Der Mastercode von Scott McBain

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2005 unter dem Titel Final Solution, deutsche Ausgabe erstmals 2005 bei Droemer Knaur.

  • --: --, 2005 unter dem Titel Final Solution. bisher nicht in Originalsprache erschienen. 560 Seiten.
  • München: Droemer Knaur, 2005. Übersetzt von Michael Benthack. ISBN: 3-426-62902-X. 560 Seiten.

'Leseprobe' ist erschienen als Taschenbuch

ISBN 3-426-62902-X, Seiten 560. Copyright © Verlagsgruppe Droemer-Knaur

Leseprobe

Aus dem Englischen von Michael Benthack

Mitternacht. Nordostdeutschland.

Er riss noch einmal hektisch das Lenkrad herum, doch dann durchbrach der Wagen die Leitplanke auf der leeren Autobahn. Der Mercedes fuhr mit solch hoher Geschwindigkeit, dass er sich fast aufs Dach gedreht hätte, als er die steile Böschung hinabrutschte. Aber Arvi klammerte sich ans Lenkrad, und nach einer Reihe von Stößen, die ihm durch Mark und Bein gingen, fand der Wagen sein Gleichgewicht wieder. Das Fahrzeug raste einen Feldweg hinunter, auf einen Kiefernwald zu, und schleuderte dabei Schlamm und Schnee in den pechschwarzen Himmel. Arvi blickte in den zerbrochenen Rückspiegel.

»Paska!«
Einer der Jeeps, die ihn verfolgten, hatte sich überschlagen, nachdem er die Böschung zu steil hinuntergeprescht war, aber zwei weitere waren noch immer hinter ihm her, und sein Mercedes wurde von ihren Scheinwerfern erhellt. Er hoffte, sie im Wald abhängen zu können. Arvi trat aufs Gaspedal, und der Mercedes holperte weiter über die Furchen des Waldwegs. Unterdessen sprach jemand in einem der Geländefahrzeuge in ein Mikrofon; die Stimme klang entschlossen und professionell.
»Holt die Hubschrauber her!«

Die hintereinander dahinrasenden Wagen verschwanden zwischen den Kiefern. In der mitternächtlichen Stille hörte man den Klang aufheulender Motoren. Arvi verfluchte sich selbst; seine Verfolger hatten genau den richtigen Ort für einen Hinterhalt gewählt. Er drosselte jäh das Tempo, der Mercedes schleuderte zur Seite und kam auf einer schmalen Waldlichtung mit quietschenden Reifen zum Stehen. Von hier ging es nicht mehr weiter. Baumstämme blockierten den Weg. Hastig stieg er aus. Der Finne zog eine speziell angefertigte Automatik aus dem Handschuhfach und zielte knapp über die herannahenden Scheinwerferlichter des ersten der beiden Jeeps, die hintereinander auf ihn zurasten. Dann drückte er zweimal ab. Der Fahrer des ersten Wagens verlor die Kontrolle über sein Fahrzeug, als eine Kugel sein Gesicht zerschmetterte. Das Auto landete auf dem Dach und begrub die anderen Insassen, Angehörige des Militärs, unter sich. Der zweite Jeep schoss nach vorn und verfehlte das völlig demolierte Fahrzeug, das ihm vorausgefahren war, nur um Haaresbreite.

Arvi blieb nicht stehen, um sich das Gemetzel genauer anzusehen, sondern floh in den Kiefernwald, hinein in eine noch größere Dunkelheit. Im Laufen hörte er sich atmen, hörte, wie der Atem rau und stoßweise aus dem verletzten Brustkorb drang. Hinter ihm ertönten wütende Schmerzensschreie seinerVerfolger.

Was konnte er tun? Nichts. Arvi wusste, dass seine Möglichkeiten erschöpft waren. Sie hatten ihn umzingelt, bald würde alles zu Ende sein. Trotzdem flüchtete er geduckt und im Zickzack durch die schneebeladenen Bäume, deren Zweige und Äste ihn schmerzhaft peitschten und seine Kleidung einrissen. Es war ein instinktives Fliehen, ein inbrünstiges Verlangen, das Leben noch um einige Minuten zu verlängern. Während er immer tiefer in den Wald eindrang, ließ er die Geschehnisse vor seinem inneren Auge Revue passieren: Jemand musste ihm nach München gefolgt sein und ihn aufgespürt haben, als er in nordöstlicher Richtung aufgebrochen war. Aber wer? Hatte einer der anderen Assistenten ihn verraten? Noch wichtiger war allerdings:
Würde seine Botschaft überhaupt bis zu Pedersen durchkommen? Das war das Entscheidende. Die ihm zugeteilte Aufgabe, sein Job.
Nein, da war noch etwas.

Er blieb kurz stehen, um Luft zu holen. Dann nahm er die Flucht durch das dichte Unterholz wieder auf. Einem Mann, der dem Tod ins Auge sah, war noch etwas anderes wichtig. Seine Familie. Aber außer Pia, seiner Schwester, lebte niemand mehr. Sie ahnte nicht, was er tat, und vermutlich interessierte es sie auch nicht. Er dagegen wusste alles über sie, obwohl sie ungeheuer weit weg lebte, in San Francisco. Die Art und Weise, wie sie ihren Lebensunterhalt verdiente, hatte schon immer einen bitteren Nachgeschmack bei ihm hinterlassen. Aber es war ihr Leben, ihre Wahl, ihre Entscheidung, genauso wie es sein Entschluss gewesen war, als Spion zu arbeiten. Ein Entschluss, der nun unweigerlich zum gewaltsamen Tod des Einunddreißigjährigen führen würde.
»Er ist da drüben«, ertönte eine Stimme.

Arvi änderte die Richtung, und weil er schon ziemlich erschöpft war, wurden seine Schritte langsamer. Neben ihm schlugen mehrere Kugeln in die Bäume ein. Die Verfolger verwendeten Nachtsichtgeräte und Infrarotwaffen. Über sich hörte er das Dröhnen eines Helikopters. Woran musste er noch denken? Er zwängte sich durch das Dickicht. Hätte er doch in letzter Zeit noch einmal mit Pia gesprochen. Hätte er ihr nur gesagt, wie sehr er sie liebte. Wäre er ihr doch ein besserer Bruder gewesen, nicht so beschäftigt mit den Angelegenheiten des Rates und Lars Pedersen. Aber dafür war es nun zu spät. Denn der Tod wartete auf niemanden, und tief im Inneren war Arvi bewusst, dass er gescheitert war. Er würde umsonst sterben, die Botschaft würde nicht durchkommen. Sie würden auch Esko ermorden.

Eine Hochgeschwindigkeitskugel traf ihn mitten in den Rücken. Sie zerstörte seine Leber und durchschlug seinen rechten Lungenflügel, so dass er Blut spuckte. Vom Aufprall nach vorn geschleudert, versuchte er verzweifelt, sein Gleichgewicht wiederzufinden. Vergebens. Die folgende Kugel zertrümmerte ihm die rechte Kniescheibe, keuchend hielt er sich an dem Ast einer Fichte fest. Die Lebenskraft sickerte aus ihm heraus. Im Todeskampf wandte Arvi sich seinen Feinden zu. Sie würden kein Erbarmen zeigen, aber er warf es ihnen nicht vor. Sie mussten ihre Arbeit erledigen, und sie würden ihm sowieso kein Wort glauben, wenn er ihnen verriet, wer er in Wirklichkeit war. Er starb in der nasskalten Dunkelheit, den Namen seiner Schwester auf den Lippen.

Die Jäger versammelten sich um den knienden Toten; seine Hand klammerte sich immer noch an den Zweig. Der Führer des Kommandos, ein deutscher Special-Forces-Hauptmann, tippte die Leiche mit dem Stiefel an, während seine Männer sie desinteressiert im Licht ihrer leuchtstarken Taschenlampen inspizierten. Dann senkte er die Stimme und wiederholte den Befehl, den ihm der Chef des deutschen Geheimdienstes erteilt hatte.

»Dieser Mann war ein Terrorist. Sein Tod unterliegt Artikel 12 der Verordnung zur Staatssicherheit. Dieser Einsatz hat nie stattgefunden, dieser Mann ist nie hier gestorben, Sie wissen von nichts. Und nun räumen Sie auf.«
Damit verließ er den Schauplatz des Verbrechens. Er wollte nach Hause. Er war müde und freute sich schon auf ein wenig Ruhe.

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