Walt von Russell Wangersky

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2014 unter dem Titel Walt, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei Knaur.
Ort & Zeit der Handlung: Kanada, St. John’s, 2010 - heute.

  • Toronto: House of Anansi Press, 2014 unter dem Titel Walt. 318 Seiten.
  • München: Knaur, 2016. Übersetzt von Frauke Czwilka. 304 Seiten.

'Walt' ist erschienen als E-Book

In Kürze:

Hi, ich bin Walt. Ich sammle weggeworfene Einkaufslisten. Das klingt vielleicht ein bisschen schräg, aber Sie ahnen ja nicht, was man auf diese Weise alles über jemanden erfährt! Das ist fast, als wäre ich selbst Teil der Familie. Ich gebe zu, ich bin einsam, seit meine Frau Mary mich vor ein paar Jahren verlassen hat. Kaum jemand gönnt mir einen zweiten Blick als wäre ich unsichtbar. Besonders gern sammle ich die Zettel von Alisha. Sie ist noch so jung, jemand sollte auf sie Acht geben, finde ich. Ich mache das gern, auch wenn sie nicht mal ahnt, dass ich existiere …

Das meint Krimi-Couch.de: »Unsichtbar alltäglich aber tödlich präsent« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Walt Carter lebt in der kleinen Stadt St. John’s auf der kanadischen Insel Neufundland. Er führt ein bescheidenes, ruhiges Leben, lebt allein und ohne Freunde, verfügt über keine besonderen Merkmale, weshalb er spurlos in jeder Menschenmenge verschwindet. Seinen Lebensunterhalt verdient Walt als Pack- und Reinigungskraft in einem Supermarkt, wo ihn die Kunden ebenfalls nicht zur Kenntnis nehmen.

Das ist eine wichtige Voraussetzung für Walts Hobby: Er sammelt die Listen, die von den Kunden nach ihren Einkäufen weggeworfen werden, und wertet sie aus. Da er kein eigenes Privatleben hat, versucht Walt auf diese Weise an Menschen heranzukommen. Er hat es darin im Laufe der Jahre weit gebracht und sich vom einsamen Beobachter zum waschechten Stalker gewandelt, der vor allem weiblichen Kunden nachspioniert.

Als Ausrede schützt Walt auch sich selbst simple Neugier vor. Dabei gibt es in seiner Vergangenheit einige dunkle Flecken, um die er in seinen Erinnerungen sorgfältig Bogen schlägt. So kennt die lokale Polizei Walt bereits; sie hat ihn intensiv verhört, als vor Jahren Gattin Mary spurlos verschwand. Walt behauptet, von Mary verlassen worden zu sein und ihren Aufenthaltsort nicht zu kennen. Da man ihm nicht das Gegenteil beweisen konnte, blieb Walt ungeschoren.

Vergessen wurde er nicht. Als die Polizei eine Abteilung ins Leben ruft, die bisher ungelöste Fälle wieder aufgreifen und klären soll, ergreifen Inspector Hill und Sergeant Scoville die Gelegenheit, Walt wieder ins Visier zu nehmen – dies auch deshalb, weil ihre Ermittlungen ergeben, dass im Laufe der letzten Jahre diverse Frauen im Raum St. John’s verschwunden sind.

Walt weiß, dass er nur lange genug stillhalten muss, bis die Abteilung wieder aufgelöst wird. Doch er kann es nicht, denn gerade jetzt fasziniert ihn die junge Joy Martin, die er auf bewährte Weise ausspioniert, in ihr Haus eindringt und von Dingen träumt, die Walt nicht einmal sich selbst eingestehen mag …

Stiller Mann – ideale Maske

»Stille Wasser sind tief«, lautet ein altes Sprichwort; es gehört zu denen, die tatsächlich eine große Wahrheit in einfache Worte fassen. »Still« bedeutet auch unauffällig, und wer diese Kunst beherrscht, kann sogar in einer Menschenmenge untertauchen. Wir alle kennen Menschen wie Walt Carter; wir sehen sie zwar, nehmen sie aber nicht zur Kenntnis, weil sie uns nicht wichtig sind und sich uns umgekehrt nicht bemerkbar machen.

In der Regel geht das in Ordnung, da es sich bei diesen Menschen um ganz normale Zeitgenossen handelt, die keinen Wert auf besondere Aufmerksamkeit legen. Doch unter ihnen könnte sich ein Walt befinden – und dann ist Gefahr im Verzug: Gleichmütig schildert Walt, wie simpel aber raffiniert er vorgeht, wenn er »jagt« – ein Verb, das hier mit Bedacht verwendet wird, weil sich nach und nach herausstellt, dass es sich bei Walts Einkaufszettel-Lektüre ganz und gar nicht um ein – ohnehin merkwürdiges – »Hobby« handelt, sondern um eine Manie, der üble Taten folgen können.

Autor Russell Wangersky lässt sich viel Zeit und Walt selbst zu Wort kommen. Dieser führt uns in seine kleine Welt und seinen trostlosen Alltag ein. Walt ist ohne Selbstmitleid und nicht unzufrieden; für seine bescheidenen Ansprüche reicht sein Lohn, und die Arbeit macht ihm Spaß; darüber hinaus beruhigt ihn die Routine des Aufräumens und Wischens – ein Aspekt, den der Leser im Hinterkopf behalten sollte, denn es ist fatal, wenn Walt sein inneres Gleichgewicht verliert.

Anzeichen innerer Unruhe

Generell sollte man sorgfältig lesen. Hinter Walts einfacher Sprache und seinen Beschreibungen relativer Ereignisarmut verbirgt sich eine separate Verständnisebene. Immer wieder lüftet Wangersky kurz Walts Deckung bzw. lässt sie ihn vernachlässigen, weil der sich vom Erzählen hinreißen und Details einfließen lässt, die auf Obsessionen schließen lassen, die längst triebhaft geworden sind und sich keineswegs auf Walts Kopf-Kino beschränken.

Dabei gibt sich Walt betont kontrolliert. Tatsächlich ist er wie eine Tarantel, die still in ihrem Winkel lauert. Sobald Walt in Fahrt gekommen ist, gibt er mehr von sich preis – so scheint es, denn Walt belügt sich und uns, seine Leser. Was er vermutlich oder wahrscheinlich bereits angerichtet hat, spiegelt sich in Zeitungsberichten und Nachrichten, die Wangersky unkommentiert in den Text stellt. In St. John’s sind Frauen verschwunden, andere Frauen fühlen sich verfolgt und beobachtet.

Walt gibt vor, davon nichts zu wissen. Zur verbindenden Klammer werden die Polizisten Hill und Scoville. In gewisser Weise sind sie genau wie Walt arme Wichte: Die Abteilung für ungelöste Fälle wurde vor allem eingerichtet, um Medien und Öffentlichkeit Polizeipräsenz zu demonstrieren. Die beiden Beamten landen hier, weil die Verwaltung bisher keinen Grund finden konnte, sie ohne ihre Bezüge zu feuern: Die Polizei muss sparen, und dieser Druck wird traditionell von oben nach unten weitergegeben.

Treten und getreten werden

Hill und Scoville sind keine Helden, als Menschen ausgesprochen unsympathisch und nicht einmal einander grün. Weil man sie systematisch getriezt und vergrault hat, haben sie jegliche berufliche Motivation verloren. Sie klammern sich an ihre Jobs, weil es keine Alternativen gibt. Dennoch beherrschen sie ihre Arbeit. Deshalb spüren sie genau, dass etwas Düsteres in St. John’s vorgeht und Walt Carter damit zu tun hat. Deshalb legt das Duo einen Ermittlungswillen an den Tag, der aber keine genialen oder heroischen Züge besitzt: Da man in der Führungsetage ohnehin keine Ergebnisse von ihnen erwartet, sondern auf ein Versagen hofft, das man ihnen in die Schuhe schieben wird, erfahren Hill und Scoville keinerlei Unterstützung und ermitteln quasi undercover.

Dass sich die Bedrohung von selbst auflösen wird, ist eine Erfahrung, die Walt schon kennt: Er ist einfach nicht wichtig genug für (kosten-) intensive Nachforschungen. Deshalb nimmt auch er Hill und Scoville nicht ernst, sondern macht sich über sie lustig. So ergeht es auch Joy Martin, wie sie in – ebenfalls in den Text eingeschobenen – Briefen beklagt: Die Polizei unterstellt ihr Verfolgungswahn und ignoriert ihre Bitten um Aufklärung und Hilfe. Es entsteht eine fatale Grauzone, die wiederum Walt begünstigt.

Wenn diese Geschichte endet, ist der Fall Walt keineswegs gelöst, sondern geht in eine weitere Runde; der Ausgang ist offen, womöglich kann Walt wieder vom Haken springen. Die innere Spannung bleibt über die gesamte Lektürestrecke – angenehme und dem Thema angemessene 300 Seiten – gewahrt, auch wenn viele Leser/innen anders denken mögen: »Walt« bietet weder Gewaltorgien oder Torture Porn, klammert aber auch jegliche Seifenoper und Mr.-Right-Romantik aus. Wangerskys Prosa ist knapp und kühl; gerade deshalb erfüllt sie ihren Zweck. Walt ist ein wahrer Psychothriller, der im Gedächtnis bleibt sowie beweist, dass nicht nur die digitale Welt gefährlichen Zaungästen Einfallstore bietet.

Michael Drewniok, April 2017

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