Fußspuren an der Schleuse von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 1928 unter dem Titel The footsteps at the lock, deutsche Ausgabe erstmals 1962 bei Herder.
- London: Methuen & Co., 1928 unter dem Titel The footsteps at the lock. 248 Seiten.
- Freiburg im Breisgau; Basel; Wien: Herder, 1962. Übersetzt von Lorenz Häfliger. 189 Seiten.
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In Kürze:
Die beiden Helden Derek und Nigel Burtell haben nur wenig gemeinsam: den Familiennamen, eine gewisse äußere Ähnlichkeit und einen abgrundtiefen gegenseitigen Hass. Während ihrer Studienzeit in Oxford hatten die Schattenseiten des Universitätslebens sie offensichtlich mehr beeindruckt als akademische Ideale, so dass der um einige Jahre ältere Derek bald seine Gesundheit in einer streng geregelten Trunksucht total ruiniert und im voraus eine in Aussicht stehende beachtliche Erbschaft verjubelt hatte. Fünfzigtausend Pfund sollte er nämlich an seinem 25. Geburtstag erben. Im Falle seines vorzeitigen Todes sollte das Erbe auf Nigel überschrieben werden. Die Gläubiger bangten um ihr Geld, da Derek in der Tat ein Todeskandidat war – und sie hatten ihn gezwungen, sein Leben zu versichern. Das Rätsel fängt damit an, dass Derek und Nigel eines schönen Tages aus einem unerklärlichen Grund eine gemeinsame Paddelbootreise die Themse hinauf machen. Der geheimnisvolle Ausgang dieser Vergnügungsfahrt ist für Dereks Versicherungsgesellschaft allerdings wichtig genug, Miles Bredon an die Arbeit zu schicken. »Herr Gott, nur das nicht!« sagte Miles. »Ich las gerade in der Zeitung davon. Die geheimnisvollen Umstände haben mich richtig begeistert. Ich versichere, nichts vermag meinen Geist so zu erheitern, wie keine Probleme lösen zu müssen!« Hier aber irrte Miles Bredon. Und das sollte er bald erfahren.
Das meint Krimi-Couch.de: »Flussfahrt mit mehrfach untertauchenden Schurken«
Krimi-Rezension von Michael Drewniok überspringen
Die Vettern Charles und Nigel Burtell sind Vettern, Nichtsnutze und Verschwender. Außerdem hassen sie einander bis aufs Blut. Trotzdem unternehmen ausgerechnet sie eine gemeinsame Paddelboot-Tour auf dem Oberlauf der Themse: Eine herrische aber reiche Erbtante liegt im Sterben und will die Vettern unbedingt versöhnt sehen, da sie ansonsten eine Testamentsänderung erwägt.
Das Geld käme Derek, der nicht nur hoch verschuldet, sondern auch ein Säufer und rauschgiftsüchtig ist, sehr recht. Dabei winkt ihm sogar eine zweite Erbschaft: In einem Monat wird er 25, und ihm werden aus dem Erbe seines Großvaters 50.000 Pfund ausbezahlt. Freilich hat er mit seiner Gesundheit so übel Schindluder getrieben, dass er seinen Geburtstag womöglich nicht mehr erleben wird. Das Geld fiele dann an Nigel.
Der Ausflug endet tragisch. Nigel, der angeblich kurz aber dringend in Oxford zu tun hatte, findet nach seiner Rückkehr an die Themse das Boot leer im Wasser treibend. Derek ist verschwunden, seine Leiche wird trotz eifriger Suche nicht gefunden. Dies ruft die »Unbeschreibliche« auf den Plan – jene Firma, bei der Derek hoch versichert war und die bei Selbstmord oder einem Verbrechen nicht auszahlen müsste. Firmendetektiv Miles Bredon reist mit Gattin und Assistentin Angela an den Ort der möglichen Übeltat. Dort trifft das Paar auf ihren Freund Inspektor Leyland, der im Auftrag von Scotland Yard ebenfalls Ermittlungen anstellt. Weil sich dies schon früher bewährt hat, beschließt man eine Zusammenarbeit.
Die Untersuchung ist vertrackt. Zwar fördern Leyland und die Bredons interessante Indizien zu Tage. Statt sich zu einem Fallbild fügen zu lassen, widersprechen sie jedoch einander. Ist Nigel ein Mörder? Ist Derek überhaupt tot? Gibt es einen bisher unbekannten Dritten in diesem Spiel? Kann man den Indizien überhaupt trauen? Die Wahrheit kommt ans Licht, und sie stellt in der Tat eine Überraschung dar …
Flussfahrt mit möglicher Mordtat
Die Gegenüberstellung von Idylle und Mord ist eine Spezialität des klassischen englischen Kriminalromans. Oft bildet ausgerechnet das Mordopfer den einzigen Flecken in dem bunten, unbeschwerten Bild, das der Verfasser von Land und Leuten zeichnet. Wie man genau dies höchst unterhaltsam auf die Spitze treibt, demonstriert Ronald A. Knox im zweiten Band seiner Serie um den Versicherungsdetektiv Miles Bredon.
Knox wählt als Schauplatz seines literarischen Verbrechens mutig DIE englische Idylle: Fußspuren an der Schleuse spielt im Sommermonat Juli am Oberlauf der Themse unweit der Universitätsstadt Oxford. Der Fluss ist hier kein mächtiger Strom, sondern fließt und schlängelt sich langsam durch eine zauberhafte – von Knox geradezu hymnisch beschriebene – Parklandschaft, die damals wie heute von Boot und Rad fahrenden, schwimmenden, wandernden, und sonnenbadenden Ausflüglern und Touristen bevölkert wird.
Wer sich ein Bild vom bunten Themse-Treiben in vergangenen Zeiten machen möchte, lese Drei Männer im Boot, den ewigen Klassiker von Jerome K. Jerome (1858-1927), der 1889 humorvoll eine ereignis- bwz. zwischenfallreiche Flussfahrt schilderte. Jerome setzte Maßstäbe, Knox bezieht sich ausdrücklich auf ihn. Er muss sich vor dem großen Vorbild nicht verstecken.
Einladung an den grübelfreudigen Leser
Als eigenes Element bringt Knox ein Mordrätsel in die Handlung ein. Wie schon in Die drei Gashähne, dem ersten Roman mit und um Miles Bredon, verwandelt er die Landschaft in eine Bühne, auf der jedes Einrichtungsstück sorgfältig platziert wird. Eigentlich müsste Knox dem Roman eine Karte einfügen, denn sein Szenario ist sehr verzwickt. Sollte der Leser den Ehrgeiz aufbringen, gemeinsam mit Bredon und Leyland zu ermitteln, muss er sich mächtig konzentrieren, um sich in der komplexen Tatort-Geografie zurechtzufinden.
Herausgefordert ist er, denn Knox ist ein entschlossener Verfechter des »fair play« im Kriminalroman: Faule Tricks sind nicht gestattet. Auch die verschlungensten Indizien-Fährten laufen schließlich in einem logischen Ablauf zusammen. Allerdings steht Knox ebenfalls auf dem Standpunkt, es seinem Publikum nicht allzu einfach machen zu dürfen, was er in einem bemerkenswerten Einschub so erklärt:
Die Muse des Kriminalromans – die es heute zweifellos geben muss – befindet sich ihren Schwestern gegenüber im Nachteil. Sie darf nicht ungeschminkt drauflos erzählen. Wenn sie es täte, gäbe es kein Geheimnis, keine Situation, keine Lösung. Die Allwissenheit des Verfassers und die Allgegenwart des Lesers, die Hand in Hand gehen, würden die Spur verwischen. Kein Knäuel würde unentwirrt bleiben, kein Indiz verlorengehen. Wir müssen deshalb von Zeit zu Zeit den Faden der langweiligen zeitlichen Erzählung unterbrechen und die Dinge nicht so sehen, wie sie an sich sind, sondern wie sie den unmittelbar Beteiligten erscheinen. (S. 28)
Wieder einmal das ´unmögliche´ Verbrechen
Was wie schon erwähnt für Verwirrung sorgen kann. Zwar bietet Fußspuren an der Schleuse ein Feuerwerk humorvoller bis ironischer Anmerkungen. Als Kriminalroman stellt die Handlung dennoch Ansprüche. Knox beginnt mit verwirrenden Indizien, die er im Laufe des Geschehens zwar bereits einpasst, während er sie unbekümmert um weitere Rätsel vermehrt. Der weniger hartnäckige Leser wird vermutlich bald die Waffen strecken bzw. sich fragen, wie oder ob es Knox gelingen wird, sich aus der Sackgasse zu befreien, in die er sich augenscheinlich manövriert hat.
Aber der Autor hält die Fäden jederzeit fest in der Hand. Er kann es sich deshalb erlauben, seine Ermittler immer neue und schlüssige Theorien entwickeln zu lassen, um sie anschließend umgehend zu verwerfen. Knox behält immer ein As in der Hinterhand. Lässt man nachträglich das kriminelle Geschehen vor dem geistigen Auge ablaufen, bewundert man die Geschmeidigkeit, mit der sich ihr komplizierter Mechanismus abspult.
Der »looked room« des klassischen Rätselkrimis wird dabei effektvoll durch den Fluss Themse ersetzt. Wasser hat keine Balken; eine physikalische Eigenschaft, die Knox bestimmte Kniffe ermöglicht, die das von ihm geplante Verbrechen ermöglichen, während er gleichzeitig hoffen kann, dass der Leser diese Tatsache erst einmal vergisst und sich hinters Licht führen lässt.
Kriminalistik ist Teamwork
Mit Erfolg greift Knox auf das zentrale Figurenpersonal des Vorgänger-Romans zurück. Elegant führt er Bredon in die Handlung ein, dem er ganz selbstverständlich Ehefrau Angela folgen lässt. Erneut ist diese nicht Anhängsel, das in Vertretung des Lesers die dummen Fragen stellt und mit offenem Mund die Genialität des Gatten bestaunt, sondern gleichberechtigte Mitarbeiterin, die problemfrei unabhängig ermittelt, um sich anschließend mit dem Ehemann auszutauschen.
Erneut stößt Inspektor Leyland zu dem Paar. Er repräsentiert die ´offizielle´ Seite des Gesetzes. Verstößt ihn dies im klassischen Krimi oft in die Rolle des tumben Befehlsempfängers und ulkigen Trottels, der dem Detektiv hinterher trottelt, bleibt Leyland bei Knox ebenfalls Partner.
Damit endet der Realitätsbezug, denn der Autor bevölkert seine Sommeridylle ansonsten mit pittoresken Gestalten, wie sie in dieser Archetypisierung wohl nur im »Whodunit« der »Goldenen Ära« vor dem II. Weltkrieg vorkommen (und erträglich sind). Figuren wie der geistig schlichte Schleusenwärter Burgess sind witzig, während Bredons »unmöglicher« Onkel Robert und seine verkalkten akademischen Genossen ironisch überzeichnete Oxford-Dons sind, wie Knox – der als Studentenpfarrer ebendort amtierte – sie sehr genau kannte.
Finaler Twist mit kolossalem Sprung
Schon in Die drei Gashähne gelang es Knox, seine Leser nicht nur mit einer originellen Auflösung zufriedenzustellen, sondern regelrecht zu überraschen. Auch dieses Mal kommt alles anders als gedacht. Die übliche finale Runde aller Verdächtigen kommt nicht zusammen. Unverhofft bricht die Handlung ab. Ein Brief fügt die letzten Steinchen in das Puzzle ein. Was wie eine schlechte Idee klingt, funktioniert erstaunlich gut.
Dies gilt abermals für die deutsche Fassung, auch wenn sie sich nicht ganz mit der Eleganz der »Gashahn«-Übersetzung messen kann. Knox´ geschliffener Stil regt offensichtlich auch den Übersetzer an. Fünf Jahrzehnte später fallen diverse längst in Vergessenheit geratene Wendungen – wer nennt heute noch einen Zug durch die Kneipen eines Ortes »Pintenkehr«? – zwar auf, gehen aber in dem altmodischen, dem Inhalt besonders gerecht werdenden Text unter.
So ist es eine besondere Schande, dass Fußspuren an der Schleuse hierzulande erst einmal und bereits 1962 erschienen ist. Eine Neuauflage ist seit Jahren überfällig, ein schnelles Anzapfen antiquarischer Quellen deshalb der Rat des Rezensenten.
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