Das Böse vergisst nicht von Roberto Costantini

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2014 unter dem Titel Il male non dimentica, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei C. Bertelsmann.
Folge 3 der Commissario-Michele-Balistreri-Serie.

  • Venedig: Marsilio, 2014 unter dem Titel Il male non dimentica. 448 Seiten.
  • München: C. Bertelsmann, 2017. Übersetzt von Anja Nattefort. ISBN: 978-3-570-10257-2. 448 Seiten.
  • München: Penguin, 2018. Übersetzt von Anja Nattefort. ISBN: 978-3328102052. 480 Seiten.

'Das Böse vergisst nicht' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch E-Book

In Kürze:

Sommer 2011: Während in Libyen Bürgerkrieg herrscht, treffen sich in Rom auf einem Luxusschiff internationale Wirtschaftsbosse zu Geheimverhandlungen über den Mittleren Osten. Am nächsten Tag werden eine junge Hostess und ihre kleine Tochter ermordet aufgefunden. Commissario Balistreri, desillusionierter Chef der Mordkommission, trifft bei den Ermittlungen bald auf alte Bekannte aus seiner libyschen Kindheit, die er in den letzten Winkel seines Bewusstseins verdammt hatte. Durch die Ermittlungen wird er gezwungen, in das von Bomben zerstörte Libyen zurückzukehren und seinem früheren Ich und einer unerträglichen Wahrheit ins Auge zu sehen …

Das meint Krimi-Couch.de: »Fulminanter Abschluss der Trilogie des Bösen« 80°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Juli/August 2011. Nachdem er vor fünf Jahren bei seinem letzten aktiven Fall angeschossen wurde, hat sich Commissario Michele Balistreri zurückgezogen. Er pendelt fast nur noch zwischen seiner Wohnung und seinem Büro, leitet die Mordkommission Roms, indem er vor allem schier unzählige Papiere unterzeichnet, und verfolgt die Ereignisse in Libyen, wo der Kampf gegen Gaddafi auf der Stelle tritt. Daran ändert sich zunächst auch wenig, als auf einem Kreuzfahrtschiff vor Elba die Hostess Melania mit ihrer zweijährigen Tochter auf mysteriöse Weise ums Leben kommt.

Plötzlich ändert sich die Lage für den Commissario

Doch plötzlich stürzen die Ereignisse über Balistreri herein, denn auf dem Schiff befinden sich unter den illustren Gästen der einflussreiche Senator Busi, die einstige graue Eminenz des Vatikans Mosignore Eugenio Pizzo, der Libyer Mohammad al-Bakri und Balistreris verhasster Vater Salvatore. Damit ändert sich alles, denn die vier betagten Herren waren bereits im August 1969 auf der Insel La Moneta bei Tripolis zusammen, wo Balistreris Mutter Italia unter ungeklärten Umständen starb. Bis heute ist Balistreri daher davon besessen, den Tod seiner Mutter aufzuklären.

»Ich habe mich daran gewöhnt, in einer Welt zu leben, in der die ersten Seiten der Zeitungen voll sind von Leuten, die im Knast sitzen, und Leuten, die eigentlich hineingehören.«

Als Balistreri erfährt, dass sich unter den Gästen des Kreuzfahrtschiffes die Journalistin Linda Nardi befindet, steigt er in die Ermittlungen ein, schließlich hatten beide vor fünf Jahren eine kurze, wenngleich platonische Beziehung. Nardi recherchiert auf eigene Faust, ist in einem Geldwäscheskandal auf den Spuren von Busi und Pizzo, wodurch sie in größte Gefahr gerät. Balistreri kämpft plötzlich an etlichen Fronten und muss sich erneut seiner Vergangenheit stellen, denn die aktuellen Morde wären ohne den Tod seiner Mutter womöglich gar nicht erst entstanden. Und wer weiß wie Libyen heute aussähe, wenn der junge Balistreri damals Gaddafi erschossen hätte …

Sex and Crime, Krieg und Korruption, Anfang und Ende eines Despoten

Mike Balistreri wuchs in Libyen auf, sein Vater war dort einst der einflussreichste Italiener des Landes und war an Gaddafis Machtergreifung mit Hilfe seiner oben bereits erwähnten Freunde nicht ganz unbeteiligt. So erscheint es folgerichtig, dass im dritten und somit letzten Teil der »Trilogie des Bösen« die Ermordung Gaddafis gegen Ende der Handlung den zeitlichen Rahmen abschließt.

Der vorliegende Band ist eine kongeniale Fortsetzung von »Du bist das Böse« und »Die Saat des Bösen« und zeigt einmal mehr die unterschiedlichsten moralischen Facetten seines Protagonisten auf. In seiner Kindheit und Jugend war er ein Bandenführer, der vermutlich gänzlich in die Kriminalität abgerutscht wäre, wenn ihn seine Freunde nicht mit einem Komplott außer Landes gejagt hätten.

Zu seinem eigenen Schutz allerdings, denn da hatte sich sein gescheitertes Attentat auf Gaddafi soeben ereignet. Inzwischen steht er kurz vor seiner Pensionierung, lebt zurückgezogen und hat den schönen Dingen dieser Welt weitgehend abgeschworen. Dafür grantelt er gerne mit seinem treu ergebenden Mitarbeiter Corvu.

Gefühlt die Hälfte des Romans entstammt dem Vorgänger

Es tauchen erwartungsgemäß zahlreiche bekannte Figuren aus den Vorgängern erneut auf und die Bezüge vor allem zu »Die Saat des Bösen« sind unübersehbar. Viel mehr noch, man hat das Gefühl als hätte man den halben Roman schon einmal gelesen, denn in zahlreichen Rückblenden werden die Ereignisse rund um Italias Tod erneut erzählt (sprich wiederholt). Und zwar eins zu eins dank »copy and paste«. Auch wenn dies einen unschönen Beigeschmack hinterlässt, so ist der – recht verschachtelte – Aufbau des Plots dennoch sehr ansprechend gelungen. Die Rückblenden nehmen das Tempo der aktuellen Ereignisse raus, gleichwohl rufen sie die dunklen Geschehnisse von damals in Erinnerung und treiben letztlich die Spannung damit voran.

Immer mehr versetzt man sich in die Situation Balistreris und will endlich wissen, wer womöglich Italia von dem Felsen gestoßen hat. Dabei muss man jedoch aufpassen, denn die Handlung spielt nicht nur in verschiedenen Zeitebenen, sondern wird auch aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Dass dabei die einzelnen Personen teils sowohl in der dritten wie in der ersten Person auftauchen, macht das Verständnis nicht immer einfacher.

Ein bisschen »Sex and Crime« gepaart mit zahlreichen Szenewechseln, einem ebenso ordentlichen wie titelgerechten Schuss Brutalität, ein ambivalenter Protagonist, den man nicht in sein Herz schließen muss – und einige Überraschungen im Finale machen die Trilogie des Bösen zu einem äußerst bemerkenswerten Gesamtwerk. Dabei sollte man »Das Böse vergisst nicht« trotz der erwähnten zahlreichen Rückblenden erst nach der Lektüre der beiden Vorgänger lesen.

Jörg Kijanski, August 2017

Ihre Meinung zu »Roberto Costantini: Das Böse vergisst nicht«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

walli007 zu »Roberto Costantini: Das Böse vergisst nicht« 01.05.2017
Alles wie es war

Bereits seit fünf Jahren scheint Commissario Michele Balistreri mit allem abgeschlossen zu haben. Kurz vor der Pensionierung mit kaputtem Knie schleppt er sich zwar noch jeden Tag zur Arbeit, viel mehr als Dokumente zu unterschreiben tut er aber nicht. Und so will er als Leiter der Mordkommission auch nichts mit dem vermeintlich erweiterten Selbstmord einer jungen Frau und ihrer kleinen Tochter nichts zu tun haben. Die Sache ist schließlich klar. Obwohl so klar ist sie wohl doch nicht. Die vierzigjährige Journalistin Linda Nardi beginnt mit Nachforschungen. Der Tot der jungen Frau und ihrer Tochter steht möglicherweise im Zusammenhang mit einer anderen Sache, der Linda auf der Spur ist. Überall tauchen die selben Leute auf.

Auch Commissario Michele Balistreri kann nicht mehr darüber hinwegsehen, dass es hier etwas aufzuklären gibt. Und wieder ergeben sich Hinweise auf eine Verbindung zu seiner eigenen Vergangenheit.In seiner Jugend lebte er mit seiner Familie in Tripolis und die ungeklärten Todesfälle in der Gegenwart rühren die Ereignisse von früher wieder auf. Nun heißt es, den Geheimnissen der Vergangenheit auf den Grund zu gehen, um in der Gegenwart überleben zu können. Balistreri muss sich mit den Geschehnissen von vor etwa vierzig Jahren endlich auseinander setzen, auch wenn er Angst vor dem hat, was er herausfinden könnte.

In diesem dritten Roman um Michele Balistreri, den römischen Kommissar, und seine Vergangenheit im fernen Tripolis fesselt Roberto Costantini mit fein ziselierten Zusammenhängen, die aufmerksam gelesen und bedacht werden wollen. Beziehungen zwischen den Drahtziehern in Libyen und Italien. Reiche, deren Ränkeschmieden an Frechheit kaum zu überbieten sind. Droht der arabische Frühling diesen Machenschaften ein Ende zu machen? Wie schon in den beiden Vorgängerbänden bestehen enge Verbindungen zwischen den Taten, die in der Gegenwart begangen werden und Micheles eigener Vergangenheit. Michele war nicht immer der ruhige besonnene Polizist und nun scheint es so als ob seine Vergangenheit ihn endgültig einholt. Intelligent und spannend verwebt der Autor die beiden Handlungsstränge, um endlich eine Wahrheit zu enthüllen, die perfide und nur schwer zu ertragen ist. Doch so wie alles in die Brüche geht, entwickelt sich auch etwas Neues.

Eine Trilogie, die sowohl ein hervorragend inszeniertes politisches Komplott aufdeckt als auch mit immer gewagteren Enthüllungen über die Jugend des Commissarios aufwartet. Eine Trilogie, die man sich nicht entgehen lassen sollte.
Ihr Kommentar zu Das Böse vergisst nicht

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: