Spannung! Was das ist, wie man sie erzeugt und wie man sie verarbeitet. Teil 3: Psychologie und Ablachen
Psychologie ist alles und alles ist Psychologie. Aber was ist Psychologie im Kriminalroman? Ein ideales Mittel, um Spannungskurven zu zeichnen, den es dürfte kaum einen Krimi geben, der ohne Einblicke in menschliches Verhalten auskommt. Von Personenbeschreibungen über soziale Konflikte bis zu den Exzessen einer außer Rand und Band geratenen Psyche: Der Krimi bewegt sich durch Seelenlandschaften und fördert all jene Versatzstücke zutage, ohne die »Spannung« schlechterdings unmöglich erscheint.
Um dies genauer beschreiben zu können, müssen wir abermals weit in die Geschichte des Genres zurückgreifen, genauer gesagt ins Jahr 1893 und zu einem heute vergessenen Buch, das mit »Krimi« im modernen Verständnis nur sehr wenig zu tun hat und dennoch schulmäßig aufzeigt, wie Psychologie Spannung erzeugt. Es erschien zur Hochzeit des Sherlock-Holmes-Erfolgs, was insofern wichtig ist, weil die Arbeitsmethode Holmes nur bedingt »psychologisch« genannt werden kann. Er deutet lieber äußere Zeichen, um Schlüsse zu ziehen. Ganz anders geht Ernst von Wildenbruch in seiner Novelle Das wandernde Licht vor. Erzählt wird die Geschichte des Eberhard von Fahrenwald, eines ebenso reichen wie psychisch labilen Sonderlings, von dem man sich erzählt, er sei »verrückt«. Er heiratet die verarmte Adlige Anna von Glassner, was dem alten und treuen Diener Johann nicht gefällt, fürchtet dieser doch nun endgültig um die geistige Gesundheit seines Herrn. Und Johann scheint recht zu behalten. Wenngleich Eberhard seine Anna über alles liebt und sich von ihr endlich Erlösung von seiner Seelenpein erhofft, werden die Phasen des Jähzorns immer stärker und bedrohlicher. Anna erhält mysteriöse Briefe, die sie warnen und unmissverständlich auffordern, ihren Ehemann zu verlassen. Als man in das düstere Elternhaus von Fahrenwalds einzieht, überstürzen sich die Ereignisse. Annas Leben gerät in Gefahr – und dann gibt es nach dem »Showdown« die überraschende Auflösung.
Das wandernde Licht bezieht seine Spannung aus zwei Grundkonstellationen dessen, was wir »psychologisch« nennen. Zum einen dieses Dramatische des »Wahnsinns«, der sich steigert und schließlich zum Ausbruch kommt. Zum anderen aber auch – und das ist der Clou der Geschichte – aus der Frage, was denn »Wahnsinn« überhaupt ist. Denn von Fahrenwalds geistige Verwirrung, seine pathologischen Affekte entpuppen sich als »gemacht«. Nicht er ist verrückt, man hat es ihm nur eingeredet. Während die erste Konstellation ganz auf die Mittel des »Thrill« setzt, wird die zweite viel feiner herausgearbeitet. Sie ist eine Beschreibung von Psyche, auch von Alltagspsyche im Allgemeinen. Dass von Wildenbruch (der eigentlich Lyriker war) mit Das wandernde Licht keinen Beitrag zur Geschichte der deutschen Kriminalliteratur leisten konnte, liegt an dieser Geschichte selbst und natürlich daran, dass er sich gegen das Erfolgsmodell Sherlock Holmes nicht durchsetzen konnte. Es gibt keine Wiederveröffentlichung der Novelle in Buchform, im Original nachlesen kann man sie dennoch (http://alte-krimis.de/autoren_wildenbruch.htm). 1916 gab es zudem eine Verfilmung der literarischen Vorlage.
Bereits dieses frühe Beispiel zeigt auf, wie man das Psychologische in der Kriminalliteratur einsetzt. Einmal in seiner Zuspitzung als »verrückt, irre, krank«, ohne die wohl jeder Serienkillerroman nicht bestehen könnte. Dann aber auch als die Möglichkeit, die menschliche Psyche in ihrer mehr oder weniger normalen oder »aus der Bahn geworfenen« Form zu sondieren, zu analysieren. Der sogenannte »Psychothriller« lebt von der Zuspitzung, dem Spektakulären des zumeist Bösen. Was zum verbrecherischen Wahnsinn tendiert, liefert uns die Garantie des Schaurigen gleich mit, und das ist nach wie vor eine Attraktion für Krimifreunde.
Es ist natürlich naheliegend, dass der Kriminalroman mit dem psychisch Abartigen hantiert und es bewusst zuspitzt. Wir alle kennen Alfred Hitchcocks Psycho, wo der Meister des Suspense alle Register zieht, um uns die wirre Gedankenwelt eines »Verrückten« zu öffnen. Aber um was geht es eigentlich in Psycho? Ein Mensch mit extremer Mutterbindung gerät in totale Isolation und erschafft sich seine eigene verquere Welt. Das soll öfters vorkommen und endet selten so spektakulär wie im Film.
Genau dieses Unspektakuläre psychischer Prozesse ist die andere Quelle von Spannung, aus der die Kriminalliteratur schöpft. Bereits G. K. Chestertons »Father Brown«-Romane sind als Gegenstücke zum nüchternen Kombinationsstil eines Sherlock Holmes angelegt und weisen über den Umweg von Moral und Religion auf die Bedeutung des psychologischen Moments und seiner offensichtlichen Irrationalität hin. Georges Simenons Romane – nicht nur die Maigrets – sind allesamt Psychogramme eines biederen Bürgertums, wo kleinste Erschütterungen Katastrophe auslösen können. Der als »Königin des psychologischen Kriminalromans« apostrophierten Patricia Highsmith gelingt das Kunststück, uns einen Bösewicht wie Tom Ripley beinahe als Sympathieträger zu verkaufen und seine psychische Deformation als Bestandteil einer irritierenden Normalität. Es ist vor allem diese Kunst der Personenzeichnung, die Psychologisches als erklärendes Element für Verbrechen nutzt, bei der eine besondere Form von Spannung erzeugt wird. Claudia Piñeiros zu Beginn dieser Untersuchung erwähnter Roman Die Donnerstagswitwen begnügt sich über weite Strecken mit der Beschreibung von Normalität, um Spannung zu erzeugen. Aus den Gegebenheiten des harmlosen Alltags steigt sozusagen der Exzess, das Verbrechen empor. Pineiro braucht weder überdimensionierte Psychopaten noch Irrenhäuser noch unheimliche Gestalten, die durch nächtliche Nebel und Moore huschen, ihr genügt jener ganz normale Wahnsinn, um daraus ein Grauen zu schöpfen, das uns sehr bekannt vorkommt und gerade deshalb umso nachhaltiger gerät.
Was nun nicht bedeutet, dass die extreme Geisteskrankheit im Kriminalroman bloße Masche sei, um an die Schwächen unseres Nervenkostüms zu appellieren. Der von dem Luxemburger Autor Norbert Jacques erschaffene Dr. Mabuse etwa, dieses größenwahnsinnige »Genie des Verbrechens«, ist eine hellsichtige Personifizierung des gesellschaftlichen und politischen Wahnsinns seiner Zeit. Rex Millers Fettsack, eine von den staatlichen Autoritäten selbst hochgepäppelte und missbrauchte Tötungsmaschine, entspricht dem in vielen Punkten. Doch selbst hier, wenn sich absolut pervertierte und außerhalb aller Moralvorstellungen katapultierte Gehirne als Motor von Verbrechen und damit auch von Spannung entpuppen, bleibt die Anbindung an die Normalität, an die Phänomene einer alltäglichen Lebenswelt erhalten. Ideale Spannung ist immer diejenige, die uns irritiert, weil sie das eigentlich Böse direkt mit unseren eigenen Erfahrungen verbindet und nicht außerhalb der Koordinatensysteme unserer Wertvorstellungen verortet.
So kauern wir in unseren Lesesesseln, die Nerven immer labiler und anfälliger für jegliche Art von Thrill, eine Gänsehaut löst die andere ab, jedes Käuzchen, das draußen palavert, klingt wie ein Vorbote des Schrecklichen. – Und plötzlich beginnen wir zu lachen. Die Spannung löst sich, alle Erregung unserer Sinne schwindet, es wird hell und heiter, richtig gemütlich, wir entspannen uns. Denn wir lesen gerade einen »witzigen Krimi«.
Humor scheint nach allem, was wir so aufgezählt haben, nicht recht zum Krimi zu passen. Und dennoch hat sich die allgemeine Erheiterung beim Lesen als Erfolgsgarant eines Genres etabliert, in dem es normalerweise nicht wüst und düster und blutig genug zugehen kann. Führend sind hier zweifellos die Österreicher, die mit Wolf Haas den Prototyp des witzigen Erzählers stellen, in seinem Gefolge Legionen anderer Scherzkekse, deren Heiterkeit von zynisch über lakonisch und gaga bis gemütlich reicht. Ein absolutes Erfolgsmuster, an dem auch andere teilhaben, vom Amerikaner Carl Hiaasen über den chinesischen Feng-Shui-Detektiv von Nury Vittachi bis zu bundesdeutschen Bannerträgern des Witzigen, die depperte Allgäuer Polizisten, in Leichenhäusern ermittelnde Untote und allerlei Winterkartoffelknödler auffahren, um uns die Spannung erträglich zu machen.
Nun ist das Thema Krimi und Humor ein vielschichtiges, so komplex wie Krimi und Humor selbst. Für unseren Gegenstand, die Spannung, mag vor allem die Fallhöhe von Interesse sein, die unweigerlich entsteht, wenn Ernstes und Heiteres aufeinanderprallen. Denn ein Mord ist ja keinesfalls witzig, bestimmte Themen sind es ebenfalls nicht. Es ist geradezu unvorstellbar und wäre einer der letzten möglichen Tabubrüche, Sexualverbrechen an Kindern mit dem Stilmittel des Humors zu schildern. Wobei – der Humor ist möglicherweise doch nur eine andere Form des Schreckens, ein Sich-Fürchten mit eingebautem Katalysator. Einer gängigen Theorie zufolge ist das Lachen ein Abwehrmittel gegen das Grauen, der hilflose Versuch, mit einem negativen Ereignis fertig zu werden. Auch hier kommt die Fallhöhe ins Spiel, also die emotionale Differenz zwischen zwei Gefühlszuständen. Das Böse wird weggelacht, dem Negativen etwas im Grunde Positives entgegengesetzt. Etwas abgeschwächt erleben wir das etwa beim politischen Kabarett, wenn ein Witz über das Börsenspekulantentum unseren Frust über eben dieses in ein befreiendes Lachen auflöst. Lachen ist zum einen eskapistisch, d.h. wir retten uns aus einer negativen in eine positive Situation (etwas, das man dem Lesen von Kriminalromanen ja allgemein unterstellt, wenn man etwa aus der Langeweile des Alltags in die flirrende Turbulenz eines Thrillers flüchtet), zum anderen kann es uns jedoch erst bewusst machen, wie absurd und grauenvoll eine Situation recht eigentlich ist.
Wie schon angedeutet, hat Humor viele Facetten. Er reicht von den neckischen Harmlosigkeiten eines parodistischen Polizeikrimis über die granteligen Spitzen eines Manfred Wieninger bis zur manchmal makabren Komik eines Jerome Charyn oder der treffsicheren Satire eines Carl Hiaasen. Aber was hat Humor generell mit Spannung zu tun? Hat es überhaupt etwas damit zu tun? Eine eindeutige Antwort auf diese Frage kann es nicht geben, doch neben der Fallhöhe, die uns ein Verbrechen erst in seiner ganzen Konsequenz vor Augen führt, wenn wir darüber lachen, gibt es eine weitere Verbindung zwischen diesen beiden auf den ersten Blick unvereinbaren Phänomenen. Spannung ist nämlich etwas, das ohne Überraschung nicht funktioniert. Ein Mord geschieht »aus heiterem Himmel« heraus, hinter der Fassade des Witzigen verbirgt sich das Böse, das Normale und das Abnormale greifen ineinander über. Hier hat Humor also die Funktion, etwas eigentlich Bekanntes in überraschender Form zu präsentieren.
Man könnte dieses Thema noch unendlich lange fortspinnen, aber wir wollen es dabei belassen. Eines jedoch sei zum Schluss bemerkt: Spannung ist immer genau das, was jeder Mensch bei der Lektüre eines Krimis dafür hält – oder eben auch nicht. Die kleine Umfrage unter Couchlern hat ergeben, dass es viele Wege zur Spannung gibt, was nun keineswegs überrascht. Wichtig ist jedoch immer die Entwicklung von Spannung und ihre Dosierung. Eine Überdosis schadet im Allgemeinen der Story, niemand möchte von einem nervlichen Höhepunkt zum nächsten getrieben werden. Und am Ende wird man mit Entspannung belohnt. Und, vielleicht, der Einsicht, dass die Spannung eines Kriminalromans gar nicht so weit entfernt ist von der Spannung der Alltags. Dies zu erkennen, könnte ein Charakteristikum großartiger Literatur sein.

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