: Das Familienhaus ist von innen abgeschlossen, in den Wänden klaffen große Löcher, überall sind Babyphones und Kameras installiert. Kennedy glaubt schon bald zu wissen, wer der Täter ist. Richie, für dessen Scharfsinn er zunehmend Respekt empfindet, ist allerdings anderer Meinung.

Der Ermittler: Mit Ordnung das Chaos und das Böse in Schach halten

Ich bin verflucht gut in meinem Job. [...] Ich habe schon alles erlebt: tote Babys, Ertrunkene, Lustmorde und einen von einer Schrotflinte weggepusteten Kopf mit haufenweise Gehirnmasse an den Wänden, und ich kann trotzdem prima schlafen, solange die Arbeit gemacht wird. Irgendwer muss sie schließlich machen. Wenn ich derjenige bin, dann wird sie wenigstens richtig gemacht.

So selbstzufrieden stellt sich der Erzähler in Tana French vierten Roman Schattenstill vor. Mike »Rocky« Kennedy ist dem Leser schon als Nebenfigur des vorhergehenden Krimi Sterbenskalt begegnet, wo er von der Hauptfigur als aufgeblasen und mediengeil beschrieben wurde. Aber je besser der Leser ihn kennenlernt, desto mehr versteht er Kennedys Verhalten als Selbstschutz. Hinter der Fassade des korrekten, selbstbewussten und knallharten Polizisten steckt ein Mensch, der sich vor dem Chaos von Gefühlen und Irrationalität mit Regeln schützt.

Wenn du in einem Beruf gut bist, und das bin ich, dann führt dich jeder Schritt in einem Mordfall in eine Richtung: zur Wiederherstellung der Ordnung […]. Dieser Fall war anders, er lief in die andere Richtung. [...] Jeder Schritt spülte uns tiefer in finsteres Chaos [...].

Viel Raum für die Figuren

Wie immer bei Tana French, gerät der Ermittler an einen Fall, an dem sich Privates und Berufliches kreuzen. Alte Wunden werden aufgerissen, (Familien-)geheimnisse aufgewühlt. Tana Frenchs Ermittler werden durch ihre emotionale Betroffenheit entscheidend in ihrer Wahrnehmung beeinflusst, folgen falschen Spuren, machen fatale Fehler. Das ist die große Kunst der Autorin, dass sie aufzeigt, wie sehr nicht nur Tat, Täter und Opfer durch die psychische Verfassung der Beteiligten verzahnt sind, sondern auch Ermittler, Ermittlung und Aufklärung. Dazu bedarf es vieler Seiten. Frenchs Bücher sind von epischer Länge. Schattenstill ist ganze 730 Seiten dick. Die Entwicklung ihrer Figuren nimmt mindestens so viel Raum ein wie die Aufklärung des Mordfalles. Für Fans von temporeicher Action dürften Tana Frenchs Krimis keine befriedigende Lektüre sein. Dabei besitzen ihre Bücher alle Zutaten eines guten Krimis: Spannungsmomente, falsche Spuren, überraschende Wendungen. Aber darüber hinaus auch komplexe, glaubhafte Charaktere, lebendige Dialoge, Atmosphäre und lyrische Momente.

Der Schauplatz: Äußeres Abbild der inneren Verfassung

Zur Authentizität tragen trägt auch die soziale und ökonomische Geschichte Irlands bei, die die Autorin geschickt einfließen lässt. Obwohl Tana Frenchs Bücher immer in Dublin spielen, ist der Schauplatz doch so unterschiedlich wie der Ermittler. In Sterbenskalt spielte die Handlung in den »Liberties«, ein altes, gewachsenes Viertel mit (zu) starken zwischenmenschlichen Bindungen. Broken Habour (zerbrochener Hafen) ist eine halbfertige, geisterhafte Neubausiedlung ohne Gemeinschaftswesen. Der Schauplatz ist Sinnbild für die innere Verfassung des Helden. Kennedy ist ebenso einsam wie die Opfer und Täter, mit denen er es zu tun bekommt. Wie sie glaubt er.

Die Guten haben etwas, das ihnen Halt gibt, wenn die Lage schwierig wird. Sie haben Arbeit, Familie, Verantwortung. Sie haben Regeln, an die sie sich ihr ganzes Leben lang gehalten haben. Jeden Tag hält es Menschen davon ab, die Grenze zu überschreiten.

Sein Fall wird ihn eines Besseren belehren. Am Ende des Buches ist Kennedy zu einem Polizisten geworden, den er früher verachtet hätte.

Broken Harbour steht auch für die geplatzten Träume einer ganzen Generation. Ihnen wurde ein gutes Leben versprochen, wenn sie sich an die Regeln halten und ihre Pflicht erfüllen. Statt dafür belohnt zu werden, werden sie vom Schicksal »beschissen«. Kennedy ergeht es ebenso wie den Opfern: er muss bitter erfahren, dass das Böse und der Wahnsinn nicht eine Frage von Ursache und Wirkung sind und dass das Schicksal ungerecht ist, weil es keinen Regeln folgt. Ein winziger Zufall kann zu fatalen Folgen führen und danach wird das Leben nie mehr so sein, wie es mal war.

Brigitte Grahl, August 2012

Ihre Meinung zu »Tana French: Schattenstill«

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Purzel2204 zu »Tana French: Schattenstill« 20.04.2017
Es war das erste Buch dieser Autorin, welches ich gelesen habe und war seitenweise stark enttäuscht. Die Geschichte ist sehr langatmig und man weiß sehr lange nicht, wo die Reise hingeht. Das Ende war dann eine Erlösung, wenn auch sehr abwegig und mit vielen Widersprüchen, welche sich im Laufe des Buches ergeben haben. Ich kann es leider nicht weiterempfehlen.
Carolina zu »Tana French: Schattenstill« 08.04.2016
Dies ist das erste Buch, das ich von dieser Autorin gelesen habe. Ich kann mich nur den vorhergehenden Kritiken anschließen: es ist ein sehr gutes Buch nur viel zu lang, 200 Seiten hätten ohne Qualitätsverlust gestrich w erden können. Dieses viel zu dicke Taschenbuch hat meinen Händen nicht gut getan, das stundenlange Halten hat mir Beschwerden verursacht.

Der Stil der Autorin hat mich an die phantastischen Bücher von Barbara Vine erinnert. Nur hat Ruth Rendell denPlot besser im Griff und nicht so ausufernd geschrieben.

Ich werde mir die anderen Bücher bei ebay besorgen.
Frank Buschmann zu »Tana French: Schattenstill« 29.11.2015
Genau wie "Sterbenskalt" ist auch dies viel eher Familiendrama denn Krimi. Aber was für eins! Wieder entwickelt Tana French einen faszinierenden, dunklen Sog, der auch ohne Spektakel und Effekthascherei auskommt, der allein aus dem brillant geschilderten Personengeflecht entsteht. Und wieder stellt sie einen Ich-Erzähler vor, dessen anfänglich forsche und eher unsympathische Selbstsicherheit zunehmend bröckelt, der ähnlich tief verstrickt ist wie Frank Mackey aus "Sterbenskalt". Es gibt hier sehr lange Dialogszenen, die spannender sind als fast alles, was ich je im Krimisektor gelesen habe. Ganz große Kunst!
Schneeglöckchen zu »Tana French: Schattenstill« 02.01.2014
Die Geschichte, die Tana French hier ungeheuer eindringlich erzählt, ist im Grunde unglaublich und äußerst traurig. So manches Mal möchte man den Protagonisten zurufen:
Es geht auch anders, denkt anders, es gibt Lösungen. Aber es geht unaufhaltsam auf die Katastrophe zu.Das alles schildert Tana French mit großer Intensität und bildhaft, daß man sich mittendrin vor Ort glaubt. Das kenne ich aus "Sterbenskalt", dem ersten Roman, den ich von ihr gelesen habe, und der mich total begeistert hat.
Auch dieser Roman "Schattenstill" beginnt sehr gut und vielversprechend - so, wie ich es erwartet hatte.
Während des Lesens stellte ich dann jedoch fest, daß, im Vergleich zu "Sterbenskalt", ich bei diesem Roman zwischendurch ein klein wenig ungeduldig wurde, weil es mir doch zu langatmig erschien. Besonders die Vernehmung von Conor.
Insgesamt hätte das Buch 150 - 200 Seiten kürzer sein können, ohne daß es seiner Eindringlichkeit geschadet hätte.
Der Schluß ist dann so wie das Leben, denn wirkliche Happyends gibt`s nur in Hollywoodfilmen.
Tana French kann wunderbar schreiben.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
JaneM. zu »Tana French: Schattenstill« 21.10.2013
Wieder einmal hat Tana French eine hervorragende Geschichte ersonnen. Die einen empfinden ihren Stil als "langatmig", die anderen lieben die ausführlichen, detailverliebten Schilderungen von Personen und Atmosphäre. Ich finde es beachtlich,wie sie es immer wieder schafft, völlig neue Handlungen und Figuren so lebendig darzustellen.
Die Stimmung der Neubausiedlung, wo Mittelschichtsträume wahr werden sollten, die aber unfertig und geisterhaft blieb, hätte nicht besser geschaffen werden können. Lange bleibt es unklar, was hinter dem Mord an der Bilderbuchfamilie Spain steckt. Warum hatten sich die Spains von ihren Freunden zurückgezogen? Sind Jenny Spains Vermutungen, dass regelmäßig jemand in das Haus eindringt, richtig? Was hat es mit den Jugendfreunden und den neidischen Nachbarn auf sich? Warum lebt die pedantische Hausfrau Jenny mit Löchern in den Wänden und einem Haus voller Babyphons? Der Leser rätselt mit den Ermittlern, die ihre private Geschichte mitbringen. Der junge Neuling Richie stammt aus dem Arbeitermilieu und findet in schwierigen Befragungen erstaunlich guten Zugang zu den Zeugen. Der erfahrene Mike hat Probleme mit seiner psychisch labilen Schwester und zeigt hier erstaunliche Nachsicht mit deren egozentrischen Verhaltensweisen.
Lediglich dem Schluß kann aus meiner Sicht der Vorwurf der Langatmigkeit gemacht werden, wenn der Leser selbst auf die Lösung gekommen ist, muss ihm alles nicht noch ausführlich erklärt werden. Trotz diesem kleinen Punktabzug: ein hochklassiger, wenn auch im ruhigen Fahrwasser verlaufender Krimi.
CS zu »Tana French: Schattenstill« 28.05.2013
Ich habe noch nie ein besseres Buch gelesen und ich hab noch nie so geweint. unglaublich gut.
Mitreissend, packend, brachte mich um schlaflose Nächte...
Es ist einfach HAMMER!!!
Für mich das Beste Buch das Tana French je geschrieben hat, wenn auch in kurzen Teilen etwas zu langatmig, aber insgesamt absolut empfehlenswert.
Der Leser fühlt sich von Beginn an in die Geschichte einbezogen, als würde er "live dabei sein".
scribbler 44 zu »Tana French: Schattenstill« 11.11.2012
Diese Geschichte wäre spannend, wenn sie gut 40% kürzer wäre. Ein sehr schleppendes Erzähltempo. Und mal ehrlich: Für wie blöd hält Tana French ihre Leser eigentlich? Und wie dämlich ist M. Kennedy, wenn er so spät erkennt, was hinter dem unheimlichen Tier auf dem Dachboden steckt? Tana French sollte dringend einmal ein Jahr pausieren und versuchen, zu einer spannenden Schreibweise zurückzufinden - ohne so viele unnütze Wiederholungen zu schreiben.
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Kerstin zu »Tana French: Schattenstill« 30.10.2012
Grundsätzlich kaufe ich eigentlich nur Taschenbücher. Für Tana French habe ich eine Ausnahme gemacht. Lange auf "Schattenstill" gewartetund asl Hardcover erworben - und bitter bereut. Ein derartig langweiliges Buch. Der Stoff, die Idee, die Personen der Aufbau- alles gewohnt hervorragend- aber viel zu langatmig und sich stets wiederholend. Irgendwann hat auch der begriffstutzigste Leser verstanden, dass es sich um vielschichtige Personen handelt- eine derart ausufernde und sich ständig wiederholende Darstellung ist nicht notwendig. Selten so bei einem Krimi mit dem Lesen gequält. Kein übliches" Ich-kann-es gar- nicht- erwarten-weiterzulesen" sondern ein: "Irgenwie- mußt -Du das- ja zu-Ende bekommen"...
B.Oechsner-O. zu »Tana French: Schattenstill« 07.09.2012
Ich kann es bei manchen Autoren kaum erwarten, bis endlich ein neues Buch erscheint und lese die Bücher dann meistens im Original, so muss ich mich über komische Titel nicht ärgern. Aber dieses Mal musste auch ich Pausen machen, weil ich die Geschichte sehr langatmig fand, zumindest an den Stellen, an denen die E-Mails zu lesen waren, die einfach kein Ende genommen haben. Auch am Ende, als klar wird, was geschehen ist, dauert es noch sehr lang bis die Geschichte tatsächlich zuende ist. Es ist zweifellos ein tolles Buch und viele Beschreibungen sind unerlässlich, um die Personen zu verstehen. Aber ich fand die ersten drei Bücher besser und spannender und ich habe mich nie quälen müssen, weiter zu lesen.
Dickie_Greenleaf zu »Tana French: Schattenstill« 27.08.2012
In meinen Augen Tana Frenchs bester Roman bisher. Glaubwürdig, menschlich, erschreckend, verstörend, poetisch, tiefgründig, abgründig, wahrhaftig.
Sie schreibt einfach großartig.
Kein Wort ist zuviel.
Ihre Werke stechen aus der Masse des zu 80% uninteressant geschriebenen Einheitsbreis der sonstigen Krimiliteratur unbestreitbar heraus. Zum Glück ist das noch nicht so vielen Leuten klar. Irgendwann wird sie zum Kult erhoben - genau wie Fred Vargas - und dann ist es mit der Poesie vorbei.

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