Grabesgrün von Tana French

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2007 unter dem Titel In the Woods, deutsche Ausgabe erstmals 2008 bei Scherz.
Ort & Zeit der Handlung: Irland, 1990 - 2009.

  • New York: Viking, 2007 unter dem Titel In the Woods. 672 Seiten.
  • London: Hodder & Stoughton, 2007. 672 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Scherz, 2008. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. ISBN: 978-3-502-10191-8. 672 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2009. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. ISBN: 978-3-596-17542-0. 704 Seiten.
  • [Hörbuch] Berlin: Argon, 2008. Gesprochen von David Nathan. ISBN: 3866105436. 6 CDs.

'Grabesgrün' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

»Sie dürfen nicht vergessen: Ich bin Ermittler. Unser Verhältnis zur Wahrheit ist grundsätzlich, aber rissig, verwirrend gebrochen wie gesplittertes Glas. Wahrheit ist das Kernstück unseres Berufs, das Endspiel bei jedem Zug, den wir machen, doch wir verfolgen sie mit Strategien, die sorgsam aus Lügen und Verschleierung und jeder Spielart von Betrug zusammengesetzt sind. Was ich Ihnen sagen will, ehe ich mit meiner Geschichte anfange, ist zweierlei: Ich sehne mich nach der Wahrheit. Und ich lüge.«

Das meint Krimi-Couch.de: »Ausgelassenheit und Finsternis« 86°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

1984 wird der zwölf Jahre alte Adam Robert Ryan traumatisiert im Wald von Knocknaree aufgefunden. Seine Freunde Peter und Jamie bleiben spurlos verschwunden. Adam kann sich an nichts erinnern, was die Geschehnisse zuvor angeht; ein wenig Blut an seinem Fuß bleibt die letzte Spur, die das Mädchen und der Junge hinterlassen haben. Fast fünfundzwanzig Jahre später: Auf einem Altarstein inmitten einer Ausgrabungsstätte wird die Leiche der zwölfjährigen Katy Devlin gefunden, erschlagen und augenscheinlich vergewaltigt. Ermittler sind die Polizisten Cassie Maddox und ihr Partner Rob Ryan, der seinen Rufnamen Adam vor Jahrzehnten abgelegt hat. Obwohl er sich aufgrund seiner Vergangenheit eigentlich fernhalten müsste, lässt er sich tief in den Fall hineinziehen. Die Ermittlungen gehen zunächst nur zäh voran. Verdächtige werden gesucht und abgehakt, doch alle Spuren, ob in den familiären Bereich oder in die Stadtpolitik reichend, laufen ins Leere.

Erst als Ryan, der, je weiter die Ermittlungen ergebnislos voranschreiten immer näher auf einen Abgrund zutaumelt, sich seiner Vergangenheit stellt, kommt er dem Täter auf die Spur. Beinahe zufällig entdeckt er ein Schlüsselindiz und stößt dank Cassie Maddox noch auf etwas anderes: einen Psychopathen, der sich seine Umwelt untertan machen möchte und möglicherweise damit durchkommt.

Grabesgrün ist das Debüt der Autorin Tana French, und es ist ein bemerkenswertes geworden. Auf fast 700 Seiten breitet French ihre Geschichte aus, vermeidet es aber geschickt in die Fallen salbadernder Redundanz zu tappen. Das Spektakuläre und Spekulative ist ihr Metier nicht, sie nimmt ihre Figuren ernst, und führt sie durch eine zunächst frustrierend und ergebnislos verlaufende Ermittlung, an die Grenzen ihrer psychischen Belastung.

Den Erzähler und Ermittler in eigener Sache, Rob Ryan, sogar darüber hinaus. Denn je mehr er sich den verschütteten Bildern seiner Vergangenheit stellt, desto mehr verdunkelt sie sich, auch wenn Erinnerungsfetzen trügerische Spuren in die Gegenwart legen. French benutzt hier sehr geschickt das Gruppenverhalten der drei Ermittler Rob, Cassie und Sam, um durch Äußerlichkeiten die inneren Irrungen und Verwirrungen hervorzuheben. Gestattet sie ihren Figuren zunächst, trotz des bedrückenden Mordfalles, der letztlich alle in seinen Bann zieht und verändert, noch kleine neckische Spiele und eine geradezu kindliche Freude an gemeinsamen Aktivitäten, steigt die Anspannung, garniert mit einem Hauch von Wahnsinn, bis zum Schluss, der eine komplette Veränderung der Beziehungen mit sich bringt.

In den spielerischen Passagen erinnert Grabesgrün an die Filme Takeshi Kitanos, der seinen Yakuza auch gestattet, ausgelassen am Strand herumzutändeln, ehe sie wieder ihrem blutigen Tagewerk nachgehen. Diese Diskrepanz zwischen Ausgelassenheit und der Finsternis, die sich schleichend und nahezu unausweichlich breit macht, lässt die innere Spannung sachte, aber merklich steigen. Gerade dadurch, dass die Protagonisten sich so nahe stehen, kann die Aufklärung des Falles erst zum persönlichen Desaster werden.

Glücklicherweise erliegt French nicht der naheliegenden Versuchung einen psychopathischen Serienkiller zu etablieren. Ihr genügt ein Mord und ein lang zurück liegender Vermisstenfall, um in die Abgründe menschlicher Verhaltensweisen blicken zu lassen. Neben dem Abdriften des traumatisierten Erzählers, der sich umso mehr von seiner Partnerin entfremdet, je näher er ihr kommt, führt sie einen Psychopathen vor, der in seiner unspektakulären Alltäglichkeit, der funktionalen und wohldurchdachten Negation jeglicher Mitmenschlichkeit, zum Erschreckendsten gehört, was die Kriminalliteratur dieser Tage aufzuweisen hat.

Grabesgrün ist ein Roman über die Manipulierbarkeit von Menschen und Gefühlen. Eindringlich führt Tana French vor, wie trügerisch Empfindungen sein können, besonders, wenn der menschliche Geist allzu gerne anfällig ist für die Lügen, die ihm aufgetischt werden – oder die er sich selbst erzählt. Doch was das Leben einfacher machen soll, wird zu einem Bumerang, der ganze Existenzen aushebeln kann.

Grabesgrün ist dazu ein kluges Buch, gönnt es seinen Figuren Raum zur Entfaltung ohne zur Schmonzette zu verkommen, täuscht mit lockerem Ton eine Möglichkeit der Erlösung vor, die dank der profanen Wirklichkeit nicht eintreten wird.

Grabesgrün ist obendrein ein mutiges Buch. Es erlaubt sich den Luxus nicht alle Fäden zu entwirren, lässt Fragen offen und schickt Ermittler und Täter in eine ungewisse Zukunft. Selbst das angedeutete Happy End hinterlässt einen schalen Nachgeschmack.

Glücklicherweise besitzt Tana French die sprachlichen und stilistischen Mittel ihr umfangreiches Werk sicher zu einem nachdenkenswerten Ende zu bringen.

Jochen König, August 2008

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Ben zu »Tana French: Grabesgrün« 09.01.2012
Mir hat das Buch gut gefallen.
Zwar blieb auch mir der Frust über die offenen Fragen nicht erspart, aber enttäuscht hat es mich nicht. Man braucht doch auch solche Frusterlebnisse, denn sonst wird der Wunsch (nach einer Auflösung) zur einer Erwartung/einem Anspruch, und man bemerkt nur noch wenn diesem nicht entsprochen wird.
Flo zu »Tana French: Grabesgrün« 29.09.2011
Komisches Buch. Ich war noch nie so begeistert am Anfang und entäuscht am Ende von einem Buch. Stellenweise sehr langweilig. Ich hatte das Gefühl, das die Autorin irgendwann ihr Gefühl für ihre Figuren verloren hat, was dafür spricht, das es vielleicht mehrere Autoren gab. Aber das ist natürlich nur reine Spekulation. Aber irgendwie begründet, weil es doch sehr starken Schwankungen unterworfen ist.

Ich glaube, ich werde "Sterbenskalt" eher nicht lesen.
Nuncia zu »Tana French: Grabesgrün« 20.06.2011
Ich fand das Buch stellenweise langweilig. Es wäre fast das erste Buch gewesen, bei dem ich mittendrin aufgehört hätte und nur noch den Schluß gelesen.
Auch ich fand es sehr frustrierend, dass am Schluß die Geschichte der Kinder im Wald nicht aufgelöst wurde.Trotzdem werde ich irgendwann auch noch ein anderes Buch der Autorin lesen.
"Sterbenskalt" soll ja besser gelungen sein.
Jasmine zu »Tana French: Grabesgrün« 12.06.2011
Habe mich soeben durch eure Kommentare geackert - seltsam, also mir hat das Buch sehr gut gefallen. Nicht nur die Geschichte an sich sondern auch die "ausufernde" Sprache, die ich nämlich nicht als ausufernd sondern fast schon poetisch empfunden habe. Klar, ich verstehe nicht viel von Poesie, ABER ich habe mich beim Lesen dieses Buches total wohl gefühlt. Spannendes Thema, Darsteller die man sich bald schon sehr gut vorstellen konnte und einige offene Punkte am Ende. Klar war auch ich enttäuscht, dass die Kinder-im-Wald-Geschichte ungelöst blieb. Ich habe noch immer Hoffung, dass sich dies in einem der nachfolgenden Büchern auflöst. Ich fand es ein sehr gelungenes Buch!
petcrime zu »Tana French: Grabesgrün« 13.03.2011
Ich hatte den Eindruck, dass T. F. an einigen Passagen sprachlich so lange gefeilt hat, bis daraus etwas geworden war, was sie wohl für ein Kunstwerk hielt (einige Rezensenten teilen diese Einschätzung - ich nicht - ich halte es für Blenderei). Diese Teile hat sie dann - am Anfang, mal hier, mal dort - in den Roman eingestreut, der ansonsten geradlinig in völlig konventioneller Kriminalromanautoren-Sprache geschrieben ist. Ist das eigentlich niemandem aufgefallen? Ryan, Cassie und Sam sind sehr gut charakterisiert, das muss man T. F. lassen. Aber sonst ist das Buch viel zu lang, der Plot handwerklich schlecht verarbeitet. Schade. Über das enttäuschende Ende sage ich nichts, das haben andere vor mir getan!
Kater Karlo zu »Tana French: Grabesgrün« 21.02.2011
Hallo,
ich habe das Buch gerade zuende gelesen und mir sogleich "Totengleich" gegriffen. Was aber weniger am Plot von "Grabesgrün"(die Geschichte ist gut durchdacht und behält sich eine Auflösung bis zum Ende vor, obwohl mich zwischenzeitlich der Verdacht das Rosalind definitiv was mit dem Mord zu tun hatte beschlich, sondern an den Hauptfiguren lag. Cassie Maddox in einer weiteren, spannenderen Geschichte zu erleben konnte ich einfach nicht abwarten. Denn bei Ihr blieben doch einige Fragen offen, die hoffentlich baldigst beantwortet sein werden. Das ein wesentlicher Teil der Story aus "Grabesgrün"( die Vermißten- Kinder-im- Wald- Sache) fehlte, entäuschte sicher ein wenig. Aber vllt hat sich Tara French ein Hintertürchen gelassen. Ich hoffe es sehr. Denn die dritte Geschichte um Cassies Mentor Frank Mackey löst sicher einige weitere Fragen. Ich denke es ist nur eine Frage der Zeit bis sich auch Adam Ryans psychologische Knoten der Vergangenheit lösen. Es wäre ihm und uns, als Leser sehr zu wünschen :)
Fazit: Ein gelungenes Debüt. Anfangs zäh aber durchdacht und spannend. Die sprachlichen Exzesse der Autorin haben in der Krimiszene Seltenheitswert und mir sehr gefallen. Freu mich nun auf die beiden Folgeromane. Tara French ist auf meiner persönlichen Top Ten-Liste.
Tschüss
kabra zu »Tana French: Grabesgrün« 01.01.2011
Irgendwann habe ich mir mal vorgenommen, kein Buch ungelesen ins Regal zurück zu stellen. Sei es auch noch so schlecht.
Grabesgrün ist eins, was mich den Vorsatz fast hätte brechen lassen.

Rob erzählt aus seiner Sicht die Story: den Mord an einem kleinen Mädchen, der eine Menge Fragen aufwirft, Erinnerungen wachruft aber so wirklich keinen Verdächtigen ans Tageslicht befördert.
Die Charaktere werden gut gezeichnet, was für den Verlauf der Story sicher auch interessant ist. Die gute, sehr bildliche Sprache tut ihr Übriges dazu. Für meinen Geschmack ein bisschen too much.
Die ersten 200 Seiten ziehen sich wie ein Kaugummi. Zuerst habe ich wirklich gedacht, ich bin in einer Liebesgeschichte gelandet.
Immer wenn ich dachte, jetzt passiert endlich was, flacht die Story wieder ab. Allerdings streut French sehr geschickt auch immer wieder Sätze ein, die die Spannung wieder heben und mich doch haben weiterlesen lassen.

Wirklich Fahrt auf nimmt die Story erst nach 2/3. Eine unerwartete Wendung, die ich nach dem ganzen Geplätscher nicht mehr unbedingt erwartet hatte.
Und obwohl es diese "Lösung" des Falls gibt, wird die Spannung gehalten, als wäre das noch nicht alles gewesen (kann es auch nicht, dann sind immer noch ne Menge Seiten zu lesen).
Und es steuert auf ein Ende zu, das dramatisch und überraschend ist

Mir hat das Buch schlussendlich doch relativ gut gefallen, weil ich an allen berührenden persönlichen Geschichten der Personen teil hatte und über das sympathische Ermittlerduo (-trio) manchmal schmunzeln musste.

Trotzdem, aus dem vermeintlichen Schmöker könnte man schnell einen kurzweiligen Krimi machen, wenn man 1/3 weglassen würde, das nicht mal auffallen und fehlen würde. 75° von mir.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Peter Faesi zu »Tana French: Grabesgrün« 29.12.2010
Was für eine Verheissung - und was für eine Enttäuschung! Die ersten vier Seiten von "Grabesgrün" sind etwas vom Tollsten, was ich seit langem in einem Krimi gelesen habe. Der Fall und seine Auflösung sind interessant, wenn auch zu ausführlich dargestellt. Aber die Figur des Rob - welche Enttäuschung! Man kann eine Figur nicht mit dem Satz einführen: "Ich sehne mich nach Wahrheit. Und ich lüge." Von Lügen keine Spur - die Handlung wird brav und wahrheitsgetreu aus der Sicht von Rob erzählt. So wird dieser Figur eine Komplexität zugeschrieben, die der Roman niemals erfüllen kann. Schade.
koffeinfrei zu »Tana French: Grabesgrün« 03.07.2010
Ich habe zu Begin des Buches mehr erwartet. Der Anfang liest sich sehr gut und der Schreibstil ist durchaus positiv zu erwähnen. Deshalb kann man auch gut weiter zu lesen. Aber es fehlt die Auflösung, zumal jede Menge über die manipulative Fähigkeit der Schwester der Toten geschrieben wird, aber die Vermisstensache fällt unter den Tisch. Dachte schon, ich wäre nicht in der Lasge das Ende zu interpretieren, bin also froh, dass es anderen genauso erging. .Die Liebesgeschichte von Cassie und Ryan finde ich nett, das Ende völlig überzogen. Ich werde das 2. Buch trotzdem lesen, weil mich der Stil anspricht und hoffe auf ein logisches Ende.
Sandra zu »Tana French: Grabesgrün« 29.06.2010
Ich habe das Buch auf eine Empfehlung hin gelesen, und muss leider feststellen, dass ich der Quelle dieser Empfehlung zukünftig skeptischer gegenüberstehen werde. Der Stil gefiel mir durchaus, aber die Auflösung! Beziehungsweise der völlige Mangel an einer Auflösung, was den alten Fall angeht, und die nicht sehr flüssige Auflösung des neuen... Nein, hat mich nicht überzeugt. Die angehängte Leseprobe des neuen Buchs von Tana French habe ich nicht einmal versucht zu lesen, da mich dieses hier mehr geärgert als unterhalten hat.

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