Der Fall Neruda von Ampuero, Roberto

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2008 unter dem Titel El caso Neruda, deutsche Ausgabe erstmals 2009 bei Bloomsbury.

  • Bogotá: La otra orilla, 2008 unter dem Titel El caso Neruda. 378 Seiten.
  • Berlin: Bloomsbury, 2009. Übersetzt von Carsten Regling. ISBN: 978-3827008664. 378 Seiten.
  • Berlin: Berlin Verlag, 2011. Übersetzt von Carsten Regling. ISBN: 978-3833307461. 378 Seiten.

'Der Fall Neruda' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Chile 1973. Der alte und kranke Pablo Neruda kehrt nach Jahren als Botschafter in seine Heimat zurück. Angesichts des nahenden Todesquält ihn eine tiefsitzende Ungewissheit. Er beauftragt Cayetano Brulé mit Nachforschungen über eine geheimnisvolle Frau. Die Suche nach ihr führt Cayetano von Mexiko nach Kuba, dann in die DDR. Immer wieder scheint sie ihren Namen, ihre Identität gewechselt zu haben …Währenddessen spitzt sich die politische Lage in Chile dramatisch zu, Salvador Allende gerät zunehmend unter Druck, und ein Militärputsch wird immer wahrscheinlicher. In seiner Heimat avancierte Cayetano Brulé rasch zur Kultfigur. Der Fall Neruda kündigt an, alle Erfolgserwartungen noch zu übersteigen – und ist schon jetzt das meistgelesene Buch über Pablo Neruda.

Das meint Krimi-Couch.de: »Genosse Pablo Neruda? Anwesend, jetzt und für immer!« 74°

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Perfide Morde. Wahnwitzige Psychopathen, die ihre Tötungsphantasien ausleben. Serienkiller. Kann die Polizei den nächsten Mord verhindern? Das Blut trieft förmlich aus den Seiten des typischen Kriminalromans im frühen 21. Jahrhundert.

Aber wer sagt eigentlich, dass ein guter Krimi immer über einen oder mehrere Morde handeln muss? Wo steht geschrieben, dass sich Auflagen nur mit Ermittlungen in Kapitalverbrechen erreichen lassen?

Krimi steht auf dem Cover des Romans Der Fall Neruda. Und »Cayetano Brule ermittelt«. Aber doch unterscheidet sich dieser Roman deutlich von 99,9% aller anderen Kriminalromane, denn Autor Ampuero verzichtet auf eine Leiche. Er schickt seinen Ermittler auf eine Reise in die eigene Vergangenheit, in die Vergangenheit seines Landes Chile, die Vergangenheit der sozialistischen Revolutionskämpfer in Lateinamerika. Eine Detektivgeschichte, die Brules ersten Auftrag beschreibt: anfänglich die Suche nach einem Arzt, schließlich die Suche nach der Wahrheit.

Exilkubaner trifft dichtenden Diplomaten

Pablo Neruda wird auch heute, knapp 40 Jahre nach seinem Tod, in seiner Heimat Chile für sein Werk verehrt. Ehrfürchtig wird er im Roman als »der Nobelpreisträger« angeredet. Dabei geht es dem Diplomaten, der unter Salvador Allende eigentlich als chilenischer Botschafter in Paris arbeiten sollten, gesundheitlich nicht gut. Eine Krebserkrankung raubt ihm die Kräfte und im Frühjahr des Jahres 1973 ahnt er offenbar, dass an Heilung nicht mehr zu denken sein wird. Auf einem Empfang in seinem Haus lernt der Schriftsteller den arbeitslosen Exilkubaner Brule kennen, Gatte einer Frau aus einflussreicher Familie. Da sich Brule aufgrund seiner Herkunft und seines amerikanischen Reisepasses unauffällig außerhalb Chiles bewegen kann, ist er aus seiner Sicht geeignet, um einen Arzt zu suchen, dessen Bekanntschaft der Dichter 1943 in Mexiko geschlossen hat.

Brule, der nie daran gedacht hat, einmal als Detektiv zu arbeiten, bekommt von Neruda ein paar Maigret-Roman in die Hand und beschließt nach der Lektüre, die Spurensuche in Mexiko-Stadt anzutreten. Schnell wird jedoch klar, dass Brule gar nicht diesen Krebsforscher Dr. Bracamonte, sondern vielmehr dessen damals schöne und blutjunge Frau suchen soll. Doch die holde Beatriz hat Mexiko lange schon in Richtung Havanna verlassen. Für Brule beginnt eine Jagd um die halbe sozialistische Welt, Kuba, die DDR, Bolivien und zwischendurch immer wieder Chile, in dem sich die Fronten zwischen Sozialisten und der konservativen Militärführung immer mehr verhärten.

Unterhaltsamer Krimi ohne Morde

Aufgrund der diplomatischen Karriere Nerudas erhält Brule auf seiner Suche immer wieder die Unterstützung von alten Freunden des Dichters. So kann der Ermittler vor Ort immer wieder schnell Fuß fassen. Seine Ermittlungen werden zu einer Art Schnitzeljagd, auf der ihm Dokumente, Fotos und Weggefährten der gesuchten Beatriz immer nur einen nächsten Anhaltspunkt, aber eigentlich nie Details über ihren aktuellen Verbleib geben können. Detailreich, stellenweise auch zu detailverliebt, schildert der Autor die Wege seines Helden. Auch der häufige Bezug auf Maigret und wie der Romankommissar jetzt wohl reagiert hätte (verbunden mit der Erkenntnis, dass Europa und Lateinamerika zwei verschiedene paar Schuh sind) wirken mitunter eher unfreiwillig komisch, als dass sie Brule die gewünschte Motivation brächten.

Die Erinnerungen Brules enden mit der Beerdigung Nerudas und den bekannten Ausrufen der Trauernden »Genosse Pablo Neruda?« – »Anwesend, jetzt und für immer!«, wodurch die Zeremonie zu einem Sinnbild für die Beerdigung der Freiheit in Chile wurde. Diese Erinnerungen sind jedoch eingerahmt in einen Rückblick, bestehend aus erstem und letztem Kapitel, worin Brule in der Gegenwart einen neuen Fall annehmen darf. Auftraggeber sind Feinde von einst, jetzt gemeinsam erfolgreich. Zeichen, dass Chile die Militärherrschaft Pinochets überwunden hat.

Auch ohne Morde und sonstige Grausamkeiten, ohne Verbrechen und allein mit einer Portion Sünde ist der Der Fall Neruda eine insgesamt gelungene Detektivgeschichte. Leider wirkt der Roman genau da, wo er in Deutschland spielt, ein wenig holprig. Verhältnisse in Kuba, Bolivien oder Chile scheinen Ampuero geläufiger gewesen zu sein. Da der Autor aber selbst zeitweilig in der DDR und später in der Bundesrepublik Deutschland gelebt hat, scheint der Roman auch für den deutschen Markt interessant geworden zu sein. Aus Sicht des Autors ist dies nämlich schon der vierte Brule-Roman, aber erst der erste in deutscher Übersetzung. Da jedoch genau diese deutschen Kapitel die schwächsten des ganzen Romans sind, wünscht man dem Detektiv in Zukunft mehr Einsätze auf heimischem, lateinamerikanischem Terrain – falls man noch einmal von ihm hört.

Thomas Kürten, November 2011

Ihre Meinung zu »Der Fall Neruda«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

sibylle zu »Der Fall Neruda« 24.07.2012
für politisch interessierte leserInnen und für aficionados von neruda. man erfäht so einiges über ihn, das sonst eher totgeschwiegen wird. (etwa , dass er batista verehrt hat und darum ein sehr gespaltenes verhältnis zu fidel castro hat).
es ist nicht wirklich ein krimi. aber die story ist gut und spannend zu lesen.
Krimitante zu »Der Fall Neruda« 27.06.2012
ein gutes buch, aber ein schlechter krimi. denn es fehlt die spannung. interessant ist es sicherlich innenansichten über den putsch 1973 in chile und die politischen zusammenhänge zu lesen. auch einiges über pablo neruda zu erfahren. und der stil des buches ist durchaus gelungen. nur wer einen krimi, jedweder art, erwartet, wird enttäuscht. fazit: literarisch hochwertig, als krimi durchgefallen.
Ihr Kommentar zu Der Fall Neruda

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: