Das rote Licht des Mondes von Silvia Kaffke

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2008 bei Wunderlich.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Ruhrgebiet, 1800 - 1869.
Folge 1 der Robert-Borghoff-Serie.

  • Reinbek bei Hamburg: Wunderlich, 2008. ISBN: 978-3805208635. 512 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2010. ISBN: 978-3-499-24813-9. 507 Seiten.

'Das rote Licht des Mondes' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Ruhrort, 1854: Eine neue Zeit bricht an. Lina Kaufmeister, Tochter eines angesehenen Spediteurs und Reeders, blüht in den Jahren des Umbruchs auf. Sie ist eine begnadete Schneiderin und träumt davon, sich selbständig zu machen. Ihr Bruder Georg, nach dem Tod des Vaters Linas Vormund, verweigert das Erbe. Lina plant daraufhin heimlich ihren Auszug. An einem nebligen Abend stößt Lina auf die grausam zugerichteten Leichen zweier Mädchen. Der Anblick lässt sie nicht mehr los: Beiden wurden die Herzen, dem älteren sogar ein Kind aus dem Leib geschnitten. Während der Bürgermeister glaubt, nur ein Durchreisender könne die Morde begangen haben, vermutet Lina den Schuldigen in der angesehenen Bürgerschaft. Zusammen mit dem neuen Commissar Robert Borghoff, dessen ungewöhnliche Ermittlungsmethoden mit großem Misstrauen betrachtet werden, kommt sie einer Verschwörung auf die Spur. Doch die Schuldigen sind schwer zu fassen. Und als der Blutmond die Stadt in sein rotes Licht taucht, ist keiner mehr sicher.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ruhrort-Ripper zwischen mutigen Fräuleins und vernebelten Gassen« 78°

Krimi-Rezension von Lars Schafft

Duisburg-Ruhrort. Krimi-Fans verbinden mit diesem Ort am westlichen Rand des Ruhrgebiets wahrscheinlich in erster Linie Horst Schimanskis ersten Fall als Tatort-Kommissar, der eben genau so hieß. Doch sollten Sie sich von den Bildern, die Sie jetzt im Kopf haben, vielleicht besser verabschieden. Silvia Kaffkes neuer Roman, Das rote Licht des Mondes, spielt zwar auch in Ruhrort, allerdings lange, lange Jahre bevor die typsche Schimanski-Jacke in Mode kam (wenn sie es überhaupt jemals war) und vom Kohlenpott gesprochen wurde – 1854, als die Industrialisierung in Deutschland gerade Fuß fasste. Silvia Kaffke erzählt in ihrem historischen Krimi zum einen die Geschichte einer schon erstaunlich emanzipierten jungen Frau, Lina Kaufmeister – und viel wichtiger: von einem Mörder, der in den Gassen Ruhrorts vor über 150 Jahren sein Unwesen trieb.

Historische Kriminalromane sind eine Gratwanderung. Eine zwischen dem Krimi-Plot als solchem und der historischen Umgebung. Hier den »goldenen Schnitt« zu finden zwischen Authentizität des Historischen und der Originalität, Glaubwürdigkeit, des Kriminalfalls ist keine leichte Aufgabe, an der schon entliche gescheitert sind. Kommt dazu noch ein darin verpackter Liebesroman, sieht´s aus Sicht ihres Rezensenten oftmals äußerst düster aus. Düster auch bei Silvia Kaffkes neuem Roman. Positiv umgedreht: Das rote Licht des Mondes gibt nicht nur Europas Kulturhauptstadt 2010 in ihren Anfängen sehr greifbar wieder, verzichtet nicht auf die Lovestory, nervt dabei auch keinesweges mit rührseligen Schmonzetten und hat noch einen ordentlichen Serienkiller im Gepäck. Das ist ein Lichtblick. Düster ist nur die Atmosphäre Ruhrorts zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Und wie.

Silvia Kaffe erzählt behutsam anfangs von Caroline Kaufmeister, kurz genannt Lina. Die ist für diese Epoche eine erstaunlich emanzipierte Frau, was mit einem Blick auf die früheren Romane der Autorin nicht verwundert. BKA-Profilerin Barbara Pross war ebenfalls eine »Taffe«, Lina ist eine ein bisschen mehr, als es ihr die Gepflogenheiten seinerzeit zugestanden haben. Sie stammt aus einer früher noch seltenen Unternehmerfamilie und plagt sich mit einer steifen Hüfte herum, die ihr die Aussichten auf einen Ehemann, der ihrem Stand entspricht, arg schrumpfen lassen.

Doch dann kommt der Kriminalfall, der Streifen am Horizont, dichter Nebel über Ruhrort und zwei Mädchenleichen. Beiden wurden die Herzen herausgenommen, der älteren gar ein Ungeborenes. Commissar Borghoff, der zum Tatort in die Gasse gerufen wird, sieht sich bald mit einem Serienmörder konfrontiert. Und kann auf eine gewitzte weibliche Unterstützung hoffen, sei sie auch noch so schwer zu Fuß.

Dies alles greift bei Silvia Kaffkes erstem historischen Roman wie ein Zahnrad ins andere. Der Leser des historischen Kriminalromans findet sich alsbald wieder in einer spannenden Zeit des Umbruchs, als der »Pott« gerade zum Sprung von der Dorfansammlung zur Stahlküche ansetze, als die Industrialisierung hier Fuß fasste, aus Manufakturen Fabriken wurden und noch recht beschauliche Städtchen sich in wenigen Jahrzehnten zu Europas dichtbesiedelstem Ballungsgebiet verwandelten. Aber eben auch in einer Zeit, als das Frauenwahlrecht zwar noch lange nicht in Sicht war, aber die ersten »Fräuleins« wie eben jene Lina sich emanzipierten.

Der Krimieser hingegen knabbert gemeinsam mit Commissar Borghoff am Ruhrort-Ripper, Assoziationen zum berüchtigten Jack sind hier sicherlich nicht völlig fehl am Platze. Und: Silvia Kaffke packt noch einen drauf auf ihre Genre-Kombination: Das rote Licht des Mondes bewegt sich ständig zwischen Liebes-, historischem, Kriminal- und Schauerroman, wobei das Rationale gelegentlich nah überschritten zu werden droht.

Macht aber nichts. Gar nichts. Das rote Licht des Mondes wird Leser jeglicher Couleur überzeugen: Authentisch, emanzipatorisch-mutig, schaurig. Das war auch für Silvia Kaffke eine Gratwanderung. Und die ist ihr bestens gelungen.

Lars Schafft, September 2008

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JaneM. zu »Silvia Kaffke: Das rote Licht des Mondes« 12.11.2010
Ich kann mich Stefan83's Meinung voll und ganz anschließen.Auch ich mag die Regio-Krimis über Eifel, Niederrhein etc. an sich gar nicht. Aber keine Regel ohne Aussnahme. In diesem Buch passt Ort, Zeit perfekt zur schaurigen Krimihandlung. Und wer Ruhrort kennt, wird wissen, dass auch heute noch viel von der beschriebenen Atmosphäre zu finden ist. Schilderung der Gesellschaft, der entstehenden Industrie, Aufbau der einzelnen Personen und die Krimihandlung halten sich gut die Waage. Ich hatte mich jedoch auf einen "normalen Serienmörder" eingestellt. Dass die Handlung plötzlich eine an Aleister Crowley erinnernde Wendung nimmt, hat mich überrascht und auch ein wenig enttäuscht, weil es- wie schon genannt- ein Bruch zur ansonsten durchgängigen Authentizität ist. Dennoch lesenswert!
Stefan83 zu »Silvia Kaffke: Das rote Licht des Mondes« 26.02.2009
Deutsche Kriminalromane. Irgendwie stehe ich mit ihnen auf Kriegsfuß. Immer wieder hab ich es mit einem Autor versucht, um dann letztendlich doch wieder bei meinen geliebten englischen Krimis zu landen.

Nun kam ich unversehens in den Besitz eines Leseexemplars von Silvia Kaffkes "Das rote Licht des Mondes". Der interessant klingende Klappentext und die zeitliche Einordnung des Plots überzeugten mich schließlich, einen weiteren Anlauf zu wagen. Und ich muss sagen: Enttäuscht wurde ich diesmal nicht, wenngleich man hier ganz klar differenzieren muss, denn ein reiner historischer Kriminalroman ist dies sicherlich nicht. Vielmehr verknüpft Kaffke Elemente von Gesellschafts-, Familien- und eben Kriminalroman, was man wiederum wissen wollte, bevor man sich voll Eifer auf das Buch stürzt.

Die Story spielt im Ruhrort des Jahres 1854. Es ist eine Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs und der beginnenden Industrialisierung in Deutschland. Die Nachwehen der gescheiterten bürgerlichen Revolution sind noch vielerorts zu spüren und Überwachung durch die geheime Polizei Berlins, die gegen jede Art von "Landesverrat" vorgeht, allgegenwärtig. Hier trifft der Leser auf Lina Kaufmeister, die Tochter eines angesehenen Spediteurs und Reeders und eine für diese Epoche erstaunlich emanzipierte und gebildete Frau, die jedoch im Hause ihres Vaters keinen leichten Stand hat. Wegen eines schweren Hüftleidens stark verkrüppelt, winkt ihr mit 35 Jahren das Schicksal einer alten Jungfer, weshalb ihr Bruder Georg sie als bessere Haushaltshilfe an der Kette hält. Lina kämpft für ihre Mündigkeit, muss sich aber bald darauf mit anderen Problemen befassen als sie eines Nachts zwei grausam zugerichtete Mädchenleichen findet, deren Anblick sie nicht mehr loslässt. Beiden Mädchen, stadtbekannte Prostituierte, wurden die Herzen herausgeschnitten, dem älteren sogar ein Kind aus dem Unterleib entfernt. Gemeinsam mit dem unkonventionellen Commissar Robert Borghoff nimmt Lina die Ermittlungen auf.

Klingt nach Jack the Ripper? Ja, hat auch, zumindest in der zweiten Hälfte des Buchs, sehr viel Ähnlichkeit mit den Ereignissen von 1888 in Whitechapel, Im ersten Teil steht jedoch eindeutig Linas persönliche Geschichte im Vordergrund, die sich in der konservativen Gesellschaft ihren Platz zu erobern versucht. Kaffke hat dabei den Zeitkolorit auf den Punkt genau getroffen und eine atmosphärisch perfekte Story aufs Papier gebracht, die sich allerdings für nicht-weibliche Leser streckenweise als etwas zäh erweisen könnte.

Kleider nähen, Teepartys und Damenversammlungen nehmen da meiner Meinung nach etwas überhand, während der Krimihandlungsstrang eher seicht nebenher läuft. Gottseidank findet Kaffke aber spätestens ab Mitte des Romans die richtige Mischung und die Spannung zieht, auch aufgrund der Gefahr für die Protagonisten, stark an. Temporeich führt die Autorin durch eine immer düster werdende Story, die (für mich völlig überraschend) sich sogar Fantasy-Elemente bedient, was zwar der finsteren Grundstimmung zuträglich ist, die Authentizität der Geschichte aber irgendwie schmälert. Das Ende gerät für routinierte Krimileser wenig ungewöhnlich und hat mich persönlich etwas enttäuscht.

Insgesamt ist "Das rote Licht des Mondes" eine sehr anschauliche und spannende Schilderung eines Frauenlebens im "Ruhrpott" des 19. Jahrhunderts, die in erster Linie aufgrund der düster-nebligen Atmosphäre und der detaillierten Erzählweise meinen Gefallen gefunden hat. Aus der kriminalistischen Handlung hätte Kaffke jedoch weitaus mehr machen können.
4 von 4 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Ingrid Christ zu »Silvia Kaffke: Das rote Licht des Mondes« 17.02.2009
Endlich wieder ein Buch, in das man sich versenken konnte. Die Mischung aus Historie und Krimi ist gut gelungen, die Handlung gradlienig. Allerdings ist es ein Frauenkrimi, ich kann mir nicht vorstellen, dass sich mein Mann für Details über Stoffe und Zuschnitte begeistert zeigte. Die Hauptperson Lina ist eine sehr bewundernswerte Frau - hilfreich, gerecht, intelligent, geschickt, großzügig, einfallsreich, gebildet, mutig.
Aber gibt es wirklich Menschen mit nur guten Eigenschaften?
Trotzdem lesenswert.
Arnoldo Salice zu »Silvia Kaffke: Das rote Licht des Mondes« 02.11.2008
Auch wenn's gut beginnt: mit zunehmender Lektüre ein gar schröckliches Leseerlebnis. Ich denke, die letzen 300 Seiten hätte Frau Kaffke sich sparen können, andrerseits sind‘s wohl gerade die, auf die es ihr ankommt. Dieses zwischen epigonaler Schauerromantik und Nadelarbeit oszillierende Geschehen zerbröselt den historischen Ansatz; der im Gegensatz zum ‚Tod an der Ruhr‘ von Peter Kersken z.B., der fast gleichzeitig im benachbarten Sterkrade stattfindet, nur als Vorwand erscheint; also genau umgekehrt: im ‚Tod‘ ist die Klärung der Todesumstände eigentlich der ‚Vorwand‘ oder rote Faden, der sich durch die Schilderung von damaligen Denkweisen, Arbeits- und Lebensbedingungen und poltisch-ökonomischem Umbruch zieht. – Straferschwerend das finale multiple Happy-end. Buddenbrooks-light mit Splatter-Einschlüssen; von einem 'Historischen Kriminalroman' erwarte ich eben mehr als Kellergewölbetreiben und Frauengarderobe.
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Stefanie van Weelden zu »Silvia Kaffke: Das rote Licht des Mondes« 14.10.2008
Ein tolles Buch! Gut, dass ich es Freitag abend angefangen habe zu lesen, denn ich fand es so spannend, dass ich kaum noch aufhören konnte. Da ich schon seit langer Zeit in Ruhrort wohne, kenne ich den Schauplatz sehr gut. Aber auch ohne meine Ortskenntnis hätte ich es mir gut vorstellen können. Der Autorin ist es wunderbar gelungen, den Ort, die Zeit und Menschen zu charakterisieren. Besonders interessant fand ich die Rolle der Frau und die industrielle Enwicklung in dieser Zeit. Nicht zu vergessen, das Buch ist ein Krimi. Der Leser fiebert bis zum Schluss mit den Hauptfiguren mit und hofft auf ein gutes Ende.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Rolf Wamers zu »Silvia Kaffke: Das rote Licht des Mondes« 01.10.2008
Nach diesem Buch kann man nur hoffen, dass Silvia Kaffke -in eigenem Interesse!- ihr Talent nicht an weiteren Bänden ihrer unsäglichen Barbara Pross-Serie verschwendet.Mit DIESEM BUCH hat sie sich in die erste Reihe der aktuellen deutschen Krimiautoren geschrieben. Da verzeiht man ihr die 4 Fehlschläge gerne. Mehr sollten es aber nicht werden.
ungeduldig zu »Silvia Kaffke: Das rote Licht des Mondes« 29.09.2008
„Lies das mal“, war mir nahe gelegt worden, doch historische Kriminalromane schätze ich eigentlich nicht so sehr, besonders wenn mir Dinge (langatmig) erklärt werden. Hier aber wird nichts erklärt und man taucht einfach in eine aufregende Zeit ein und begegnet „lebendigen“ Menschen, die man voneinander unterscheiden kann. Charakteren eben. Was mir unglaubwürdig erschien, wurde glaubwürdiger, und wenn mir auch nicht alle Details nötig erschienen, so habe ich doch ein sehr spannendes Buch gelesen. Lies das mal!
mimikrimi zu »Silvia Kaffke: Das rote Licht des Mondes« 27.09.2008
Icxh kann Lars Schafft nur voll zu stimmen.Besser kann man über diese Novi nicht sprechen.
Mich hat diese gekonnte Mischung aus Historie und Anfänge der Kriminalistik sowie Pathologie angsprochen. Die Gratwanderung von Kommissar Borghoff zwischen Ermittlungen im Milieu der Reichen(die natürlich über allem erhaben sind) und der kleinen Leute ist lesenswert. Für mich gehört Silvia Kaffkes, Das rote Licht des Mondes zu den Neuentdeckungen auf dem deutschen Krimimarkt 2008.
gisela zu »Silvia Kaffke: Das rote Licht des Mondes« 23.09.2008
Was für ein wunderbares Buch. Die Krimihandlung beginnt erst ziemlich spät. Zuerst ist allerlei über das Leben von Lina zu lesen, was frau amüsiert und interessiert verfolgt. Aber da noch mehr Leichen auftauchen, nimmt auch die Krimihandlung an Fahrt auf und wird zum Schluss noch höchst spannend. Ich hätte stundenlang weiterlesen können, so gekonnt bildhaft schildert die Kaffke das Leben in dieser kleinen Stadt und besonders das der Lina. Die Krimihandlung hätte gar nicht sein brauchen. Es wäre auch ohne eine besonders tolle historische Geschichte gewesen. Da es außerdem noch eine Nachbarstadt von mir ist und ich als echtes Ruhrpottkind im Nebenstadtteil geboren wurde, war es natürlich auch dadurch sehr interessant. Große Klasse.
3 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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