Blasse Engel von

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2005 unter dem Titel Box 21, deutsche Ausgabe erstmals 2007 bei Fischer Taschenbuch Verlag.
Ort & Zeit der Handlung: Schweden / Stockholm, 1990 - 2009.
Folge 2 der Ewert-Grens-Serie.

  • Stockholm: Piratförlaget, 2005 unter dem Titel Box 21. 368 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2007. Übersetzt von Gabriele Haefs. 368 Seiten.

'Blasse Engel' ist erschienen als

In Kürze:

Ein Geiseldrama in der Leichenhalle des Krankenhauses Süd in Stockholm endet tödlich. Für Kommissar Ewert Grens umso tragischer, denn der Tote war nicht nur sein bester Freund, sondern auch ein allseits bekannter und beliebter Polizist. Warum hat die junge Geiselnehmerin ausgerechnet ihn erschossen? Woher kannte sie ihn? Und warum hasste sie ihn so sehr?

Das meint Krimi-Couch.de: »Menschenhandel und moralische Konflikte« 73°

Krimi-Rezension von Thorsten Sauer

Opfer spielen in Krimis naturgemäß eine besondere Rolle. Ohne sie wäre ein normaler Krimi kaum denkbar. Allerdings beschränkt sich deren Rolle meist darauf, als Mordopfer die Ausgangssituation der Krimihandlung zu bilden oder als Verfolgungsopfer das Spannungsmoment für einen Thriller abzugeben. Eine echte Auseinandersetzung, vor allem mit der Gefühlswelt, findet kaum statt. Hier bildet das Autorenduo Anders Rosslund und Börge Hellström eine bemerkenswerte Ausnahme: weniger die eigentliche Krimihandlung als vielmehr das, was eine Straftat auslöst, ist das zentrale Thema ihres mittlerweile zweiten Romans.

Die Hölle der Zwangsprostitution im beschaulichen Mietshaus

Die beiden jungen Lettinnen Lydia und Alena wurden von Schleppern nach Stockholm entführt und müssen als Zwangsprostituierte in einem unscheinbaren Mietshaus täglich zwölf Freiern zu Diensten sein. Die jahrelange Unterdrückung der beiden neunzehn und zwanzigjährigen Frauen durch ihren »Besitzer«, der nur »Dimitri Scheißzuhälter« genannt wird, gipfelt eines Tages in der offenen Rebellion der beiden. Für Lydia endet dieser Aufstand fast tödlich, doch die Polizei wird auf den Plan gerufen. Lydia kommt in ein Stockholmer Krankenhaus und es stellt sich heraus, dass Dimitri aufgrund diplomatischer Immunität nicht angreifbar ist.

Für Ewert Grens, den depressiven Inspektor der Stockholmer Polizei ist der Fall daher nur ein kurzes Intermezzo, vor allem deshalb, weil er mit seinem ganz persönlichen Rachfeldzug beschäftigt ist. Doch die Sache nimmt eine unerwartete Wendung. Kaum ist Lydia wieder einigermaßen bei Kräften, verschanzt sie sich schwerbewaffnet und mit mit Geiseln im Leichenschauhaus der Klinik. Für alle überraschend fordert sie Kontakt zu einem erfahrenen Beamten und Freund von Grens. Der reagiert unerwartet zögerlich, kommt der Forderung jedoch nach. Damit nimmt eine Katastrophe, die Ewert Grens noch tiefer in seine depressive Isoliertheit stürzt und ihn vor eine schwere Gewissensentscheidung stellt, unweigerlich ihren Lauf.

Interessant trotz handwerklicher Schwächen

Eine klare Beurteilung des neuesten Werks des schwedischen Autorenduos, das mit dem renommierten nordischen Krimipreis ausgezeichnet wurde, fällt schwer, da dem streckenweise fesselnd behandelten und aufrüttelnden Thema grobe handwerkliche Schwächen gegenüber stehen.

Die Sprache des Romans ist zunächst einmal nur schwer zugänglich. Häufig gleiten die Beschreibungen ins Vulgäre ab und das ist offensichtlich auch gewollt, da die Autoren mit den krassen Schilderungen des täglichen Martyriums der beiden jungen Lettinnen aufrütteln wollen. Deutlich unklarer ist das Ziel einer anderen stylistischen Eigenart: Minisätze werden im unmittelbar folgenden Halbsatz wörtlich wiederholt.

»Sie schaute zu ihrem Notizbuch hinüber. Sie wusste. Sie wusste, was sie durchgemacht hatte. Sie wusste, dass es nie wieder passieren würde.« (S. 84)

Wenn das der Versuch ist, literarisch zu sein, so ist er leider misslungen. Lediglich der Lesefluss leidet darunter. Erstaunlicherweise werden diese Stilblüten mit dem Fortschreiten des Romans immer weniger aber trotzdem bleibt die Sprache gewöhnungsbedürftig.

Dass sich Rosslund und Hellström weniger für die Kriminalgeschichte und dafür mehr für die damit verbunden moralischen Fragen interessierten, merkt man an einigen Ungereimtheiten des Plots. So bleiben die beiden die Frage schuldig, weshalb ein kleiner Schlepper und Zuhälter über einen Diplomatenpass und Plastiksprengstoff samt funktionierender Zündeinrichtung verfügt. Die Tatsache Sprengstoff im Keller zu lagern scheint dem Zuhälter Dimitri sogar derart selbstverständlich zu sein, dass er es nicht für nötig hält, diesen zu beseitigen, bevor er den gleichen Kellerraum zum Strafverlies für seine beiden Sklavinnen macht. Die wiederum scheinen ihrem Schicksal so ergeben zu sein, dass sie das Potential des Sprengstoffs für eine Flucht erst im Krankenhaus erkennen.

Überhaupt verwandelt der Krankenhausaufenthalt die beiden naiven und traumatisierten Mädchen in regelrechte Terroristinnen, die abgebrüht eine Geiselnahme im Krankenhaus planen, vorbereiten und durchführen. Alles was Lydia für die Vorbereitung benötigt, lässt sich problemlos vom Krankenbett aus beschaffen. Dass ein Krankenhaus einen detaillierten Lageplan der Leichenhalle in die eigene Werbebroschüre veröffentlicht, ist da nur eines von etlichen weiteren unlogischen Details, die Roslund und Hellström einbauen.

Die zweite Ebene ist weitaus interessanter 

Doch hinter der nur leidlich spannenden Krimigeschichte entwickelt sich eine zweite Ebene, die wesentlich interessanter und für einen Krimi ungewöhnlich ist. Kommissar Grens findet heraus, dass sein langjähriger Kollege und einziger Freund in die Zwangsprostitution verwickelt war. Damit wird die moralische Frage aufgeworfen, wie weit die Freundschaft und der Wunsch die Familie des Freundes vor der Schande zu beschützen über die Pflicht zur bedingungslosen Aufklärung eines Verbrechens und des Schutzes der Opfer gehen darf. Grens entscheidet sich, lässt Beweise verschwinden und zieht seinen Assistenten in die unsaubere Ermittlungsarbeit und damit in den moralischen Konflikt hinein.

Das Autorenduo stellt die Frage was wichtiger ist: der persönliche Einsatz für die Freundschaft, die Suche nach der Wahrheit oder der Schutz der Opfer des Menschenhandels. Roslund und Hellström geben keine klare Antwort sondern zeigen, dass sich keines dieser Ziele konfliktfrei erreichen lässt.

Blasse Engel ist zweifellos kein Krimi für das breite Publikum. Zu ernst wird das Thema abgehandelt und zu offensichtlich sind die erzählerischen Mängel. Aber er lässt den Leser nachdenklich zurück und das ist immerhin etwas, das nur wenigen Romanen des Genres gelingt.

Thorsten Sauer, Juni 2007

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James_Blond zu »Roslund & Hellström: Blasse Engel« 13.04.2013
Für mich ein großartiges Buch! Hier handeln - Gott-sei-Dank - keine Superhelden und Superhirne sondern verletzbare fehlerbehaftete Menschen, deren Stärken und Schwächen von den Autoren schonungslos dargestellt werden.

Der Schreibstil ist zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftig (redundante Textpassagen, etc.)

Die Story ist - im wahrsten Sinne des Wortes - bis zur letzten Seite erdrückend. Am Ende wurde ich nicht in eine heile Welt entlassen sondern kämpfte mit meinen eigenen Moral- und Wertvorstellungen. Wenn Autoren so etwas gelingt, war es für mich ein Meisterwerk!! :-))
maxjago zu »Roslund & Hellström: Blasse Engel« 12.07.2011
Ein Thriller, der sich in seiner Art aus der Masse der Mädchenhändler-Dramas durch die Fixierung auf das Gefühlsleben nicht nur der Opfer, sondern auch das der Ermittler ganz besonders hervor hebt. Einerseits fesselnd und andererseits sehr nachdenklich stimmend. Empfehlenswert!
Weitergehend nachzulesen unterhttp://www.suite101.de/content/rezension-blasse-engel-von-anders-roslund-und-boerge-hellstroem-a117972
SnowWhite zu »Roslund & Hellström: Blasse Engel« 12.01.2010
Ich war begeistert von dem Buch, insbesondere den hier so oft bemängelten Sprachstil habe ich als erfrischend anders empfunden! Da sieht man wieder über Geschmack lässt sich streiten - ich habe selten ein so gutes Buch gelesen!Auch "Die Bestie" und "Blasse Engel" sind mir nachhaltig in Erinnerung geblieben, hervorragende Bücher - meines Erachtens nach so fesselnd, dass man das Buch nicht aus der Hand legen kann. Wirklich mal etwas anderes!
Wiebke zu »Roslund & Hellström: Blasse Engel« 09.07.2009
Ich habe die Autoren gerade erst entdeckt und finde das Buch hervorragend. Gerade die Sprache und der Stil sind großartig und für mich immer ein Hauptlesegrund - bei allen Autoren.

Ich fand die Geschichte sehr gut, leider ist sie wahrscheinlich auch sehr realistisch...

Gerade lese ich den dritten Krimi der Autoren, der sprachlich und inhaltlich wieder voll meinen Erwartungen entspricht. Den ersten habe ich noch vor mir.
Leo81 zu »Roslund & Hellström: Blasse Engel« 26.01.2009
Ich bin ja ein absoluter Krimileser, aber soetwas furchtbares habe ich noch nicht gelesen. Dieser Krimi geht nicht spurlos an einem vorbei. Der Sprachstil ist ekelhaft und das Thema mehr als erschütternt. Da das Buch wenig Kapitel hat ist es schwer zu lesen und zu verstehen.
Das Lesen hat nicht wirklich Spaß gemacht.
50% von mir.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
herbert zu »Roslund & Hellström: Blasse Engel« 15.07.2008
Ich lese sehr gerne Krimis. Es war das erste Buch, das ich von diesen Autoren las. Ich muss sagen, es war einer der härtesten und am schwersten verdaulichen Krimis, die ich bisher gelesen haben. Absolut empfehlenswert, aber nichts für zart besaitete Gemüter.
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Janko zu »Roslund & Hellström: Blasse Engel« 20.03.2008
Ein wenig enttäuscht war ich schon nach der Lektüre des zweiten Werks, des schwedischen Schriftstellerduos Roslund & Hellström. Prostitution, Freiheitsberaubung, Folter, zermürbende Polizeiarbeit, Rache und Perspektivlosigkeit, sind die Eckpunkte, auf die diese Story aufbaut. Langatmig, trist und ohne wirklich fesselnde Spannung aufkommen zu lassen, trottet dieser Roman durch eine deprimierende Herzenskälte. Die Art und Weise, wie die einzelnen Charaktere, in ihrer jeweils hoffnungslos erscheinenden Situation beschrieben wurden, kann durchaus als realistisch und gelungen bezeichnet werden. Dies kann aber nicht über den schwächelnden Inhalt des Buches hinwegtäuschen. Durchaus harter Tobak was man hier beschrieben hat, aber eben auch schwer verdauliche Kost. Dies liegt nicht zuletzt an dem sonderbaren Sprachgewandt, dem man sich bereits beim Vorgänger „Die Bestie“ bemächtigte, welches mir im Übrigen wesentlich besser gefallen hat. Na ja, über Geschmack lässt sich ja bekanntermaßen Streiten.
smilybentom zu »Roslund & Hellström: Blasse Engel« 30.07.2007
Ein äußerst bedrückender und leider der Realität sehr nahgelegener Roman. Ich fand die Darstellung der einzelnen Charakteren in deren jeweiligen Konfliktsituationen sehr gelungen. Mit dem Schreibstil hatte ich anfangs so meine Probleme. Mit der Zeit hatte ich mich daran gewöhnt und finde ihn zu der Handlung auch sehr passend. Es gibt zwar einige Fragen, die am Ende nicht geklärt werden, das Ende ließ mich dann aber fassungslos das Buch zuschlagen.

Fazit: Ein Buch, dass zum Nachdenken anregt!
Nessie zu »Roslund & Hellström: Blasse Engel« 27.07.2007
Ein Buch, das nicht nur spannend ist, sondern auch nachdenklich macht. Die Geschichte ist absolut fesselnd. Trotzdem musste ich, wie auch meine Vorredner auch, öfter eine Pause einlegen, da ich das Gelesene in diesem Buch erst mal verdauen musste. Die Tatsache, dass solche Dinge tatsächlich passieren macht unglaublich betroffen. Ich habe mitgelitten und hätte mir ein anderes Ende gewünscht. Leider trifft das tatsächliche Ende die Realität eher, weshalb mich dieses Buch so schnell nicht loslassen wird.
kissace zu »Roslund & Hellström: Blasse Engel« 14.07.2007
Wie bei Ihrem Erstlingswerk "Die Bestie" greifen die beiden Autoren wieder ein heißes Eisen an und es gelingt Ihnen den Leser zu fesseln. Durch den prägnanten Schreibstil , der mir persönlich super gefällt kommt zudem eine extrem beklemmende Stimmung auf.
Ein absolut tolles Buch, das einen nicht mehr loslässt und sehr beschäftigt.
SUPER!

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