Das dreizehnte Dorf von Romain Sardou

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2002 unter dem Titel Pardonnez nos offenses, deutsche Ausgabe erstmals 2004 bei Blessing.
Ort & Zeit der Handlung: , 700 - 1500 (Mittelalter).

  • Paris: XO, 2002 unter dem Titel Pardonnez nos offenses. 378 Seiten.
  • München: Blessing, 2004. Übersetzt von Karin Meddekis. ISBN: 3896672398. 416 Seiten.
  • München: Heyne, 2005. Übersetzt von Karin Meddekis. ISBN: 3-453-47017-6. 415 Seiten.
  • München: Heyne, 2007. Übersetzt von Karin Meddekis. ISBN: 978-3-453-72149-4. 415 Seiten.

'Das dreizehnte Dorf' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Ein verschollenes Dorf in Südfrankreich, die Hauptstadt Paris und die Papstmetropole Rom sind Schauplätze dieser Geschichte, die drei Gruppen ahnungsloser Zeitgenossen auf die Spur eines uralten, europaweiten Komplotts geraten lässt, das sie bald zu verschlingen droht ... – Ein weiteres der derzeit so beliebten »Verschwörung im Vatikan«-Garne, dieses Mal im Mittelalter angesiedelt, mächtig verwickelt, doch nur so lange wirkungsvoll, wie es unenthüllt bleibt. Bis zum recht enttäuschenden, wenig überzeugenden Finale spielt der Verfasser geschickt mit den Klischees des »finsteren Mittelalters«, in die er sacht Elemente des Mystery- bzw. Horrorthrillers einfließen lässt. Das Ergebnis kann mit den Ambitionen des Verfassers nicht mithalten, weiß aber kurzweilig zu unterhalten.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Retorten-Bestseller« 50°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Im Januar des Jahres 1284 verschlägt es den jungen Priester Henno Gui nach Südfrankreich und dort in das Dörflein Domines. Es gehört zur winzigen und völlig unbedeutenden Diözese Draguan, die außerhalb dieses abgelegenen Landstrichs kaum jemand kennt. Beschaulich geht es hier normalerweise zu, doch in diesen Tagen herrscht große Aufregung: Kurz vor Guis Ankunft wurde der alte Bischof Haquin von einem Unbekannten brutal ermordet.

Die abergläubischen Dorfbewohner sehen sofort einen Zusammenhang mit unheimlichen Vorkommnissen im Vorjahr. Da hatte der Fluss Montayon die Leichenteile eines Herzogs und seiner beiden Söhne angespült. Sie hatten sich im dichten Wald verirrt und waren dort ihren Mördern in die Arme gelaufen. Haquin hatte damals flussaufwärts Nachforschungen anstellen lassen. Dabei war zwar nicht der Täter, aber etwas viel Seltsameres entdeckt worden: Heurteloup, das unbekannte dreizehnte Dorf der Diözese, tief verborgen in Wald und Sümpfen, seit 1233 ohne jeden Kontakt zur Außenwelt.

Menschen ohne geistige Führung (und Kontrolle)?

Menschen ohne geistige Führung (und Kontrolle)? Das kann die Kirche nicht dulden! Haquin wollte Gui als »Missionar« nach Heurteloup schicken. Dieser übernimmt den Auftrag und macht sich mit seinem Schüler Floris de Meung und dem Riesen Mardi-Gras auf in die feindliche Wildnis …

Derweil bringt Haquins Vikar Chuquet die Leiche seines ermordeten Herrn nach Paris. Er nutzt die Gelegenheit, um eigene Nachforschungen anzustellen. Haquin war ein Mann scheinbar ohne Vergangenheit, aber von großem Wissen, der keineswegs in ein Nest wie Domines gehörte. Tatsächlich kommt Chuquet in Paris eigentümlichen Vertuschungen auf die Spur. Offenbar war Haquin in eine alte Verschwörung des »Konvents von Armaggedon« verwickelt, die mächtige Kirchenmänner aus ganz Europa einschließt und ihr Zentrum womöglich am Hofe des Papstes in Rom hat. Aus Chuquets Suche nach der Wahrheit wird bald eine wilde Flucht vor unsichtbaren, aber unerbittlichen Feinden …

Ritter Enguerran du Grand-Celier bittet demütig um das Leben seines Sohnes

In Rom bittet der Ritter Enguerran du Grand-Celier, Held diverser Kreuzzüge, im Papst-Palast, dem Lateran, Artemidore, den Kanzler Martins IV., demütig um das Leben seines Sohnes. Aymard hatte seinen Adelsstand ausgenutzt, um mit verderbten Freunden den »Orden der Frommen Brüder« zu gründen. Dieser diente als Kulisse für einen Kreis blasphemischer Teufelsanbeter, die zudem hohe Stiftungsgeldsummen veruntreuten. Eigentlich müsste Aymard vor Gericht gestellt werden, aber sogar der Papst fürchtet den Skandal. So wird Aymard der geheimen Gemeinschaft von Albert le Grand überstellt und dort zu einem robotergleichen Gotteskrieger dressiert, der für den Konvent in Heurteloup diverse Drecksarbeiten erledigen soll …

Wüste Verschwörungen in ferner Vergangenheit, die ihren Weg niemals in die Geschichtsbücher gefunden haben, sind eindeutig »in«, wie der Blick auf die Bestsellerlisten zeigt. Das gilt besonders, wenn das geheimnisvolle Geschehen sich auf den Vatikan konzentriert: Die katholische Kirche, der älteste Konzern der Welt, ist nicht für seine Offenheit im Umgang mit der eigenen Geschichte bekannt. Dafür gibt es gute Gründe, haben sich doch die Päpste im angeblichen Namen des Herrn seit jeher diverser und recht monumentaler Verbrechen schuldig gemacht, die dann mehr schlecht als recht, aber unter Einsatz von Gewalt und Drohungen vertuscht werden sollten.

Zwei Jahrtausende bieten genug Platz für Spekulationen rund um die Kirche

Wo man nichts Genaues weiß, lässt sich herrlich spekulieren. Zwei Jahrtausende Geschichte bieten mehr als genug Nischen dafür, zumal die Kirche immer noch Züge einer Geheimgesellschaft aufweist. Im Mittelalter war sie sogar eine reale politische Macht, die durchaus Interesse an der Weltherrschaft zeigte – selbstverständlich wiederum nur im Dienst der göttlichen Sache …

Im 13. Jahrhundert wogt der Kampf zwischen Kirche und Welt mächtig hin und her. Auch innerhalb der Kirche gibt es reichlich Ränken und Intrigen. Die zunehmende Verweltlichung, die Korruption lässt konservative Kleriker an der Kirche zweifeln. Immer wieder spalten sich Gruppen ab, die teils misstrauisch beobachtet wie die Bettelorden, teils als »Ketzer« verfolgt werden, wenn sie sich nicht Rom unterwerfen wollen. Ihre Zahl ist so groß geworden, dass der Stuhl des Papstes durchaus wackelt. Deshalb ist die »offizielle« Kirche nervös und schlägt hart zu, wo sie ihre Privilegien in Gefahr sieht.

x-fach verwuselte Story vom Komplott um die Macht auf dem europäischen Kontinent

Eine verheißungsvolle Kulisse für einen historischen Roman; sie wird nicht zum ersten Mal genutzt. Weil ihm die Realität als Schablone nicht ausreichend erscheint, greift Autor Romain Sardou außerdem auf Elemente des Mystery- und Horrorthrillers zurück. »Akte X« selig ist Kinderkram gegen die x-fach verwuselte Story vom Komplott um die Macht auf dem europäischen Kontinent.

Kinderkram ist leider auch die Lösung, die sich der Verfasser für seinen vielen Haupt- und Nebenplots einfallen ließ. Sie sollen an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden, aber eine Warnung sei gestattet: Die sorgfältig aufgebaute und kunstvoll geschürte Spannung fällt im Finale zusammen und wird sogar von Enttäuschung abgelöst. S o dämlich waren auch die Menschen des Mittelalters nicht, wie Sardou es ihnen hier unterstellt!

Es ist die schiere Unlogik, mit der sich der Handlungsknoten schürzen soll

Nicht die Unwahrscheinlichkeit des Geschehens irritiert dabei – dies ist schließlich ein Unterhaltungsroman, kein Sachbuch. Es genügt, wenn die historischen Fakten nicht gar zu sehr vernachlässigt werden, was man dem Verfasser nicht vorwerfen kann: Er hat seine Geschichte geschickt in diverse Lücken platziert oder bedient sich interpretationsfähiger Episoden der Vergangenheit. Nein, es ist die schiere Unlogik, mit der sich der Handlungsknoten schürzen soll. Alle Stränge, die bisher weitgehend selbstständig liefen, sollen sich in Heurteloup treffen, doch das will einfach nicht klappen. Da verwundert es überhaupt nicht, dass am Ende ein gigantisches Gemetzel steht, das praktisch keine Hauptfigur mehr überleben lässt. Sardou fand wohl keine andere Möglichkeit mehr, seine Geschichte zum Abschluss zu bringen.

Bis sich die Ernüchterung einstellt, bietet »Das dreizehnte Dorf« freilich die angestrebte Unterhaltung. Der nüchterne Stil, die kurzen Sätze fördern den Eindruck, eine reale historische Episode zu verfolgen. Die zeitgenössischen Impressionen aus Paris oder Rom fallen auffällig zurückhaltend aus; der Verfasser ergeht sich nicht in Details, sondern ordnet den Orte stets seiner Handlung unter, zeigt sogar die großen Städte der Vergangenheit aus der Sicht seiner gehetzten, an Wichtigeres denkenden Figuren.

Groß ist die Zahl der Figuren, die Sardou Abenteuer erleben lässt

Sucht man für »Das dreizehnte Dorf« nach einer Schublade (oder einem Vorbild?), könnte man die Geschichte übrigens mit dem (ebenfalls französischen) Erfolg »Le pacte des loups« (dt. »Der Pakt der Wölfe«) vergleichen; die winterkalte Stimmung, die Atmosphäre des Unheimlichen prägt vor allem den gleichnamigen Film.

Groß ist die Zahl der Figuren, die Sardou Abenteuer erleben lässt. Es verwirrt zunächst, dass sich diese höchstens zufällig über den Weg laufen, aber ansonsten isoliert agieren. Der ständige Wechsel der Schauplätze ist Stilmittel, er ist zudem wichtig, denn Aktion muss vor allem im zweiten und dritten Teil Tiefe und erzählerische Dimension ersetzen.

»gute« und »böse« Kirchenmänner

Im Zentrum des Geschehens stehen »gute« und »böse« Kirchenmänner. Die Fronten sind klar, sie wurden vor allem in der Gegenwart gesteckt: »Gut« sind Männer wie Henno Gui oder Chuquet, die sich den alten Idealen der Kirche und den Menschen verpflichtet fühlen. Auf der Gegenseite stehen die Mitglieder des »Konvents«, die vor allem die Macht lieben und zu allen Schandtaten bereit sind, um der Sache der Kirche, wie sie diese interpretieren, und natürlich dem eigenen Vorteil zu dienen.

Leider fällt Sardou wenig Neues ein. Er zeichnet uns Pfaffenbilder, die wir schon kennen. Höchstens Chuquet macht einen Wandel durch, entwickelt sich vom kritiklosen Jasager zum Kämpfer für das Recht. Der Papst ist dieses Mal nicht der Böse, sondern eher der Dumme. Den Rest der Welt vermittelt uns der Verfasser als Spielball der Kirche. Dass dem in der Realität längst nicht so war und sich die Könige, Herzöge oder Grafen ihrer Haut schon zu wehren wussten, deutet er zwar an, negiert es freilich um der Story willen. Er müsste sonst beispielsweise auf den schwachsinnigen Einfall verzichten, sich den Konvent die Heerstraße nach Heurteloup quasi erkaufen zu lassen.

Wie Ratten in einem Versuchslabor

Die Bewohner des »dreizehnten Dorfes« stellen nach dem Willen Sardous Ratten in einem Versuchslabor dar. Als solche mimen sie als moderne Wilde die üblichen Bewohner einer vergessenen Welt. Sie können niemals Profil gewinnen, bleiben exotische Statisten, deren Schicksal kalt lässt. Der Verfasser muss zu viele Bälle gleichzeitig jonglieren. Nur selten bleibt ihm die Zeit, konturstarke Protagonisten für sein Spiel zu schnitzen.

Er verzettelt sich gern, manchmal witzig (Bischof Haquin blättert im »Necronomicon«, dem fiktiven Buch des absoluten Bösen, das Phantastik-Klassiker H. P. Lovecraft erfand), dann verwirrend (Elfen treten als Gaststars auf), manchmal sogar ärgerlich (Irgendwo in Asien hat der »Konvent« – wahrscheinlich durch Vermittlung Quentin Tarantinos – einen weisen Chinamann angeheuert, der die geheime Kunst der fernöstlichen Gehirnwäsche beherrscht). »Das dreizehnte Dorf« ist ein wenig zu sichtbar auf den Effekt hin inszeniert.

lesenwert, aber auch enttäuschend

Es bleibt ein historischer Roman, der mit Vorschusslorbeeren bedacht wurde (s. u.), die er so nicht verdient – ein interessanter Bucherstling, der stark beginnt, aber im wichtigen Schlussteil arge Schwächen an den Tag legt, lesenwert, aber auch enttäuschend: ein Retorten-Bestseller halt.

Ihre Meinung zu »Romain Sardou: Das dreizehnte Dorf«

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Cooks zu »Romain Sardou: Das dreizehnte Dorf« 28.02.2012
Man hat genau gemerkt, dass der Autor am Ende Schwierigkeiten hatte, die vielen Handlungsstränge, die er aufgebaut hat, logisch zu einem Ende zusammenzuführen. Die Menge an Material, die in dieses Buch "gequetscht" wurde, hätte gut und gerne für drei Werke mit dem gleichen Umfang gereicht. Die häufigen Schauplatzwechsel stiften nur Verwirrung und viele Einzelheiten sind einfach nur schlecht recherchiert oder bestehen aus vollkommen unrealistischen Spekulationen (z.B. Feuerwaffen im Hochmittelalter in Mitteleuropa??). Insgesamt leider eine enttäuschende Leseerfahrung.
Mira Sharisa zu »Romain Sardou: Das dreizehnte Dorf« 16.08.2011
Ich finde das Buch zu überladen, zu ungenau. Viele Schauplätze gleichzeitig, viel geschichtliches Geschehen im Hintergrund. Musste dauernd zurück blätten oder lesen, um die jeweiligen Anschlüsse auch wirklich zu verstehen. Die vielen französischen Namen sind verwirrend - ich versuche sie mir zu merken, um dann immer wieder fest zu stellen, dass sie bedeutend nur auf ein paar Seiten sind und wieder vergessen werden können.
Leider ist das Buch sehr zerpflückt geschrieben, wenngleich die Story doch ganz spannend ist.
fuchsgraben97318 zu »Romain Sardou: Das dreizehnte Dorf« 14.12.2010
Ein echter Geheimtipp, ein Thriller aus dem Mittelalter. Natürlich nicht mit den Säulen der Erde zu vergleichen, aber spannend geschildert. Gerade für einen Erstlingsroman sehr gut geschrieben.
Etwas gewöhnungsbedürftig ist die französische "Ausstattung", mag sein daß dies auch am Übersetzer liegt.Ich habe das Buch im Winter gelesen und konnte förmlich die Kälte und den Frost spüren. Kurzweilig und düster, mal etwas anderes.
Chnobli zu »Romain Sardou: Das dreizehnte Dorf« 21.11.2010
Gehe mit M. Drewniok einig: der Roman fängt spannend an, wird aber immer verwirrender, langweiliger. Fast möchte man das Buch nach 3/4 weglegen. Ich biss mich dann doch durch, und bin froh, das hinter mir zu haben.

Insgesamt vermisste ich das französische Ambiente, mehr Vernetzung in der Geschichte. Was ich gar nicht mag, sind Feen, die dann auch noch plötzlich auftauchen und man sich frage: was soll das denn nun? Meine klare Empfehlung: nicht lesenswert.
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Schuberth zu »Romain Sardou: Das dreizehnte Dorf« 30.08.2006
Also, ich möchte allen kundtun, daß mir das Buch viel Freude bereitet hat. Spannung und Kurzweil. Ich gebe aber zu, daß die Aufklärung nicht die Standfestigkeit darstellt, welche im Anfang und zur Mitte des Buches hin vorhanden ist. Aber - insgesamt gesehen: klasse. Macht Spass !
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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