Stieg Larsson

Krimis von Stieg Larsson

Im Frühling 2006, als mit Verblendung ein Backstein-Krimi mit über 700 Seiten in Deutschland erschien, hielten sich die Reaktionen noch in Grenzen. Wieder einmal betritt ein Schwede den Markt, wieder ein neuer nach Henning Mankell, Håkan Nesser und wie sie alle heißen. Mit der Veröffentlichung des Nachfolgers Verdammnis und der Taschenbuchausgabe des Erstlings wuchs ein Tsunami aus Larssons »Millenium-Trilogie«. Die Leser konnten Teil drei, Vergebung kaum noch erwarten. Spätestens jetzt, wo Verblendung in die Kinos kommt, entdecken auch die Feuilletonisten, was dieser Schwede da losgetreten hat. Und welche Spannung sich hinter seiner Lebensgeschichte verbirgt. Larsson starb 2004 an einem Herzinfarkt und konnte so weder seinen Erfolg auskosten, noch den erbitterten Streit seiner Erben schlichten.

Es geht um viel Geld: Weltweit wurden mehr über fünfzehn Millionen Exemplare verkauft, rein rechnerisch hat mehr als jeder dritte Schwede einen Larsson-Roman gelesen. Erblasser ist jedoch nicht seine langjährige Lebensgefährtin Eva Gabrielsson, sondern sein Bruder Joakim Larsson. Neben dem Vater Erland einer der wenigen Zeugen, die etwas Licht in Stieg Larssons Leben werfen können. Freilich nicht widerspruchsfrei.

Der Großvater als Vorbild

Stieg Larsson wurde am 15. August 1954 in Umeå, Västerbotten, etwa vierhundert Kilometer nördlich von Stockholm geboren. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und wurde schon in früher Kindheit zu seinen Großeltern gebracht, die ihn aufzogen. Im Alter von neun Jahren starb Larssons Großvater, ein aufrechter Nazi-Gegner zur Zeit des Zweiten Weltkriegs, ein Kommunist, ein Kämpfer für Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit, sein großes Vorbild1.

Danach hieß es Rückkehr zu den Eltern. Beide waren begeisterte Leser, auch von Kriminalromanen. Insbesondere vom schwedischen Autorenpaar Sjöwall/Wahlöö, das Mitte der Sechziger mit seinem zehnteiligen »Roman über ein Verbrechen« die erste »Schwedenwelle« lostrat. Nicht dass Larssons Eltern ihn so bewusst zum Krimi gebracht hätten – sicher, dass der kleine Stieg und sein vier Jahre jüngerer Bruder Joakim sie nicht doch heimlich gelesen haben, ist sich Vater Erland aber nicht2.

1966 entdeckte sein Vater als Erster Stiegs Talent. Er fand eine Geschichte seines zwölfjährigen Sohns, handgeschrieben auf einem Notizblock. Auch wenn die Schreibmaschine, die Erland Larsson ihm zu seinem dreizehnten Geburtstag schenkte, über die Maßen teuer war, bereitete sie doch den Auftakt für eine beeindruckende Karriere sowohl als Journalist als auch als Schriftsteller. Das Lärm des Tippens auf der Maschine hielt Familie Larsson nächtelang wach.

Der Vietnam-Krieg brachte ihn zum Journalismus

Schließlich war es der Vietnam-Krieg, der Stieg Larssons dazu bewog, nach einigen Jahren als Angestellter in einem Postamt in den Journalismus zu gehen. Während der Siebziger war der überzeugte Trotzkist bereits Herausgeber eines politischen Magazins, schrieb Artikel und Essays. 1977 fing Larsson schließlich bei der schwedischen Nachrichtenagentur TT an, der er zweiundzwanzig Jahre treu blieb.

Während der Achtziger spezialisierte sich Larsson immer mehr zu einem Experten für Anti-Faschismus, beriet nicht nur in Schweden und Deutschland, sondern auch Scotland Yard. 1991 erschien sein erstes Buch Extremhögern (»Rechtsextremismus«), das er zusammen mit Anna-Lena Lodenius geschrieben hatte. Zu dieser Zeit hatte er bereits die Idee, Krimis zu schreiben, berichtete Lodenius in einem Interview, aber es würde noch mindestens zehn Jahre bis dahin dauern3.

Mit seinem Buch machte sich Larsson jedenfalls keine Freunde. Zwei Jahre nach dessen Erscheinen wurden die beiden Autoren mit Foto, Anschrift und Telefonnummer in einem Neonazi-Blatt abgedruckt. Die letzten Zeilen des nebenstehenden Textes waren unmissverständlich und stellten die Frage, »ob er weiterhin seine Arbeit fortsetzen dürfe, oder etwas unternommen werden müsse«4. Sein Leben wurde gefährlich, er erhielt fortlaufend weitere Morddrohungen, hielt die Jalousien beständig unten und selbst wenn er mit seiner Lebensgefährten Eva Gabrielsson Essen ging, achteten beide darauf, gegenüber eines Ausgangs zu sitzen5. Diese Bedrohung facht die Spekulationen um Stieg Larssons Tod immer wieder an, doch stellt seine schwedische Lektorin klar, dass sein Tod ein natürlicher war6.

Doch Larsson ließ sich nicht einschüchtern, arbeitete weiter seiner Ideologie folgend, verließ TT und gründete die Stiftung EXPO mit dem Ziel, die Rechtsradikalität in Schweden zu erforschen und zu bekämpfen. Als Herausgeber des gleichnamigen Magazins blieb er als Journalist aktiv.

Eine Vorhersage tritt ein

Seine Vorhersage der frühen Neunziger, nach zehn Jahren als Autor Krimis zu schreiben, trat 2002 nach einem Sommerurlaub ein. Das Manuskript zu Verblendung gab er seinerzeit der Lektorin Eva Gedin vom Verlag Norstedts: »Als ich es gelesen hatte, sagte ich ihm augenblicklich, dass wir mit ihm einen Vertrag über drei Bücher unterschreiben möchten.«7

Was viele Leser weltweit mit Bedauern zur Kenntnis nehmen werden: Analog zu Sjöwall/Wahlöö war Larssons Millenium-Reihe auf zehn Bände ausgelegt8. Dass es dazu nicht kam, liegt zweifellos an seinem Arbeitsethos. Tagsüber arbeitete Stieg Larsson an seinem Kampf gegen Rechts, nachts schrieb er seine Romane, ließ fast alle Mahlzeiten aus, kam meistens erst zwischen vier und fünf Uhr morgens nach Hause, sein Aschenbecher in der Redaktion quoll über, er brachte es auf sechzig selbstgedrehte Zigaretten am Tag – »er war ein klassischer Workaholic«9, erläutert Christopher MacLehouse, der Larsson für die englische Leserschaft entdeckte.

Heraus kamen dabei drei Kriminalromane, die dort anknüpfen, wo Sjöwall/Wahlöö angefangen und Autoren wie Henning Mankell weitergemacht haben. Ein Sittengemälde eines Sozialstaates, der das Attribut »sozial« nicht verdient. Vor allem mit seinen Protagonisten Mikael Blomkvist (durchaus als Reminiszenz an Astrid Lindgren zu vertehen), ein Enthüllungsjournalist und fraglos Larssons Alter Ego, und derm jugen Twen Lisbeth Salander, einem tätowierten, emotionsunfähigen Computergenie, schuf er Figuren, die sicherlich noch einen langen Nachhall haben werden.

Da das Vorbild für Mikael Blomkvist so klar auf der Hand liegt, stellt sich folglich die Frage nach einem für Lisbeth Salander. Sicher sind sich Vater Erland und Bruder Joakim darin, dass Stieg Larssons Nichte Therese Patin stand. Doch Joakim sieht in Salander auch Charakterzüge Pippi Langstrumpfs (was angesichts des Namens Blomkvists nicht überraschen dürfte) und »einer Kamerafrau, die er einmal kennenlernte«10. Eva Gabrielsson widerspricht hingegen: »Salander ist eine fiktionale Figur und läuft nicht durch die Straßen Stockholms.«11 Fest steht jedenfalls, dass diese manchmal so weltfremd wirkende, andererseits toughe, Gothic-Langstrumpf Vehikel für ein weiteres Motiv Larssons darstellt: Er bezeichnete sich selbst als »Feministen« und kämpfte so nicht nur gegen Neonazis, sondern auch gegen die Ungleichberechtigung von Mann und Frau. Und oftmals auch gegen Windmühlen.

Der Rechtsstreit mit den Larssons

Wie derzeit seine Lebensgefährtin Eva Gabrielsson. Da Stieg Larsson kein Testament geschrieben hatte, liegen die Rechte bei Bruder Joakim und Vater Erland, die als bodenständige Nordschweden am großen Geld jedoch nicht sonderlich interessiert seien. Gabrielsson geht leer aus, weswegen eigens eine Website ins Leben gerufen worden ist, um sie finanziell zu unterstützen. Kontakt zwischen den Larssons und ihr besteht nicht mehr.

Richtig spannend wird dieser Rechtsstreit dadurch, dass die Hinterbliebenen auf Stiegs Laptop ein unvollendetes Manuskript für Teil vier gefunden haben, zweihundertfünfzig Seiten lang. Sowohl Eva Gabrielsson, als auch Bruder Joakim wie Vater Erland haben es gelesen. Doch keine der Parteien will es derzeit zu Ende schreiben und veröffentlichen lassen: »Stieg hat drei sehr gute Bücher geschrieben, aber man kann nicht garantieren, dass das vierte so werden würde, wie er es gewollt hätte«, erklärt Erland Larsson12.

So bleibt es vorerst bei drei Romanen statt einer Tetralogie. Einer recht unheimlichen, sah Stieg Larsson in seiner »Millenium-Trilogie« doch sein eigenes Ende voraus: Wie dort bei einem überarbeiteten Chefredakteuer hörte sein Herz auf zu schlagen, als er am Schreibtisch in der Redaktion saß. Sein großes Projekt war am 9. November 2004 beendet. Unfertig.

Lars Schafft, 06. Oktober 2009.

Quellen:

  1. 1) Anonymous: »Stieg Larsson. The Man Behind Lisbeth Salander«. Online in: stieglarsson.com.
  2. 2) Karim, Ali: »The Return of Lisbeth Salander«. Online in: shotsmag.co.uk, 03.10.2008.
  3. 3) Anonymous: »Stieg Larsson. The Man Behind Lisbeth Salander«. Online in: stieglarsson.com.
  4. 4) ebd.
  5. 5) Forshaw, Barry: »Crime writer taken too soon«. In: The Times, 23.08.2008.
  6. 6) ebd.
  7. 7) ebd.
  8. 8) Harrison, Bernice: »Breaking the heroic mould«. Online in: irishtimes.com, 03.10.2009.
  9. 9) Forshaw, 2008.
  10. 10) Fischer, Gerhard: »Stieg Larsson: Krimi um sein Erbe.« In: Süddeutsche Zeitung, 24.09.2009.
  11. 11) Tonkin, Boyd: »What was the secret of Stieg Larsson´s extraordinary success?«. In: The Independent, 02.10.2009.
  12. 12) Fischer, 2009.

Krimis von Stieg Larsson(in chronologischer Reihenfolge):

Lisbeth-Salander:
Verblendung
Män som hatar kvinnor (2005)
Verdammnis
Flickan som lekte med elden (2006)
Vergebung
Luftslottet som sprängdes (2007)
Verschwörung
Det som inte dödar oss (2015)

Mehr über Stieg Larsson:

  1. Atkinson, Graham: »A dedicated anti-fascist and good friend: Stieg Larsson 1954 – 2004«. In: Searchlight Magazine, Dezember 2004.
  2. Cohen, Nick: »Read Stieg Larsson, the bestselling socialist militant«. Online in: guardian.co.uk, 13.10.2009.
  3. Fischer, Gerhard: »Stieg Larsson: Krimi um sein Erbe«. In: Süddeutsche Zeitung, 24.09.2009.
  4. Harrison, Bernice: »Breaking the heroic mould«. Online in: irishtimes.com, 03.10.2009.
  5. Kerridge, Jake: »Stieg Larsson: Profile«. Online in: telegraph.co.uk, 10.09.2009.
  6. Thies, Heinrich: »Triumph eines Toten«. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 28.07.2008.
  7. Werner, Hendrik: »Stieg Larsson – der Heath Ledger der Krimi-Autoren«. Online: in welt.de, 09.07.2009.

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