Der Anschlag von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2011 unter dem Titel 11/22/63, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei Heyne.
- New York: Scribner, 2011 unter dem Titel 11/22/63. 849 Seiten.
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München: Heyne, 2011.
Übersetzt von Wulf Bergner.
ISBN:
978-3-453-26754-1. 1055 Seiten.
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[Hörbuch] Köln: Random House Audio, 2012.
Gesprochen von David Nathan.
MP3.
ISBN:
3837111075. 4 CDs.
'Der Anschlag' ist erschienen als
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In Kürze:
Am 22. November 1963 fielen in Dallas, Texas, drei Schüsse. John F. Kennedy starb, und die Welt veränderte sich für immer. Wenn man das Geschehene ungeschehen machen könnte – wären die Folgen es wert?
Jake Epping lebt ein normales Leben, bis sein Freund Al ihm ein großes Geheimnis enthüllt: Er kennt ein Portal, das ins Jahr 1958 führt. Und Al gewinnt ihn für eine wahnsinnige Mission. Jake soll in die Vergangenheit zurückkehren und das Attentat auf John F. Kennedy vereiteln, um den Gang der Geschichte positiv zu korrigieren. Und so beginnt für Jake ein neues Leben in einer für ihn neuen Welt. Es ist die Welt von Elvis und JFK, von großen amerikanischen Autos und beschwingten Highschool-Tanzveranstaltungen. Es ist die Welt des gequälten Einzelgängers Lee Harvey Oswald, aber auch die der Bibliothekarin Sadie Dunhill, die Jakes große Liebe seines Lebens wird – eines Lebens, das gegen alle normalen Regeln der Zeit verstößt. Und je näher Jake seinem Ziel kommt, den Mord an Kennedy rückgängig zu machen, desto bizarrer wehrt sich die Vergangenheit dagegen – mit aller gnadenlosen Gewalt, die sich auch gegen Jakes neue Liebe richtet …
Das meint Krimi-Couch.de: »Der «King of Horror» auf Abwegen«
Krimi-Rezension von Jürgen Priester überspringen
Wie fast alle amerikanischen Schriftsteller träumt vermutlich auch Stephen King davon, einmal den Großen Amerikanischen Roman zu schreiben. Mit Der Anschlag beweist er, dass er auf dem besten Weg dahin ist. Von seiner Paradedisziplin, dem phantastischen Roman – mal mehr, mal weniger mit Horrorelementen gespickt – ist er weiter entfernt denn je. Schon sein letzter großer Roman Die Arena (2009) war bis auf die namensgebende Energiekuppel (The Dome) ein durchgehend realistischer Thriller, der einen Kleinstadt-Bürgerkrieg der besonderen, der King’schen Art beschreibt. Auch die Kurzroman-Sammlung Zwischen Nacht und Dunkel (2010) thematisiert schwerpunktmäßig verschiedene Aspekte ganz individueller menschlicher Abgründe, die keiner phantastischen Ausschmückung bedurften. Wir erinnern uns, in den 1980er Jahren hatte Stephen King eine Phase, in der er unter dem Pseudonym Richard Bachmann mehr Crime- als Phantastic-Fiction schrieb. Der Anschlag lässt sich in keine Schublade pressen. Er ist sowohl Gesellschafts- und Liebesroman als auch Historiengemälde und Polit-Thriller, fest verankert in der amerikanischen Wirklichkeit. Vor allem aber ist er ein typischer Stephen-King-Roman, in dem der Autor einmal mehr seine ganze schriftstellerische Finesse offenbart. Mit diesem Roman wird sich Stephen King ein neues Publikum erschließen. Spannungsliteratur, die Genre-Grenzen überschreitet, ist auf der Krimi-Couch gut aufgehoben, deshalb präsentieren wir eins der Aushängeschilder der Phantastik hier bei uns und zollen dem Thriller-Autor King Tribut.
Der amerikanische Titel des Romans lautet 1ݤ/63, der 22. November 1963, ein Datum, das vielen Amerikanern nicht mehr geläufig sein, den älteren unter ihnen allerdings unvergesslich bleiben wird. Die Ermordung des amerikanischen Präsidenten in Dallas, Texas durch Lee Harvey Oswald löste eine Schockwelle aus, die weit über die Grenzen der USA spürbar war. Hier ist nicht der Ort, um über Kennedys politische Ambitionen zu befinden. Ihn als Hoffnungsträger zu bezeichnen ist eher eine posthume Verklärung. Was reformfreudige Präsidentschaftskandidaten versprechen und was sie davon halten können, zeigt sich aktuell an Barack Obama. Sagen wir mal so: John F. Kennedy und seine Frau Jackie erfreuten sich damals breit gestreuter Sympathien, und das Amt des amerikanischen Präsidenten ist per se sakrosankt, deshalb kam seine Ermordung einem nationalen Armageddon gleich, das in etwa dieselbe Wirkung auf das Land hatte wie der 11.September 2001.
Wäre die Welt eine bessere, wenn das Attentat auf Kennedy hätte verhindert werden können? Mit dieser Frage beschäftigt sich Stephen Kings Romanheld Jake Epping. In der festen Überzeugung, dass dem so sei, macht er sich auf in die Vergangenheit.
2011. Jake Epping ist Englischlehrer an einer Highschool in Lisbon Falls, Maine. Neben seinem normalen Unterricht gibt er Abendkurse für Erwachsene, die ihren Highschool-Abschluss nachholen wollen. Dort lernt er den Hausmeister Harry Dunning kennen, dessen Aufsatz über den schlimmsten Tag seines Lebens, als an Halloween im Jahre 1958 fast seine ganze Familie ausgelöscht wurde, Jake nachhaltig schockiert. Zwei Jahre später bietet sich ihm die Möglichkeit, etwas am Schicksal von Harrys Familie zu ändern.
Al Templeton, der Besitzer von Jakes bevorzugtem Diner, verrät ihm sein lang gehütetes Geheimnis. In seinem Vorratsraum befinde sich ein Zeitportal, das in die Vergangenheit führe, genauer zum 9. September 1958, 11:58 Uhr. Al’s große Bitte an Jake ist, er möge in die Vergangenheit reisen und Lee Harvey Oswald daran hindern, das Attentat auf John F. Kennedy auszuführen. Er habe es versucht, sei aber gescheitert. Jake willigt ein. Quasi als Probelauf versucht er, Harry Dunnings Familie zu retten. Eine Operation, die unerwartete Risiken offenbart und unkalkulierbare Folgen nach sich zieht. Mit neuen Erkenntnissen und Al’s Aufzeichnungen begibt sich Jake auf seine mehr als fünf Jahre dauernde Mission.
Zeitportal, Zeitreisen – nun doch ein phantastischer Roman? Nein, Stephen King nutzt das Tor in die Vergangenheit nur als Initialzünder für seine Geschichte, die fast ausschließlich zwischen den Jahren 1958 und 1963 spielt. Ein Mensch aus dem 21. Jahrhundert erlebt die Welt vor fünfzig Jahren. Er fühlt sich wohl, bleibt aber ein Fremdkörper. Es ist keine heile Welt, bei Leibe nicht. Uneingeschränkte Umweltverschmutzung, gedankenlos dem Wirtschaftswachstum geopfert, oder die Rassentrennung, die erst mit dem »Civil Rights Act« 1964 gesetzlich aufgehoben wurde – darüber reflektiert der nun über 60-jährige King in der Rückschau. Die Annehmlichkeiten dieser Zeit hat er als Jugendlicher selbst erlebt. Sicher nicht von ungefähr hat Kings Romanheld die gleiche Statur, den gleichen Beruf und lebt im selben Bundesstaat wie der Autor, der zudem auch noch aus der Ich-Perspektive erzählt. Stephen King greift gerne – wie schon in anderen Romanen – auf autobiographische Erlebnisse zurück, was der Erzählung ihre einzigartige authentische Atmosphäre verleiht.
Jake Epping, der sich in der Welt des »Einst« George Amberson nennt, muss erfahren, wie fest gelebtes Leben in der Zeit verankert ist und sich gegen Veränderung wehrt. Schon Jakes bloße Existenz beeinflusst das fragile Gefüge der Vergangenheit wie der berühmte Schlag des Schmetterlingsflügels, dessen winzige Schwingung hier anderenorts eine Katastrophe auslösen kann.
Anders als der Burger-Brater Al Templeton, der ziemlich unverfroren in der Vergangenheit wilderte und damit eine Unzahl von Paradoxien auslöste, ist Jake sich bewusst, dass er ein Störenfried ist. Das »Einst« ist ein übermächtiger Gegner, der ihm nur allzu deutlich, manchmal drastisch signalisiert, dass er die Harmonie stört. Der Weg zu dieser Erkenntnis ist lang und beschwerlich. Die Konsequenzen, die er aus ihr ziehen muss, könnten ihn die Liebe seines Lebens kosten.
Mit dem Alter wird der Mensch ruhiger, nachdenklicher, versöhnlicher, vielleicht auch ein bisschen sentimental. Nach einem Leben mit Höhen und Tiefen blickt Stephen King zurück auf die Ära seiner Jugend. Die 1960er Jahre waren die Zeit der einfachen Vergnügen – der Tanzveranstaltungen, des Autokinos, des Rock’n Roll, des Cruisens mit Dads Cabriolet. Aber auch die Zeit der Bürgerrechtsbewegung, des Vietnamkrieges, der Kubakrise, des beginnenden Kalten Krieges. Stephen King unterschlägt nichts, aber er will nicht problematisieren, sondern unterhalten. Und das tut er – meist mit leichter Hand und viel Humor. Die Spannung der Erzählung resultiert nicht aus Action und Thrill, sondern aus Neugier und Empathie. Großes Kino für Kopf und Leinwand!
Jürgen Priester, Februar 2012
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