Querschläger von Silvia Roth

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2008 bei Hoffmann und Campe.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Hessen / Wiesbaden, 1990 - 2009.
Folge 2 der Hendrik-Verhoeven-&-Winnie-Heller-Serie.

  • Hamburg: Hoffmann und Campe, 2008. ISBN: 978-3-455-40128-8. 511 Seiten.
  • München: dtv, 2010. ISBN: 978-3423212250. 511 Seiten.
  • [Hörbuch] Daun: TechniSat Digital, Radioropa Hörbuch, 2009. Gesprochen von Katharina Koschny. ISBN: 978-3836805148. 13 CDs.

'Querschläger' ist erschienen als TaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Massaker im Gymnasium: Nach ihrem »brutal guten Thriller-Debüt« (Bild am Sonntag) Roths furioser neuer Roman Der junge Amokläufer hat an seiner Schule ein schreckliches Blutbad verursacht. Danach richtete der Schüler die Waffe scheinbar gegen sich selbst. Doch die Indizien, auf die Kommissar Hendrik Verhoeven und seine Kollegin Winnie Heller stoßen, sind äußerst verwirrend: Es muss einen zweiten, unbekannten Täter geben ...Bei dem Blutbad am Clemens-Brentano-Gymnasium in Wiesbaden werden elf Menschen von dem vermummten Täter erschossen. In einem Umkleideraum tötet sich der Schütze anschließend selbst. Bei dem Schüler scheint alles zum Bild eines Amokläufers zu passen. Kommissar Hendrik Verhoeven und seine Kollegin Winnie Heller stoßen bei ihren Ermittlungen jedoch schnell auf Ungereimtheiten. Warum zum Beispiel hat der Schütze nach der Tat einen Mitschüler in den Umkleideraum bestellt, in dem er starb? Und wie kommt es, dass die Kugel in seinem Kopf nicht aus der Waffe stammt, mit der das Massaker angerichtet wurde?

Das meint Krimi-Couch.de: »Zwischen allen Stühlen« 55°

Krimi-Rezension von Jochen König

Ein Schüler läuft Amok am Clemens-Brentano-Gymnasium in Wiesbaden. Er tötet ein Dutzend Schüler, Lehrer, die Schulsekretärin und am Ende sich selbst. Was aussieht wie ein erschreckender, aber nicht untypischer Fall eines Amoklaufes, besitzt einige Ungereimtheiten, die den Schluss zulassen, dass der Killer nicht allein unterwegs war. Die Ermittler um Hauptkommissar Verhoeven und seine Kollegin Winnie Heller begeben sich auf die intensive Suche nach den Hintergründen des Anschlags und dem zweiten Täter.

Querschläger zu beurteilen ist kein einfaches Unterfangen. Während die diffizilen Ermittlungen spannend und recht glaubwürdig dargestellt werden, klappert das Gerüst des Romans an allen anderen Ecken und Enden mörderisch. Da sind zum einen die albernen Passagen um das Privatleben des Kommissars Verhoeven, der seinen halben Garten umgräbt, weil er eifersüchtig auf den Freund seiner Tochter ist. Wohlgemerkt: beide sind fünf und besuchen denselben Kindergarten. Zum anderen hat Winnie Heller nicht nur eine Schwester, die nach einem Autounfall und langem Koma starb; nein, sie wird nach einer missglückten Undercover-Aktion fast vergewaltigt und leidet, wenn es dem Roman passt, unter den psychischen Folgen dieser Attacke. Ersteres wirkt aufgesetzt, das Zweite drückt unverhohlen auf die Tränendrüse und verpufft irgendwann, Lösungen hat Roth sowieso nicht anzubieten. Warum nur glauben so viele Autoren, man müsse seinen Figuren ein Trauma anhängen, damit sie interessanter werden?

Zwischen den familiären Konflikten des Kommissars, die einer schlechten Vorabendserie entsprungen scheinen, und dem komplexbeladenen (und scheinbar auf Abruf vorhandenen) Gewese seiner Partnerin, lassen sich doch garantiert unzählige glaubwürdigere und tiefergehende Charakterzeichnungen finden. Das ist um so bedauerlicher, da Roth das Talent besitzt, ihre Handlung auf verschiedenen Ebenen spannend aufzubauen und abzuwickeln.

Was den kriminellen Aspekt und die Ermittlungen betreffen, vermag sie in weiten Teilen zu überzeugen. Zwar entwickelt sie gerne Spannungsbögen nach altbekanntem Schema, à la Mädchen betritt einsame Hütte im Wald, durchstreift die Hütte, bis sie ein Geräusch hört und sich unterm Bett versteckt. Innerhalb dieses sattsam bekannten Ganzen, liefert sie solide Arbeit ab.

Leider stolpert sie angesichts ihres gewählten Themas. Denn der Schulamoklauf wird nur oberflächlich abgehandelt. Obwohl der Täter planvoll vorgeht, und für die Beamten recht offensichtlich einem zweitem Killer zum Opfer fällt, bekommt er eine Biographie angehängt, die weitgehend den medienbekannten Stereotypen entspricht. So bleibt unvermeidlich, dass er irgendwann »Counterstrike« gespielt hat, was Roth aber glücklicherweise nur beiläufig abhandelt. Trotzdem scheint es so, als möchte sie ein Komplettpaket angelesenes und visuell erfahrenes Wissen über jugendliche Amokläufer im Roman unterbringen. Das bekommt dem Buch nicht, denn angesichts der hanebüchenen Auflösung wird die ganze Tat sowieso in Frage gestellt.

Ohne zu viel zu verraten, bewegt sich Auflösung in Dimensionen, in denen man davon ausgeht, eine Hai-Art ausrotten zu müssen, weil man sich ein Haifischsteak braten möchte. Zwar wird auf den letzten Seiten versucht, dem Drahtzieher ein weiteres Motiv für seine Handlungsweisen unterzujubeln, aber das wirkt aufgesetzt, da es zuvor keine Rolle spielte. Der Täter bekommt kein ausgeprägtes Profil, und auch die nahezu willkürlich hergestellten Verbindungen zu einem anderen Fall sind wenig glaubwürdig.

Querschläger sitzt zwischen allen Stühlen, als leidlich spannender Kriminalroman, der etwa 150 – 200 Seiten zu lang geraten ist, funktioniert er einigermaßen; als Schlaglicht, geschweige denn als Analyse eines gesellschaftlichen Phänomens, bewegt er sich nicht über klischeebehaftete Untiefen hinaus. Täter wie Opfer erhalten nur etwas charakterliche Tiefe, wenn es ihre eigenen Belange oder den Bezug zum kriminalistischen Aspekt des Amoklaufs betrifft. Dabei ist das unglaubwürdigste nicht einmal, das fast jeder sich verhält, als hätte er zu viele amerikanische Gerichtsmedizin-Serien gesehen. Der Riss, den eine solche Tat in ein gesellschaftliches Gefüge reißt – so morsch es auch gewesen sein mag – erfasst das Buch nur, und eher zufällig, in spärlichen Momentaufnahmen. Es hat die Ansätze dazu – vor allem in der Figur der Lehrerin Karen Ringstorff -, doch werden die zugunsten banaler und wenig glaubwürdiger Spannungselemente geopfert (genau wie die Befindlichkeit Ringstorffs zum Ende des Romans keine Rolle mehr spielt.). Bleibt am Ende ein mäßiger Krimi und eine vertane Chance.

PS.: Besonders zu Beginn stört ungemein, das neben Jugendlichen, alle weiblichen Personen ohne Unterlass mit Vor- und Zunamen benannt werden. Das nervt und lenkt beim Lesen auf Nebenschauplätze, die man gar nicht betreten möchte. Aber wenn drei- bis vier aufeinanderfolgende Absätze mit »Winnie Heller tut dies, Winnie Heller tut das« beginnen, und das über mehrere Seiten, ist selbst der geneigteste Leser versucht, das Buch frühzeitig in die Ecke zu schmeißen. Da Querschläger zudem gut hundert Seiten braucht, um zu Pötte zu kommen, müssen Interessenten einige Geduld, und die Fähigkeit, offensichtliche Schwächen zu übersehen, mitbringen.

Jochen König, September 2008

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Nikolaus Fischer zu »Silvia Roth: Querschläger« 21.09.2010
Mir hat der Roman wesentlich besser gefallen als dem Rezensenten. Ich fand die Geschichte gut konstruiert, die Personen und die Konflikte waren lebensecht, der Kommissar Verhoeven und seine Kollegin Winnie Heller sind sympathisch und lösen gekonnt den Fall. Kurz zuvor hatte ich Jan Seghers viel gelobte "Akte Rosenherz" gelesen, ich muss sagen, dass der Roman von Silvia Roth überzeugender ist.
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