Grenzenlose Gefühle, unvollendete Gedanken von Rubem Fonseca

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

deutsche Ausgabe erstmals 1988 .
Ort & Zeit der Handlung: Brasilien / Rio de Janeiro & Deutschland / Berlin, 1970 - 1989.

  • São Paulo: Companhia das Letras, 1988 Vastas emoções e pensamentos imperfeitos. 287 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 1991. Übersetzt von Karin von Schweder-Schreiner. 314 Seiten.
  • Zürich: Unionsverlag, 2003. 288 Seiten.

'Grenzenlose Gefühle, unvollendete Gedanken' ist erschienen als

In Kürze:

Ein Filmemacher, der gerade ein neues Projekt in Angriff nehmen will, wird in eine schmutzige Affäre hineingezogen: einen Juwelenschmuggel. Es beginnt damit, dass eine ihm Unbekannte ein Päckchen in seiner Wohnung deponiert und kurz darauf ermordet aufgefunden wird. Ein handlungs- und spannungsreicher Roman des brasilianischen Erzählers, der in Rio de Janeiro zur Zeit des Karnevals spielt – und in Ost-Berlin, als es noch Hauptstadt der DDR war.

Das meint Krimi-Couch.de: »Fonsecas Auseinandersetzung mit den Wurzeln und den Zielen seiner eigenen schriftstellerischen Tätigkeit« 100°Treffer

Krimi-Rezension von Wolfgang Reuter

»Träume sind eine archaische Welt grenzenloser Gefühle und unvollkommener Gedanken«

Rio de Janeiro, zur Zeit des Karnevals. Der Protagonist, ein Ich-Erzähler ohne Namen, ist Filmregisseur und -produzent. Vor kurzem erhielt er von einem Deutschen Produzenten das Angebot, ein Buch des jüdisch-russischen Schriftstellers Isaac Babel, »Die Reiterarmee«, zu verfilmen. Seine Freundin ist gestorben und daher ist er gerade dabei, die Wohnung zu wechseln, als mitten im Übersiedlungs-Chaos eine unbekannte Frau auftaucht und verängstigt Schutz vor Verfolgern sucht. Am nächsten Morgen verschwindet sie und hinterlässt ihm ein Päckchen zur Aufbewahrung.

Kurz darauf meldet das Fernsehen den mysteriösen Mord an einer Frau im Karnevals-Künstlermilieu. Das Foto zeigt die Unbekannte. Der Filmregisseur öffnet das Päckchen und findet darin bunte Steine, die ein befreundeter Edelsteinhändler als wertvolle Steine identifiziert. Am Heimweg bemerkt er erstmals, dass ihn jemand verfolgt.

Seine Beschäftigung mit Isaac Babel wird dadurch zunehmend gestört. Als er die Spur der Frau aufnimmt, wird in seine Wohnung eingebrochen und der Portier ermordet. Der Boden in Rio wird ihm zu heiß, er versteckt die Steine und flüchtet nach Berlin, um die Babel-Filmsache zu beginnen. Dort gerät er nach Ost-Berlin in eine geheimdienstartige Geschichte um ein angebliches »letztes Manuskript« von Babel. Unerwartete Wendungen führen ihn über Paris wieder nach Rio, wo ihn die Edelstein-Affäre erneut auf brutale Weise einholt …

Das ist in kurzen Zügen die Handlung. Doch wie so oft beschreibt ein grober Überblick nur Bruchteile der Geschichte, entstellt eine solche Reduktion auf die »Handlung« das gesamte Buch. Denn eigentlich ist das Ganze im Wesentlichen Rubem Fonsecas Auseinandersetzung mit Isaac Babel, mit den Wurzeln und den Zielen seiner eigenen schriftstellerischen Tätigkeit. Es würde den Rahmen dieser Rezension sprengen, im Detail auf Isaac Babel einzugehen, man wird in diesem Roman ausführlich über ihn informiert.

Vor langer Zeit bekam ich ein Buch geschenkt: »Exemplarische Erzählungen« von Babel, in der Übersetzung von Milo Dor und Reinhard Federmann. Darinnen findet sich neben den »Geschichten aus Odessa« unter anderem auch die Sammlung von Kurzgeschichten, genannt »Die Reiterarmee«. Ich war erschrocken von der grausamen, schonungslosen Darstellung der Pogrome oder der Schrecken des Krieges, aber gleichzeitig fasziniert von Babels nüchternem Stil und starken Bildern. Babel wurde Ästhetizismus vorgeworfen, aber tatsächlich war er ein Perfektionist, strebte die Vollkommenheit seiner Werke an. Das Wenige, was er geschrieben hat, war von einer perfekten Knappheit, Präzision und Exaktheit, er brach Erzählungen unvermittelt ab, wenn alles gesagt war, also das Wesentliche.

»Babels Geschichten sind zart und verwegen, melancholisch und ironisch, sie sind überweht von Träumen und umschließen doch stets illusionslos gesehene Wirklichkeit. Sie schildern Schrecken, Abscheu, Angst und Einsamkeit, äußerste Grenzsituationen des Menschen und blicken dann wieder, wie Babel es nannte, auf die Welt wie auf eine Wiese voller Frauen und Pferde«.

(Zitat aus dem Nachwort von Dor und Federmann).

Das alles kann man im Prinzip auch von Rubem Fonseca sagen. Beide haben als Vorbild unter anderen Gustave Flaubert, der mit seinen Idealen »Unpersönlichkeit« und »leidenschaftslose Darstellung« den entscheidenden Schritt von der Romantik zum modernen französischen Roman gesetzt hat. In Bufo und Spallanzani ist die Figur Gustavio Flávio laut Patricia Melo eine »Hommage an Gustave Flaubert«. Die geistige Verwandtschaft zwischen Babel und Fonseca zeigt sich auch in der Tatsache, dass beide Filmdrehbücher schreiben bzw. geschrieben haben.

Fonsecas namenloser Protagonist ist eigentlich ein Realitätsverweigerer, die Wirklichkeit verarbeitet er in seinen Träumen, die in dem Buch eine gewisse Rolle spielen, auch der Buchtitel weist darauf hin. Selbst in den brenzligsten Situationen zieht er sich mental zurück und stellt sich die Ereignisse als Szenen eines Drehbuches vor. Damit erreicht Fonseca gelegentlich eine »Para-Realität«, die mich manchmal an Franz Kafka erinnert, so etwa gleich zu Beginn in der Szene mit der fremden Frau oder der für mich stärksten Stelle – dem Aufenthalt als Gefangener im Keller und dem Ausgesetztsein in einer fremden Stadt. Das ist eine meisterliche Darstellung von menschlichen Grenzsituationen.

Natürlich ist das eine spannende, gekonnt gemachte Erzählung mit vielen Handlungsebenen und unerwarteten Wendungen. Angesichts der turbulenten Ereignisse ist die ruhige, lapidare Sprache fast ein Understatement, in Wahrheit jedoch ein geniales Stilmittel. Fonseca ist Schriftsteller, Filmkritiker und Drehbuchautor. Er hat ein phantastisches Gespür für den Aufbau, den Rhythmus und die Dramaturgie eines Romans.

Er ist kein typischer »brasilianischer« oder allgemein »südamerikanischer« Autor, er schreibt auffallend klar und nüchtern, er liebt das Spiel mit den Grenzregionen der Realität, besitzt Humor, Ironie, zeigt manchmal menschliche Wärme, und kommt bei allen parallel verlaufenden Handlungsebenen und turbulenten Situationen mit einer faszinierenden Leichtigkeit zu einem plausiblen Ende. Insofern ist er ein genialer »Erzähler«.

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engelmicha zu »Rubem Fonseca: Grenzenlose Gefühle, unvollendete Gedanken« 05.09.2008
Auch wenn ich die Rezension von Wolfgang Reuter weitgehend unterschreiben kann, so fehlt es diesem Buch, für meinen Geschmack, über weite Strecken an der atmosphärischen Tiefe. Auch die Protagonisten erscheinen mir etwas zu oberflächlich gezeichnet. Alles in allem ist der Krimi für meine Begriffe mit 100° stark überbewertet.
Sicherlich werde ich aber noch andere Krimis dieses Autors lesen.
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