Tag der Abrechnung von Sam Bourne

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2010 unter dem Titel The final reckoning, deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei Scherz.
Ort & Zeit der Handlung: USA / New York, 1990 - 2009.

  • New York: Harper, 2010 unter dem Titel The final reckoning. 423 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Scherz, 2010. Übersetzt von Rainer Schmidt. ISBN: 978-3-502-10206-9. 477 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2011. Übersetzt von Rainer Schmidt. ISBN: 978-3-596-18507-8. 480 Seiten.

'Tag der Abrechnung' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Vor dem UN-Gebäude wird ein »Attentäter« erschossen. Dann der Schock: der Tote war ein unschuldiger Mann und ein Überlebender des Holocaust. Der Anwalt Tom Byrne soll die Familie des Opfers beruhigen. Doch der alte Mann war nicht so harmlos, wie es scheint. Tom entdeckt eine geheime Bruderschaft, die seit über sechzig Jahren weltweit für mysteriöse Todesfälle verantwortlich ist. Es geht um die letzten Täter des Zweiten Weltkrieges – und der Tag der Abrechnung ist jetzt da.

Das meint Krimi-Couch.de: »Alles schon mal besser dagewesen« 60°

Krimi-Rezension von Wolfgang Weninger

Security-Officer Felipe Tavares arbeitet für die Vereinten Nationen in New York und sichert den Haupteingang in der 1st Avenue. Als eine Warnung des Geheimdienstes des New Yorker Police Departments eingeht, dass ein Mann in Schwarz sich auf das Gelände der UN zubewegt und möglicherweise ein Bombenattentat verüben könnte, wird er nervös als genau diese Verdachtsperson auf ihn zukommt und als dieser seinen Mantel öffnet, um den Sprengstoffgürtel zu zünden, schießt Felipe ihn nieder.

Aber Felipe hat sich getäuscht. Der Passant war nur ein harmloser, unbewaffneter alter Mann. Keinesfalls will die UN aus dem versehentlichen Tod Gerald Mertons ein großes Drama machen und so wird der Anwalt Tom Byrne, der früher für die Vereinten Nationen gearbeitet hat, damit betraut, die Hinterbliebenen in Großbritannien aufzusuchen und mit Schweigegeld ruhig zu stellen.

Mertons einzige Tochter Rebecca arbeitet als Ärztin in Clerkenwell, London. Als Tom bei ihr auftaucht, lernt er eine bildhübsche Frau kennen, die ihn sofort fasziniert und keineswegs mit Blutgeld zu bestechen ist, sondern die Hintergründe wissen will, denn Merton war Jude, wurde als Gershon Matzkin in Litauen geboren und hat sämtliche Gräuel der Judenverfolgung mit Mühe überlebt.

Byrne findet ein altes Tagebuch des Toten und befasst sich intensiv mit dessen Vorleben. Aber auch die Ermittler über dem Teich bleiben nicht untätig und finden heraus, das Merton sich bei einem russischen Waffenhändler mit Schusswaffen eingedeckt hat, die bevorzugt von Attentätern verwendet werden. Als bei Frau Doktor Merton eingebrochen wird, beginnt für Tom und Rebecca die lebensgefährliche Schnitzeljagd nach der Wahrheit, die verschiedene Gruppierungen verhindern wollen.

Wie immer in seinen Büchern hat Sam Bourne auch für The Final Reckoning ordentlich Recherche betrieben und die Seiten mit Erlebnissen von Überlebenden des Holocaust gespickt. In der Übersetzung von Rainer Schmidt ist im Scherz Verlag der fast 500 Seiten starke Thriller Tag der Abrechnung entstanden.

Die Frage, ob hier historische Geschehnisse aufgearbeitet werden oder die schlimmen Zeiten des vorigen Jahrhunderts nur als Aufhänger für einen Thriller verwendet wurden, muss jeder Leser für sich entscheiden. Im Gegensatz zur verworrenen Handlung beeindrucken die Schilderungen vom Überlebenskampf der jüdischen Bevölkerung durch ihre Dichte und Authentizität, was man vom sonstigen schriftstellerischen Niveau auf Grund des flachen Spannungsaufbaus kaum behaupten kann.

Sam Bourne, alias Jonathan Freedland, schafft es über die gesamte Länge nicht, die handelnden Personen halbwegs sympathisch wirken zu lassen. Tom Byrne, ein Rechtsanwalt, der seinen Posten bei der UN aufgegeben hat, um größere Brötchen mit der Klientel aus Wirtschaft und Mafia zu backen, kommt gegen den spröden Charme der Ärztin deutlich zu kurz. Aber auch Rebecca Merton spielt immer wieder falsch und das erotische Leuchtfeuer zwischen Ärztin und Anwalt kommt nur halbherzig ins Flackern.

Übrig bleibt ein weiteres Stück Vergangenheitsbewältigung aus anglophiler Sicht, das andere Autoren schon deutlich besser in Buchform verewigt haben, wenn man etwa an die Gabriel Allon-Reihe von Daniel Silva denkt. Mit dem Tag der Abrechnung kann Sam Bourne keinesfalls die hohe Wertung für seinen Erstling Die Gerechten erreichen, eher landet er im mittelmäßigen Bereich, wobei der Werbeaufkleber »Besser als Dan Brown. – Brigitte« mit Sicherheit nicht als Qualitätsstandard gelten darf. Aber wer Dan Brown mag, kann mit Sicherheit auch an Sam Bournes neuem Buch Gefallen finden.

Wolfgang Weninger, Mai 2010

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