Schwarze Strömung von Sharon Bolton

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2014 unter dem Titel A dark and twisted tide, deutsche Ausgabe erstmals 2015 bei Manhattan.
Folge 4 der Lacey-Flint-Serie.

  • London: Bantam, 2014 unter dem Titel A dark and twisted tide. 544 Seiten.
  • München: Manhattan, 2015. Übersetzt von Marie-Luise Bezzenberger. ISBN: 978-3-442-54755-5. 544 Seiten.

'Schwarze Strömung' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Man findet sie tot in den dunklen Fluten der Themse – junge Frauen in weiße Laken gehüllt, ermordet von einem mysteriösen Serienkiller … Lacey Flint weiß, dass die Themse ein gefährlicher Ort ist. Vielleicht hat sie sich den Fluss daher als Arbeitsplatz ausgesucht. Seit Kurzem arbeitet die einstige Ermittlerin für die »Marine Unit« der Londoner Polizei, und die dunklen Fluten lassen sie auch in der Freizeit nicht los. Bis sie beim illegalen Schwimmen in der Themse eine Tote entdeckt. Die junge Frau ist liebevoll in ein weißes Leichentuch gehüllt, und es scheint, als sollte sie von Lacey gefunden werden. Tatsächlich wird die unbekannte Tote nicht das einzige grausame Geschenk sein, das ein Serienkiller für Lacey hinterlässt. Irgendjemand beobachtet jeden ihrer Schritte. Und kennt sie besser, als ihr lieb sein kann …

Das meint Krimi-Couch.de: »Meerjungfrauen in der Themse« 65°

Krimi-Rezension von Almut Oetjen

Lacey hat nach mehreren furchtbaren Fällen ihren Job als Detective Constable bei der Metropolitan Police aufgegeben und ist zur Flusspolizei Wapping gewechselt, um nicht mehr mit den Folgen von Verbrechen zu tun zu haben, sondern um Verbrechen zu verhindern. Sie arbeitet auf der Themse und wohnt auf ihr, auf einer kleinen Yacht am Deptford Creek, der an der Isle of Dogs von der Themse abzweigt. Beim illegalen Schwimmen im Fluss stößt sie am Anlegesteg der alten Kings Wharf auf die Wasserleiche einer sorgfältig in Leinen gehüllten jungen Frau. Ihre ehemalige Vorgesetzte Detective Inspector Dana Tulloch vom Major Investigation Team in Lewisham übernimmt die Ermittlungen. Lacey soll sie unterstützen.

Alles deutet darauf hin, dass die Frau von Lacey gefunden werden sollte. Lacey entdeckt Parallelen zu anderen, nicht identifizierten Wasserleichen. Offenbar hat es jemand auf junge, schöne Frauen aus dem Mittleren Osten abgesehen. Auf der Suche nach dem Motiv erhofft sich Lacey Hilfe von Nadia Safi, einer ins Land geschmuggelten Afghanin, deren Leben sie bei ihrem letzten Job für das MIT gerettet hat. Sie geht undercover, um Nadia aufzuspüren.

Die Leiche bleibt nicht das einzige Geschenk an Lacey. Es folgen Spielzeugboote, ein Herz aus Glasscherben und Kieseln sowie chinesische Wollhandkrabben. Jemand klopft nachts an ihr Fenster und ruft ihren Namen. Lacey muss herausfinden, wer sie beschenkt und beobachtet und wie das alles mit ihren neuen Freunden, dem seltsamen Zwillingspaar Alex und Thessa, sowie der Meerjungfrau, die ihr Bootsnachbar Ray Bradbury gesehen haben will, zusammenhängt.

Starke Frauen

Der rasant und spannend erzählte Schwarze Strömung ist der vierte Thriller der Lacey-Flint-Reihe in Romanform. Des Weiteren hat die britische Autorin Sharon Bolton eine Erzählung, »If Snow Hadn’t Fallen«, mit ihrer ungewöhnlichen Heldin geschrieben.

Schwarze Strömung ist eingeteilt in 98 kurze Kapitel. Erzählt wird aus den Perspektiven der wichtigsten Figuren. Es gibt zwei Zeitlinien, eine ist in der Gegenwart angesiedelt und entwickelt sich tageweise, die zweite geht mit Zeitsprüngen in die Vergangenheit zurück. Da jedes Kapitel mit Datum und dem Namen der Figuren, aus deren Perspektive erzählt wird, versehen ist, kann man der Erzählung leicht folgen.

Mit Lacey Flint hat Bolton eine interessante Figur geschaffen, mutig und impulsiv, loyal und verschwiegen, eigensinnig und geheimnisvoll und immer ein wenig leichtsinnig, was in Schwarze Strömung leicht suizidal wirkt, wenn sie am Ende ohne Neoprenanzug in die Themse springt. Beinahe magisch, magnetisch oder doch eher morbid ist es, wie die Wahnsinnigen und das Wasser sie anziehen, bedenkt man, dass sie vor ein paar Monaten fast in der Themse ertrunken wäre bei der Rettung einer Frau – die Laceys Weg erneut kreuzt. Sie hält sich nicht ans Polizeiprotokoll, wenn sie mehrfach alleine und ohne Rückendeckung ermittelt und sich in Gefahr begibt. Sie wäre nicht Lacey, würde sie anders vorgehen. Sie hat keine Pläne für die Zukunft, wirkt orientierungslos und vage, hütet ein Geheimnis aus der Vergangenheit. Ihr eigentlicher Name ist Victoria Llewellyn, irgendwann vor Jahren hat sie ihn geändert, man weiß nicht, warum. Ihre Schwester Cathy, die offiziell als tot gilt, sitzt unter Victorias Namen wegen mehrfachen Mordes im Hochsicherheitsgefängnis in Durham. Das ist eine interessante Konstellation, aber man hätte sich gewünscht, dass Lacey als Figur wächst und sich weiterentwickelt.

Bekannte Figuren treten auf. Laceys ehemalige Vorgesetzte, DI Dana Tulloch, will mit ihrer Lebensgefährtin Helen über künstliche Befruchtung ein Kind bekommen. Letztlich hilft ihr das bei der Lösung des Falls, bringt sie aber auch in große Gefahr. Laceys große Liebe, DI Mark Joesbury, hat sich in eine Terrorzelle eingeschleust und stattet Lacey heimliche Besuche auf dem Hausboot ab, ohne dass sich die Beziehung weiterentwickelt. Als er verdächtigt wird, die Seiten gewechselt und einen Polizisten erschossen zu haben, muss Lacey eine schwierige Entscheidung treffen.

Der Roman folgt dem bekannten Muster der Reihe. Lacey wird beobachtet und verfolgt, in einen Fall hineingezogen, den sie sogleich an sich reißt und der auf ein hochdramatisches Ende zusteuert.

Bolton schreibt nicht nur über einen Serienkiller, sondern verknüpft das ganze komplex mit aktuellen Themen wie der Reproduktionsmedizin und dem Geschäft mit dem Kinderwunsch von Frauen, dem Menschenschmuggel, der Lage von Frauen in Afghanistan, sexuell-kulturellen Besonderheiten des Landes, schließlich mit einer seltenen Krankheit. Das alles ist fallrelevant. Die Erläuterungen haben Substanz bei lehrbuchartigem Stil und mögen als Mehrwert betrachtet werden, ebenso wie die Ausführungen über Fingerabdruckmuster oder die Plage der chinesischen Wollhandkrabben.

Die kolportageartige Story stellt eine nicht geringe Herausforderung an den Leser dar, denn die Geschichte wirkt arg an den Meerjungfrauenhaaren herbeigezogen. Zwei Figuren, beide jeweils mit einem sehr seltenen Hintergrund, beide aus dem gleichen fernen Land, werden in London in den gleichen Fall verwickelt. Eine dieser Figuren wirkt so grotesk, dass sie schwer vorstellbar ist. Die Konfrontation zwischen Lacey und dem Killer ist in ihrer Unglaubwürdigkeit einfach nur noch grotesk, scheint einem schlechten Horrorfilm entsprungen.

Bolton folgt dem Trend zu twisted storys, hat immer noch eine letzte Überraschung, eine unerwartete Wendung parat und vergisst dabei, dass man eine Schraube auch überdrehen kann. Die weiblichen Figuren spielen eine zentrale Rolle, werden differenziert, lebensnah und sensibel dargestellt bei jeglichem Verzicht auf romantische und sentimentale Klischees.

Schwarze Strömung ist ein unterhaltsamer und spannender Kolportagethriller in einem großartigen Setting, mit aktuellen Themen und einer sperrigen Heldin, aber auch voller Klischees und Unwahrscheinlichkeiten, formulaisch und stilistisch anspruchslos. Ein Roman mit ausgeprägten Stärken und Schwächen.

Almut Oetjen, Juli 2015

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stevikus zu »Sharon Bolton: Schwarze Strömung« 01.10.2017
Sehr spannend und mit geschickten Wendungen gespickter Krimi um DC Flint...,inhaltlich empfiehlt es sich schon, die vorhergehenden Romane zu kennen...wasserscheue Gesellen, bzw.. Nichtschwimmer sollten sich warm anziehen, es wird nass und kalt...bin schon auf den nächsten gespannt...kann ihn nur weiterempfehlen
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