Das Scherbenhaus von Susanne Kliem

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2017 bei carl's books.

  • München: carl's books, 2017. ISBN: 978-3-570-58566-5. 336 Seiten.

'Das Scherbenhaus' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Carla Brendel wird seit Monaten von einem Stalker verfolgt, der ihr Fotos mit bedrohlichen Motiven schickt: Menschliche Haut. Ein Messer. Wunden. Aus Angst vor dem Fremden flüchtet sie aus ihrer idyllischen Heimatstadt in Norddeutschland zu ihrer Halbschwester nach Berlin. In Ellens luxuriöser Wohnanlage Safe Haven, die mit neuesten Sicherheitssystemen ausgestattet ist, fühlt sie sich beschützt. Doch kurz nach ihrer Ankunft verschwindet Ellen spurlos, ihre Leiche wird wenige Tage später aus der Spree geborgen. Ein tragischer Unfall? Oder wissen die anderen Hausbewohner mehr, als sie sagen? Carlas Zweifel wachsen. Sie bleibt in Ellens Wohnung und sucht nach der Wahrheit. Dabei merkt sie schnell, dass im Safe Haven ganz eigene Regeln und Gesetze herrschen. Und es tödlich enden kann, wenn man zu viele Fragen stellt …

Das meint Krimi-Couch.de: Wenn im sicheren Hafen das Chaos regiert 70°

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Die Stader Köchin Carla Brendel ist von einem Stalker mehrere Monate lang übel verfolgt und traktiert worden. Der Mann hat ihr schlimme Fotos von mit Messern verletzter Haut geschickt, und auch noch krankhaft anmutende Texte dazu geschrieben. Und nun ist scheinbar Ruhe eingekehrt, Carla traut dem Frieden jedoch nicht wirklich.

Da kommt es ihr gerade recht, dass sich ihre Halbschwester Ellen überraschend meldet, und Carla höchst eindringlich bittet, zu ihr nach Berlin zu kommen. Sie freut sich, ihrer Umgebung für einige Zeit zu entkommen – zumal sich der Stalker nach mehrmonatiger Pause wieder meldet. Ellen ist Architektin und bietet ihrer Schwester Zuflucht in der von ihr entworfenen luxuriösen Wohnanlage namens Safe Haven. Doch dieser sichere Hafen entpuppt sich als keineswegs sicher. Nach ihrem ersten Treffen ist Ellen plötzlich spurlos verschwunden, und wird kurz darauf tot im Landwehrkanal gefunden. Carla ist verzweifelt, glaubt die Selbstmord-These der Polizei nicht – und macht bald die Erfahrung, dass Safe Haven eben alles andere als sicher ist.

Ein Kriminalroman mit vielen interessanten Facetten

Susanne Kliem hat mit Scherbenhaus bereits ihren fünften Kriminalroman vorgelegt – und der hat einen hohen Grusel-Faktor. Die Wahl-Berlinerin ist journalistisch und am Theater tätig, dort spielte auch ihr erster Roman. Für ihre ersten vier Bücher hat sie auf der Krimi-Couch nur wenige Bewertungen bekommen, aber die waren bis auf eine Ausnahme durchweg positiv. Das Scherbenhaus wurde nun vom Verlag als Psychothriller deklariert, mit dieser Bezeichnung werden etliche Leser ihre Probleme haben.

Es ist ein Kriminalroman mit vielen interessanten Facetten, und psychologische Spielchen gehören unbedingt dazu. Der Thrill baut sich allerdings eher langsam auf. Zwar wird der Leser ohne Vorgeplänkel mit den recht grausamen Bildern konfrontiert, die Carla vom unbekannten Stalker bekommt, und die sind wirklich gruselig. Aber danach geht es zunächst mit eher ruhigen Tönen weiter.

In der zweiten Hälfte nimmt der Roman deutlich mehr Fahrt auf

Der Kontrast zwischen der Provinz in Stade und der Großstadt Berlin ist stets spürbar, wenn Carla von der einen in die andere Welt wechselt. Spannung baut die Autorin in der ersten Hälfte des Buches nur sehr unterschwellig auf. Da geht es vor allem um familiäre und freundschaftliche Beziehungen, um Carlas mitunter problematisches Verhältnis zu ihrer Halbschwester – und zu ihrer gemeinsamen Mutter. Der Tod von Ellen wird fast schon en passant erzählt, ist aber für den weiteren Verlauf der der Handlung einer der wichtigsten Schlüssel.

Im Safe Haven geht es dann jeoch etwas mehr zur Sache, in der zweiten Hälfte nimmt der Roman deutlich mehr Fahrt auf. Bis dahin hat das Werk die Bezeichnung Psychothriller allenfalls in Ansätzen gerechtfertigt, aber mit den Vorfällen in der hochmodernen Wohnanlage, die nun Carla gehören soll, nimmt die Spannung deutlich zu. Die junge Köchin muss sich durch die rätselhafte Vorgänge tasten, um die Wahrheit in einem schmerzvollen Prozess selbst herauszufinden.

Carla ist eine interessante Figur, eine Mischung aus naiv und weltoffen

Aber auch die erste Hälfte ist fesselnd erzählt, wenn auch die großen Spannungsmomente fehlen. Ein Manko fand ich allerdings sehr ärgerlich. Das Safe Haven wird als große Wohnanlage beschrieben. Wenn sich dann die Hausgemeinschaft zur Begrüßung versammelt, ist das gerade mal etwas mehr als eine Handvoll Menschen. Das passt nicht wirklich zusammen. Aber Schwamm drüber, für die Handlung des Romans ist das nicht wirklich wichtig.

Das Buch ist ansonsten gut lesbar, die bildhafte Sprache vermittelt einen guten Eindruck von der jeweiligen psychischen Verfassung der Protagonisten. Carla ist eine interessante Figur, eine Mischung aus naiv und weltoffen – immer wechselnd in ihren Ansichten und Handlungen.

Das dramatische Kammerspiel vermag gut zu unterhalten

Die Nebenfiguren bleiben demgegenüber eher blass. Ellen hat nur einen Kurzauftritt, das ist dem Plot geschuldet. Carlas Stader Umfeld kommt ziemlich bodenständig rüber, aber spielt eben nur am Rande eine Rolle. Anders sieht das bei ihren Mitbewohnern im Safe Haven aus. Die dominierende Figur ist Milan Wagner, der sich als eine Art Doyen des Hauses gibt. Den anderen Menschen in diesem merkwürdigen Haus ist jeweils eine Funktion in dem sich entwickelnden Kammerspiel zugedacht, hier kann der Leser auch die eigene Phantasie mitwirken lassen.

Alles in allem ist das Personal-Tableau überschaubar, und Carla ist die zentrale Figur, um deren Ansichten und Gefühle es im Wesentlichen geht. Wenn man sie als Figur mag, wird man den Roman mit großem Interesse lesen. Gut unterhalten wird der Leser auf jeden Fall – auch wenn es am Anfang etwas zu ruhig zugeht.

Andreas Kurth, August 2017

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Krimisofa.com zu »Susanne Kliem: Das Scherbenhaus« 20.11.2017
Mir war Susanne Kliem bis vor wenige Monate kein Begriff, und selbst der Verlag, in dem ihr aktuelles Werk erschien, ist vermutlich nicht gerade ein Triple-A-Verlag. Auf „Das Scherbenhaus“ bin ich durch eine Rezension auf einem Blog gestoßen, den ich sehr gerne lese. Etwa ab der Hälfte der Rezension habe ich aufgehört, weiterzulesen, weil ich gemerkt habe, dass das ein Buch sein könnte, das mir gefallen könnte – und weil ich meine Meinung über „Das Scherbenhaus“ nicht allzu sehr von der Rezension beeinflussen lassen wollte, hörte ich auf, die Rezension weiterzulesen (das handhabe ich grundsätzlich so bei Büchern, die ich selber lesen und rezensieren will). Nun habe ich das Buch gelesen und WOW, wie beeindruckend – wäre da nicht ein nicht zu unterschätzender Wermutstropfen.

Carla hat eigentlich ein beschauliches Leben in Stade im Norden Deutschlands. Sie hat eine Arbeit, die sie erfüllt und ein Reethaus, in dem sie gerne lebt. Und auch wenn er sich schon wochenlang nicht bei ihr gemeldet hat, hat sie immer noch Angst vor ihrem Stalker, den sie bei Facebook kennengelernt und dem sie leichtfertig ihre Adresse gegeben hat. Carla merkt man ihre Angst als Leser an, sie agiert zurückhaltend und eher zögernd. Sie verlässt nicht gerne ihre Komfortzone und bleibt lieber dort wo sie meint sicher zu sein, selbst wenn sie Angst hat – das klingt irrational und ist es vermutlich auch. Aber zu einem gewissen Grad kann man ihr Handeln auch nachvollziehen, denn immerhin hat sie in ihrem Umfeld einen sicheren Job und ihre Freunde. Das alles gibt ihr Halt und sie fühlt sich beschützt. Selbst als sie ihre Halbschwester Ellen verängstigt anruft, zögert sie, zu ihr zu fahren, sieht dann aber – zum Glück, will man fast sagen – die Kehrseite der Medaille; denn Berlin ist natürlich um einiges anonymer als Stade, wo jeder jeden kennt. Obendrein darf sie in Berlin im Safe Haven wohnen, einem Glashaus, das Ellen, die Architektin ist, erschaffen hat. Das Safe Haven ist komplett computergesteuert, Schlüssel gibt es genau so wenig wie einen Heizungsregelungsknopf; alles wird übers Smartphone gesteuert. Ist dessen Akku mal leer, hat man Pech gehabt; aber sowas passiert in der Geschichte natürlich nicht.

Insgesamt strahlt dieses computergesteuerte Haus samt seinen Einwohnern aber etwas ziemlich gruseliges aus – und genau das macht die Geschichte so besonders. Anfangs passiert ziemlich viel, was die Geschichte spannend macht, danach ist die Atmosphäre so dicht, dass sie den Leser durch die Handlung trägt. Das was Emma Garnier mit dem „Grandhotel Angst“ bei mir nicht geschafft hat, gelingt Susanne Kliem mit einer vermeintlichen Leichtigkeit und irgendwann habe ich mich gefragt, warum Kliem bis jetzt unter meinem Radar geblieben ist, denn ihr Schreibstil spricht mich zu hundert Prozent an, weshalb ich sie definitiv weiterverfolgen werde. Auch ihre Charakterzeichnungen sind phänomenal und sie verleiht jedem Charakter sein eigenes Profil.

Die größte Schwäche ist allerdings, dass „Das Scherbenhaus“ sehr vorhersehbar ist, was auch der Größe des Ensembles geschuldet ist, denn in der Geschichte haben vielleicht vier bis sechs Charaktere Relevanz. Da muss man kein Sherlock Holmes sein, um die Geschichte zu durchschauen – und ich bin einer, der in den seltensten Fällen das Ende errät. Hier gelang es mir – zumindest in groben Zügen – innerhalb des ersten Drittels. Weil es in der Einzelbewertung keine Vorhersehbarkeit-Kategorie gibt, habe ich bei der Kategorie „Spannung" insgesamt drei Punkte abgezogen. Ich mache das ungern, weil mich der Plot zu hundert Prozent überzeugt hat, aber Vorhersehbarkeit, oder eben nicht-Vorhersehbarkeit ist in einem Thriller, der so packend wie dieser ist, eben die halbe Miete.

Tl;dr: „Das Scherbenhaus“ ist ein hervorragender Thriller mit einer irrsinnig packenden Geschichte und sehr gut herausgearbeiteten Charakteren. Die Atmosphäre ist so dicht, dass sie einem nach dem rasanten Beginn durch die Handlung trägt. Einziges Manko ist die Vorhersehbarkeit. Mehr Rezensionen gibt's Krimisofa.com!
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