Der Mordfall Greene von S.S. van Dine

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2000 unter dem Titel The Greene murder case, deutsche Ausgabe erstmals 1929 bei Knorr & Hirth.
Ort & Zeit der Handlung: USA / New York, 1910 - 1929.
Folge 3 der Philo-Vance-Serie.

  • New York: Charles Scribner´s Sons, 2000 unter dem Titel The Greene murder case. 388 Seiten.
  • München: Knorr & Hirth, 1929 Glauben Sie an Philo?. Übersetzt von Elsa Staudemayer. 246 Seiten.
  • München: Heyne, 1975 Mordakte Greene. Übersetzt von Elsa Staudemayer. ISBN: 3-453-10227-4. 174 Seiten.
  • Köln: DuMont, 1991. Übersetzt von Manfred Allié & Gabriele Kempf-Allié. ISBN: 3-7701-2485-5. 326 Seiten.
  • Köln: DuMont, 2000. Übersetzt von Manfred Allié & Gabriele Kempf-Allié. ISBN: 3-7701-5400-2. 326 Seiten.

'Der Mordfall Greene' ist erschienen als Taschenbuch

zuerst 1929 auf deutsch bei Knorr & Hirth, München unter dem Titel »Glauben sie an Philo?«

In Kürze:

Im Haus der Greenes hat scheinbar ein Amokläufer gewütet: Julia Greene wurde erschossen, ihre Schwester Ada ist schwer verwundet. Tippt die Polizei zunächst auf einen Einbrecher, so ist sich Philo Vance, der kühl kalkulierende Amateurdetektiv, bald sicher: Hinter diesem Mord steckt mehr! Auch die übrigen Mitglieder der Familie Greene glauben nicht mehr an einen gewöhnlichen Dieb. Sie scheinen vielmehr vor etwas Angst zu haben, was sich innerhalb der düsteren Mauern des Greeneschen Domizils befindet, und verdächtigen sich bald gegenseitig. Nach dem zweiten Mord steht jedenfalls eines fest: Mord kommt in den reichsten Familien vor. Und Philo Vance muß seinen ganzen Scharfsinn einsetzen, um dem Grauen auf die Spur zu kommen und den Haß zu besiegen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Während sich die Leichen häufen, bleibt Vance ruhig und kaltblütig« 77°

Krimi-Rezension von odile

Im noblen Familiensitz der Familie Greene geschieht ein schreckliches Verbrechen. Julia Greene wird erschossen, ihre jüngere Schwester Ada schwer verletzt. Die Polizei vermutet, dass der Mörder ein Einbrecher war, der bei seinem räuberischen Tun überrascht wurde. Doch Julias Bruder Chester schenkt dieser Theorie keinen Glauben. Deshalb bittet er den zuständigen Bezirksstaatsanwalt Markham und dessen Freund Philo Vance um Hilfe. Chester Greene vertraut ihnen an, dass er an ein Mordkomplott glaubt. Jemand plane die gesamte Familie Greene auszulöschen!

Da die Einbruchstheorie einer genaueren Überprüfung nicht standhält, beschliessen Markham und Vance selbst im Fall Greene zu ermitteln. Leider nützt Chester diese Entscheidung nichts mehr, denn er wird ebenfalls erschossen aufgefunden. Eindeutig, wenn auch unfreiwillig, hat er durch sein gewaltsames Ableben die »Komplott-These« untermauert. Und er bleibt nicht das letzte Opfer!

In der düsteren Villa der Greenes herrscht eine vergiftete Atmossphäre voller Hass, Mißtrauen und Zynismus. Die Ermittler entdecken, dass das merkwürdige Testament des verstorbenen Tycoons Tobias Greene III die Erben dazu zwingt, 25 Jahre lang gemeinsam unter einem Dach zu leben.

Die gelähmte, übellaunige Witwe Greene und ihre fünf Kinder verstehen sich alles andere als gut. Doch sind erst 12 Jahre seit dem Tod des Erblassers vergangen und keiner will auf sein üppiges Erbe verzichten.

Erbarmungslos schlägt der Mörder erneut zu. Die umfangreiche Bibliothek des Tobias Greene, die sämtliche Standardwerke der Kriminologie umfasst, scheint eine wichtige Rolle zu spielen.
Und wer hat dem Hausarzt der Greenes Strychnin und Morphium in tödlicher Menge gestohlen? Markham und Vance sehen sich mit einem brutalen Täter konfrontiert, der vor keiner Untat zurückschreckt, um sein Ziel, den »Greene holocaust«, so der ursprüngliche Titel des Thrillers, erfolgreich zu beenden.

Philo Vance ist ein hochgebildeter Mittdreissiger, der aus einer der vornehmsten Familien der USA stammt und ein absolutes Luxusleben führt. Wie sein Schöpfer Wright (alias S.S. van Dine) hat er an einer der renommiertesten Universitäten des Landes studiert und seine intellektuelle Ausbildung durch umfangreiche Kunst- und Literaturstudien in Europa vervollständigt.

Häufig wird Vance als amerikanische Version von Dorothy L. Sayers Detektiv Peter Wimsey bezeichnet. Nicht ganz zu Unrecht, denn gewisse Parallelen existieren. Hier der exzentrische, kultivierte Aristokrat aus altem, britischem Adelsgeschlecht, dort der snobistische, hochgebildete Weltmann aus der US-High Society. Wie Lord Peter verfügt auch Vance, durch seine enge Freundschaft mit dem Staatsanwalt Markham, über ausgezeichnete Beziehungen zur Polizei.

Doch hier enden die Gemeinsamkeiten. Philo Vance und eine Romanze wären beispielsweise unvorstellbar. Auch seine Motivation ist eine völlig andere. Er sieht das Verbrechen weniger als menschliche Tragödie, obwohl er nicht völlig gefühllos ist.

Vielmehr reizt Vance aber die intellektuelle Herausforderung, ähnlich wie eine schwierige Schachpartie oder ein kompliziertes Puzzle. Brillant wie er zweifellos ist, kennt er meist früh die Identität des Killers, ohne diese aber seiner Umgebung ( nd dem Leser) zu enthüllen, bevor er schlüssige Beweise hat.

Vance bleibt stets distanziert und konzentriert sich auf das Sammeln von Fakten und Indizien. Sein Ziel bleibt immer die beweisbare Lösung des Rätsels. Die Gefühle und das menschliche Leid seiner Umgebung berühren ihn kaum.

Wie in allen seinen Kriminalromanen wählt der Autor auch im vorliegenden Band die Watson / Hastings-Erzählerperspektive, die wir von Doyle und Christie kennen. Hier ist es S.S. van Dine (Wrights Pseudonym), der pflichteifrig die undankbare Rolle des Chronisten übernimmt und selbst immer im Hintergrund bleibt. Seit den gemeinsamen Studientagen mit Vance befreundet, arbeitet van Dine jetzt als dessen Vermögensberater und Anwalt. Durch diesen Kunstgriff erfahren wir beiläufig, wie hochgebildet, genial und brillant Philo Vance in allen Lebenslagen denkt und agiert, ohne dass der Detektiv in die peinliche Lage kommt, sich selbst loben zu müssen.

Wright alias S.S. van Dine behauptet stets, Insiderwissen der Polizei an die Leser weiterzugeben. Um diese Fiktion zu untermauern, verfügt jeder seiner Krimis über zahlreiche Fussnoten, die den aktuellen Fall mit realen Ereignissen der damaligen Zeit und berühmten tatsächlich begangenen Verbrechen in Verbindung bringen.

Darüberhinaus versieht der Chronist (bzw. Autor) seine Fälle stets mit einer Liste aller handelnden Personen, so wie mit Lageplänen und Grundrissen aller wichtigen Schauplätze. Im vorliegenden Buch vervollständigt eine Aufzählung aller den Ermittlern bekannten wichtigen Fakten (97!) die Indizien, die dem Leser zur Lösung zur Verfügung gestellt werden.

Wrights Stil ist gut verständlich, präzise, flüssig und klar. Er verzichtet weitgehend auf ausschmückende Elemente und ist stets auf eine nüchterne Ausdrucksweise bedacht. Genau so wie man es von einem Anwalt erwartet.

W. H. Wright wird niemals mein Lieblingskrimiautor werden. Dazu fehlt ihm einfach der Humor. Sein Held Philo Vance ist ein ziemlich unsympathischer Geselle, ein reicher Snob, der sich rein zum Zeitvertreib der Aufklärung kniffliger Serienmorde widmet. Wenn er wieder einmal zu lange und in Rätseln doziert, könnte ich ihn einfach schütteln. Seine leicht arrogante, bisweilen herablassende Art würde mancher wohl als »cool« bezeichnen, genauso wie seine distanzierte Art, mit dem Leid anderer umzugehen.

Während sich die Leichen, sozusagen um ihn häufen, bleibt er ruhig und kaltblütig. Niemals verliert er den stets hochintelligenten Mörder und Gegenspieler aus ebenfalls besten Kreisen aus dem Blickfeld. Das kann dem Leser, jedenfalls mir, ganz schön auf die Nerven gehen. Andrerseits ist es gerade diese kühle Distanziertheit, die Vance schliesslich den überraschten Täter entlarven lässt. Mit psychologischem Geschick und hervorragender Kombinationsgabe löst er jeden Fall zur absoluten Zufriedenheit seiner Leser. Denn dies muss man Philo Vance zugestehen, seine Analyse des Verbrechens und der Beweggründe des Mörders lassen niemals eine Frage offen.

Was macht es da, dass seine Welt so niemals existiert hat? Wright schrieb Krimis mit denen er seine Leser auf hohem Niveau unterhalten wollte. Welcher Detektiv sonst ermittelt schon in Mordserien, deren Lösung im Werk Ibsens steckt oder in Grimms Märchen? Für Freunde des Rätselkrimis, die gern kombinieren, ebenso wie für Freunde von historischen Kriminalgeschichten sind die Klassiker von S.S. van Dine eine hervorragende Wahl. Wer sozialkritische, moderne Krimis bevorzugt oder auf Humor nicht verzichten mag, wird weniger Freude an diesem Autor haben.

Mein Urteil fällt dieses Mal etwas zwiespältig aus. Einerseits gefallen mir van Dines stets komplizierte Fälle, die aber immer schlüssig aufgeklärt werden gut. Andrerseits fehlt mir eine ordentliche Portion Humor.

Ihre Meinung zu »S.S. van Dine: Der Mordfall Greene«

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Teresa zu »S.S. van Dine: Der Mordfall Greene« 18.06.2017
Für einen heutigen Krimileser ist diese Art einer Kriminalgeschichte zu langatmig und zu gekünselt. Natürlich muss man immer bedenken, dass die Spurensuche in den späten 1920ern sehr viel umständlicher und einfacher war, z.B. die Fußspuren im Schnee. Das ist langweilig für den heutigen Leser. Auf der anderen Seite hält sich dieser Autor an seine eigenen Vorstellungen und Ansprüche an eine Detektivgeschichte, z.B. dem Diktat, dass der Leser den Fall selbst lösen können muß, da er alle Fakten kennt, ihm also nichts vorenthalten wird.Wir haben hier einen Bericht eines Ich-Erzählers, der zwar selbst anwesend war, aber nicht mit wörtlicher Rede in Erscheinung tritt. Der Bericht ist genau und unpersönlich, sachlich. Der Ich-Erzähler kennt Philo Vance, den Detektiv und die Akteure der Polizei, aber nicht die anderen Beteiligten ( Mordopfer und Verdächtige). Diese Figuren werden ausführlich beschrieben, ihr Charakter aber von ihren Handlungen und Reden abgeleitet. Oft sind sie zu nervös, zu gehässig, zu selbstsüchtig, das wirkt dann sehr unnatürlich. Aber für die Lösung spielt es eine untergeordnete Rolle, weil es hier auf die Logik, Folgerichtigkeit und die Tatsachen ankommt.Die Auflösung ist nicht überraschend, weil der heutige Leser sehr viele Plots kennt und mit vielen Konstellationen vertraut ist. Trotzdem entsteht hier im letzten Teil Spannung, weil der Autor dem Leser geschickt noch eine andere Möglichkeit ( Verdächtige und Motiv ) glauben lässt bzw. offen hält.Ein Krimi für Fans von klassischen Detektivgeschichten, die genügend Muße haben.
SukRam zu »S.S. van Dine: Der Mordfall Greene« 06.08.2007
Ich kann Rolf Wamers in vielen Punkten Recht geben. Was man an einem guten Schriftsteller schätzt (Beschreibung der Charaktere, Humor, prägnante Sätze), muss man bei van Dine vermissen.
Dennoch entwickeln viele Protagonisten des Mordfalls Greene ihre eigenen Persönlichkeiten, geprägt von der düsteren Atmosphäre, die nicht unbedingt ins New York der 20er Jahre passt.
Das komplizierte Dominospiel mit den 98 Fakten ist derart mathematisch, dass sich der Leser wundert, warum er nicht selbst daraufgekommen ist, obwohl ich schon von Anfang an meine Vermutungen fasste.
Was mir an van Dine nicht gefällt, ist der Umgang mit dem Mörder nach dessen Enthüllung: Man spricht über ihn wie ein blutrünstiges Tier mit kranken Genen; angriffslustig, grausam, maschinenhaft und fast ein wenig beschränkt im Denken- Dabei sind es doch die menschlichen Gefühle, die zu solchen Taten antreiben.
Meine Bewertung: 87°
RolfWamers zu »S.S. van Dine: Der Mordfall Greene« 03.03.2004
Langweilig und unerträglich gekünstelt sind die Philo Vance -Romane. Van Dine konnte zwar einen (viel zu) komplizierten Plot zimmern und am Schluss lamgatmig aufdröseln, aber er war ein lausiger Schriftsteller.Bei diesen Büchern gähnt man so viel, dass die Gefahr besteht, sich das Kinn auszurenken.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Wolfgang Ring zu »S.S. van Dine: Der Mordfall Greene« 11.04.2003
Interessant finde ich die Beschreibung von New York City am Anfang des 20. Jahrhunderts. Weitläufige Herrenhäuser in Manhattan ...
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