Gefrorener Schrei von Tana French

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2016 unter dem Titel The Trespasser, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei Scherz.

  • London: Hodder & Stoughton, 2016 unter dem Titel The Trespasser. 656 Seiten.
  • Frankfurt: Scherz, 2016. Übersetzt von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann. 656 Seiten.
  • [Hörbuch] Berlin: Argon, 2016. Gesprochen von Nina Petri. gekürzte Ausgabe. 656 CDs.

'Gefrorener Schrei' ist erschienen als HörbuchE-Book

In Kürze:

Aislinn Murray ist jung, hübsch und liegt tot in ihrem Haus, der Tisch ist für ein romantisches Abendessen gedeckt. Wieder so eine klare Beziehungstat, denkt die Polizei. Doch bald stoßen die Detectives Antoinette Conway und Stephen Moran auf Ungereimtheiten. Und es wird immer offensichtlicher, dass jemand in der Mordkommission ihre Arbeit behindert. Weil sich Antoinette mit ihrer toughen Art Feinde gemacht hat? In einem explosiven Ermittlungskreisel wird nur eines immer deutlicher: Unschuldig ist hier niemand.

Das meint Krimi-Couch.de: »Gegen den Wind spucken« 80°

Krimi-Rezension von Almut Oetjen

Der Mordfall in Gefrorener Schrei wird eingeführt durch einen Kommentar der Ich-Erzählerin Antoinette Conway, die ihn als uninteressant einordnet, einen offensichtlichen Fall von Beziehungstat, den auch Anfänger mit ein wenig standardisierter Recherchearbeit klären könnten. Das Mordopfer, die junge Aislinn Murray, hatte in der Mordnacht einen Tisch für sich und ihren neuen Freund Rory Fallon gedeckt, ein romantisches Ambiente erzeugt, einen Braten im Backofen vorbereitet und sich als lebende Barbie-Puppe herausgeputzt. Obwohl so gut wie nichts gegen Fallon spricht, vor allem keine brauchbaren Indizien, ist er der Hauptverdächtige. Die Detectives Antoinette Conway und Stephen Moran bekommen den Fall zugewiesen, und ihnen wird der von seiner Überheblichkeit getragene Detective Breslin zur Seite gestellt. Schon bald müssen die Ermittler feststellen, dass der Fall dann doch nicht so schnell aufzuklären ist.

Charakteristisch für die Bücher Tana Frenchs über das Dubliner Morddezernat ist es, bestimmte Aspekte eines Zeitbildes des heutigen Irland abzuhandeln und (ab dem zweiten) in jedem Roman mindestens eine Figur aus dem vorhergehenden mitspielen zu lassen. Ein Ermittler ist mal Nebenfigur, im nächsten Roman dann Hauptfigur. Frank Mackey, der Erzähler aus Sterbenskalt gehört nicht zur Polizeieinheit, sondern agiert als verdeckter Ermittler, während der clevere junge Detective Stephen Moran als zuständiger Polizist in das Dubliner Morddezernat eingeführt wird. Frenchs Figuren arbeiten sich im Verlauf der Ermittlung an Details ab, die den Ausgangspunkt für Geschichten und Geheimnisse bilden, welche offenzulegen sind, damit der Fall besser verstanden werden kann, bis am Ende ein Geheimnis mehr gelüftet und der Fall aufgeklärt ist. Zugleich hat die Suche nach dem Mörder immer auch etwas von einer Suche nach dem Selbst der Hauptfigur. In ihrer Gesamtheit entsteht eine zusammenhängende Serie mit nicht immer gleichen Ermittlerfiguren und ein komplexeres Bild Irlands, das sich sukzessive zu einem Gesellschaftsbild fügt. Manche Dinge belässt French im Dunklen, was manche Leser als eher unvorteilhaft für einen Krimi empfinden.

Durch den regelmäßigen Personalwechsel bleiben die Polizeidienststelle und der weitere Handlungsraum gleich, aber die Erzählstimme wechselt. Der Erzähler im ersten Roman spricht und denkt kultiviert, während Antoinette Conway in »Gefrorener Schrei« Umgangssprache spricht, frustriert und genervt ist von ihrem Polizeialltag, dem Mobbing, dem sie durch ihre männlichen Kollegen ausgesetzt ist, den Tätern und Zeugen. Ihren ersten Auftritt hat Conway im Gefrorener Schrei vorhergehenden Geheimer Ort, in dem Stephen Moran der erzählende Detective ist und mit ihr im Umfeld weiblicher Teenager einen Mord klären muss. Während er im Dezernat für Ungelöste Fälle arbeitet, eher die Karriere behindernd kaltgestellt ist, ist sie Mitarbeiterin im Morddezernat. Wechselt in Geheimer Ort die Erzählperspektive nach geraden und ungeraden Kapiteln, durchzieht Gefrorener Schrei die Ich-Perspektive Conways.

Die Ermittler legen Wert auf ihr Äußeres, die Accessoires bis hin zum Wagen, mit dem sie vorfahren. Sie versuchen Verdächtige und Zeugen während der Gespräche beziehungsweise Verhöre zu manipulieren, weil sie im Grunde jedem Menschen unterstellen, gerne Geschichten zu erzählen. Das Verhältnis der Menschen zur Wahrheit betrachten sie als grundsätzlich brüchig.

Conway sieht auch in ihrer Dienststelle nur Gegner, mit Ausnahme Morans, mit dem sie gerne zusammenarbeitet. Ihnen zur Seite gestellt wird Breslin, der Conway anfangs nicht ganz so unsympathisch ist, weil er sich an den (nicht nur sexistischen) Machtspielchen nicht beteiligt. Aber Conway gelingt es, sich in eine Ablehnung Breslins hineinzuarbeiten, die den Charakter einer Paranoia annimmt. Arbeitet er gegen sie, damit ihre Karriere durch einen folgenreichen Fehler beendet werden kann? Am Ende hat der Fall dazu beigetragen, Conway zu verändern. Diese Veränderung ist jedoch primär begründet durch die Qualität des Umgangs mit dem Fall – eine Konstante in Frenchs Werk.

French charakterisiert ihre Figuren hervorragend. Sie sind komplex, man kann sie mögen, auch wenn ihr Handeln gelegentlich problematisch ist. Antoinette Conway hat enormen Biss und kann mit einem englischen Begriff als Bitch bezeichnet werden. Sie stünde in ihrer Abteilung recht einsam da, gäbe es nicht ihren Kollegen Stephen Moran. Der Roman behandelt, wie auch die vorhergehenden Bücher der Autorin, die Charaktere mit der gleichen Bedeutung und Aufmerksamkeit wie den Mordfall und dessen Aufklärung.

Aislinn Murray und Conway sind gegensätzlich konstruierte Charaktere. Conway legt keinen Wert darauf, einen Platz in der Gesellschaft und in der Mordkommission zu finden, ihr ist gleich, was andere Menschen von ihr halten. Murray dagegen wählt den Weg der Anpassung, indem sie sich unterwirft, im Extrem gar in eine Barbie-Puppe verwandelt.

French arbeitet detailliert heraus, wie im irischen Rechtssystem Verbrechen untersucht werden, wie verschiedene Abteilungen mit ihren Hierarchien und die Beziehungen zwischen den Ermittlern die Arbeit beeinflussen. Wir bekommen nachvollziehbar dargelegt, wie sich aus Conways Wunsch, statt Vermisstenfälle Mordfälle zu bearbeiten, Rückkopplungen ergeben, die sie nicht im Kalkül hatte und die ihr die Arbeit und das Leben bisweilen unerträglich werden lassen.

Tana Frenchs Gefrorener Schrei ist der sechste Eintrag in die Serie über das Dubliner Morddezernat. Ermittelt wird in einem Mordfall, der als offensichtlich einfache Beziehungstat eingeschätzt wird und desto komplizierter wird, je mehr Hinweise die beiden Detectives finden.

Almut Oetjen, März 2017

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kerstin zu »Tana French: Gefrorener Schrei« 12.02.2017
Das Buch fesselt durch interessante Charaktere, gute Dialoge und unvorhergesehene Wendungen. Es gibt bei Tana French kein simples Gut und Böse. Ein guter Kniff ist, dass immer wieder Nebenfiguren aus den älteren Büchern zu Hauptdarstellern der neuen werden. Die Krimis von Tana French sind durchweg sehr spannend, ohne sehr actionreich oder zu brutal zu sein. Das ist auch bei "Gefrorener Schrei" so.
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